Rückzug der königlichen Armee von Salisbury. [Dies] Alles bestärkte Jakob in dem am vorhergehenden Abend gefaßten Entschlusse. Es wurde Befehl zum unverweilten Rückzuge gegeben. Ganz Salisbury war in Aufruhr. Das Lager wurde mit der Verwirrung einer Flucht abgebrochen. Kein Mensch wußte mehr, wem er trauen und wem er gehorchen sollte. Die materielle Stärke der Armee hatte sich nur unbedeutend vermindert, aber ihre moralische Kraft war vernichtet. Viele, die sich geschämt haben würden, mit dem Übertritt zu dem Prinzen voranzugehen, folgten nun bereitwillig einem Beispiele, das sie nie gegeben haben würden, und viele Andere, die zu ihrem Könige gehalten haben würden, so lange er muthig gegen den Feind vorzurücken schien, hatten keine Lust, bei einer zurückweichenden Fahne zu bleiben.[131]
Jakob ging an diesem Tage bis Andover. Sein Schwiegersohn, Prinz Georg, und der Herzog von Ormond begleiteten ihn. Beide gehörten zu den Verschwornen und würden wahrscheinlich mit Churchill geflohen sein, hätte dieser es in Folge der Vorgänge im Kriegsrathe nicht für rathsam gehalten, seine Abreise zu beschleunigen. Dem Prinzen Georg kam seine Geistesbeschränktheit in diesem Falle besser zu statten, als es Klugheit gethan haben würde. Wenn ihm eine Nachricht gemeldet wurde, pflegte er auf Französisch auszurufen: „Est-il possible?“ (ist es möglich?) Diese Phrase war ihm jetzt sehr nützlich. „Est-il possible?“ rief er, als man ihn benachrichtigte, daß Churchill und Grafton vermißt wurden. Und als die schlimme Botschaft von Warminster kam, rief er abermals: „Est-il possible?“
[131.] History of the Desertion; Luttrell’s Diary.
Abfall des Prinzen Georg und Ormond’s. [Prinz] Georg und Ormond wurden in Andover eingeladen, mit dem Könige zu Abend zu speisen. Dies muß eine traurige Mahlzeit gewesen sein. Der König war von seinem Unglück zu Boden gedrückt, und sein Schwiegersohn war der langweiligste Gesellschafter, den es geben konnte. Karl II. sagte einmal: „Ich habe den Prinzen Georg nüchtern gesehen und habe ihn betrunken gesehen, aber mag er nüchtern oder betrunken sein, es ist nichts an ihm.“[132] Ormond, der während seines ganzen Lebens schweigsam und zurückhaltend gewesen, war in einem solchen Augenblicke gewiß auch nicht heiter. Sogleich nach beendeter Mahlzeit ging der König zur Ruhe. Für den Prinzen und Ormond standen schon Pferde bereit; sobald sie sich von der Tafel erhoben hatten, saßen sie auf und sprengten davon. In ihrer Begleitung befand sich der Earl von Drumlanrig, der älteste Sohn des Herzogs von Queensberry. Der Abfall dieses jungen Kavaliers war kein unwichtiges Ereigniß, denn Queensberry war das Oberhaupt der protestantischen Episcopalen Schottlands, einer Klasse, im Vergleich zu welcher die entschiedensten englischen Tories whiggistisch genannt werden konnten, und Drumlanrig selbst war Oberstlieutenant von Dundee’s Regiment, eines Corps, das die Whigs noch mehr haßten, als Kirke’s Lämmer. Dieses neue Unglück wurde dem Könige am nächsten Morgen gemeldet. Er war von der Nachricht weniger ergriffen, als man hatte erwarten sollen. Der Schlag, der ihn vierundzwanzig Stunden früher getroffen, hatte ihn auf fast jedes nur mögliche Unglück vorbereitet, und er konnte dem Prinzen Georg, der kaum zurechnungsfähig war, unmöglich ernstlich zürnen, daß er den Kunstgriffen eines Verführers wie Churchill erlegen war. „Wie?“ rief Jakob, „ist Est-il possible auch fort? Nun, im Grunde würde ein guter Dragoner ein größerer Verlust gewesen sein.“[133] Der Zorn des Königs schien sich in der That, und nicht ohne Grund, damals auf eine einzige Person zu concentriren. Von glühendem Rachedurst gegen Churchill erfüllt, reiste er weiter nach London und erfuhr bei seiner Ankunft daselbst ein neues Verbrechen des Erzverräthers. Seit einigen Stunden wurde die Prinzessin Anna vermißt.
