Jakob vereitelt dieselben. [Doch] man brauchte nicht ängstlich zu sein. Jakob schien es darauf anzulegen, sich ins Verderben zu stürzen und jeder Versuch ihn zurückzuhalten hatte keinen andren Erfolg, als daß er dem Abgrunde nur noch rascher zueilte. Als sein Thron befestigt, als sein Volk gehorsam war, als das dienstwilligste aller Parlamente sich befleißigte, allen seinen billigen Wünschen entgegenzukommen, als auswärtige Königreiche und Republiken mit einander wetteiferten, ihm zu huldigen und zu schmeicheln, als es nur von ihm abhing, der Schiedsrichter der Christenheit zu sein, hatte er sich zum Sklaven und Söldlinge Frankreichs erniedrigt. Und jetzt, wo es ihm durch eine Reihe von Verbrechen und Thorheiten gelungen war, sich seine Nachbarn, seine Unterthanen, seine Soldaten, seine Seeleute und seine Kinder zu entfremden, und wo ihm kein andrer Ausweg mehr blieb, als der französische Schutz, bekam er plötzlich einen Anfall von Stolz und beschloß seine Unabhängigkeit zu behaupten. Die Hülfe, die er zu einer Zeit, wo er ihrer nicht bedurfte, mit schimpflichen Dankesthränen angenommen hatte, wies er jetzt, wo er sie nicht entbehren konnte, mit Verachtung zurück. Nachdem er sich zu einer Zeit, wo er viel eher mit ängstlicher Sorgfalt auf die Wahrung seiner Würde hätte halten können, erniedrigt hatte, wurde er undankbar hochmüthig in einem Augenblicke, wo der Hochmuth ihm zu gleicher Zeit Hohn und Verderben zuziehen mußte. Er fühlte sich beleidigt durch die freundschaftliche Hülfe, die ihn hätte retten können. War je ein König so behandelt worden? War er ein Kind oder ein Schwachkopf, daß Andere für ihn denken mußten? War er ein Winkelfürst, ein Cardinal Fürstenberg, der fallen mußte, wenn nicht ein mächtiger Beschützer ihn hielt? Sollte er sich durch einen prahlerischen Schutz, um den er nie gebeten, sich in den Augen von ganz Europa herabsetzen lassen? Skelton wurde zurückgerufen, um über sein Verfahren Rechenschaft zu geben, und wurde sogleich nach seiner Ankunft in den Tower gesperrt. Citters dagegen wurde in Whitehall gut aufgenommen und er hatte eine lange Audienz. Er konnte mit mehr Wahrheit, als die Diplomaten in solchen Fällen überhaupt für nöthig hielten, jede feindselige Absicht auf Seiten der Generalstaaten leugnen. Denn die Generalstaaten hatten bis jetzt noch keine öffentliche Kenntniß von Wilhelm’s Plane, und es war keineswegs unmöglich, daß sie selbst jetzt noch demselben ihre Genehmigung vorenthielten. Jakob erklärte, daß er den Gerüchten von einer holländischen Invasion nicht den geringsten Glauben schenke und daß das Benehmen der französischen Regierung ihn überrascht und verdrossen habe. Middleton erhielt die Weisung, allen auswärtigen Gesandten zu versichern, daß kein solches Bündniß zwischen Frankreich und England bestehe, wie der Hof von Versailles zu seinen Zwecken vorgebe; dem Nuntius sagte der König, Ludwig’s Absichten seien mit Händen zu greifen, sollten aber vereitelt werden. Diese zudringliche Protection sei zu gleicher Zeit eine Beleidigung und eine Schlinge. „Mein guter Bruder,“ sagte Jakob, „hat vortreffliche Eigenschaften; aber Schmeichelei und Eitelkeit haben ihm den Kopf verrückt.“[60] Adda, dem an Cöln mehr gelegen war, als an England, nährte diese sonderbare Täuschung. Albeville, der jetzt wieder auf seinen Posten zurückgekehrt war, erhielt Befehl, den Generalstaaten freundschaftliche Versicherungen zu geben und einige hochtrabende Redensarten hinzuzusetzen, die sich in dem Munde einer Elisabeth oder eines Oliver nicht übel ausgenommen haben würden. „Mein Gebieter,“ sagte er, „steht durch seine Macht und seinen Muth hoch über der Stufe, die ihm Frankreich gern anweisen möchte. Es ist ein kleiner Unterschied zwischen einem König von England und einem Erzbischof von Cöln.“ Bonrepaux wurde in Whitehall sehr kühl aufgenommen. Die von ihm offerirte Unterstützung an Schiffen wurde zwar nicht geradezu abgelehnt, aber er mußte wieder abreisen, ohne etwas festgesetzt zu haben, und die Gesandten der Vereinigten Provinzen wie des Hauses Österreich wurden benachrichtigt, daß seine Sendung dem Könige unangenehm gewesen sei und zu keinem Resultate geführt habe. Nach der Revolution rühmte sich Sunderland, und wahrscheinlich mit Recht, daß er seinen Gebieter dazu bestimmt habe, die angebotene Unterstützung Frankreichs zurückzuweisen.[61]

