Der Prinz hatte sich bereits für einen zum Unterbefehlshaber trefflich geeigneten General entschieden. Dies war in der That kein unwichtiger Gegenstand. Ein zufälliger Schuß oder der Dolch eines Meuchelmörders konnte in einem Augenblicke die Expedition ihres Anführers berauben, und für diesen Fall mußte im Voraus ein Nachfolger bestimmt werden, der die Lücke sofort ausfüllte. Einen Engländer konnte man jedoch dazu nicht wählen, ohne entweder den Whigs oder den Tories zu nahe zu treten; auch hatte noch kein damals lebender Engländer bewiesen, daß er das zur Leitung eines Feldzugs nöthige militairische Geschick besaß. Auf der andren Seite war es nicht leicht, einem Ausländer den Vorzug zu geben, ohne das Nationalgefühl der stolzen Insulaner zu verwunden. Einen Mann gab es in Europa, aber auch nur diesen einen, gegen den sich nichts einwenden ließ; Friedrich, Graf von Schomberg, ein Deutscher aus einem edlen Hause der Pfalz. Er galt allgemein für den größten damals lebenden Meister der Kriegskunst. Seine oftmals durch starke Versuchungen geprüfte, aber nie erschütterte Rechtschaffenheit und Frömmigkeit hatten ihm allgemeine Achtung und Vertrauen erworben. Obgleich Protestant, hatte er mehrere Jahre im Dienste Ludwig’s gestanden und durch eine Reihe glänzender Waffenthaten seinem Gebieter trotz aller Ränke der Jesuiten den französischen Marschallsstab abgenöthigt. Als die Verfolgung zu wüthen begann, weigerte sich der tapfere Veteran standhaft, die königliche Gunst durch Abtrünnigkeit zu erkaufen, legte ohne Murren alle seine Ehrenstellen und Commando’s nieder, verließ sein zweites Vaterland für immer und zog sich an den berliner Hof zurück. Er war bereits über siebzig Jahre alt, aber geistig und körperlich noch sehr rüstig. Er war in England gewesen und dort außerordentlich geliebt und geehrt worden. Allerdings hatte er eine Empfehlung, der sich damals wenige Ausländer rühmen konnten: er sprach unsre Sprache, und zwar nicht nur verständlich, sondern elegant und rein. Er wurde mit Bewilligung des Kurfürsten von Brandenburg und zur aufrichtigen Freude der Oberhäupter aller englischen Parteien zu Wilhelm’s Stellvertreter ernannt.[66]
[65.] Witson’s MS., angeführt von Wagenaar; Lord Lonsdale’s Memoiren; Avaux, 4.(14.), 5.(15.) Oct. 1688. Die förmliche Erklärung der Generalstaaten, datirt vom 18.(28.) Oct., findet man im IV. Bande des Recueil des Traités, No. 225.
[66.] Abrégé de la Vie de Frédéric Duc de Schomberg, 1690; Sidney an Wilhelm, 30. Juni 1688; Burnet I. 677.
Britische Abenteurer im Haag. [Inzwischen] wimmelte es im Haag von Abenteurern aller der verschiedenen Factionen, welche Jakob’s Tyrannei zu einer sonderbaren Coalition verbunden hatte: alte Royalisten, die ihr Blut für den Thron vergossen hatten, alte Agitatoren von der Parlamentsarmee, Tories, welche in den Tagen der Ausschließungsbill verfolgt worden waren, und Whigs, die wegen ihrer Theilnahme am Ryehousecomplot sich auf den Continent geflüchtet hatten.
