Fehler des Königs von Frankreich. [Endlich] sah Avaux sich genöthigt, die beunruhigende Nachricht nach Versailles zu senden, daß man sich auf die der französischen Sache so lange ergeben gewesene Stadt Amsterdam nicht mehr verlassen könne, daß ein Theil der Gutgesinnten um ihre Religion besorgt sei und daß die Wenigen, deren Gesinnungen unverändert geblieben wären, es nicht wagen dürften, ihre Gedanken zu äußern. Die feurige Beredtsamkeit der Prediger, welche gegen die Greuel der französischen Verfolgung eiferten und die Wehklagen der bankerottirten Kaufleute, die ihren Untergang den französischen Maßregeln zuschrieben, hatten das Volk in eine so gereizte Stimmung versetzt, daß kein Bürger es mehr wagen durfte, sich offen für Frankreich zu erklären, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, in den nächsten Kanal geworfen zu werden. Man erinnerte daran, daß vor nicht mehr als fünfzehn Jahren das vornehmste Oberhaupt der dem Hause Oranien feindlich gesinnten Partei im Bereiche des Palastes der Generalstaaten von dem wüthenden Pöbel in Stücke zerrissen worden war. Ein gleiches Schicksal könnte nicht unwahrscheinlich auch Diejenigen treffen, welche beschuldigt werden sollten, daß sie in diesem kritischen Augenblicke den Absichten Frankreichs gegen ihr Vaterland und gegen den reformirten Glauben dienten.[40]

[40.] Siehe die Depeschen des Grafen Avaux. Es würde mir kaum möglich sein, alle die Stellen anzuführen, welche mir Material zu diesem Theile meiner Geschichte lieferten. Die wichtigsten finden sich unter folgenden Daten: 20. Sept., 24. Sept., 5. Oct. u. 20. Dec. 1685; 3. Jan. u. 22. Nov. 1686; 2. Oct., 6. Nov. u. 19. Nov. 1687; 29. Juli u. 20. Aug. 1688. Lord Lonsdale sagt in seinen Memoiren sehr richtig, daß ohne Ludwig’s thörichtes Verfahren die Stadt Amsterdam die Revolution verhindert haben würde.

Sein Streit mit dem Papste bezüglich der Vorrechte auswärtiger Gesandter. [Während] Ludwig auf diese Weise seine Freunde zwang, seine wirklichen oder vorgeblichen Feinde zu werden, arbeitete er mit nicht geringerem Erfolge darauf hin, alle Bedenken zu zerstreuen, welche die römisch-katholischen Fürsten vielleicht noch hätten abhalten können, die Pläne Wilhelm’s zu unterstützen. Es hatte sich zwischen dem Hofe von Versailles und dem Vatikan ein neuer Streit erhoben, ein Streit, in welchem sich die Unbilligkeit und der Übermuth des Königs von Frankreich vielleicht in beleidigenderer Weise zeigte, als bei irgend einem andren Schritte seiner Regierung.

