[58.] Burnet, I. 805; Sixth Collection of Papers, 1689.

Stand der Parteien in England. [Der] entscheidende Augenblick rückte heran und die Aufregung der Gemüther stieg auf den Höhepunkt. Kleine Clubs von Politikern steckten überall flüsternd und berathend die Köpfe zusammen. Die Kaffeehäuser waren in heftiger Gährung, und die Pressen der Hauptstadt standen keine Minute still. Von den damals erschienenen Flugschriften könnte man noch jetzt mehrere Bände füllen und man kann sich aus diesen Flugschriften unschwer eine richtige Vorstellung von dem Stande der Parteien bilden.

Eine sehr kleine Faction wollte Jakob ohne irgend eine Bedingung zurückrufen. Eine andre, ebenfalls sehr kleine Faction wünschte eine Republik zu errichten und die Verwaltung einem Staatsrathe unter der Präsidentschaft des Prinzen von Oranien zu übertragen. Diese extremen Meinungen wurden jedoch allgemein mit Abscheu verworfen. Die Nation bestand zu Neunzehn Zwanzigsteln aus Leuten, welche mit der Liebe zur erblichen Monarchie die Liebe zur constitutionellen Freiheit verbanden, wenn auch nicht alle in gleichem Verhältnisse, und die von der gänzlichen Abschaffung des Königstitels eben so wenig etwas wissen wollten, als von der unbedingten Wiedereinsetzung des Königs.

Doch in der weiten Entfernung, welche die noch den Lehren Filmer’s anhängenden Bigotten von den Schwärmern trennte, die noch an die Verwirklichung der Träume Harrington’s dachten, war Raum für viele Meinungsschattirungen. Läßt man die unwichtigen Unterabtheilungen unberücksichtigt, so wird man finden, daß die große Majorität der Nation und der Convention in vier Abtheilungen zerfiel. Drei von diesen Abtheilungen bestanden aus Tories und die vierte bildete die Whigpartei.

Die Freundschaft zwischen den Whigs und Tories hatte die Gefahr, welche sie erzeugt, nicht überdauert. Während des Marsches des Prinzen aus dem Westen hatten sich bei verschiedenen Gelegenheiten Spaltungen unter seinen Anhängern gezeigt. So lange der Ausgang seines Unternehmens noch zweifelhaft war, hatte seine geschickte Leitung diese Zerwürfnisse ohne Mühe geschlichtet. Aber von dem Tage seines triumphirenden Einzugs in den St. Jamespalast an war eine solche Leitung nicht mehr möglich. Indem sein Sieg die Nation von der Furcht vor papistischer Tyrannei befreite, hatte er ihm zugleich die Hälfte seines Einflusses entzogen. Alte Antipathien, welche geschlummert hatten, so lange die Bischöfe im Tower und die Jesuiten im Staatsrathe saßen, so lange loyale Geistliche zu Dutzenden ihres Lebensunterhalts beraubt und loyale Gentlemen zu Hunderten ihres Friedensrichteramtes entsetzt wurden, erwachten jetzt mit erneuter Heftigkeit wieder. Der Royalist schauderte bei dem Gedanken, daß er mit allen Denen verbündet sei, die er von Jugend auf am meisten gehaßt habe: mit ehemaligen Anführern der Parlamentsarmee, die sein Landhaus erstürmt, mit ehemaligen Parlamentscommissaren, die sein Vermögen sequestrirt hatten, mit Männern, welche das Ryehouse-Gemetzel angestiftet und an der Spitze der Insurrection im Westen gestanden hatten. Auch die theure Kirche, der zu Liebe er nach einem qualvollen Kampfe seine Unterthanentreue gegen den Thron gebrochen, war sie wirklich in Sicherheit? Oder hatte er sie von einem Feinde befreit, nur um sie einem andren preis zu geben? Allerdings waren die papistischen Priester in der Verbannung, in Verstecken oder im Gefängniß. Kein Jesuit oder Benedictiner, dem sein Leben lieb war, wagte es jetzt, sich in seiner Ordenstracht zu zeigen. Aber die Presbyterianer- und Independentenprediger zogen in langer Procession zu dem Oberhaupte der Regierung, um ihm ihre Huldigung darzubringen und wurden eben so freundlich empfangen, wie die wahren Nachfolger der Apostel. Einige Schismatiker sprachen die Hoffnung aus, daß bald jede Schranke, die sie von geistlichen Ämtern ausschlösse, fallen werde, daß die Artikel gemildert, die Liturgie gesichtet, daß Weihnachten aufhören werde ein Fest, der Charfreitag ein Fasttag zu sein, daß Canonici, deren Haupt nie ein Bischof berührt, ohne das heilige Gewand von weißen Linnen in den Chören der Kathedralen das Brot und den Wein des Abendmahls an auf Bänken sitzende Communicanten austheilen werden. Der Prinz war zwar kein fanatischer Presbyterianer, aber höchstens ein Latitudinarier. Er trug kein Bedenken, nach anglikanischem Ritus zu communiciren, aber es war ihm auch gleichgültig, nach welchem Ritus andere Leute communicirten. Es stand zu befürchten, daß seine Gemahlin nur zuviel von seinem Geiste eingesogen hatte. Burnet war ihr Gewissensrath; sie hörte Prediger von verschiedenen protestantischen Secten, und hatte unlängst geäußert, daß sie zwischen der Kirche Englands und den anderen reformirten Kirchen keinen wesentlichen Unterschied erblicke.[59] Es war daher nothwendig, daß die Kavaliere in diesem Augenblicke das von ihren Vätern im Jahre 1641 gegebene Beispiel befolgten, sich von den Rundköpfen und Sectirern trennten und trotz aller Fehler des erblichen Monarchen die Sache der erblichen Monarchie aufrecht erhielten.

