Aufregung in London. [Die] Hauptstadt war bei ihrer Abreise in einem Zustande furchtbarer Gährung. Die Leidenschaften, welche im Laufe dreier unruhiger Jahre nach und nach immer heftiger geworden, zeigten sich jetzt, wo sie von dem Zügel der Furcht befreit und durch Sieg und Sympathie aufgestachelt waren, unverhohlen, selbst im Bereiche des königlichen Schlosses. Die große Jury von Middlesex nahm eine Anklage gegen den Earl von Salisbury, weil er Papist geworben war, an.[145] Der Lordmayor ließ bei den Katholiken der City eine Haussuchung nach Waffen halten. Der Pöbel stürmte das Haus eines dem verhaßten Glauben anhängenden achtbaren Kaufmanns, um sich zu überzeugen, ob er nicht von seinem Keller aus unter die benachbarte Pfarrkirche eine Mine angelegt habe, um den Geistlichen mit der Gemeinde in die Luft zu sprengen.[146] Die Ausrufer schrien in den Straßen einen Aufruf zur Festnehmung Pater Petre’s aus, der seine Gemächer im Palaste gerade noch zur rechten Zeit verlassen hatte.[147] Wharton’s berühmtes Lied wurde mit vielen neu hinzugefügten Versen lauter als je in allen Straßen der Hauptstadt gesungen. Selbst die Schildwachen des Palastes sangen auf ihrer Runde:

„Der Engländer auf den Untergang des Papismus trinkt,

Lillibullero bullen a la.“

[145.] Luttrell’s Diary.

[146.] Adda, 7.(17.) Dec. 1688.

[147.] Der Nuntius sagt: „Se lo avesse fatto prima di ora, per il Rè ne sarebbe stato meglio.“

Falsche Proklamation. [Die] geheimen Pressen von London waren unausgesetzt in Thätigkeit. Tagtäglich kamen Flugschriften durch Mittel und Wege in Circulation, welche die Behörden nicht entdecken konnten oder nicht hindern wollten. Eine davon ist durch die Gewandtheit und verwegene Rücksichtslosigkeit, mit der sie geschrieben war, sowie durch den ungeheuren Eindruck, den sie machte, der Vergessenheit entrissen worden. Sie gab sich für eine ergänzende Erklärung von der Hand und unter dem Siegel des Prinzen von Oranien aus, war aber in einem ganz andren Style gehalten als sein ächtes Manifest. Allen Papisten, die es wagen sollten, sich der königlichen Sache anzuschließen, war mit einer bei christlichen und civilisirten Nationen unbekannten Rache gedroht. Sie sollten nicht als Soldaten oder Gentlemen, sondern wie Freibeuter behandelt werden. Das bis jetzt durch eine starke Hand im Zaume gehaltene Heer der Feinde sollte in seiner ganzen Wildheit und Zügellosigkeit auf sie gehetzt werden. Die guten Protestanten, namentlich diejenigen, welche die Hauptstadt bewohnten, wurden bei Allem was ihnen theuer sei beschworen und bei Strafe des allerhöchsten Mißfallens des Prinzen angewiesen, ihre katholischen Nachbarn festzunehmen, zu entwaffnen und einzusperren. Das Manuscript dieser Schrift war angeblich von einem whiggistischen Buchhändler eines Morgens unter seiner Ladenthür gefunden worden. Er beeilte sich, es drucken zu lassen. Viele Exemplare wurden mit der Post versandt und gingen rasch von Hand zu Hand. Scharfsichtige Leute erkannten es jedoch ohne Mühe als das falsche Machwerk irgend eines unruhigen und characterlosen Abenteurers, wie sie in bewegten Zeiten stets bei den unreinsten und schwärzesten Parteiumtrieben thätig sind. Der große Haufe aber ließ sich vollkommen täuschen. Der nationale und religiöse Abscheu gegen die irischen Papisten war in der That so stark erregt, daß die Mehrzahl von Denen, welche die Proklamation für ächt hielten, sie als eine ganz zeitgemäße Entfaltung von Energie mit Beifall begrüßten. Als es bekannt wurde, daß ein solches Dokument von Wilhelm selbst nicht ausgegangen war, fragte man neugierig, wer wohl der Betrüger sein möchte, der so kühn und so glücklich die Rolle des Prinzen gespielt hatte. Einige hatten Ferguson, Andere Johnson im Verdacht, bis endlich nach Verlauf von siebenundzwanzig Jahren Hugo Speke sich zum Autor der Fälschung bekannte und für diesen der protestantischen Religion geleisteten großen Dienst vom Hause Braunschweig eine Belohnung verlangte. Er behauptete in dem Tone eines Mannes, der etwas höchst Lobenswerthes und Ehrenvolles gethan zu haben glaubt, er habe, als die holländische Invasion Whitehall in Bestürzung versetzt, dem Hofe seine Dienste angeboten, habe vorgegeben, mit den Whigs zerfallen zu sein und sich erboten, bei ihnen den Spion zu spielen. So habe er Zutritt in das königliche Kabinet erlangt, habe Treue gelobt, dafür das Versprechen großer Geldbelohnungen erhalten und sich Geleitsbriefe verschafft, die ihn in den Stand setzten, die feindlichen Linien zu passiren. Dies Alles versicherte er nur in der Absicht gethan zu haben, damit er, ohne in Verdacht zu kommen, der Regierung einen tödtlichen Streich versetzen und einen heftigen Ausbruch des Nationalgefühls gegen die Katholiken herbeiführen konnte. Die falsche Proklamation erklärte er für sein Werk; ob sie dies aber wirklich war, dürfte in Zweifel zu ziehen sein. Er machte seinen Anspruch so spät erst geltend, daß wir mit Recht vermuthen dürfen, er habe auf den Tod Derer gewartet, die ihn widerlegen konnten; auch berief er sich auf kein andres Zeugniß als sein eignes.[148]

