[86.] Burnet, I. 819.

Die Prinzessin Anna erklärt sich mit dem Whigplane einverstanden. [Die] Tories hatten noch eine Hoffnung. Anna konnte vielleicht auf ihren eigenen und auf den Rechten ihrer Kinder bestehen. Es wurde keine Mühe gespart, um ihren Ehrgeiz aufzustacheln und ihr Gewissen zu beunruhigen. Ihr Oheim Clarendon war ganz besonders thätig. Erst wenige Wochen waren vergangen, seitdem die Hoffnung auf Reichthum und Ansehen ihn bewogen hatte, die pomphaft zur Schau getragenen Glaubensbekenntnisse seines ganzen Lebens zu verleugnen, von dem Könige abzufallen, sich dem Wildman und dem Ferguson anzuschließen und sogar vorzuschlagen, daß der König als Gefangener in ein fremdes Land geschickt und in eine von ungesunden Sümpfen umgebene Festung eingesperrt werden sollte. Der Köder, der diese auffallende Sinnesveränderung bewirkt hatte, war das Vicekönigamt in Irland. Bald zeigte es sich jedoch, daß der Proselyt wenig Aussicht hatte, den glänzenden Preis, nach welchem sein Sinn strebte, zu erringen. Er sah, daß Andere über die irländischen Angelegenheiten zu Rathe gezogen wurden. Sein Rath wurde nie verlangt, und wenn er ihn zudringlicherweise anbot, wurde er mit Kälte aufgenommen. Er begab sich häufig in den St. Jamespalast, konnte aber kaum ein Wort oder einen Blick erlangen. Das eine Mal schrieb der Prinz eben; ein ander Mal sollte er frische Luft schöpfen und einen Spazierritt durch den Park machen; das dritte Mal hatte er eine Conferenz mit Offizieren über militairische Angelegenheiten und konnte Niemanden empfangen. Clarendon sah nun, daß er keine Aussicht hatte, durch die Aufopferung seiner Grundsätze etwas zu gewinnen, und er beschloß daher, zu denselben zurückzukehren. Im December hatte der Ehrgeiz ihn zum Rebellen gemacht; im Januar verwandelte Enttäuschung ihn wieder in einen Royalisten. Das drückende Bewußtsein, daß er kein standhafter Tory gewesen war, verlieh seinem Toryismus eine besondere Leidenschaftlichkeit.[87] Im Hause der Lords hatte er Alles aufgeboten, um eine bestimmte Entscheidung zu hintertreiben. Jetzt verwendete er seinen ganzen Einfluß zu demselben Zwecke bei der Prinzessin Anna. Aber sein Einfluß auf sie war nur gering im Vergleich mit dem der Churchill, welche wohlweislich zwei mächtige Verbündete zu Hülfe nahmen: Tilletson, der als Gewissensrath damals ein großes Ansehen genoß, und Lady Russel, deren edle und liebenswürdige Tugenden, welche die schwerste aller Prüfungen bestanden, ihr den Ruf einer Heiligen erworben hatten. Bald ward es bekannt, daß die Prinzessin von Dänemark ihre Einwilligung zu Wilhelm’s lebenslänglicher Regierung zu geben geneigt war, und es lag auf der Hand, daß es ein vergebliches Beginnen gewesen wäre, die Sache der Töchter Jakob’s gegen sie selbst zu vertheidigen.[88]

[87.] Clarendon’s Diary, Jan. 1, 4, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 1688/89; Burnet, I. 807.

[88.] Clarendon’s Diary, Feb. 5. 1688/89; Duchess of Marlborough’s Vindication; Mulgrave’s Account of the Revolution.

Wilhelm spricht seine Absichten aus. [Jetzt] glaubte Wilhelm, die Zeit sei gekommen, wo er sich aussprechen müsse. Er berief daher Halifax, Danby, Shrewsbury und einige andere politische Parteihäupter von hohem Ansehen zu sich und richtete mit dem stoischen Gleichmuth, unter dem er von Kindheit auf seine stärksten Gefühlsregungen zu verbergen pflegte, einige tief durchdachte und gewichtige Worte an sie.

Er habe bis jetzt geschwiegen, sagte er, und weder Bitten noch Drohungen angewendet, ja nicht einmal eine Andeutung über seine Ansichten oder Wünsche laut werden lassen; jetzt aber sei der entscheidende Augenblick gekommen, wo er seine Absichten offen erklären müsse. Er habe weder das Recht, noch den Wunsch, der Convention Vorschriften zu machen. Er beanspruche weiter nichts als das Vorrecht, jedes Amt, das er nach seiner Überzeugung nicht mit Ehren für sich und zum Wohle des Staats würde verwalten können, ablehnen zu dürfen.

