Abfall Cornbury’s. [Eduard] Viscount Cornbury, der älteste Sohn des Earls von Clarendon, war ein junger Mann von unbedeutenden Geistesgaben, von lockeren Grundsätzen und heftigem Temperament. Man hatte ihn von Jugend auf gelehrt, seine Verwandtschaft mit der Prinzessin Anna als die Grundlage seines zukünftigen Glücks zu betrachten, und ihm eingeschärft, daß er ihr fleißig den Hof machen solle. Seinem Vater war es nie in den Sinn gekommen, daß die angestammte Loyalität der Hyde im Hause der Lieblingstochter des Königs gefährdet sein könnte; aber in diesem Hause führten die Churchill die unumschränkte Herrschaft und Cornbury wurde ihr Werkzeug. Er commandirte eines von den nach dem Westen gesandten Dragonerregimentern. Man hatte es so einzurichten gewußt, daß er am 14. November einige Stunden lang der höchste Offizier zu Salisbury war, so daß alle dort versammelten Truppen unter seinem Oberbefehl standen. Es muß auffallend erscheinen, daß zu einem so kritischen Zeitpunkte die Armee, auf welche Alles ankam, nur einen Augenblick dem Commando eines jungen Obersten überlassen werden konnte, der weder Talent noch Erfahrung hatte. Es kann wohl kaum einem Zweifel unterliegen, daß diese Anordnung das Resultat eines geschickt angelegten Planes war, und eben so wenig kann man darüber in Zweifel sein, welchem Kopfe und welchem Herzen dieser Plan zuzuschreiben ist.

Plötzlich erhielten drei von den in Salisbury stehenden Kavallerieregimentern Befehl zum Abmarsch nach dem Westen. Cornbury stellte sich an ihre Spitze und führte sie zuerst nach Blandford und dann nach Dorchester. Von Dorchester brachen sie nach einer kurzen Rast von einigen Stunden nach Axminster auf. Einige von den Offizieren begannen Verdacht zu schöpfen und verlangten eine Erklärung dieser sonderbaren Bewegungen. Cornbury antwortete, er habe Befehl, einen nächtlichen Angriff auf eine Truppenabtheilung zu machen, die der Prinz von Oranien bei Honiton postirt habe. Doch der Argwohn war einmal rege, es wurden weitere Fragen gestellt, aber ausweichend beantwortet. Endlich wurde Cornbury geradezu aufgefordert, seine Instruction vorzuzeigen. Er sah ein, daß es ihm nicht nur unmöglich sein würde, mit allen drei Regimentern überzugehen, sondern daß er sich auch selbst in einer höchst gefährlichen Lage befand. In Folge dessen stahl er sich mit einigen wenigen Begleitern fort in das holländische Hauptquartier. Der größte Theil seiner Truppen kehrte nach Salisbury zurück; ein andrer Theil aber, der von dem Hauptcorps detaschirt worden war und die Absichten des Befehlshabers nicht ahnete, marschirte bis Honiton. Hier sahen sie sich inmitten eines zu ihrem Empfange vollständig gerüsteten starken Armeecorps. Widerstand war unmöglich. Ihr Anführer drang in sie, unter Wilhelm zu dienen. Es wurde ihnen ein Monatssold als Geschenk angeboten, und die Meisten nahmen dies an.[111]

Die Nachricht von diesen Vorgängen kam am Fünfzehnten nach London. Jakob war am Morgen dieses Tages sehr heiterer Laune gewesen. Der Bischof Lamplugh hatte eben nach seiner Ankunft von Exeter dem Hofe seine Aufwartung gemacht und war sehr gnädig empfangen worden. „Mylord,“ sagte der König zu ihm, „Sie sind ein ächter alter Kavalier.“ Lamplugh erhielt zum Lohn für seine Loyalität sofort das schon seit mehr als dritthalb Jahren erledigte Erzbisthum York. Am Nachmittage, als der König sich eben zu Tisch setzte, kam ein Expresser mit der Nachricht von Cornbury’s Abfall. Jakob erhob sich von der Tafel, ohne die Speisen zu berühren, genoß nichts als eine Brotrinde und ein Glas Wein und zog sich in sein Privatkabinet zurück. Er erfuhr später, daß nach seinem Weggange aus dem Speisesaale mehrere anwesende Lords, in die er das größte Vertrauen setzte, sich in der anstoßenden Gallerie die Hände geschüttelt und einander beglückwünscht hatten. Als die Botschaft der Königin mitgetheilt wurde, brach sie mit ihren Damen in Thränen und Wehklagen aus.[112]