[132.] Dartmouth’s Note zu Burnet, I. 643.
[133.] Clarendon’s Diary, Nov. 26; Clarke’s Life of James, II. 224; Prinz Georg’s Brief an den König ist oft gedruckt worden.
Flucht der Prinzessin Anna. [Anna,] welche keinen andren Willen als den der Churchill hatte, war vor acht Tagen durch sie bewogen worden, eigenhändig dem Prinzen Wilhelm zu versichern, daß sie sein Unternehmen billige. Sie schrieb ihm, daß sie ganz in den Händen ihrer Freunde sei und ganz nach deren Bestimmung entweder im Palaste bleiben oder in der Stadt einen Zufluchtsort suchen werde.[134] Am Sonntag, den 25. November mußte sie und Diejenigen, welche für sie dachten und handelten, plötzlich einen Entschluß fassen. An diesem Nachmittag brachte ein Courier von Salisbury die Nachricht, daß Churchill verschwunden sei, daß Grafton ihn begleitet habe, daß auch Kirke untreu geworden und die ganze königliche Armee im vollen Rückzüge begriffen sei. Wie gewöhnlich, wenn wichtige Nachrichten, gleichviel ob gute oder schlimme, in der Stadt anlangten, so versammelte sich auch an diesem Abende eine große Menschenmenge in den Gallerien von Whitehall. Neugierde und ängstliche Spannung sprach aus allen Gesichtern. Die Königin ergoß sich in wohl zu entschuldigende Äußerungen des Unwillens über den Hauptverräther und schonte dabei auch seine allzu parteiische Gebieterin nicht ganz. An den Zugängen des Palastflügels, den Anna bewohnte, wurden die Schildwachen verstärkt. Die Prinzessin war in der größten Angst. In wenigen Stunden mußte ihr Vater in Westminster eintreffen. Daß er sie persönlich mit Strenge behandeln würde, war nicht anzunehmen, aber sie durfte nicht hoffen, daß er ihr fernerhin den Umgang mit ihrer Freundin gestatten werde. Es war kaum daran zu zweifeln, daß Sara festgenommen und einem strengen Verhör durch gewandte und rücksichtslose Inquisitoren unterworfen werden würde. Jedenfalls wurden ihre Papiere mit Beschlag belegt, und vielleicht fand man darunter Beweise, die ihr Leben in Gefahr brachten. In diesem Falle war das Schlimmste zu fürchten. Die Rache des unerbittlichen Königs kannte keinen Unterschied des Geschlechts; um viel geringfügigerer Vergehen willen als diejenigen, deren Lady Churchill möglicherweise überführt werden konnte, hatte er Frauen aufs Schaffott und auf den Scheiterhaufen geschickt. Ihre starke Zuneigung zu Lady Churchill verlieh dem Geiste der Prinzessin eine ungewöhnliche Energie. Es gab kein Band, das sie um des Gegenstandes ihrer abgöttischen Liebe willen nicht zerrissen, keine Gefahr, der sie sich für sie nicht ausgesetzt haben würde. „Eher springe ich aus dem Fenster,“ rief sie aus, „als daß ich mich von meinem Vater hier finden lasse!“ Die Freundin übernahm es, ihre Flucht zu bewerkstelligen. Sie berieth sich in aller Eil mit einigen Oberhäuptern der Verschwörung und binnen wenigen Stunden waren alle Anstalten zur Flucht getroffen. Am Abend zog sich Anna wie gewöhnlich in ihre Gemächer zurück. Sobald es völlig dunkel geworden war, stand sie auf und schlich leise, von ihrer Freundin Sara und einigen Kammerfrauen begleitet, im Morgenrock und Hausschuhen die Hintertreppe hinunter. Die Flüchtlinge gelangten unangefochten auf die Straße, wo ein Miethwagen sie erwartete. Zwei Männer bewachten die bescheidene Equipage: Compton, Bischof von London, der alte Lehrer der Prinzessin, und der prachtliebende, talentvolle Dorset, den die Größe der öffentlichen Gefahr aus seiner üppigen Ruhe aufgerüttelt hatte. Der Wagen fuhr sogleich nach Aldersgate Street, wo damals der städtische Palast der Bischöfe von London im