Mühe werth, dieses Recht zu bestreiten, bis es ernste Nachtheile herbeiführte. Endlich, unter der Regierung Elisabeth’s, begann die Befugniß, Monopole zu creiren, gröblich gemißbraucht zu werden, und sobald sie gemißbraucht zu werden begann, fing sie auch an, in Zweifel gezogen zu werden. Die Königin vermied es wohlweislich, sich mit einem Hause der Gemeinen zu überwerfen, das die ganze Nation zur Stütze hatte. Sie gestand offen zu, daß Grund zur Klage sei, cassirte die Patente, welche den öffentlichen Unwillen erregt hatten, und ihr Volk, erfreut über dieses Zugeständniß und über die Bereitwilligkeit, mit der es gemacht wurde, verlangte von ihr keine ausdrückliche Verzichtleistung auf die bestrittene Prärogative.
Die durch ihre Weisheit beschwichtigte Unzufriedenheit wurde durch die unehrliche und kleinmüthige Politik, die ihr Nachfolger Regierungskunst nannte, wieder hervorgerufen. Er gewährte bereitwillig drückende Monopole, und wenn er des Beistandes seines Parlaments bedurfte, annullirte er sie eben so bereitwillig. Sobald das Parlament seine Session geschlossen hatte, wurde das große Siegel noch gehässigeren Dokumenten angehängt als die, welche er kurz zuvor cassirt hatte. Endlich beschloß das vortreffliche Haus der Gemeinen, welches im Jahre 1623 zusammentrat, ein kräftiges Heilmittel gegen das Uebel anzuwenden. Der König mußte ein Gesetz genehmigen, welches die durch königliche Autorität geschaffenen Monopole für null und nichtig erklärte. Es wurden indessen einige Ausnahmen gemacht, die aber leider nicht genau genug bezeichnet waren. Es war insbesondere bestimmt, daß jede Gesellschaft von Kaufleuten, die sich zu dem Zwecke constituirt hatte, irgend einen Handel zu betreiben, alle ihre legalen Privilegien behalten sollte.[10] Die Frage, ob ein einer solchen Gesellschaft von der Krone ertheiltes Monopol ein legales Privilegium sei oder nicht, war unentschieden gelassen und beschäftigte noch viele Jahre lang den Scharfsinn der Juristen.[11] Die Nation jedoch, welche mit einem Male von einer Menge Auflagen und Plackereien befreit war, die in jeder Familie täglich hart empfunden worden, war nicht in der Stimmung, die Gültigkeit der Patente zu bestreiten, kraft deren einige Gesellschaften in London mit entfernten Welttheilen Handel trieben.
Die bei weitem wichtigste von diesen Compagnien war diejenige, die am letzten Tage des 16. Jahrhunderts von der Königin Elisabeth unter dem Namen Governor and Company of Merchants of London trading to the East Indies incorporirt worden war. Als diese berühmte Gesellschaft ihre Thätigkeit begann, stand die Macht und der Ruhm der Mogulmonarchie im Zenith. Akbar, der talentvollste und beste aller Fürsten des Hauses Tamerlan, war so eben hoch an Jahren und reich an Ehren in ein Mausoleum getragen worden, welches an Pracht jedes andre übertraf, das Europa aufzuweisen hatte. Er hatte seinen Nachfolgern ein Reich hinterlassen, welches mehr als zwanzigmal soviel Einwohner zählte und mehr als zwanzigmal soviel Revenuen abwarf als das England, das unter unsrer großen Königin eine der ersten Stellen unter den europäischen Mächten einnahm. Es ist merkwürdig und interessant, wie wenig die beiden Länder, welche dazu bestimmt waren, dereinst so eng mit einander verbunden zu werden, damals von einander wußten. Die gebildetsten Engländer betrachteten Ostindien mit unwissender Bewunderung, und die gebildetsten Eingebornen Ostindien’s wußten kaum, daß England existirte. Unsere Vorfahren hatten nur eine dunkle Ahnung von unermeßlichen Bazars, die von Verkäufern und Käufern wimmelten und von Goldstoffen, bunten Seidengeweben und Edelsteinen glänzten; von Schatzkammern, in denen Haufen von Diamanten und Berge von Zechinen aufgeschichtet lagen; von Palästen, im Vergleich zu denen Whitehall und Hampton Court bloße Hütten waren; von Armeen, zehnmal so groß wie die, welche sie bei Tilbury versammelt gesehen hatten, um die Armada zurückzuschlagen. Auf der andren Seite wußte wahrscheinlich keiner der Staatsmänner im Durbar von Agra, daß es nahe bei der untergehenden Sonne eine große Stadt von Ungläubigen, Namens London gab, wo eine Frau regierte, und daß diese Frau einer Gesellschaft fränkischer Kaufleute das ausschließliche Privilegium ertheilt hatte, Schiffe aus ihren Landen nach den indischen Gewässern zu befrachten. Daß diese Gesellschaft dereinst ganz Indien vom Ocean bis zur Region des ewigen Schnees beherrschen, große Provinzen, die sich niemals der Autorität Akbar’s unterworfen, zum unbedingten Gehorsam zwingen, Gouverneurs absenden, um in seiner Hauptstadt zu präsidiren, und seinem Erben ein Monatsgeld aussetzen würde: das würde damals auch der klügste europäische wie orientalische Staatsmann für eben so unmöglich gehalten haben, als daß Bewohner unsres Erdballs auf der Venus oder dem Jupiter ein Reich gründen könnten.
