Er hatte gewiß schon seit langer Zeit die Möglichkeit im Auge, daß Wilhelm und Maria nach dem natürlichen Laufe der Natur und des Gesetzes einst an die Spitze der englischen Regierung kommen könnten, und wahrscheinlich hatte er es auch schon versucht, sich durch Versprechungen und Dienstleistungen, die, wenn sie entdeckt worden wären, seinen Credit in Whitehall gerade nicht erhöht haben würden, ihre Gunst zu erwerben. Aber man darf mit Gewißheit behaupten, daß es nicht sein Wunsch war, sie durch eine Revolution auf den Thron erhoben zu sehen, und daß er eine solche Revolution nicht im entferntesten vermuthete, als er gegen Ende Juni 1688 feierlich in den Schooß der römischen Kirche übertrat.

Kaum jedoch hatte er sich durch dieses unverzeihliche Verbrechen den Haß und die Verachtung der ganzen Nation zugezogen, so erfuhr er, daß die bürgerliche und kirchliche Verfassung Englands demnächst durch fremde und einheimische Waffen vertheidigt werden sollte. Von diesem Augenblicke an scheinen alle seine Pläne eine Umgestaltung erfahren zu haben. Angst und Furcht drückten ihn gänzlich darnieder und sprachen so deutlich aus seinen Gesichtszügen, daß Jedermann sie auf den ersten Blick darin lesen konnte.[50] Es unterlag kaum einem Zweifel, daß im Falle einer Revolution die den Thron umgebenden bösen Rathgeber zu strenger Rechenschaft gezogen werden würden, und er stand unter diesen bösen Rathgebern obenan. Der Verlust seiner Stellen, seiner Gehalte und seiner Pensionen war das Geringste, was er zu fürchten hatte. Sein Stammschloß Althorpe mit seinen großen Waldungen konnte confiscirt werden. Er konnte viele Jahre im Gefängniß schmachten oder sein Leben in fremdem Lande als Pensionair der Freigebigkeit Frankreichs beschließen müssen. Und selbst dies war noch nicht das Schlimmste. Der unglückliche Staatsmann begann von schrecklichen Visionen verfolgt zu werden; er sah im Geiste Towerhill mit einer zahllosen Menschenmenge bedeckt, die beim Anblicke des Apostaten in ein wildes Jubelgeschrei ausbrach, er sah ein schwarz behangenes Schaffot, er sah Burnet, der das Sterbegebet für ihn las, und Ketch, auf das Beil gestützt, mit welchem Russell und Monmouth in so grauenvoller Weise abgeschlachtet worden waren. Wohl gab es noch einen Ausweg, durch den er sich retten konnte, aber dieser Weg würde einem edlen Character noch viel schrecklicher gewesen sein, als ein Kerker oder das Schaffot. Er konnte sich durch einen rechtzeitigen und nützlichen Verrath von den Feinden der Regierung Verzeihung erwirken. Es stand in seiner Macht, ihnen in jenem Augenblicke unschätzbare Dienste zu leisten, denn der König befolgte stets seinen Rath, er hatte großen Einfluß auf die jesuitische Cabale, und der französische Gesandte schenkte ihm blindes Vertrauen. An einer des Zweckes, dem sie dienen sollte, würdigen Vermittlerin fehlte es ihm nicht. Die Gräfin von Sunderland war ein schlaues Weib, die unter einem Schein von Frömmigkeit, durch welchen sich viele erfahrene Männer täuschen ließen, mit großer Thätigkeit verliebte und politische Intriguen betrieb.[51] Der schöne und leichtfertige Heinrich Sidney war seit geraumer Zeit ihr begünstigter Anbeter, und ihrem Gatten war es ganz angenehm, sie auf diese Weise mit dem Hofe im Haag verbunden zu sehen. Wenn er eine geheime Botschaft nach Holland befördern wollte, sprach er mit seiner Gattin darüber, diese schrieb an Sidney, und Sidney theilte ihren Brief dem Prinzen Wilhelm mit. Ein derartiges Schreiben wurde aufgefangen und Jakob hinterbracht. Sie behauptete keck, es sei gefälscht, und ihr Gatte vertheidigte sich mit der ihm eigenen Geschicklichkeit, indem er dem Könige vorstellte, es sei unmöglich, daß irgend ein Mensch so schlecht sein könne, das zu thun, was er gleichwohl fortwährend that. „Selbst wenn dies wirklich Lady Sunderland’s Hand wäre,“ sagte er, „so würde ich doch nichts damit zu thun haben. Eure Majestät kennt mein häusliches Mißgeschick. Es ist nur zu bekannt, auf welchem Fuße meine Frau mit Sidney steht. Wer könnte glauben, daß ich einen Mann zu meinem Vertrauten machen werde, der meine Ehre an der empfindlichsten Seite gekränkt hat, den Mann, den ich von Allen am meisten hassen muß?“[52] Diese Vertheidigung wurde für genügend erachtet und nach wie vor gingen geheime Nachrichten von dem wissentlich betrogenen Gatten an die Ehebrecherin, von der Ehebrecherin an den Galan und von dem Galan an die Feinde Jakob’s.