Die unvernünftige Thorheit Jakob’s erregte natürlich den Unwillen seines mächtigen Nachbars. Ludwig beklagte sich, daß die englische Regierung ihn zum Dank für den größten Dienst, den er ihr hätte leisten können, angesichts der ganzen Christenheit Lügen gestraft habe. Er bemerkte ganz richtig, was Avaux in Betreff des Bündnisses zwischen Frankreich und Großbritannien gesagt habe, sei wenn auch nicht dem Buchstaben nach, doch im allgemeinen Sinne wahr. Es bestehe allerdings kein in Paragraphen eingetheilter, unterschriebener, besiegelter und ratificirter Vertrag, aber Zusicherungen, welche in den Augen von Ehrenmännern für eben so heilig gälten als Verträge, wären seit mehreren Jahren zwischen den beiden Höfen gewechselt worden. Ludwig setzte noch hinzu, daß er, eine so hohe Stellung er auch in Europa einnehme, doch nie so lächerlich eifersüchtig auf seine Würde sein werde, um in einer durch die Freundschaft eingegebenen Handlung eine Beleidigung zu erblicken. Jakob aber sei in einer ganz andren Lage und werde bald den Werth des so unfreundlich zurückgewiesenen Beistandes schätzen lernen.[62]

Trotz Jakob’s Verblendung und Undankbarkeit würde Ludwig aber doch klug gethan haben, wenn er auf dem den Generalstaaten angekündigten Entschlusse beharrt hätte. Avaux, der in Folge seines Scharfblicks und seines richtigen Urtheils ein Wilhelm’s würdiger Gegner war, erkannte das vollkommen. Das Bestreben der französischen Regierung — so dachte der kluge Gesandte — müsse vor Allem dahin gehen, die beabsichtigte Landung in England zu verhindern. Um diesen Zweck zu erreichen, müsse man in die spanischen Niederlande einrücken und die batavischen Grenzen bedrohen. Der Prinz von Oranien sei allerdings für seinen Lieblingsplan so sehr eingenommen, daß er denselben ausführen werde, selbst wenn die weiße Fahne schon auf den Wällen von Brüssel wehte, denn er hatte wirklich gesagt, wenn die Spanier Ostende, Mons und Namur nur bis zum nächsten Frühjahr halten könnten, so würde er dann mit einer Streitmacht von England zurückkehren, welche alles Verlorne bald wieder erobern werde. Allein dies sei wohl die Meinung des Prinzen, nicht aber die der Generalstaaten. Diese würden es gewiß nicht so leicht zugeben, daß ihr Oberbefehlshaber mit der Elite der Armee über die Nordsee fahre, während ein gewaltiges Heer ihr eignes Gebiet bedrohte.[63]

[60.] „Che l’adulazione e la vanità gli avevano tornato il capo.“ — Adda, 31. Aug. (10. Sept.) 1688.

[61.] Citters, 11.(21.) Sept. 1688; Avaux, 17.(27.) Sept., 27. Sept. (7. Oct.); Barillon, 23. Sept. (3. Oct.); Wagenaar, Buch 60; Sunderland’s Apology. Es ist oft behauptet worden, Jakob habe die Unterstützung eines französischen Armeecorps abgelehnt. In Wirklichkeit aber wurde ihm eine solche Unterstützung gar nicht angeboten. Die französischen Truppen würden auch in der That Jakob viel mehr genützt haben, wenn sie die holländischen Grenzen bedroht hätten, als wenn sie über den Kanal gekommen wären.

[62.] Ludwig an Barillon, 20.(30.) Sept. 1688.

[63.] Avaux, 27. Sept. (7. Oct.), 4.(14.) Oct. 1688.

