Wilhelm hatte die ganze Bedeutung der Krisis auf den ersten Blick erkannt. „Jetzt oder nie!“ sagte er auf Lateinisch zu Dykvelt.[2] Gegen Russell sprach er sich vorsichtiger aus, gab zu, daß die Leiden des Staats von der Art seien, daß sie ein außergewöhnliches Heilmittel erheischten, sprach aber sehr ernstlich von dem möglichen Scheitern des Unternehmens und von dem Unheil, welches dadurch über Großbritannien und über ganz Europa gebracht werden konnte. Er wisse nur zu gut, daß Viele, die sich jetzt in hochtönenden Worten bereit erklärten, Gut und Blut dem Vaterlande zu opfern, wieder zaghaft werden würden, wenn ihnen die Aussicht auf eine Wiederholung der Blutigen Assisen nahe vor Augen träte, und er könne sich daher nicht mit unbestimmten Versicherungen von Geneigtheit begnügen, sondern verlange bestimmte Einladungen und schriftliche Unterstützungszusagen von einflußreichen und bedeutenden Männern. Russell bemerkte ihm dagegen, daß es gefährlich sein werde, eine größere Anzahl von Personen in den Plan einzuweihen. Wilhelm stimmte ihm bei und sagte, daß einige wenige Unterschriften genügen würden, wenn es die von Staatsmännern wären, welche große Parteien repräsentirten.[3]

[2.] „Aut nunc, aut nunquam.“ — Witsen’s Handschriften, citirt von Wagenaar, Buch 60.

[3.] Burnet, I. 763.

Heinrich Sidney. [Mit] dieser Antwort kehrte Russell nach London zurück, wo er die Aufregung bedeutend gestiegen und noch täglich zunehmend fand. Die Einsperrung der Bischöfe und die Entbindung der Königin erleichterten ihm seine Aufgabe mehr als er es hätte erwarten können. Er eilte die Stimmen der Oberhäupter der Opposition zu sammeln und sein Hauptgehülfe bei diesem Geschäft war Heinrich Sidney, der Bruder Algernon’s. Es ist ein bemerkenswerther Umstand, daß Eduard Russell sowohl als Heinrich Sidney dem Hofstaate Jakob’s angehört hatten, daß Beide theils aus politischen, theils aus Privatgründen seine Feinde geworden waren und daß Beide das Blut naher Verwandter zu rächen hatten, welche in einem und demselben Jahre als Opfer seiner unerbittlichen Strenge gefallen waren. Hier endet jedoch die Ähnlichkeit. Russel war, bei bedeutenden Fähigkeiten, stolz, sarkastisch, ruhelos und heftig. Sidney schien bei sanftem Gemüth und einnehmenden Manieren seine besonderen Fähigkeiten und Kenntnisse zu besitzen und in Genußsucht und Indolenz versunken zu sein. Von Gesicht und Gestalt war er auffallend hübsch. In seiner Jugend war er der Schrecken der Ehemänner gewesen und selbst jetzt, dem fünfzigsten Jahre nahe, war er noch der Liebling der Frauen und ein Gegenstand des Neides für jüngere Männer. Er hatte sich früher in amtlicher Stellung im Haag aufgehalten und es war ihm gelungen, sich Wilhelm’s Vertrauen in hohem Grade zu erwerben. Viele wunderten sich darüber, denn man hätte glauben sollen, daß der ernsteste Staatsmann und der ausschweifendste Müßiggänger nichts mit einander gemein haben könnten. Swift konnte viele Jahre später nicht begreifen, daß ein Mann, den er nur als einen wissenschaftlich ungebildeten und frivolen alten Wüstling gekannt hatte, wirklich in einer großen Revolution eine große Rolle gespielt haben sollte. Doch selbst ein minder scharfsichtiger Beobachter als Swift hätte wissen können, daß es einen gewissen instinktartigen Takt giebt, der oft großen Rednern und Philosophen fehlt, aber oft bei Personen gefunden wird, die man für einfältige Menschen erklären würde, wenn man sie nur nach ihren Reden und Schriften beurtheilte. In der That, wer diesen Takt besitzt, für den ist es in gewissem Sinne ein Vortheil, wenn ihm die glänzenderen Talente mangeln, die ihn zu einem Gegenstande der Bewunderung, des Neides und der Furcht machen würden. Sidney war ein sprechender Beleg für diese Wahrheit. So untüchtig, unwissend und ausschweifend er zu sein schien, so erkannte er doch ober fühlte er vielmehr, gegen wen er zurückhaltend sein mußte und gegen wen er ohne Gefahr mittheilend sein durfte. In Folge dessen leistete er was Mordaunt mit all’ seiner Lebhaftigkeit und all’ seinem Erfindungsgeiste oder Burnet mit all’ seinem vielseitigen Wissen und seiner fließenden Beredtsamkeit nie hätten ausführen können.[4]