[148.] Siehe die Secret History of the Revolution, von Hugo Speke, 1715. In der Londoner Bibliothek befindet sich ein Exemplar dieses seltenen Werks mit einer handschriftlichen Note, welche von Speke selbst herzurühren scheint.

Aufstände in verschiedenen Theilen des Landes. [Während] dies in London vorging, brachte jede Post aus jedem Theile des Landes die Nachricht von einem neuen Aufstande. Lumley hatte sich Newcastle’s bemächtigt und die Bewohner hatten ihn freudig willkommen geheißen. Die Statue des Königs, die auf einem hohen Piedestale von Marmor stand, war umgerissen und in den Tyne gestürzt worden. In Hull erinnerte man sich noch lange des 3. Decembers als des Jahrestages der Einnahme der Stadt. In dieser Stadt lag eine Garnison unter den Befehlen Lord Langdale’s, eines Katholiken. Die protestantischen Offiziere entwarfen im Einverständniß mit dem Magistrat den Plan zu einem Aufstande; Langdale und seine Anhänger wurden festgenommen und Soldaten und Bürger erklärten sich gemeinsam für die protestantische Religion und ein freies Parlament.[149]

Inzwischen hatten sich auch die örtlichen Grafschaften erhoben. Der Herzog von Norfolk erschien mit einem Gefolge von dreihundert bewaffneten und berittenen Gentlemen auf dem stattlichen Marktplatze von Norwich. Hier begrüßten ihn der Mayor und die Aldermen und verpflichteten sich, ihm gegen Papismus und Willkürherrschaft beizustehen.[150] Lord Herbert von Cherbury und Sir Eduard Harley griffen in Worcestershire zu den Waffen.[151] Bristol, die zweite Stadt des Reichs, öffnete Shrewsbury ihre Thore. Trelawney, der Bischof, der im Tower das Prinzip des Nichtwiderstandes völlig verlernt hatte, war der Erste, der die Truppen des Prinzen bewillkommnete. Die Stimmung der Einwohner war so, daß man es für unnöthig hielt, eine Garnison unter ihnen zurückzulassen.[152] Das Volk von Gloucester erhob sich ebenfalls und befreite Lovelace aus dem Gefängniß. Es sammelte sich bald ein irreguläres Truppencorps um ihn. Einige von seinen Reitern hatten nur Stricke anstatt der Zügel und viele von seinen Fußsoldaten hatten keine andre Waffe als einen Knotenstock. Aber diese Truppe marschirte unangefochten durch Grafschaften, welche einst dem Hause Stuart ergeben waren, und zog endlich triumphirend in Oxford ein. Die Behörden bewillkommneten die Aufständischen mit feierlichem Gepränge. Selbst die durch neuerliche Kränkungen noch erbitterte Universität war nicht geneigt, den Aufstand zu tadeln. Schon hatten die Oberhäupter angesehener Familien eines ihrer Mitglieder abgesandt, um den Prinzen von Oranien zu versichern, daß sie aufrichtig für ihn seien und ihm gern ihr Silbergeräth zum Einschmelzen überlassen würden. Der whiggistische Anführer ritt daher unter allgemeinem Jubel durch die Hauptstadt des Toryismus. Vor ihm her schlugen die Tambours den Lillibullero. Hinter ihm folgte ein langer Zug von Reiterei und Fußvolk. Ganz High Street war mit orangefarbenen Bändern freundlich geschmückt, denn das orangefarbene Band hatte bereits die doppelte Bedeutung, die es noch jetzt, nach Verlauf von hundertsechzig Jahren besitzt. Es war schon für den protestantischen Engländer das Sinnbild der bürgerlichen und religiösen Freiheit, für den katholischen Celten das Sinnbild der Unterjochung und Verfolgung.[153]