Eine Weile schien er geneigt, zu bleiben. Er sandte Feversham von Rochester mit einem Briefe an Wilhelm. Der Inhalt dieses Briefes war, daß Seine Majestät auf der Rückreise nach Whitehall begriffen sei, daß er eine persönliche Unterredung mit dem Prinzen wünsche und daß der St. Jamespalast zum Empfang Seiner Hoheit eingerichtet werden solle.[19]
[18.] Siehe seine aus Saint-Germains datirte Proklamation vom 20. April 1692.
[19.] Clarke’s Life of James, II, 261. Orig. Mem.
Wilhelm’s Verlegenheit. [Wilhelm] befand sich jetzt in Windsor. Er hatte mit schmerzlichem Bedauern die an der Küste von Kent stattgehabten Vorfälle erfahren. Kurz vor dem Eintreffen der Nachricht hatten seine Umgebungen bemerkt, daß er ungewöhnlich heiter war. Er hatte auch in der That Ursache, sich zu freuen. Er stand am Fuße eines erledigten Thrones. Es schien, als würden alle Parteien ihn einstimmig auffordern, denselben zu besteigen. Doch plötzlich trübten sich seine Aussichten. Es ergab sich, daß die Abdankung nicht vollständig gewesen war. Ein großer Theil seiner Anhänger trug gewiß Bedenken, einen König abzusetzen, der noch unter ihnen war, der sie aufforderte, ihre Beschwerden auf parlamentarischem Wege anzubringen, und der vollständige Abstellung derselben versprach. Der Prinz mußte seine neue Stellung erwägen und ein neues Verfahren einschlagen. Kein Weg stand ihm offen, gegen den sich nicht Einwendungen hätten machen lassen, kein Weg, der ihn in eine so vortheilhafte Lage versetzen konnte, als die war, in der er sich vor wenigen Stunden noch befand. Etwas konnte indessen gethan werden. Der erste Fluchtversuch des Königs war gescheitert. Das Wünschenswertheste war jetzt, daß er einen zweiten Versuch mit besserem Erfolge unternehmen möchte. Er mußte zu gleicher Zeit geängstigt und geködert werden. Die Liberalität, mit der man ihm bei der Unterhandlung zu Hungerford entgegengekommen war, und die er mit einem Treubruche vergolten hatte, war jetzt nicht mehr angewandt. Vergleichsvorschläge durften ihm nicht mehr gemacht werden, und wenn er solche machte, so mußte man sie kalt aufnehmen. Aber auch Gewalt durfte nicht gegen ihn angewendet, ja ihm nicht einmal angedroht werden. Indessen war es vielleicht nicht unmöglich, einen so schwachen Mann auch ohne Anwendung oder Androhung von Gewalt um seine persönliche Sicherheit besorgt zu machen. Dann dachte er gewiß bald wieder an die Flucht, und in diesem Falle mußte ihm die Flucht auf jede Weise erleichtert und dafür gesorgt werden, daß er nicht wieder durch einen diensteifrigen Tölpel zurückgehalten wurde.
Verhaftung Feversham’s. [Dies] war Wilhelm’s Plan, und die Geschicklichkeit und Entschlossenheit, womit er denselben ausführte, contrastiren auffallend mit der ihm gegenüberstehenden Thorheit und Feigheit. Bald bot sich ihm eine vortreffliche Gelegenheit dar, sein Einschüchterungssystem zu beginnen. Feversham kam mit Jakob’s Brief in Windsor an. Die Wahl des Boten war eben keine glückliche. Er hatte die königliche Armee entlassen und ihm gab man vorzugsweise die Verwirrung und Angst der irischen Nacht Schuld. Sein Benehmen wurde von der öffentlichen Meinung entschieden getadelt. Wilhelm hatte sich zu einigen drohenden Worten reizen lassen, und einige drohende Worte aus Wilhelm’s Munde bedeuteten gewöhnlich etwas. Feversham wurde nach seinem Geleitsbriefe gefragt. Er hatte keinen. Indem er ohne einen solchen in einem feindlichen Lager erschien, hatte er sich nach den Kriegsgesetzen der strengsten Behandlung ausgesetzt. Wilhelm weigerte sich ihn zu empfangen und gab Befehl ihn festzunehmen.[20] Zulestein wurde sofort abgesandt, um Jakob zu benachrichtigen, daß der Prinz die verlangte Unterredung ablehne und wünsche, daß Seine Majestät in Rochester blieb.
[20.] Clarendon’s Diary, Dec. 16. 1688; Burnet, I. 800.