Unter dieser großen Menge zeichnete sich Karl Gerard, Earl von Macclesfield aus, ein alter Kavalier, der für Karl I. gekämpft und Karl’s II. Exil getheilt hatte; ferner Archibald Campbell, der älteste Sohn des unglücklichen Argyle, der aber von seinem Vater nichts geerbt hatte als einen erlauchten Namen und die unwandelbare Liebe eines zahlreichen Clan; Karl Paulet, Earl von Wiltshire, unzweifelhafter Erbe des Marquisats von Winchester, und Peregrine Osborne, Lord Dumblane, unzweifelhafter Erbe des Earlthums Danby. Mordaunt, der vor Begierde nach Abenteuern brannte, die für sein feuriges Temperament einen unwiderstehlichen Reiz hatten, war einer der Ersten unter den Freiwilligen. Fletcher von Saltoun hatte, während er die Grenzen der Christenheit gegen die Ungläubigen beschützte, erfahren, daß sein Vaterland wieder einmal Hoffnung auf Befreiung hatte, und er hatte sich beeilt, sein Schwert anzubieten. Sir Patrick Hume, der seit seiner Flucht aus Schottland sehr bescheiden und eingezogen lebte, trat jetzt wieder aus seinem Dunkel hervor; zum Glück aber konnte seine Redseligkeit diesmal wenig Schaden anrichten, denn der Prinz von Oranien war durchaus nicht geneigt, der abhängige General einer debattirenden Gesellschaft zu sein wie die, welche Argyle’s Unternehmen zum Verderben gereicht hatte. Der verschmitzte und ruhelose Wildman, der vor kurzem die Überzeugung gewonnen, daß England ein unsicherer Aufenthalt für ihn war und der sich deshalb nach Deutschland begeben hatte, erschien ebenfalls an Wilhelm’s Hofe. Eben so auch Carstairs, ein presbyterianischer Priester aus Schottland, der an Schlauheit und Muth keinem Politiker seiner Zeit nachstand. Fagel hatte ihm einige Jahre vorher wichtige Geheimnisse anvertraut und er hatte sie trotz der fürchterlichsten Qualen, die ihm der spanische Stiefel und die Daumschraube bereitet, treu bewahrt. Seine seltene Standhaftigkeit hatte ihm das Vertrauen und die Achtung des Prinzen in eben so hohem Grade erworben, als irgend ein Andrer, außer Bentinck, sich derselben erfreute.[67] Ferguson konnte nicht ruhig bleiben, wenn eine Revolution im Werke war. Er sicherte sich einen Platz zur Überfahrt auf der Flotte und entfaltete eine große Thätigkeit unter seinen Mitemigranten; aber er fand überall Mißtrauen und Verachtung. Unter der Schaar von unwissenden und heißblütigen Verbannten, welche den schwachen Monmouth ins Verderben geführt, war er ein großer Mann gewesen; unter den ernsten Staatsmännern und Generälen aber, welche die Sorgen des entschlossenen und umsichtigen Wilhelm theilten, war kein Platz für einen niedrigdenkenden, halb wahnsinnigen und halb schurkischen Agitator.
[67.] Burnet I. 584; Mackay’s Memoirs.
