Mariens Verhalten. [Von] Seiten seiner Gemahlin hatte Wilhelm keine Opposition zu fürchten. Er übte eine unbeschränkte Gewalt über ihren Geist aus und, was noch merkwürdiger war, er hatte ihre ganze Zuneigung gewonnen. Er ersetzte ihr die Eltern, die sie durch den Tod und durch Entfremdung verloren hatte, die Kinder, die ihren Gebeten versagt worden, und das Vaterland, aus dem sie verbannt war. Er theilte die Herrschaft über ihr Herz nur mit ihrem Gott. An ihrem Vater hatte sie wahrscheinlich nie mit Liebe gehangen, sie hatte ihn in früher Jugend verlassen, seit vielen Jahren hatte sie ihn nicht gesehen und sein Benehmen gegen sie seit ihrer Vermählung hatte weder Zärtlichkeit von seiner Seite verrathen noch in ihr ein derartiges Gefühl erwecken können. Er hatte alles Mögliche gethan, um ihr häusliches Glück zu stören und unter ihrem Dache ein förmliches System von Spioniererei, Aushorcherei und Angeberei eingeführt. Er bezog größere Einkünfte als irgend einer seiner Vorgänger und bewilligte ihrer jüngeren Schwester ein regelmäßiges Jahrgehalt von vierzigtausend Pfund;[13] die muthmaßliche Erbin seines Thrones aber hatte nie die geringste Geldunterstützung von ihm erhalten und war kaum im Stande, den ihrem hohen Range unter den europäischen Fürstinnen zukommenden Aufwand zu machen. Sie hatte es gewagt, sich für ihren alten Freund und Lehrer Compton bei ihm zu verwenden, der von seinen bischöflichen Functionen suspendirt worden war, weil er sich geweigert hatte, eine Handlung empörender Ungerechtigkeit zu begehen, aber ihre Fürsprache war ungnädig abgewiesen werden.[14] Von dem Tage an, wo es sich klar herausgestellt hatte, daß sie und ihr Gemahl entschlossen waren, sich bei dem Umsturze der englischen Verfassung nicht zu betheiligen, war es ein Hauptzweck der Politik Jakob’s gewesen, sie Beide zu kränken. Er hatte die britischen Regimenter aus Holland zurückberufen, er hatte mit Tyrconnel und mit Frankreich gegen Mariens Rechte conspirirt und Anstalten getroffen, um sie wenigstens einer der drei Kronen zu berauben, auf welche sie bei seinem Tode Anspruch gehabt haben würde. Jetzt glaubte die große Masse seines Volks und viele Personen von hohem Range und ausgezeichneten Fähigkeiten, daß er einen unächten Prinzen von Wales in die königliche Familie eingeschmuggelt habe, um sie eines reichen Erbtheils zu berauben, und man konnte nicht zweifeln, daß auch sie den herrschenden Argwohn theilte. Einen solchen Vater konnte sie unmöglich lieben. Ihre religiösen Grundsätze waren allerdings so streng, daß sie sich wahrscheinlich bemüht haben würde, das was sie für ihre Pflicht hielt, auch gegen einen nicht geliebten Vater zu erfüllen. In dem vorliegenden Falle aber war sie der Meinung, daß Jakob’s Anrecht auf ihren Gehorsam einem geheiligteren Anrechte weichen müsse. In der That stimmen alle Theologen und Publicisten darin überein, daß, wenn die Tochter des Fürsten eines Landes mit dem Fürsten eines andren Landes vermählt ist, sie ihr eignes Volk und ihr Vaterhaus vergessen und im Falle eines Bruches zwischen ihrem Gemahl und ihren Eltern auf die Seite des Ersteren treten muß. Dies ist die feststehende Regel, selbst wenn der Gatte im Unrecht wäre; in Mariens Augen aber war das von Wilhelm beabsichtigte Unternehmen nicht nur gerecht, sondern heilig.
[13.] Bonrepaux, 18.(28.) Juli 1687.
[14.] Birch’s Auszüge im Britischen Museum.
Schwierigkeiten der Unternehmung Wilhelm’s. [Obgleich] sie es aber sorgfältig vermied, irgend etwas zu thun oder zu sagen, was die ihm entgegenstehenden Schwierigkeiten vermehren konnte, so waren diese Schwierigkeiten doch sehr ernster Art. Sie wurden jedoch selbst von Einigen von Denen, die ihn einluden hinüberzukommen, nur unvollkommen begriffen, und sind auch von einigen Geschichtsschreibern der Unternehmung nur unvollkommen geschildert worden.