Der Schlag war allerdings hart. Zwar belief sich der unmittelbare Verlust der Krone und der unmittelbare Gewinn der Feinde auf kaum zweihundert Mann und eben so viele Pferde. Aber wo konnte der König von nun an hoffen, diejenigen Gesinnungen zu finden, welche die Stärke der Staaten und der Armeen bilden? Cornbury war der Erbe eines Hauses, das sich stets durch seine Anhänglichkeit an die Monarchie ausgezeichnet hatte. Sein Vater Clarendon und sein Oheim Rochester waren Männer, deren Loyalität für unerschütterlich galt. Wie stark mußte das Gefühl sein, gegen welches die am tiefsten wurzelnden angeerbten Vorurtheile nicht Stand hielten, das Gefühl, das einen jungen Offizier von vornehmer Geburt zu einer durch Vertrauensbruch und grobe Falschheit verschlimmerten Desertion bewegen konnte? Daß Cornbury kein besonders talentvoller und unternehmender Mann war, machte den Vorfall nur noch beunruhigender. Man konnte unmöglich daran zweifeln, daß er irgendwo einen mächtigen und gewandten Verführer hatte. Wer dieser Verführer war, das sollte sich bald zeigen. Mittlerweile aber konnte Niemand im königlichen Lager sicher sein, daß er nicht von Verräthern umgeben war. Politische Stellung, mititairischer Rang, Kavalierehre, Soldatenehre, die stärksten Betheuerungen, das reinste Adelsblut boten keine Sicherheit mehr. Jedermann konnte mit Grund zweifeln, ob nicht jeder Befehl, den er von seinem Vorgesetzten erhielt, den Zwecken des Feindes dienen sollte. Der pünktliche Gehorsam, ohne den eine Armee nichts als ein zügelloser Pöbelhaufe ist, mußte nothwendig vorbei sein. Welche Disciplin konnte man von Soldaten erwarten, welche eben einer Schlinge entgangen waren, indem sie sich weigerten, ihren commandirenden Offizier zu einer geheimen Expedition zu folgen, und indem sie auf Vorzeigung seiner Befehle drangen?

Cornbury wurde bald durch eine Menge in Rang und Fähigkeiten hoch über ihm stehender Überläufer unterstützt; einige Tage lang aber stand er ganz allein mit seiner Schande da und wurde von Vielen, welche nachher seinem Beispiele folgten und ihn darum beneideten, daß er zuerst den entehrenden Schritt gethan, heftig geschmäht. Unter diesen war sein eigner Vater. Der erste Ausbruch von Clarendon’s Zorn und Schmerz war ergreifend. „O Gott!“ rief er aus, „daß einer meiner Söhne ein Rebell werden mußte!“ Vierzehn Tage später entschloß er selbst sich dazu, ein Rebell zu werden. Man würde ihm jedoch Unrecht thun, wollte man ihn für einen bloßen Heuchler erklären. In Revolutionen lebt der Mensch schnell; die Erfahrung von Jahren drängt sich in wenigen Stunden zusammen; alte Gewohnheiten im Denken und Handeln werden gewaltsam gebrochen; man wird mit Neuerungen, die auf den ersten Anblick Entsetzen und Abscheu erwecken, binnen wenigen Tagen vertraut, man findet sie erträglich, ja anziehend. Viele weit tugendhaftere und muthigere Männer als Clarendon waren vor dem Schlusse jenes denkwürdigen Jahres zu Handlungen bereit, die sie am Anfange desselben für ruchlos und entehrend erklärt haben würden.