Wilhelm’s Erklärung. [Der] Unterschied zwischen der Expedition von 1685 und der von 1688 zeigte sich schon deutlich genug in der Verschiedenheit der Manifeste, welche die Führer der beiden Unternehmungen erließen. Für Monmouth hatte Ferguson ein abgeschmacktes und gemeines Libell über den Brand von London, die Ermordung Godfrey’s und Essex’ und die Vergiftung Karl’s geschmiert. Wilhelm’s Erklärung war von dem Großpensionär Fagel verfaßt, der als ausgezeichneter Publicist bekannt war. Obgleich gehaltvoll und wohldurchdacht, war sie doch in ihrer ursprünglichen Form zu weitschweifig; aber sie wurde von Burnet, der populär zu schreiben verstand, abgekürzt und ins Englische übersetzt. Sie begann mit einer feierlichen Einleitung, in welcher gesagt war, daß in jedem Staate die strenge Beobachtung des Gesetzes für das Wohl der Nationen wie für die Sicherheit der Regierung gleich nothwendig sei. Der Prinz von Oranien habe daher mit tiefer Betrübniß gesehen, daß die Grundgesetze eines Reiches, mit dem er durch Bande des Bluts und durch Verheirathung so eng verbunden sei, durch den Rath schlimmer Rathgeber gröblich und systematisch verletzt worden seien. Das Recht von Parlamentsacten zu dispensiren, sei bis zu einem solchen Punkte ausgedehnt worden, daß die ganze legislative Gewalt auf die Krone übertragen worden sei. Von den Gerichten habe man dem Geiste der Verfassung widerstreitende Erkenntnisse erlangt, indem man einen Richter nach dem andren abgesetzt, bis die Bank nur aus Männern bestanden habe, welche bereit gewesen seien, den Befehlen der Regierung blindlings zu gehorchen. Trotz der wiederholten Versicherungen des Königs, daß er die Staatsreligion aufrechterhalten werde, seien anerkannten Feinden dieser Religion nicht nur bürgerliche Ämter, sondern auch geistliche Pfründen verliehen worden. Trotz ausdrücklicher Gesetze sei das Kirchenregiment einem Collegium übertragen worden, das eine neue Hohe Commission sei und in diesem Collegium sitze ein erklärter Papist. Gute Unterthanen seien deshalb, weil sie sich weigerten, ihre Pflicht und ihre Eide zu verletzen, der Magna Charta der englischen Freiheiten zum Hohn aus ihrem Eigenthum vertrieben worden. Dagegen seien Leute, welche dem Gesetze nach die Insel gar nicht betreten dürften, zur Verderbniß der Jugend an die Spitze von Seminarien gestellt worden. Grafschaftsstatthalter, stellvertretende Statthalter und Friedensrichter seien massenhaft abgesetzt worden, weil sie sich geweigert hätten eine verderbliche und verfassungswidrige Politik zu unterstützen. Die Freiheiten fast jedes Boroughs im Lande seien verletzt worden. Die Gerichtshöfe seien in einem Zustande, daß ihre Erkenntnisse selbst in Civilklagen kein Vertrauen mehr einflößten und daß ihre Servilität in Criminalsachen das Königthum mit unschuldigem Blute befleckt habe. Alle diese Mißbräuche, deren das englische Volk müde sei, sollten nun, wie es scheine, durch ein Heer irischer Papisten vertheidigt werden. Und dies sei noch nicht Alles. Die willkürlichsten Fürsten hätten es einem Unterthanen nie als ein Verbrechen angerechnet, wenn er bescheiden und friedlich seine Beschwerden angebracht und um Abhülfe gebeten habe. Aber das Petitioniren werde jetzt in England als ein schweres Vergehen betrachtet. Die Väter der Kirche seien wegen keines andren Verbrechens, als weil sie dem Landesherrn eine in den ehrerbietigsten Ausdrücken abgefaßte Petition überreicht, ins Gefängniß geworfen und ihnen der Prozeß gemacht worden, und jeden Richter, der sich zu ihren Gunsten ausgesprochen, habe man ohne weiteres abgesetzt. Die Einberufung eines freien und gesetzlichen Parlaments könne allerdings diesen Übeln wirksam abhelfen, aber die Nation dürfe nicht hoffen ein solches Parlament zu erhalten, wenn nicht der ganze Geist der Verwaltung ein andrer werde. Es sei offenbar die Absicht des Hofes durch neu organisirte Wahlkörper und papistische Wahlbeamte eine Versammlung zusammenzubringen, welche nur dem Namen nach ein Haus der Gemeinen sein werde. Endlich erregten gewisse Umstände den dringenden Verdacht, daß das Kind, welches den Namen eines Prinzen von Wales erhalten habe, nicht wirklich von der Königin geboren sei. Aus diesen Gründen habe der Prinz, eingedenk seiner nahen Verwandtschaft mit dem königlichen Hause und dankbar für die Zuneigung, die das englische Volk seiner geliebten Gemahlin und ihm selbst stets bewiesen habe, sich entschlossen, der Aufforderung vieler geistlichen und weltlichen Lords und vieler anderer Personen aus allen Ständen Folge zu leisten und an der Spitze einer zur Begegnung gewaltsamen Widerstandes hinreichenden Streitmacht nach England hinüberzugehen. Jeden Gedanken an Eroberung wies er entschieden zurück. Er erklärte, daß seine Truppen während ihres Aufenthalts auf der Insel unter strengster Kriegszucht gehalten und daß sie sobald die Nation von der Tyrannei befreit sei, wieder zurückgeschickt werden sollten. Sein einziger Zweck sei die Versammlung eines freien und gesetzlichen Parlaments, und er verpflichtete sich feierlich, alle öffentlichen und privaten Fragen der Entscheidung eines solchen Parlaments zu überlassen.