Die von solchen Gesinnungen beseelte Partei war zahlreich und achtungswerth. Sie schloß ungefähr die Hälfte des Hauses der Lords, etwa ein Drittel des Hauses der Gemeinen, die Mehrheit der Landgentry und mindestens neun Zehntel der Geistlichkeit in sich; aber sie war durch Spaltungen zerrissen und auf allen Seiten von Schwierigkeiten umgeben.

[59.] Albeville, 9.(19.) Nov. 1688.

Sherlock’s Plan. [Eine] Section dieser großen Partei, die besonders unter der Geistlichkeit stark vertreten und deren Hauptorgan Sherlock war, wünschte, daß Unterhandlungen mit Jakob eröffnet und daß er unter Bedingungen, welche die bürgerliche und kirchliche Verfassung des Reichs vollkommen sicher stellten, zur Rückkehr nach Whitehall eingeladen werden sollte.[60] Es springt in die Augen, daß dieser Plan, so energisch er auch von der Geistlichkeit unterstützt wurde, doch in directem Widerspruche mit den Doctrinen stand, welche der Klerus seit vielen Jahren lehrte. Es war in der That ein Versuch, einen Mittelweg einzuschlagen, wo kein Mittelweg möglich war, und einen Vergleich zwischen zwei Dingen herbeizuführen, welche keinen Vergleich zulassen: zwischen Widerstand und Nichtwiderstand. Die Tories hatten sich früher zu dem Prinzipe des Nichtwiderstandes gehalten. Aber diesen Boden hatten die meisten von ihnen jetzt verlassen und waren nicht geneigt, denselben wieder einzunehmen. Die englischen Kavaliere in ihrer Gesammtheit waren bei der letzten Erhebung gegen den König direct oder indirect so stark betheiligt gewesen, daß sie in diesem Augenblicke nicht ohne die größte Schande von der geheiligten Pflicht, einem Nero zu gehorchen, sprechen konnten; auch hatten sie überhaupt keine Lust, den Fürsten, unter dessen schlechter Regierung sie so viel hatten leiden müssen, zurückzurufen, ohne ihm Bedingungen vorzuschreiben, die es ihm unmöglich machten, seine Gewalt abermals zu mißbrauchen. Sie befanden sich deshalb in einer schiefen Stellung. Ihre alte Theorie, mochte sie nun vernünftig oder unvernünftig sein, war wenigstens vollständig und folgerichtig. War diese Theorie zweckmäßig, so mußte der König unverweilt zur Rückkehr aufgefordert und es ihm, wenn anders er wollte, gestattet werden, Seymour und Danby, den Bischof von London und den Bischof von Bristol wegen Hochverraths hinrichten zu lassen, die kirchliche Commission wiederherzustellen, die Kirche mit papistischen Würdenträgern zu füllen und die Armee unter das Commando papistischer Offiziere zu stellen. Wenn aber, wie die Tories jetzt selbst zuzugeben schienen, die Theorie unpraktisch war, warum dann mit dem Könige unterhandeln? Gestand man zu, daß er rechtmäßigerweise vom Throne ausgeschlossen werden dürfe, bis er befriedigende Garantien für die Sicherheit der kirchlichen und staatlichen Verfassung gebe, so konnte man schwerlich leugnen, daß er auch für immer rechtmäßigerweise ausgeschlossen werden durfte. Denn welche befriedigenden Garantien konnte er geben? Konnte wohl eine Parlamentsacte in klarerer Sprache gefaßt sein als die, welche vorschrieben, daß der Dechant des Christchurch-Collegiums ein Protestant sein müsse? Konnte ein Versprechen klarer und deutlicher sein als die, in denen Jakob wiederholt erklärt hatte, daß er die gesetzlichen Rechte der anglikanischen Geistlichkeit streng respectiren werde? Wenn Gesetz oder Ehrgefühl etwas Bindendes für ihn gehabt hätten, so würde er nie gezwungen gewesen sein, aus seinem Königreiche zu fliehen. Wenn aber weder Gesetz noch Ehre in seinen Augen bindend für ihn waren, konnte es dann wohl rathsam sein, ihn zurückzurufen?

Indessen würde trotz dieser Argumente wahrscheinlich ein Antrag auf Eröffnung von Unterhandlungen mit Jakob in der Convention gestellt und von der Hauptmasse der Tories unterstützt worden sein, wäre er nicht bei dieser, wie bei jeder andren Gelegenheit sein eigner schlimmster Feind gewesen. Jede von Saint-Germains kommende Post brachte Mittheilungen, welche den Eifer seiner Anhänger abkühlten. Er hielt es nicht einmal der Mühe werth, Reue über seine früheren Fehler zu heucheln oder Besserung zu geloben. Er erließ ein Manifest, in welchem er seinem Volke sagte, daß es stets sein eifriges Bestreben gewesen sei, mit Gerechtigkeit und Mäßigung zu regieren und daß es sich durch eingebildete Beschwerden selbst ins Verderben habe locken lassen.[61]

[60.] Siehe die Flugschrift, betitelt: Letter to a Member of the Convention, und die Antwort darauf; Burnet, I. 809.