Die holländischen Truppen besetzen Whitehall. [Es] war zehn Uhr vorüber als ihm gemeldet wurde, daß drei Bataillone von der Infanterie des Prinzen, nebst einigen Reitern, mit brennenden Lunten und vollkommen kampffertig durch die lange Hauptallee des St. Jamesparks heranrückten. Graf Solms, der die fremden Truppen befehligte, sagte, er habe Befehl, die Posten in der Umgebung von Whitehall militairisch zu besetzen und forderte Craven auf, sich gutwillig zurückzuziehen. Craven schwur, er werde sich eher in Stücken hauen lassen; als aber der König, der sich eben auskleidete, erfuhr was vorging, verbot er dem tapferen alten Soldaten jeden Widerstandsversuch, der doch keinen Erfolg haben konnte. Um elf Uhr waren die Coldstreamgarden abgezogen und holländische Schildwachen machten auf allen Seiten des Palastes die Runde. Einige vom Gefolge des Königs fragten ihn, ob er es wagen wolle, sich, von Feinden umringt, niederzulegen. Er antwortete, daß sie ihn kaum schlechter behandeln könnten, als seine eigenen Unterthanen ihn behandelt hätten, und mit der gefühllosen Gleichgültigkeit eines durch das Unglück abgestumpften Mannes legte er sich zu Bett.[29]
[29.] Clarke’s Life of James, II, 264, größtentheils aus den Orig. Memoirs. Mulgrave’s Account of the Revolution; Rapin de Thoyras. Es muß bemerkt werden, daß Rapin an diesen Vorgängen thätigen Antheil hatte.
Das Schreiben des Prinzen wird Jakob überbracht. [Es] war kaum erst wieder ruhig geworden im Palaste, so gerieth aufs neue Alles in Bewegung. Kurz nach Mitternacht kamen die drei Lords von Windsor an. Middleton wurde ersucht, sie zu empfangen. Sie erklärten ihm, daß sie mit einer Sendung betraut seien, welche keinen Aufschub gestatte. Der König ward aus seinem ersten Schlummer geweckt, und sie wurden in sein Schlafzimmer eingeführt. Sie überreichten ihm das ihnen anvertraute Schreiben und kündigten ihm an, daß der Prinz in einigen Stunden in Westminster eintreffen und daß Seine Majestät wohl thun werde, vor zehn Uhr nach Ham abzureisen. Jakob machte einige Einwendungen. Ham gefiel ihm nicht. Im Sommer sei es ein ganz angenehmer Aufenthalt, um Weihnachten aber sei es dort kalt und unbehaglich, und überdies sei auch das Schloß nicht möblirt. Halifax antwortete, daß sofort Möbeln hingeschickt werden sollten. Die drei Abgesandten entfernten sich; Middleton aber eilte ihnen nach, um ihnen zu sagen, daß Rochester dem Könige viel lieber sein werde als Ham. Sie erwiederten, daß sie keine Vollmacht hätten, den Wunsch des Königs zu erfüllen, daß sie aber augenblicklich einen Expressen an den Prinzen absenden wollten, der in Sion House zu übernachten gedenke. Es ging unverzüglich ein Courier ab, der noch vor Tagesanbruch mit Wilhelm’s Einwilligung zurückkam. Wilhelm gab seine Zustimmung in der That sehr gern, denn es unterlag keinem Zweifel, daß Rochester deshalb gewählt worden war, weil es große Erleichterungen für die Flucht darbot, und daß Jakob fliehen möchte, war der sehnlichste Wunsch seines Neffen.[30]
[30.] Clarke’s Life of James, II. 265; Mulgrave’s Account of the Revolution; Burnet, I. 801; Citters, 18.(28.) Dec. 1688.
Jakob’s Aufbruch nach Rochester. [Am] Morgen des 18. December, einem regnerischen und stürmischen Morgen, hielt die königliche Barke frühzeitig an der Treppe von Whitehall, umgeben von acht bis zehn mit holländischen Soldaten gefüllten Böten. Mehrere Edelleute und Gentlemen begleiteten den König bis ans Wasser. Es wird erzählt und läßt sich wohl auch denken, daß viele Thränen vergossen wurden. Denn selbst der eifrigste Freund der Freiheit konnte das traurige und schmachvolle Ende einer Dynastie, welche so groß hätte sein können, nicht gleichgültig mit ansehen. Shrewsbury that sein Möglichstes, um den gestürzten Monarchen zu trösten. Selbst der erbitterte und heftige Delamere war ergriffen. Man bemerkte aber, daß Halifax, der sich sonst durch seine rücksichtsvolle Freundlichkeit gegen Besiegte auszeichnete, bei dieser Gelegenheit weniger theilnehmend war als seine beiden Collegen. Wahrscheinlich konnte er die Scheingesandtschaft nach Hungerford noch immer nicht vergessen.[31]
Während die königliche Barke langsam über die hochgehenden Wellen den Fluß hinabfuhr, zog eine Brigade von den Truppen des Prinzen nach der andren in London ein. Man hatte die sehr weise Anordnung getroffen, daß der Dienst in der Hauptstadt namentlich von den im Dienste der Generalstaaten stehenden britischen Soldaten verrichtet werden sollte. Die drei englischen Regimenter wurden in und um den Tower, die drei schottischen in Southwark einquartirt.[32]
[31.] Citters, 18.(28.) Dec. 1688; Evelyn’s Diary unter demselben Datum; Clarke’s Life of James, II. 266, 267. Orig. Mem.