Es ist sehr wahrscheinlich, daß Wilhelm um die Mitte des August die ersten bestimmten Versicherungen von Sunderland’s Unterstützung mündlich durch Sidney erhielt. Gewiß ist soviel, daß von dieser Zeit an bis zu dem Augenblicke, wo die Expedition zum Absegeln bereit war, eine lebhafte Correspondenz zwischen der Gräfin und ihrem Geliebten unterhalten wurde. Einige von ihren Briefen, welche zum Theil in Chiffersprache geschrieben waren, sind noch vorhanden. Sie enthalten Versicherungen von Geneigtheit und Dienstversprechungen nebst dringenden Bitten um Schutz. Die Schreiberin giebt zu verstehen, daß ihr Gatte Alles thun werde, was seine Freunde im Haag nur wünschen könnten; sie hält es für nöthig, daß er auf einige Zeit ins Exil geht, aber sie hofft, daß seine Verbannung nicht ewig dauern und daß ihm sein Erbgut erhalten bleiben werde und bittet angelegentlich um Bezeichnung eines passenden Ortes, wohin er sich zurückziehen könne, bis die erste Wuth des Sturmes sich gelegt haben würde.[53]

[48.] London Gazette, April 25. 28. 1687.

[49.] Secret Consults of the Romish Party in Ireland. Diese Mittheilung wird durch eine Stelle in einem Schreiben von Bonrepaux an Seignelay vom 12.(22.) Sept. 1687 bestätigt. „Il (Sunderland) amassera beaucoup d’argent, le roi son maître lui donnant la plus grande partie de celui qui provient des confiscations ou des accommodemens que ceux qui ont encourû des peines font pour obtenir leur grace.“

[50.] Adda sagt in einer Depesche vom 26. Oct. (5. Nov.) 1688, daß man Sunderland seine Angst angesehen habe.

[51.] Vergleiche Evelyn’s Mittheilungen über sie mit dem, was die Prinzessin von Dänemark von ihr nach dem Haag schrieb, und mit ihren eigenen Briefen an Heinrich Sidney.

[52.] Bonrepaux an Seignelay, 11.(21.) Juli 1688.

[53.] Siehe ihre Briefe in Sidney’s unlängst erschienenem Tagebuche und Correspondenz. Fox bezeichnet in seiner Ausgabe der Depeschen von Barillon den 30. August n. St. 1688 als den Zeitpunkt, von welchem an Sunderland ganz bestimmt ein falsches Spiel spielte.

Wilhelm’s Befürchtungen. [Der] Beistand Sunderland’s war höchst willkommen. Denn je näher der für den großen Schlag bestimmte Zeitpunkt heranrückte, um so mehr nahm Wilhelm’s ängstliche Besorgniß zu. Vor gewöhnlichen Blicken verbarg er seine Gefühle hinter der eiskalten Ruhe seines Benehmens; Bentinck aber öffnete er sein ganzes Herz. Die Vorbereitungen waren noch nicht ganz vollendet, der Plan wurde schon geahnet und konnte nicht länger verborgen werden. Der König von Frankreich oder die Stadt Amsterdam konnten noch immer das ganze Unternehmen vereiteln. Wenn Ludwig eine bedeutende Truppenmacht nach Brabant schickte, wenn die Partei, welche den Statthalter haßte, das Haupt erhob, so war Alles vorbei. „Meine Angst und meine Besorgniß,“ schrieb der Prinz, „sind furchtbar. Ich weiß kaum mehr was ich thue. Noch nie in meinem Leben fühlte ich so stark das Bedürfniß der göttlichen Leitung.“[54] Bentinck’s Gemahlin war um diese Zeit gefährlich krank, und beide Freunde ängstigten sich sehr um sie. „Gott halte Sie aufrecht,“ schrieb Wilhelm, „und gebe Ihnen die Kraft, Ihren Theil bei einem Werke zu verrichten, von welchem, soweit Menschen es beurtheilen können, das Wohl seiner Kirche abhängt.“[55]