[43.] Wegen der außerordentlichen Geschicklichkeit, mit der er zwei verschiedenen Parteien seine Politik in verschiedenem Lichte darstellte, wurde er später vom Hofe von St. Germains bitter geschmäht. „Licet foederatis publicus ille praedo haud aliud aperte proponat nisi ut Gallici imperii exuberans amputetur potestas; veruntamen sibi, et suis ex haeretica faece complicibus, ut pro comperto habemus, longe aliud promittit, nempe ut, exciso vel enervato Francorum regno, ubi Catholicarum partium summum jam robur situm est, haeretica ipsorum pravitas per orbem Christianum universum praevaleat.“ — Brief von Jakob an den Papst, unzweifelhaft 1689 geschrieben.

Seine Rüstungen zu Lande und zur See. [Während] Wilhelm sich bemühte, die Sympathien der Protestanten sowohl als der Katholiken zu gewinnen, sorgte er mit nicht geringerer Energie und Klugheit für Anschaffung der zu seinem Unternehmen erforderlichen militairischen Hülfsmittel. Er konnte eine Landung in England nicht ohne Genehmigung der Vereinigten Provinzen bewerkstelligen. Hielt er um diese Genehmigung an bevor sein Plan zur Ausführung reif war, so konnten seine Absichten durch eine seinem Hause feindlich gesinnte Partei möglicherweise vereitelt werden und jedenfalls mußte die ganze Welt Kenntniß davon erhalten. Er beschloß daher, seine Voranstalten mit größter Eil zu betreiben und nach Vollendung derselben einen günstigen Augenblick abzuwarten, wo er den Bund um seine Zustimmung ersuchen konnte. Die Agenten Frankreichs bemerkten, daß sie ihn noch nie so geschäftig gesehen hatten. Es verging kein Tag, wo man ihn nicht von seiner Villa nach dem Haag sprengen sah, und beständig hielt er geheime Berathungen mit seinen ausgezeichnetsten Anhängern. Vierundzwanzig Schiffe wurden zur Verstärkung der gewöhnlichen Seemacht der Republik vollständig ausgerüstet. Für diese Vermehrung der Flotte bot sich zufällig ein vortrefflicher Vorwand dar, denn es hatten sich kürzlich einige algierische Corsaren in der Nordsee zu zeigen gewagt. Bei Nymwegen wurde ein Lager gebildet und viele tausend Mann daselbst zusammengezogen. Um diese Armee zu verstärken, wurden die Besatzungen aus den Festungen von Holländisch Brabant genommen; selbst die berühmte Festung Bergopzoom wurde fast ganz entblößt. Feldgeschütze, Bomben und Munitionswagen wurden aus allen Arsenalen der Vereinigten Provinzen nach den Hauptquartieren geschafft. Sämmtliche Bäcker von Rotterdam bucken Tag und Nacht Schiffszwieback; alle Gewehrfabrikanten von Utrecht reichten nicht hin, um die Bestellungen auf Pistolen und Flinten auszuführen; alle Sattler von Amsterdam arbeiteten mit der größten Anstrengung an Kürassen und Holftern. Die Schiffsmannschaft wurde um sechstausend Matrosen vermehrt und siebentausend neue Soldaten ausgehoben. Diese konnten allerdings nicht ohne Genehmigung des Bundes förmlich eingereiht werden; aber sie wurden inzwischen immer eingeübt und in solcher Kriegszucht gehalten, daß sie binnen vierundzwanzig Stunden nach erlangter Genehmigung ohne Schwierigkeit unter die verschiedenen Regimenter vertheilt werden konnten. Diese Rüstungen erforderten zwar viel baares Geld; aber Wilhelm hatte auch durch weise Sparsamkeit für den Fall unvorhergesehener großer Bedürfnisse einen Reserveschatz zurückgelegt, der sich auf ungefähr zweihundertfünfzigtausend Pfund Sterling belief. Das noch Fehlende wurde von seinen Anhängern bereitwilligst zugeschossen. Außerdem erhielt er auch aus England große Massen Gold, man sprach von nicht weniger als hunderttausend Guineen. Die Hugenotten, welche bedeutende Quantitäten des edlen Metalls ins Exil mitgenommen hatten, liehen ihm gern Alles, was sie besaßen, denn sie lebten der frohen Hoffnung, daß sie, wenn sein Unternehmen gelang, in ihr Vaterland würden zurückkehren dürfen, und fürchteten, daß sie im Falle des Mißlingens in ihrer Adoptivheimath kaum noch sicher sein würden.[44]

[44.] Avaux Neg., Aug. 2.(12.), 10.(20.), 11.(21.), 14.(24.), 16.(26.), 17.(27.), Aug. 23. (Sept. 2.) 1688.