Sobald Exemplare von dieser Erklärung im Haag ausgegeben waren, begannen auch schon Zeichen von Meinungsverschiedenheit sichtbar zu werden. Der im Unheilstiften unermüdliche Wildman bewog einige seiner Landsleute, unter Anderen den starrsinnigen und leichtfertigen Mordaunt, zu der Erklärung, daß sie auf solche Gründe hin die Waffen nicht ergreifen würden. Das Manifest sei nur darauf berechnet, den Kavalieren und den Geistlichen zu gefallen. Die Gewaltthätigkeiten gegen die Kirche und der Prozeß der Bischöfe seien zu sehr in den Vordergrund gestellt und es sei gar nichts von der Tyrannei gesagt, mit der die Tories vor ihrem Bruche mit dem Hofe die Whigs behandelt hätten. Wildman legte hierauf einen von ihm selbst verfaßten Gegenentwurf vor, der, wenn er angenommen worden wäre, der ganzen anglikanischen Geistlichkeit und vier Fünftheilen des grundbesitzenden Adels mißfallen haben würde. Die Whighäupter opponirten ihm energisch. Russell insbesondere erklärte, daß, wenn ein so verkehrter Weg eingeschlagen würde, es mit der Coalition, von welcher allein die Nation Befreiung erwarten könne, vorbei sei. Der Streit wurde endlich durch einen Machtspruch Wilhelm’s geschlichtet, der mit gewohntem richtigen Takt entschied, daß das Manifest im Wesentlichen so wie Fagel und Burnet es entworfen hatten, beibehalten werden solle.[68]
[68.] Burnet I., 775, 780.
Jakob fängt an die Gefahr zu ahnen. [Während] dies in Holland geschah, hatte Jakob endlich die ihm drohende Gefahr erkannt. Von verschiedenen Seiten kamen Nachrichten, die man nicht unbeachtet lassen konnte, bis endlich eine Depesche von Albeville jedem Zweifel ein Ende machte. Als der König sie gelesen hatte, sollen seine Wangen sich entfärbt haben und er soll eine Weile sprachlos geblieben sein.[69] Er hatte in der That auch Ursache zu erschrecken. Der erste Ostwind sollte eine feindliche Flotte an die Küsten seines Reiches bringen. Ganz Europa, mit Ausnahme einer einzigen Macht, erwartete ungeduldig die Nachricht von seinem Sturze, und den Beistand dieser einzigen Macht hatte er thörichterweise abgelehnt. Ja, er hatte sogar die freundschaftliche Intervention, die ihn hätte retten können, mit Beleidigungen vergolten. Die französischen Armeen, welche zur Einschüchterung der Generalstaaten hätten verwendet werden können, wenn er nicht so verblendet gewesen wäre, belagerten Philippsburg und hielten Mainz besetzt. In wenigen Tagen mußte er vielleicht auf englischem Boden für seine Krone und für das Geburtsrecht seines Sohnes kämpfen.