Seit langer Zeit hatte in Rom die Regel gegolten, daß kein Justiz- oder Finanzbeamter das Haus eines Gesandten betreten durfte, der einen katholischen Staat repräsentirte. Im Laufe der Zeit war dieses Vorrecht so weit ausgedehnt worden, daß nicht nur die Wohnung, sondern auch ein beträchtlicher Umkreis um dieselbe als unverletzbar betrachtet wurde. Jeder Gesandte suchte eine Ehre darin, die Grenzen des unter seinem Schutze stehenden Raumgebiets möglichst zu erweitern, so daß endlich die halbe Stadt aus privilegirten Bezirken bestand, in denen die päpstliche Regierung nicht mehr Gewalt hatte als im Louvre oder im Escurial. Jedes Asyl wimmelte von Schleichhändlern, betrügerischen Bankerotteurs, Dieben und Mördern; in jedem Asyle waren Massen von gestohlenen oder eingeschmuggelten Waaren aufgehäuft; aus jedem Asyle zogen des Nachts Banditen aus, um zu rauben und zu morden. In keiner Stadt der Christenheit war daher das Gesetz so ohnmächtig und das Verbrechen so dreist als in der alten Hauptstadt der Religion und Civilisation. Innocenz dachte darüber, wie es einem Priester und Fürsten geziemte. Er erklärte, daß er keinen Gesandten mehr aufnehmen werde, der auf diesem alle Ordnung und Sittlichkeit untergrabenden Rechte bestände. Anfangs wurde laut darüber gemurrt, aber die Gerechtigkeit seines Entschlusses war so in die Augen springend, daß alle Regierungen, mit Ausnahme einer einzigen, ihm nach und nach beipflichteten. Der Kaiser, der unter den christlichen Monarchen die erste Stelle einnahm, der spanische Hof, der sich unter allen Höfen durch seine Empfindlichkeit und Zähigkeit in Sachen der Etikette auszeichnete, entsagten dem verderblichen Privilegium. Nur Ludwig blieb unbeugsam. Was andere Fürsten thäten, sagte er, gehe ihn nichts an. Er schickte daher eine Gesandtschaft nach Rom, die von einer starken Abtheilung Reiterei und Fußvolk begleitet war. Der Gesandte zog im Triumph nach seinem Palaste, wie ein siegreicher General durch eine eroberte Stadt marschirt. Der Palast wurde stark bewacht und Patrouillen machten Tag und Nacht die Runde um den geschützten Bezirk, wie auf den Wällen einer Festung. Der Papst ließ sich dadurch nicht einschüchtern. „Sie vertrauen auf Wagen und Rosse,“ sagte er, „wir aber denken an den Namen des Herrn unsres Gottes.“ Er griff energisch zu seinen geistlichen Waffen und belegte das von den Franzosen besetzte Gebiet mit einem Interdict.[41]

Als dieser Streit den Höhepunkt erreicht hatte, brach noch ein andrer aus, bei welchem Deutschland eben so stark betheiligt war als der Papst.

[41.] Prof. Ranke’s Römische Päpste, Buch 8; Burnet I. 789.

Das Erzbisthum Köln. [Köln] und das umliegende Gebiet wurde von einem Erzbischof regiert, der zugleich ein Kurfürst des deutschen Reiches war. Das Recht der Erwählung dieses mächtigen Prälaten stand unter gewissen Beschränkungen dem Domkapitel zu. Der Erzbischof war zu gleicher Zeit auch Bischof von Lüttich, von Münster und von Hildesheim, seine Besitzungen waren bedeutend und enthielten mehrere starke Festungen, welche im Falle eines Feldzugs am Rhein von höchster Wichtigkeit waren. In Kriegszeiten konnte er zwanzigtausend Mann ins Feld stellen. Ludwig hatte keine Mühe gespart, um einen so werthvollen Bundesgenossen zu gewinnen, und dies war ihm so gut gelungen, daß Köln fast von Deutschland losgetrennt und ein Außenwerk Frankreichs geworden war. Viele dem Hofe von Versailles ergebene Priester waren in das Kapitel gebracht und der Cardinal Fürstenberg, eine notorische Creatur des Hofes, war zum Coadjutor ernannt worden.

Im Sommer des Jahres 1688 kam das Erzbisthum zur Erledigung. Fürstenberg war der Candidat des Hauses Bourbon; die Feinde dieses Hauses schlugen den jungen Prinzen Clemens von Baiern vor. Fürstenberg war bereits Bischof und konnte daher nur vermittelst einer Dispensation vom Papste, oder einer Postulation, der sich zwei Drittheile des kölner Domkapitels anschließen mußten, in eine andre Diöcese versetzt werden. Der Papst wollte einer Creatur Frankreichs keine Dispensation bewilligen, und der Kaiser bewog mehr als ein Drittheil des Kapitels, für den bairischen Prinzen zu stimmen. Inzwischen war auch in den Kapiteln von Lüttich, Münster und Hildesheim die Majorität gegen Frankreich. Ludwig sah mit Unwillen und Besorgniß, daß eine ausgedehnte Provinz, die er schon angefangen hatte als ein Besitzthum seiner Krone zu betrachten, nahe daran war, nicht allein unabhängig von ihm, sondern sogar ihm feindlich gesinnt zu werden. In einem mit großer Bitterkeit abgefaßten Schreiben beklagte er sich über die Ungerechtigkeit, mit der Frankreich bei jeder Gelegenheit vom heiligen Stuhle behandelt werde, während derselbe doch der ganzen Christenheit seinen väterlichen Schutz angedeihen lassen sollte. Viele Anzeichen verriethen, daß er fest entschlossen war, die Ansprüche seines Candidaten mit bewaffneter Hand gegen den Papst und dessen Verbündete zu unterstützen.[42]

[42.] Burnet I. 758; Ludwig’s Schreiben ist vom 27. Aug. (6. Sept.) 1688 datirt. Es findet sich im Recueil des Traités, vol. IV. No. 219.