Ankunft Jakob’s in London. [Aber] es war zu spät. Jakob war bereits in London. Er war anfangs unschlüssig gewesen und hatte sich schon einmal wieder vorgenommen gehabt, einen neuen Versuch zur Flucht auf das Festland zu machen. Endlich aber gab er dem Andringen von Freunden, welche klüger waren als er, nach und reiste nach Whitehall ab. Am Sonntag Nachmittag den 16. December kam er daselbst an. Er hatte gefürchtet, das Volk, das während seiner Abwesenheit so viele Beweise von Haß gegen den Papismus gegeben, werde ihm einen schimpflichen Empfang bereiten. Aber gerade die Heftigkeit des neuerlichen Ausbruchs hatte eine Erschlaffung zur Folge gehabt. Der Sturm hatte sich selbst aufgezehrt. Heiterkeit und Mitleid waren auf die Wuth gefolgt. In keinem Stadttheile Londons äußerte sich die mindeste Neigung, den König zu beschimpfen; man hörte sogar einzelne Lebehochs, als er durch die City fuhr. Auf einigen Kirchthürmen läuteten die Glocken und ein paar Freudenfeuer wurden zu Ehren seiner Zurückkunft angezündet.[21] Sein kurz zuvor von der Verzweiflung überwältigter schwacher Geist wurde durch diese unerwarteten Zeichen der Gutherzigkeit und Theilnahme des Volks mit übermäßiger Freude erfüllt. In der frohesten Stimmung betrat er seine Wohnung, welche sehr bald ihr früheres Aussehen wieder annahm. Katholische Priester, welche in der vergangenen Woche froh gewesen waren, wenn sie sich in Kellern und Dachkammern vor der Wuth der Menge hatten verbergen können, kamen aus ihren Schlupfwinkeln hervor und machten Anspruch auf ihre früher innegehabten Gemächer im Palaste. Ein Jesuit sprach das Tischgebet an der königlichen Tafel. Der irische Jargon, damals jedem englischen Ohre der verhaßteste von allen Dialecten, wurde wieder überall in den Höfen und Gallerien vernommen. Der König selbst zeigte wieder seinen ganzen früheren Hochmuth. Er hielt einen Staatsrath, den letzten, dem er präsidirte, und berief selbst in dieser äußerst gefährlichen Lage Personen in denselben, welche gesetzlich nicht berechtigt waren, einen Sitz darin einzunehmen. Er sprach sein hohes Mißfallen über das Verfahren der Lords aus, die es gewagt hatten, während seiner Abwesenheit die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Er meinte, es sei ihre Pflicht gewesen, eher die Gesellschaft sich auflösen, die Häuser der Gesandten niederreißen und London in Brand stecken zu lassen, als sich die Functionen anzumaßen, welche er niederzulegen für gut befunden hatte. Unter den so Getadelten befanden sich einige Kavaliere und Prälaten, die ihm trotz aller seiner Fehler stets treu geblieben waren und selbst nach dieser Provocation nie weder durch die Hoffnung noch durch die Furcht bewogen werden konnten, ihre Unterthanentreue von ihm auf einen andren Souverain zu übertragen.[22]
Doch sein Muth ward bald gebrochen. Kaum war er in seinen Palast eingezogen, so wurde ihm Zulestein gemeldet. Er überbrachte Wilhelm’s kalte und ernste Botschaft. Der König bestand noch immer auf einer persönlichen Unterredung mit seinem Neffen. „Ich würde Rochester nicht verlassen haben,“ sagte er, „wenn ich gewußt hätte, daß er dies nicht wünschte; da ich aber nun einmal hier bin, wird er hoffentlich in den St. Jamespalast kommen.“ — „Ich muß Eurer Majestät offen sagen,“ entgegnete Zulestein, „daß Seine Hoheit nicht nach London kommen wird, so lange Truppen hier sind, welche nicht unter seinen Befehlen stehen.“ Der König schwieg bestürzt über diese Antwort. Zulestein entfernte sich, und bald darauf trat ein Gentleman in das Schlafzimmer mit der Meldung, daß Feversham verhaftet worden sei.[23] Jakob erschrak nicht wenig darüber. Doch die Erinnerung an den Beifall, mit dem er begrüßt worden war, hielt seinen Muth noch immer aufrecht. Eine kühne Hoffnung stieg in ihm auf. Er glaubte London, so lange das Bollwerk des Protestantismus und des Whiggismus, werde bereitwilligst zu seinem Schutze die Waffen ergreifen. Er ließ den Gemeinderath fragen, ob er sich verbindlich machen wolle, ihn gegen den Prinzen zu vertheidigen, wenn er, der König, seine Residenz in der City aufschlüge. Der Gemeinderath aber hatte die Entziehung des Freibriefs und den Justizmord Cornish’s nicht vergessen, und weigerte sich das verlangte Versprechen zu geben. Da sank dem Könige der Muth wieder. Wohin, fragte er, solle er sich um Schutz wenden? Es sei ganz das Nämliche, ob er holländische Truppen um sich habe, oder seine eigene Leibgarde. Was die Bürger betreffe, so wisse er jetzt, was ihre Lebehochrufe und ihre Freudenfeuer werth seien. Es bleibe ihm nichts Andres übrig als die Flucht, obgleich er recht wohl wisse, daß seine Feinde nichts sehnlicher wünschten, als daß er wieder fliehen möchte.[24]
[21.] Clarke’s Life of James, II. 262. Orig. Mem.; Burnet, I. 799. In der History of the Desertion (1689) wird behauptet, die Lebehochs seien bei dieser Gelegenheit nur von einigen jugendlichen Gaffern ausgerufen worden, die Hauptmasse des Volks aber habe schweigend zugesehen. Oldmixon, der sich unter der Menge befand, sagt das Nämliche, und Ralph, dessen vorgefaßte Meinungen von denen Oldmixon’s durchaus verschieden waren, erzählt uns, daß ein achtbarer Augenzeuge ihm dasselbe mitgetheilt habe. Die Wahrheit ist ohne Zweifel die, daß die Freudenbezeigungen an sich unbedeutend waren, aber außerordentlich schienen, weil man einen heftigen Ausbruch des öffentlichen Unwillens erwartet hatte. Barillon erwähnt auch, daß einige Zurufe und Freudenfeuer vorgekommen seien, setzt aber hinzu: „Le peuple dans le fond est pour le Prince d’Orange.“ — 17.(27.) Dec. 1688.
[22.] London Gazette, Dec. 16. 1688; Mulgrave’s Account of the Revolution; History of the Desertion; Burnet, I. 799; Evelyn’s Diary, Dec. 13, 17. 1688.