[32.] Citters, 18.(28.) Dec. 1688.
Wilhelm’s Ankunft im St. Jamespalaste. [Trotz] des schlechten Wetters sammelte sich eine große Volksmenge zwischen Albemarle House und dem St. Jamespalaste, um den Prinzen zu bewillkommnen. Jeder Hut, jeder Stock war mit einem orangefarbenen Bande geschmückt. Alle Glocken von ganz London wurden geläutet, und an allen Fenstern standen Lichter zu einer Illumination bereit, während in den Straßen Reißigbündel zu Freudenfeuern aufgehäuft wurden. Wilhelm aber, der kein Freund vom Gedränge und vom Jubelgeschrei war; nahm seinen Weg durch den Park. Vor Einbruch der Nacht kam er, von Schomberg begleitet, in einem leichten Wagen im St. Jamespalaste an. In kurzer Zeit waren alle Zimmer und Treppen mit Leuten gefüllt, die ihm ihre Aufwartung machen wollten. Das Gedränge war so arg, daß die hochgestelltesten Männer nicht im Stande waren, sich bis in das Empfangszimmer hindurchzuarbeiten.[33] Während sich Westminster in dieser Aufregung befand, entwarf der Gemeinderath in der Guildhall eine Dank- und Beglückwünschungsadresse. Der Lordmayor war nicht im Stande den Vorsitz zu führen. Er hatte das Bett noch nicht wieder verlassen, seitdem der Kanzler in dem Anzuge eines Kohlenschiffers in den Gerichtssaal geschleppt worden war. Die Aldermen aber und die übrigen Beamten der Corporationen waren auf ihren Plätzen. Am folgenden Tage kam der Magistrat der City in Gala, um dem Befreier zu huldigen. Ihre Dankbarkeit wurde mit beredten Worten durch ihren Syndikus, Sir Georg Treby ausgesprochen. Einige Prinzen aus dem Hause Nassau, sagte er, seien die ersten Beamten einer großen Republik gewesen. Andere hätten die Kaiserkrone getragen; der gegründetste Anspruch dieses berühmten Geschlechts auf die öffentliche Verehrung bestehe darin, daß Gott es zu dem hohen Amte auserwählt und geweiht habe, von Generation zu Generation die Wahrheit und die Freiheit gegen die Tyrannei zu vertheidigen. An dem nämlichen Tage machten auch alle in der Hauptstadt anwesenden Prälaten, mit Ausnahme Sancroft’s, dem Prinzen in corpore ihre Aufwartung. Dann kam, mit ihrem Bischof an der Spitze, die londoner Geistlichkeit, an Gelehrsamkeit, Beredtsamkeit und Einfluß die ersten Männer ihres Standes. Ihnen hatten sich einige hervorragende Dissentergeistliche angeschlossen, welche Compton, was ihm zu großer Ehre gereichte, mit ausgezeichneter Artigkeit behandelte. Einige Monate vorher oder nachher würde diese Artigkeit von vielen Staatskirchenmännern als ein Verrath an der Kirche betrachtet worden sein, selbst damals konnte ein scharfes Auge nur zu deutlich erkennen, daß der Waffenstillstand, zu welchen die protestantischen Secten gezwungen worden waren, die Gefahr, aus der er entsprungen war, nicht lange überdauern werde. Ungefähr hundert in der Hauptstadt wohnende nonconformistische Geistliche überreichten eine Separatadresse. Sie wurden durch Devonshire vorgestellt und mit allen Achtungs- und Wohlwollensbezeigungen empfangen. Die Juristen brachten ihre Huldigung unter Anführung Maynard’s dar, der im Alter von neunzig Jahren noch so rüstig und so hellen Geistes war als zu der Zeit, da er in Westminsterhall als Ankläger Strafford’s auftrat. „Mr. Serjeant,“ sagte der Prinz zu ihm, „Sie müssen alle Juristen, die mit Ihnen studirten, überlebt haben.“ — „Ja, Sire,“ erwiederte der Greis, „und wäre Eure Hoheit nicht gekommen, so würde ich auch die Gesetze überlebt haben“.[34]
Aber obgleich die Adressen zahlreich und voll von Lobeserhebungen, obgleich die Jubelrufe laut und die Illumination glänzend, obgleich der St. Jamespalast für die Masse der Höflinge zu klein und obgleich die Theater jeden Abend vom Parterre bis zur letzten Gallerie von orangefarbenen Bändern strotzten, so fühlte Wilhelm doch, daß die Schwierigkeiten seines Unternehmens erst begonnen hatten. Er hatte eine Regierung gestürzt: jetzt galt es die Lösung der weit schwierigeren Aufgabe, eine neue zu errichten. Von dem Augenblicke seiner Landung bis zu seiner Ankunft in London hatte er die Autorität ausgeübt, welche nach den in der ganzen civilisirten Welt anerkannten Kriegsgesetzen dem Oberbefehlshaber einer im Felde stehenden Armee zukommt. Jetzt mußte er die Rolle eines Generals mit der eines Civilbeamten vertauschen, und dies war keine leichte Aufgabe. Ein einziger falscher Schritt konnte unheilbringend werden und es war unmöglich, irgend einen Schritt zu thun, ohne Vorurtheile zu verletzen und heftige Leidenschaften zu entzünden.