Kluges Verfahren Wilhelm’s. [So] stachelte Ludwig durch zwei einander entgegengesetzte Fehler den Zorn der beiden Religionsparteien, die sich in das westliche Europa theilten, zu gleicher Zeit gegen sich auf. Nachdem er sich die eine große Abtheilung der Christenheit durch Verfolgung der Hugenotten entfremdet hatte, entfremdete er sich auch die andre durch Beleidigung des römischen Stuhles. Und diese Mißgriffe that er in einem Augenblicke, wo kein Fehler ungestraft begangen werden konnte, und vor den Augen eines Gegners, der keinem Staatsmanne, dessen Andenken die Geschichte aufbewahrt hat, an Wachsamkeit, Scharfblick und Energie nachstand. Wilhelm sah mit heimlicher Freude, wie seine Gegner sich bemühten, ein Hinderniß nach dem andren aus seinem Wege zu entfernen. Während sie sich die Feindschaft aller Parteien zuzogen, arbeitete er darauf hin, sie alle zu gewinnen. Mit seltener Klugheit stellte er den im Sinne habenden Plan den verschiedenen Regierungen in verschiedenem Lichte dar, und man muß hinzusetzen, daß keine seiner Darlegungen trotz ihrer Verschiedenheit falsch war. Er forderte die norddeutschen Fürsten auf, sich zur Vertheidigung der gemeinsamen Sache aller reformirten Kirchen um ihn zu schaaren, und den beiden Oberhäuptern des Hauses Österreich stellte er die Gefahr vor, die ihnen von Seiten des französischen Ehrgeizes drohte, sowie die Nothwendigkeit, England aus seiner Abhängigkeit zu befreien und es in den europäischen Staatenbund aufzunehmen.[43] Er verwahrte sich, und zwar aufrichtig, gegen jede Bigotterie. Der wahre Feind der britischen Katholiken, sagte er, sei der kurzsichtige und halsstarrige König, der ihnen leicht hätte gesetzliche Duldung verschaffen können, anstatt dessen aber Gesetz, Freiheit und Eigenthum mit Füßen getreten hätte, um ihnen ein gehässiges und unsicheres Übergewicht zu geben. Wenn man Jakob seine schlechte Regierung ungehindert fortsetzen lasse, müsse dieselbe in nicht zu ferner Zeit einen allgemeinen Volksaufstand herbeiführen, der eine grausame Verfolgung der Papisten nach sich ziehen könne. Der Prinz erklärte es als einen seiner Hauptzwecke, den Greueln einer solchen Verfolgung vorzubeugen. Wenn sein Plan gelinge, würde er die Macht, die er dann als Oberhaupt der protestantischen Interessen besitzen müsse, zum Schutze der Mitglieder der römischen Kirche anwenden. Zwar könnten die durch Jakob’s Tyrannei entzündeten Leidenschaften es ihm vielleicht unmöglich machen, die Strafgesetze aus dem Gesetzbuche zu streichen; aber diese Strafgesetze sollten dann wenigstens durch gelinde Ausübung gemildert werden. Keine Klasse werde aus dem beabsichtigten Unternehmen mehr Gewinn ziehen, als die friedliebenden und anspruchsloseren Katholiken, welche nur den Wunsch hegten, ungestört ihrem Berufe nachgehen und ihren Schöpfer verehren zu dürfen. Die einzigen, welche dabei verlieren würden, seien die Tyrconnel, die Dover, die Albeville und anderen politischen Abenteurer, welche zum Dank für Schmeichelei und schlimmen Rath von ihrem leichtgläubigen Gebieter Statthalterposten, Regimenter und Gesandtschaften erhalten hätten.