Eine starke Partei sei für eine Regentschaft. Die beiden Häuser hätten darüber zu entscheiden, ob eine solche Einrichtung dem Vaterlande zum Heile gereichen könne. Seine Meinung über diesen Punkt stehe fest und er halte es für nöthig, mit Bestimmtheit zu erklären, daß er für seine Person nicht Regent werden möchte.

Eine andre Partei wünsche die Prinzessin auf den Thron zu erheben und ihm auf Lebenszeit den Königstitel und denjenigen Antheil an der Regierung zu gewähren, den sie ihm freiwillig zugestehen würde. Zu einer solchen Stellung könne er sich nicht herablassen. Er achte die Prinzessin so hoch, als nur irgend ein Mann ein Weib achten könne, aber selbst aus ihren Händen werde er eine untergeordnete und unsichere Stellung bei der Regierung nicht annehmen. Es liege einmal nicht in seiner Natur, daß er sich an die Schürzenbänder auch der besten Frau knüpfen lassen könne. Er dränge sich durchaus nicht danach, in der englischen Geschichte eine Rolle zu spielen, wenn er aber einwillige, eine solche Rolle zu übernehmen, so gebe es nur eine, die er mit Nutzen oder mit Ehren übernehmen könne. Wenn die Stände ihm die Krone auf Lebenszeit anböten, so würde er sie annehmen, wo nicht, würde er, ohne sich zu grämen, in sein Vaterland zurückkehren. Er schloß mit den Worten, er halte es für recht und billig, daß Lady Anna und ihre Nachkommen allen Kindern, die ihm eine andre Frau als Lady etwa schenken möchte, in der Thronfolge vorgezogen würden.[89]

Die Versammlung trennte sich und binnen wenigen Stunden war die Rede des Prinzen in ganz London bekannt. Daß er König werden mußte, war jetzt klar. Die einzige Frage war nur noch, ob er die königliche Würde allein oder mit der Prinzessin gemeinschaftlich bekleiden sollte. Halifax und einige andere Staatsmänner, welche die Gefahr einer Theilung der höchsten Executivgewalt in grellem Lichte erblickten, hielten es für wünschenswerth, daß Marie, so lange Wilhelm lebte, nur Königsgemahlin und Unterthanin sein sollte. Obgleich sich viel zu Gunsten eines solchen Arrangements sagen ließ, so beleidigte sie doch das Gefühl selbst derjenigen Engländer, welche dem Prinzen am meisten ergeben waren. Seine Gemahlin hatte ihm einen beispiellosen Beweis von ehelicher Unterwerfung und Liebe gegeben, und die geringste Vergeltung dafür von seiner Seite war die Verleihung der Würde einer regierenden Königin. Wilhelm Herbert, einer der wärmsten Anhänger des Prinzen, war so entrüstet, daß er aus dem Bette sprang, an das die Gicht ihn fesselte, und mit Heftigkeit erklärte, daß er nie für Seine Hoheit das Schwert gezogen haben würde, wenn er geahnet hätte, daß eine so schmachvolle Anordnung getroffen werden solle. Niemand aber zeigte sich so gereizt über die Sache als Burnet. Sein Blut kochte bei dem Gedanken an das seiner gütigen Beschützerin zugefügte Unrecht. Er gerieth in einen heftigen Streit mit Bentinck und bat um Enthebung von seinem Kaplanposten. „So lange ich ein Diener Seiner Hoheit bin,“ sagte der wackere, rechtschaffene Geistliche, „würde es mir nicht geziemen, einen Plan zu bekämpfen, der vielleicht seinen Beifall hat. Ich wünsche daher, meine Freiheit wieder zu erhalten, um mit allen mir von Gott verliehenen Kräften für die Prinzessin zu kämpfen.“ Bentinck bewog ihn, eine offene Kriegserklärung so lange aufzuschieben, bis Wilhelm’s Entschließungen näher bekannt sein würden. In wenigen Stunden war der Plan, der so viel böses Blut gemacht hatte, völlig aufgegeben, und alle Diejenigen, welche Jakob nicht mehr als König betrachteten, stimmten in der Art der Wiederbesetzung des Thrones überein. Wilhelm und Marie mußten König und Königin werden; die Münzen mußten beider Brustbilder zeigen, die Regierungsdecrete mußten in beider Namen erlassen werden, beide mußten alle persönlichen Ehren und Privilegien der Königswürde genießen; aber die Verwaltung, welche nicht füglich getheilt werden konnte, mußte Wilhelm allein bleiben.[90]

[89.] Burnet, I. 820. Burnet sagt, er habe die Ereignisse dieser bewegten Zeit nicht in chronologischer Ordnung berichtet. Ich mußte sie daher nach meinen eigenen Muthmaßungen ordnen, glaube aber kaum mich zu irren, wenn ich annehme, daß das Schreiben der Prinzessin in der Zeit zwischen Donnerstag den 31. Jan. und Mittwoch den 6. Febr. ankam und auch der Prinz die Erklärung über seine Absichten kund gab.