Schatten ihrer Kathedrale stand. Hier brachte die Prinzessin die Nacht zu. Am folgenden Morgen reiste sie nach dem Eppingwalde ab, wo Dorset ein altes Schloß besaß, das schon vor langer Zeit zerstört worden ist. In dieser gastlichen Wohnung, viele Jahre lang der Lieblingsaufenthalt von Schöngeistern und Dichtern, hielten die Flüchtlinge eine kurze Rast. Sie konnten es nicht ohne Gefahr versuchen, Wilhelm’s Hauptquartier zu erreichen, denn der Weg dahin führte durch eine von königlichen Truppen besetzte Gegend. Es wurde daher beschlossen, daß Anna sich zu den Insurgenten im Norden begeben sollte. Compton legte für diese Zeit seinen geistlichen Character völlig ab. Gefahr und Kampf hatten in seiner Brust wieder das ganze kriegerische Feuer entzündet, das ihn achtundzwanzig Jahre früher beseelte, als er unter der Leibgarde diente. In einem Büffelwams und Reiterstiefeln, das Schwert an der Seite und Pistolen in den Holstern, ritt er vor dem Wagen der Prinzessin her. Lange vor ihrer Ankunft in Nottingham war sie bereits von einer Leibwache von Gentlemen umgeben, die sie aus eignem Antriebe begleiteten. Sie ersuchten den Bischof, sich als Oberst an ihre Spitze zu stellen, und er erfüllte ihren Wunsch mit einer Bereitwilligkeit, welche bei den strengen Kirchenmännern großes Ärgerniß erregte und seinem Rufe selbst in den Augen der Whigs keinen Vortheil brachte.[135]
Als am Morgen des Sechsundzwanzigsten Anna’s Gemächer leer gefunden wurden, war die Bestürzung in Whitehall groß. Während ihre Kammerfrauen jammernd und händeringend durch die Höfe des Palastes liefen, während Lord Carven, der die Leibgarde zu Fuß commandirte, die Wachen in der Gallerie ausfragte, während der Kanzler die Papiere der Churchill versiegelte, stürzte die Amme der Prinzessin in die königlichen Gemächer und rief aus, ihre geliebte Herrin sei von den Papisten ermordet worden. Die Nachricht gelangte nach Westminsterhall. Hier erzählte man sich, Ihre Hoheit sei gewaltsam in ein Gefängniß gebracht worden. Als es nicht mehr geleugnet werden konnte, daß sie freiwillig entflohen war, wurden eine Menge Geschichten zur Motivirung ihrer Flucht erdichtet. Sie sei gröblich beleidigt und bedroht, ja sogar von ihrer gefühllosen Stiefmutter geschlagen worden, obgleich sie sich in Umständen befand, in denen eine Frau Anspruch auf eine besonders zarte Behandlung hat. Das durch eine mehrjährige schlechte Regierung argwöhnisch und reizbar gemachte Volk wurde durch diese Verleumdungen so aufgebracht, daß die Königin ihres Lebens kaum sicher war. Viele Katholiken und mehrere protestantische Tories von erprobter Loyalität eilten in den Palast, um sie im Fall eines Ausbruchs vertheidigen zu können. Inmitten dieses Schreckens und Entsetzens kam die Nachricht von der Flucht des Prinzen Georg. Dem Courier, welcher diese schlimme Botschaft überbrachte, folgte der König selbst auf dem Fuße. Es war bereits völlig dunkel, als der König ankam und von dem Verschwinden seiner Tochter unterrichtet wurde. Nach Allem, was er schon gelitten hatte, preßte dieser neue Schlag ihm einen Jammerschrei aus. „Gott stehe mir bei!“ rief er aus; „meine eigenen Kinder haben mich verlassen!“[136]
[134.] Der vom 18. Nov. datirte Brief ist in Dalrymple zu finden.
[135.] Clarendon’s Diary, Nov. 25, 26. 1688; Citters, 26. Nov. (6. Dec.); Ellis Correspondence, Dec. 19.; Duchess of Marlborough’s Vindication; Burnet, I. 792; Compton, an den Prinzen von Oranien, 2. Dec. 1688 in Dalrymple. Das militairische Kostüm des Bischofs wird in unzähligen Flugschriften und Spottgedichten erwähnt.