Die Hindernisse, welche er auf englischem Boden zu erwarten hatte, waren zwar die mindest furchtbaren, die der Ausführung seines Planes entgegenstanden, waren aber doch auch sehr ernst. Er sah wohl ein, daß es Wahnsinn gewesen wäre, nach dem Beispiele Monmouth’s mit einigen wenigen britischen Abenteurern über das Meer zu fahren und auf eine allgemeine Erhebung der Bevölkerung zu rechnen. Es war nothwendig und wurde von Allen, die ihn einluden, als nothwendig erkannt, daß er eine Armee mitbrachte. Aber wer konnte für den Eindruck stehen, den das Erscheinen einer solchen Armee machen würde? Die Regierung war allerdings mit Recht verhaßt, aber ließ sich wohl erwarten, daß das an die Einmischung festländischer Mächte in englische Streitigkeiten nicht gewohnte englische Volk einen von fremden Soldaten umgebenen Befreier mit wohlwollendem Auge betrachten würde? Wenn nur ein Theil der königlichen Truppen dem Eindringenden entschlossenen Widerstand entgegensetzte, würde dieser Theil nicht bald die vaterländischen Sympathien von Millionen auf seiner Seite haben? Eine Niederlage würde dem ganzen Unternehmen verderblich geworden sein. Ein blutiger Sieg der Söldlinge der Generalstaaten über die Coldstreamgarden und die Buffs im Herzen der Insel wäre fast ein eben so großes Unglück gewesen als eine Niederlage. Ein solcher Sieg würde die schmerzlichste Wunde gewesen sein, welche je dem Nationalstolze einer der stolzesten Nationen geschlagen worden. Die so eroberte Krone hätte nie in Ruhe und Frieden getragen werden können. Der Haß, mit dem man die Hohe Commission und die Jesuiten betrachtete, wäre durch den viel stärkeren Haß gegen fremde Eroberer verdrängt worden, und Viele, die seither auf Frankreichs Macht mit Furcht und Abscheu geblickt hatten, würden gesagt haben, daß wenn nun einmal ein fremdes Joch getragen werden müsse, das französische weniger schimpflich sei als das holländische.
Diese Betrachtungen hätten Wilhelm wohl bedenklich machen können, selbst wenn ihm alle militairischen Hülfsmittel der Vereinigten Provinzen zur unumschränkten Verfügung gestanden hätten. In Wirklichkeit aber schien es sehr zweifelhaft, ob er die Unterstützung eines einzigen Bataillons würde erlangen können. Von allen Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen hatte, war die größte, obgleich von den englischen Geschichtsschreibern wenig beachtete, die, welche in der Verfassung der batavischen Republik selbst lag. Noch nie hatte ein großer Staat unter einer so unzweckmäßigen Verfassung eine lange Reihe von Jahren existirt. Die Generalstaaten konnten ohne die Zustimmung der Staaten jeder einzelnen Provinz weder Krieg noch Frieden beschließen, weder ein Bündniß eingehen, noch eine Steuer erheben. Und die Provinzialstaaten konnten wieder ihre Zustimmung nicht ohne die Zustimmung derjenigen Municipalitäten geben, welche einen Antheil an der Vertretung hatten. Jede Municipalität war gleichsam ein souverainer Staat und beanspruchte als solcher das Recht, mit den fremden Gesandten direct zu verkehren und mit ihnen die Mittel zur Vereitelung von Plänen zu verabreden, welche andere Municipalitäten beabsichtigten. In einigen Stadträthen hatte die Partei, welche mehrere Generationen hindurch den Einfluß der Stadthalter mit eifersüchtigem Auge ansah, ein große Masse. An der Spitze dieser Partei standen die Behörden der stolzen Stadt Amsterdam, welche damals in ihrer höchsten Blüthe war. Sie hatten seit dem Frieden von Nymwegen mit Ludwig durch die Vermittelung seines geschickten und thätigen Gesandten, des Grafen von Avaux, stets einen freundschaftlichen Verkehr unterhalten. Vorschläge, die der Statthalter als zum Wohle der Republik unumgänglich nöthig beantragt, die von allen Provinzen außer Holland und von siebzehn unter den achtzehn holländischen Stadträthen genehmigt worden, waren schon mehr als einmal durch die einzige Stimme Amsterdam’s verworfen worden. Das einzige verfassungsgemäße Hülfsmittel in solchen Fällen bestand darin, daß Deputationen von den zustimmenden Städten der andersmeinenden Stadt einen Besuch machten, um sie womöglich zu überreden. Die Anzahl der Deputirten war unbeschränkt, sie konnten ihre Vorstellungen so lange fortsetzen, als es ihnen gutdünkte, und währenddem mußte die starrsinnige Commun, die sich ihren Gründen nicht fügen wollte, für ihren Unterhalt sorgen. Dieses abgeschmackte Zwangsmittel war einmal mit Erfolg gegen die kleine Stadt Gorkum angewendet worden, machte aber voraussichtlich keinen großen Eindruck auf das mächtige und reiche Amsterdam, das durch seinen von zahllosen Masten strotzenden Hafen, durch seine von stattlichen Gebäuden eingefaßten Kanäle, durch seine prächtige Stadthalle mit Wänden, Decken und Fußböden von polirtem Marmor, durch seine mit den kostbarsten Producten Ceylon’s und Surinam’s gefüllten Waarenmagazine und seine Börse, in der das endlose Summen aller Sprachen der civilisirten Völker ertönte, in der ganzen Welt berühmt war.[15]