[4.] Sidney’s Diary and Correspondence, edited by Blencowe; Mackay’s Memoirs und Swift’s Note; Burnet, I. 763.

Devonshire. [Bei] den alten Whigs konnte es keine Schwierigkeiten haben. Ihrer Meinung nach hatte es seit vielen Jahren kaum einen Augenblick gegeben, wo die öffentlichen Rechtsverletzungen nicht den Widerstand gerechtfertigt hätten. Devonshire, der als ihr Oberhaupt betrachtet werden konnte, hatte sowohl private als öffentliche Unbilden zu rächen. Er ging mit ganzem Herzen auf den Plan ein und bürgte für seine Partei.[5]

[5.] Burnet, I. 764; Chiffrirter Brief an Wilhelm vom 18. Juni 1688 in Dalrymple.

Shrewsbury. — Halifax. [Russell] theilte den Plan Shrewsbury mit und Sidney sondirte Halifax. Shrewsbury entschloß sich mit einem Muthe und einer Entschiedenheit, welche späterhin seinem Character zu fehlen schienen. Er erklärte sich sofort bereit, sein Vermögen, seine Ehre und sein Leben aufs Spiel zu setzen. Halifax aber nahm die erste Andeutung des Vorhabens in einer Weise auf, welche bewies, daß es nutzlos und vielleicht sogar gefährlich gewesen wäre, sich deutlicher auszusprechen. Er war in der That auch nicht der Mann zu einem solchen Unternehmen. Sein Geist war unerschöpflich in subtilen Unterscheidungen und Einwendungen, sein Temperament friedliebend und nicht waghalsig. Er war bereit, dem Hofe im Hause der Lords und durch anonyme Schriften bis aufs Äußerste zu opponiren; aber seine vornehme Ruhe mit dem unsicheren und bewegten Leben eines Verschwörers zu vertauschen, sich in die Gewalt von Mitverschwornen zu geben, in beständiger Angst vor Verhaftbefehlen und Königsboten zu leben, ja vielleicht gar auf dem Schaffot zu enden, oder in einer Hintergasse im Haag von Almosen zu existiren, dazu hatte er wenig Lust. Er äußerte daher einige Worte, welche deutlich erkennen ließen, daß er nicht wünschte, in die Pläne seiner verwegeneren und ungestümeren Freunde eingeweiht zu werden. Sidney verstand ihn und sagte nichts mehr.[6]

[6.] Ibid.