Er erhält zahlreiche Unterstützungszusagen aus England. [Während] der letzten Hälfte des Juli und im Laufe des ganzen August nahmen die Rüstungen einen raschen, dem ungestümen Wilhelm aber noch immer zu langsamen Fortgang. Mittlerweile wurde zwischen England und Holland ein lebhafter Verkehr unterhalten. Da man die gewöhnlichen Mittel zur Beförderung von Nachrichten und Passagieren nicht mehr für sicher hielt, fuhr ein leichtes Boot von wunderbarer Schnelligkeit beständig zwischen Scheveningen und der Ostküste unsrer Insel hin und her.[45] Durch dieses Fahrzeug erhielt Wilhelm von hochstehenden Männern der Kirche, der Politik und des Heeres eine Reihe von Zuschriften. Von den sieben Prälaten, welche die denkwürdige Petition unterzeichnet, hatten zwei, Lloyd, Bischof von St. Asaph, und Trelawney, Bischof von Bristol, während ihres Aufenthalts im Tower die Lehre vom Nichtwiderstande noch einmal in Erwägung gezogen und waren bereit, einen bewaffneten Befreier willkommen zu heißen. Ein Bruder des Bischofs von Bristol, der Oberst Karl Trelawney, der eines der tangerschen Regimenter commandirte, welches jetzt als das vierte Linienregiment bekannt ist, erklärte sich bereit, für den protestantischen Glauben sein Schwert zu ziehen. Ähnliche Versicherungen kamen auch von dem rohen Kirke. Churchill erklärte in einem Briefe, der in ziemlich pathetischem Tone, dem sicheren Zeichen, daß er einen Schurkenstreich im Sinne hatte, geschrieben war, er sei entschlossen, seine Pflicht gegen den Himmel und gegen sein Vaterland zu erfüllen, und lege seine Ehre ganz in die Hände des Prinzen von Oranien. Wilhelm las dieses Schreiben gewiß mit jenem bittern und cynischen Lächeln, das seinen Zügen den mindest angenehmen Ausdruck gab. Er hielt sich nicht für bemüßigt, die Ehre Anderer in seine Obhut zu nehmen; auch hatten es die strengsten Casuisten nicht für unrecht erklärt, wenn ein General die Dienste von Überläufern, die er nur verachten konnte, erbat, benutzte und belohnte.[46]

Churchill’s Brief wurde von Sidney überbracht, dessen Stellung in England gefährlich geworden war und der, nachdem er die Spur seines Weges durch zahlreiche Vorsichtsmaßregeln verborgen hatte, Mitte August nach Holland kam.[47] Um die nämliche Zeit schifften Shrewsbury und Eduard Russell in einem Boote, das sie in aller Stille gemiethet hatten, durch die Nordsee und erschienen im Haag. Shrewsbury brachte zwölftausend Pfund Sterling mit, die er auf seine Güter aufgenommen hatte und bei der Bank von Amsterdam deponirte. Devonshire, Danby und Lumley blieben in England, wo sie sich, sobald der Prinz den Fuß auf die Insel setzte, bewaffnet erheben wollten.

[45.] Avaux Neg., Sept. 4.(14.) 1688.

[46.] Burnet I. 765; Churchill’s Brief ist vom 4. August 1688 datirt.

[47.] Memoirs of the Duke of Shrewsbury, 1718.