Die Streitigkeiten zwischen der Majorität, welche den Statthalter unterstützte, und der Minorität, zu deren Spitze der Magistrat von Amsterdam stand, waren schon mehrmals so heftig geworden, daß Blutvergießen unvermeidlich zu sein schien. Einmal hatte der Prinz den Versuch gemacht, die widerspenstigen Deputirten als Verräther bestrafen zu lassen. Ein andermal waren ihm die Thore von Amsterdam versperrt und Truppen zur Vertheidigung der Privilegien des Municipalraths ausgehoben worden. Es war nicht zu erwarten, daß die obrigkeitliche Behörde dieser großen Stadt je in eine Expedition willigen würde, welche für Ludwig, dem sie den Hof machte, im höchsten Grade beleidigend war und voraussichtlich das ihr verhaßte Haus Oranien zu größerer Macht erhob. Und doch konnte eine solche Expedition ohne ihre Einwilligung gesetzlich nicht unternommen werden. Ihren Widerstand durch Waffengewalt zu brechen, war ein Mittel, daß der entschlossene und kühne Statthalter unter anderen Umständen nicht gescheut haben würde. In vorliegendem Falle aber war es von höchster Wichtigkeit, daß er sorgfältig jeden Schritt vermied, der als tyrannisch dargestellt werden konnte. Er durfte es nicht wagen, in demselben Augenblicke, wo er gegen seinen Schwiegervater das Schwert zog, weil dieser die Grundgesetze Englands verletzt hatte, die Grundgesetze Holland’s zu verletzen. Der gewaltsame Umsturz einer freien Verfassung würde ein sonderbares Vorspiel zur gewaltsamen Aufrichtung einer andren gewesen sein.[16]
Außerdem gab es noch eine andre Schwierigkeit, welche von den englischen Geschichtschreibern zu wenig beachtet worden ist, die aber Wilhelm nicht einen Augenblick aus dem Gesicht verlor. Er konnte das beabsichtigte Unternehmen nur dann glücklich durchführen, wenn er an das protestantische Gefühl Englands appellirte und dieses Gefühl so kräftig anspornte, daß es eine Zeit lang das vorherrschende und fast ausschließliche Gefühl der Nation würde. Dies würde in der That eine sehr einfaches Verfahren gewesen sein, hätte seine Politik einzig und allein dahin gezielt, auf unsrer Insel eine Revolution hervorzurufen und daselbst zu regieren. Aber er hatte ein andres Endziel vor Augen, das er nur mit Beihülfe von Fürsten, welche der römischen Kirche aufrichtig ergeben waren, erreichen konnte. Er wollte das deutsche Reich, den katholischen König und den heiligen Stuhl mit England und Holland zu einem Bündnisse gegen das Übergewicht Frankreichs vereinigen, daher war es nöthig, daß er, während er den gewaltigsten Schlag führte, der je zur Vertheidigung des Protestantismus geführt worden war, sich das Wohlwollen von Regierungen zu erhalten suchte, welche den Protestantismus als eine gefährliche Ketzerei betrachteten.
Dies waren die verwickelten Schwierigkeiten dieses großen Unternehmens. Staatsmänner des Continents erkannten einen Theil dieser Schwierigkeiten, britische Staatsmänner einen andren. Nur ein scharfblickender und gewaltiger Geist übersah sie mit einem einzigen Blicke und beschloß sie alle zu überwinden. Es war kein leichtes Ding, die englische Regierung vermittelst einer fremden Heeresmacht zu stürzen, ohne den Nationalstolz der Engländer zu verwunden. Es war kein leichtes Ding, von der batavischen Faction, welche Frankreich mit Vorliebe und das Haus Oranien mit Widerwillen betrachtete, eine Entscheidung zu Gunsten einer Expedition zu erlangen, die alle Pläne Frankreichs über den Haufen warf und das Haus Oranien auf den Gipfel der Größe erheben mußte. Es war kein leichtes Ding, begeisterte Protestanten zu einem Kreuzzuge gegen den Papismus zu führen, und sich trotzdem die Freundschaft fast aller papistischen Regierungen und des Papstes selbst zu erhalten. Doch alles dies führte Wilhelm aus. Er erreichte alle seine Zwecke, selbst die, welche sich am wenigsten mit einander zu vertragen schienen, vollständig und zu gleicher Zeit. Die ganze Geschichte der alten wie der neuen Zeit berichtet keinen zweiten ähnlichen Triumph der Staatskunst.
Die Aufgabe würde allerdings selbst für einen solchen Staatsmann wie der Prinz von Oranien zu schwierig gewesen sein, wären nicht seine Hauptgegner damals in einer Bethörung befangen gewesen, welche von vielen gerade nicht abergläubischen Leuten als eine besondere göttliche Strafe betrachtet wurde. Nicht nur der König von England war wie immer verblendet und verkehrt, sondern selbst die Räthe des klugen Königs von England waren thöricht geworden. Was Weisheit und Energie irgend vermögen, das that Wilhelm. Die Hindernisse aber, welche keine Weisheit oder Energie hätte überwinden können, räumten seine Feinde selbst geflissentlich aus dem Wege.