Danby und der Bischof Compton. [Hierauf] wendete man sich nun zunächst an Danby und mit weit besserem Erfolg. Für seinen kühnen und thatkräftigen Geist hatten Gefahr und Aufregung, welche dem zarter organisirten Gemüth Halifax’ unerträglich waren, einen großen Reiz. Die verschiedenen Charactere der beiden Staatsmänner waren schon in ihren Gesichtszügen zu erkennen. Halifax’ Stirn, Auge und Mund verriethen einen ausgezeichneten Verstand und einen ungewöhnlichen Sinn für die Satire; aber sein Gesichtsausdruck war der eines Skeptikers, eines Sybariten, eines Mannes, der so leicht nicht Alles auf eine Karte setzt oder für irgend eine Sache zum Märtyrer wird. Wer sein Gesicht kennt, wird sich nicht wundern können, daß der Schriftsteller, der ihm am meisten Vergnügen machte, Montaigne war.[7] Danby war ein Skelett; sein hageres und faltenreiches, obgleich ansprechendes und edles Gesicht verrieth sowohl seine ausgezeichneten Geistesgaben, als auch seinen ruhelosen Ehrgeiz. Er hatte sich schon einmal aus der Dunkelheit auf den Gipfel der Macht emporgeschwungen und war dann plötzlich von seiner Höhe herabgestürzt. Sein Leben war in Gefahr gewesen und er hatte Jahre lang im Gefängniß zugebracht. Jetzt war er frei, aber damit war er nicht zufrieden, er wollte wieder groß werden. Als treuer Anhänger der anglikanischen Kirche und Feind des französischen Übergewichts konnte er nicht hoffen, an einem von Jesuiten wimmelnden und dem Hause Bourbon ergebenen Hofe etwas Großes zu werden. Wenn er aber eine Hauptrolle in einer Revolution übernahm, welche alle Pläne der Papisten vereiteln, der langen Vasallenschaft Englands ein Ziel setzen und die königliche Macht auf ein erlauchtes Paar übertragen sollte, dessen eheliches Band er geknüpft hatte, so konnte er mit neuem Glanze aus seiner Dunkelheit hervortreten. Die Whigs, deren Groll ihn neun Jahre früher aus dem Amte gestoßen hatte, verbanden bei seinem glücklichen Wiedererscheinen gewiß ihren Beifallsjubel mit dem seiner alten Freunde, der Kavaliere. Schon hatte er sich mit einem der Ausgezeichnetsten von Denen, welche ihn vormals angeklagt hatten, mit dem Earl von Devonshire, vollständig wieder ausgesöhnt. Die beiden Kavaliere waren in einem Dorfe im Peak zusammengekommen und hatten einander ihrer freundschaftlichen Gesinnungen versichert. Devonshire hatte offen eingestanden, daß die Whigs sich einer großen Ungerechtigkeit schuldig gemacht und hatte erklärt, daß sie jetzt von ihrem Irrthum überzeugt wären. Auch Danby hatte Mancherlei zurückzunehmen. Er hatte einst wirklich oder vorgeblich der Lehre vom passiven Gehorsame im weitesten Sinne gehuldigt. Auf seine Anregung oder mit seiner Genehmigung war ein Gesetz beantragt worden, das, wenn es angenommen worden wäre, alle Diejenigen, die sich weigerten eidlich zu erklären, daß sie gewaltsamen Widerstand unter allen Umständen für unerlaubt hielten, vom Parlament ausgeschlossen haben würde. Aber sein scharfer Verstand, durch die Sorge um das öffentliche wie um sein persönliches Wohl vollständig erleuchtet, ließ sich jetzt nicht mehr durch solche kindische Trugschlüsse täuschen, wenn dies überhaupt jemals der Fall gewesen war. Er erklärte sofort seinen Beitritt zu der Verschwörung, und bemühte sich dann, die Mitwirkung Compton’s, des suspendirten Bischofs von London zu gewinnen, was ihm auch ohne Schwierigkeit gelang. Kein Prälat war von der Regierung so rücksichtslos und ungerecht behandelt worden als Compton, auch hatte kein Prälat soviel von einer Revolution zu erwarten als er, denn er war der Erzieher der Prinzessin von Oranien gewesen und man glaubte allgemein, daß er ihr Vertrauen in hohem Maße genoß. Er hatte wie seine Collegen, so lange er noch nicht unterdrückt wurde, entschieden behauptet, daß es ein Verbrechen sei, sich gegen den Druck aufzulehnen; seitdem er aber vor der Hohen Commission gestanden, war ein neues Licht in ihm aufgegangen.[8]