Die französischen Armeen fallen in Deutschland ein. [Ludwig] gab die Haltbarkeit dieser Gründe zu, aber er hatte sich schon zu einem andren Verfahren entschieden. Vielleicht hatte ihn die Unhöflichkeit und Verkehrtheit der englischen Regierung gereizt und er ließ sich zu seinem Nachtheile von seiner aufgebrachten Stimmung leiten. Vielleicht war er auch durch die Rathschläge seines Kriegsministers Louvois irregeführt, der großen Einfluß hatte und Avaux nicht mit freundlichem Auge betrachtete. Kurz, es wurde beschlossen, auf einer von Holland entfernten Seite einen großen und unerwarteten Schlag zu führen. Ludwig zog plötzlich seine Truppen aus Flandern und warf sie nach Deutschland. Ein Armeecorps unter dem nominellen Commando des Dauphins, in Wahrheit aber geleitet vom Herzoge von Duras und von Vauban, dem Vater der Befestigungskunst, belagerte Philippsburg. Ein andres unter den Befehlen des Marquis von Bouffiers nahm Worms, Mainz und Trier. Ein drittes unter dem Marquis von Humieres, besetzte Bonn. Den ganzen Rhein hinunter, von Karlsruhe bis Cöln waren die französischen Waffen siegreich. Die Nachricht von der Einnahme von Philippsburg traf am Allerheiligentage in Versailles ein, während der Hof gerade in der Kapelle den Gottesdienst hörte. Der König winkte dem Prediger inne zu halten, kündigte der Versammlung die frohe Botschaft an und kniete dann nieder, um Gott für diesen großen Sieg zu danken. Die Anwesenden weinten vor Freude.[64] Die Nachricht wurde von dem sanguinischen und leicht entzündlichen französischen Volke mit Jubel begrüßt. Dichter besangen die Triumphe ihres freigebigen Schutzherrn; Redner priesen auf der Kanzel die Weisheit und Großmuth des ältesten Sohnes der Kirche. Das Tedeum wurde mit ungewohntem Pomp gesungen und die feierlichen Töne der Orgel vermischten sich mit dem Schalle der Cymbeln und dem Geschmetter der Trompeten. Es war indessen wenig Ursache zur Freude vorhanden. Der große Staatsmann, der an der Spitze der europäischen Coalition stand, lächelte im Stillen über die nutzlose Kraftvergeudung seines Feindes. Ludwig hatte zwar durch sein rasches Handeln einige Vortheile in Deutschland errungen, aber diese Vortheile konnten ihm nur wenig nützen, wenn England, nachdem es unter vier aufeinanderfolgenden Königen unthätig und ruhmlos gewesen, plötzlich wieder seinen früheren Rang in Europa einnahm. Wenige Wochen genügten zur Ausführung des Unternehmens, von dem das Schicksal der ganzen Welt abhing, und für einige Wochen waren die Vereinigten Provinzen noch in Sicherheit.

[64.] Frau von Sévigné, 24. Oct. (3. Nov.) 1688.

Wilhelm erlangt die Genehmigung der Generalstaaten für seine Expedition. [Wilhelm] betrieb nun seine Rüstungen mit unermüdlicher Thätigkeit und nicht mehr so heimlich, als er es bisher für nöthig gehalten hatte. Täglich gingen Unterstützungszusagen von auswärtigen Höfen ein. Im Haag war die Opposition zum Schweigen gebracht. Umsonst bot Avaux noch in diesem letzten Augenblicke seine ganze Gewandtheit auf, um die Partei, welche gegen drei Generationen des Hauses Oranien gekämpft hatte, zu ermuthigen. Die Häupter dieser Partei sahen zwar den Statthalter noch immer nicht mit günstigem Auge an, denn sie hatten Grund zu der Besorgniß, daß er, wenn sein Unternehmen gegen England gelang, er auch unumschränkter Beherrscher von Holland werden möchte. Aber die Fehler des Hofes von Versailles und die Geschicklichkeit, mit der er dieselben benutzt hatte, machten es unmöglich, ferner noch gegen ihn zu kämpfen. Er sah ein, daß es jetzt Zeit war, um die Genehmigung der Generalstaaten nachzusuchen. Amsterdam war das Hauptquartier der seinem Hause, seinem Amte und seiner Person feindlich gesinnten Partei, und selbst von Amsterdam hatte er diesen Augenblick nichts zu befürchten. Mit mehreren der vornehmsten Beamten dieser Stadt hatte er schon zu wiederholten Malen in Anwesenheit Dykvelt’s und Bentinck’s geheime Unterredungen gehabt und hatte sie zu dem Versprechen bewogen, daß sie das große Unternehmen fördern, oder sich demselben wenigstens nicht widersetzen wollten. Andere waren über Ludwig’s Handelsverordnungen erbittert, noch Andere waren besorgt um ihre von den französischen Dragonern tyrannisirten Verwandten und Freunde; wieder Andere fürchteten die Verantwortlichkeit, eine Spaltung herbeizuführen, welche dem batavischen Bunde verderblich werden konnte, und Einige endlich fürchteten das gemeine Volk, welches, durch die Ermahnungen eifriger Prediger aufgestachelt, bereit war, an jedem Verräther des Protestantismus eine summarische Justiz auszuüben. Daher erklärte sich die Majorität dieses Stadtraths, der so lange Zeit Frankreich ergeben gewesen war, zu Gunsten der Unternehmung Wilhelm’s. Von diesem Augenblicke an war jede Besorgniß wegen einer Opposition in irgend einem Theile der Vereinigten Provinzen gehoben und die Föderation ertheilte ihm in geheimer Sitzung die volle Genehmigung zu seiner Expedition.[65]