Sunderland. [Man] hat Grund zu glauben, daß Wilhelm um diese Zeit auch die ersten Beitrittsversicherungen von einer ganz andren Seite erhielt. Die Geschichte der Intriguen Sunderland’s ist in ein Dunkel gehüllt, das schwerlich je ein Forscher wird aufzuklären vermögen; wenn es aber auch nicht möglich ist, die ganze Wahrheit zu entdecken, so kann man doch leicht einige handgreifliche Erdichtungen nachweisen. Die Jakobiten behaupteten aus naheliegenden Gründen, die Revolution von 1688 sei die Frucht eines schon vor langer Zeit angezettelten Complots gewesen, und Sunderland bezeichneten sie als das Haupt der Verschwörung. Sie behaupteten, er habe in der Verfolgung seines großen Planes seinen nur zu vetrauensvollen Gebieter angereizt, von Gesetzen zu dispensiren, ein ungesetzliches Tribunal zu errichten, freies Eigenthum zu confisciren und die Väter der Landeskirche ins Gefängniß zu werfen. Dieser Roman stützt sich auf keinen Beweis, und obgleich er bis auf unsre Zeit nacherzählt worden ist, verdient er doch kaum eine Widerlegung. Nichts ist gewisser, als daß Sunderland sich einigen der unklügsten Schritte Jakob’s widersetzte, insbesondere der Verfolgung der Bischöfe, welche eigentlich die entscheidende Krisis herbeiführte. Aber wenn auch diese Thatsache nicht feststände, so würde noch ein andres Argument den Streit entscheiden. Welchen denkbaren Grund konnte Sunderland haben, eine Revolution herbeizuwünschen? Unter dem herrschenden Systeme stand er auf dem Gipfel des Ansehens und des Glücks. Als Präsident des Geheimen Raths hatte er den Vorrang vor allen weltlichen Peers, und als erster Staatssekretär war er das thätigste und mächtigste Mitglied des Kabinets. Er durfte den Herzogstitel erwarten. Er hatte den Hosenbandorden erhalten, den noch unlängst der glänzende und leichtfertige Buckingham getragen, der nach Vergeudung seines fürstlichen Vermögens und seines reichbegabten Geistes verlassen, verachtet und mit gebrochenem Herzen ins Grab gesunken war.[48] Geld, auf das Sunderland mehr Werth legte als auf Gunst- und Ehrenbezeigungen, strömte ihm in solcher Fülle zu, daß er bei einigermaßen geregelter Verwaltung seiner Einkünfte hoffen konnte, binnen wenigen Jahren einer der reichsten Unterthanen in Europa zu werden. Die directen Einkünfte seiner Stellen waren, obwohl sehr bedeutend, doch nur ein kleiner Theil seiner Revenüen. Von Frankreich allein bezog er ein regelmäßiges Jahrgeld von nahe an sechstausend Pfund, abgesehen von bedeutenden Gelegenheitsgratifikationen. Mit Tyrconnel war er, wie wir wissen, auf fünftausend Pfund jährlich, oder fünfzigtausend ein für allemal, einig geworden. Welche Summen er außerdem durch den Handel mit Stellen, Titeln und Begnadigungen verdiente, kann nur gemuthmaßt werden, aber sie müssen enorm gewesen sein. Es schien Jakob Vergnügen zu machen, einen Mann, den er als durch sich bekehrt betrachtete, mit Reichthümern förmlich zu überschütten. Alle Geldbußen, alles verfallende Eigenthum erhielt Sunderland. Von jeder Verleihung bekam Sunderland Gebühren. Wenn irgend ein Bittsteller es wagte, sich direct an den König zu wenden, so erhielt er von diesem die Antwort: „Haben Sie mit meinem Lordpräsidenten gesprochen?“ Ein beherzter Mann erlaubte sich einmal die Äußerung, der Lordpräsident verschlinge das ganze Geld des Hofes. „Ja,“ erwiederte Seine Majestät, „aber er verdient es auch.“[49] Wir werden das Gesammteinkommen des Ministers nicht zu hoch anschlagen, wenn wir es auf dreißigtausend Pfund jährlich schätzen, und man darf nicht vergessen, daß ein solches Einkommen damals seltener war als gegenwärtig ein Einkommen von hunderttausend Pfund. Es ist sehr wahrscheinlich, daß es damals nicht einen einzigen Peer gab, dessen Privateinkünfte den Amtseinkünften Sunderlands gleichgekommen waren.

Hatte nun ein in ungesetzliche und unpopuläre Regierungsmaßregeln so tief verwickelter Mann, ein Mitglied der Hohen Commission, ein Renegat, den die Menge auf öffentlichen Plätzen mit dem Geschrei: „Papistischer Hund!“ verfolgte, wohl Aussicht, unter einer neuen Ordnung der Dinge noch größer und reicher zu werden? Hatte er wohl nur Aussicht, der verdienten Strafe zu entgehen?