Der unglückliche Vater tröstete sich so gut er konnte und hielt um eine Privataudienz beim Könige an. Sie wurde ihm bewilligt. Jakob sagte mit mehr als gewöhnlicher Freundlichkeit, daß er Cornbury’s Verwandte aufrichtig bedaure und sie von aller Schuld an dem Verbrechen ihres entarteten Familienmitgliedes durchaus freispreche. Clarendon kehrte nach Hause zurück und wagte es kaum, seinen Freunden ins Auge zu blicken. Bald aber erfuhr er zu seinem Erstaunen, daß der Schritt, den er anfangs für seine Familie auf immer entehrend gehalten hatte, von vielen hochstehenden Personen gelobt wurde. Seine Nichte, die Prinzessin von Dänemark, fragte ihn, warum er sich so zurückziehe. Er antwortete ihr, daß die Schändlichkeit seines Sohnes ihn völlig zu Boden drücke. Anna schien diesen Kummer durchaus nicht zu begreifen. „Das Volk,“ sagte sie, „ist der Herrschaft des Papismus müde. Ich glaube, daß Viele von der Armee das Nämliche thun werden.“[113]

Der König rief nun in seiner Angst alle noch in London anwesenden hohen Offiziere zusammen. Churchill, welcher kurz vorher zum Generallieutenant befördert worden war, erschien mit der heiteren Ruhe, die weder Gefahr noch Schande je zu erschüttern vermochten. Heinrich Fitzroy, Herzog von Grafton, der sich unter den natürlichen Kindern Karl’s II. durch seine Verwegenheit und Thätigkeit auszeichnete, wohnte der Zusammenkunft bei. Grafton war Oberst des ersten Regiments der Fußgarden. Er scheint damals ganz unter Churchills Einfluß gestanden zu haben und war bereit, bei der ersten günstigen Gelegenheit die königliche Fahne zu verlassen. Außerdem waren noch zwei andere Hochverräther anwesend, Kirke und Trelawney, welche die damals unter der Bezeichnung der tangerschen Regimenter bekannten zwei wilden und zügellosen Heerhaufen befehligten. Sie hatten Beide, wie alle anderen protestantische Offiziere der Armee, die Parteilichkeit, welche der König für die Mitglieder seiner eigenen Kirche an den Tag legte, schon seit langer Zeit mit großem Mißfallen betrachtet, und Trelawney erinnerte sich mit bitterem Grolle der Verfolgung seines Bruders, des Bischofs von Bristol. Jakob hielt eine Ansprache an die Versammlung, die eines besseren Mannes und einer besseren Sache würdig gewesen wäre. Es könnte sein, sagte er, daß einige von seinen Offizieren Gewissensbedenken hätten, für ihn zu kämpfen. Wenn dem so wäre, sei er bereit, ihre Patente zurückzunehmen. Aber er beschwöre sie als Gentlemen und Soldaten, das schmachvolle Beispiel Cornbury’s nicht nachzuahmen. Alle schienen tief ergriffen zu sein, am tiefsten Churchill. Er war der Erste, der mit vortrefflich gespielter Begeisterung gelobte, daß er sein Blut bis auf den letzten Tropfen für seinen huldvollen Gebieter zu vergießen bereit sei. Grafton ergoß sich in ähnliche laute Betheuerungen und seinem Beispiele folgten auch Kirke und Trelawney.[114]

[111.] Clarke’s Life of James the Second, II. 215. Orig. Mem.; Burnet, I. 790; Clarendon’s Diary, Nov. 15. 1688; London Gazette, Nov. 17.

[112.] Clarke’s Life of James the Second, II. 218; Clarendon’s Diary, Nov. 15. 1688; Citters, 16.(26.) Nov.

[113.] Clarendon’s Diary, Nov. 15, 16, 17, 20. 1688.