Drei Generationen gingen vorüber, und noch ließ nichts vermuthen, daß die Ostindische Compagnie jemals ein großer asiatischer Potentat werden würde. Obgleich das mongolische Reich durch innere Ursachen des Verfalls unterminirt war und seinem Sturze entgegenwankte, bot es entfernten Nationen noch immer den Anschein unverminderten Gedeihens und ungeschwächter Kraft dar. Aurengzeb, der sich in dem nämlichen Monate, in welchem Oliver Cromwell starb, den stolzen Titel Eroberer der Welt beilegte, fuhr fort zu regieren, bis Anna schon längst auf dem englischen Throne saß. Er beherrschte ein größeres Gebiet, als irgend einem seiner Vorgänger unterthan gewesen war. Sein Name stand selbst in den fernsten Gegenden des Westens in hohem Ansehen. Bei uns in England hatte Dryden ihn zum Helden eines Trauerspiels gemacht, das allein schon hinreichen würde zu beweisen, wie wenig die Engländer jener Zeit von dem großen Reiche wußten, das ihre Enkel erobern und regieren sollten. Die muselmännischen Prinzen des Dichters erklären ihre Liebe im Style Amadis’, predigen über Sokrates’ Tod und schmücken ihre Reden mit Anspielungen auf die mythologischen Geschichten Ovid’s aus. Die Braminische Seelenwanderung wird als ein Artikel des muselmännischen Glaubens dargestellt, und die muselmännischen Sultaninnen verbrennen sich mit ihren Gatten nach braminischer Sitte. Dieses Drama, dem einst gedrängt volle Häuser rauschenden Beifall zollten und das elegante Herren und Damen auswendig konnten, ist jetzt vergessen. Nur eine Stelle lebt noch und wird von Tausenden wiederholt, die nicht wissen, woher sie rührt.[12]
Obgleich noch nichts die hohe politische Bestimmung der Ostindischen Compagnie andeutete, genoß sie doch schon eines großen Ansehens in der City von London. Die Comptoirs, welche nur einen sehr kleinen Theil des Raumes einnahmen, den die gegenwärtigen Lokalitäten bedecken, waren den Verheerungen des Feuers entgangen. Das damalige India House war ein mit dem kunstvollen Schnitz- und Gitterwerk des Zeitalters der Königin Elisabeth reich verziertes Gebäude von Holz und Mörtel. Ueber den Fenstern war ein Gemälde angebracht, welches eine sich auf den Wogen schaukelnde Flotte von Kauffahrern darstellte. Ueber das ganze Gebäude ragte ein colossaler hölzerner Seemann empor, der zwischen zwei Delphinen auf das Menschengewühl von Leadenhall Street herabsah.[13] In diesem Hause, zwar eng und bescheiden im Vergleich zu dem weiten Labyrinth von Gängen und Zimmern, das jetzt denselben Namen trägt, erfreute sich die Gesellschaft während des größeren Theils der Regierung Karl’s II. eines Gedeihens, für welches die Geschichte des Handels kaum eine Parallele darbietet und das die Bewunderung, die Habsucht und den neidischen Haß der ganzen Hauptstadt erregte. Wohlstand und Luxus waren damals im raschen Wachsthum begriffen. Die Gewürze, Gewebe und Juwelen des Orients kamen mit jedem Tage mehr und mehr in Aufnahme. Der Thee, der zu der Zeit als Monk die schottische Armee nach London brachte, als eine große Rarität aus China angestaunt und nur mit den Lippen berührt wurde, war acht Jahre später ein regelmäßiger Einfuhrartikel und wurde bald in solchen Massen consumirt, daß die Finanzmänner ihn als einen zur Besteuerung geeigneten Gegenstand betrachteten. Die Fortschritte in der Kriegskunst hatten eine beispiellose Nachfrage nach den Ingredienzen erzeugt, aus denen das Schießpulver bereitet wird. Man berechnete, daß ganz Europa in einem Jahre kaum soviel Salpeter erzeugen würde, als die Belagerung einer nach Vauban’s Grundsätzen erbauten Festung erforderte.[14] Ohne die Einfuhr aus Ostindien, sagte man, würde die englische Regierung nicht im Stande sein, eine Flotte auszurüsten, wenn sie nicht die Keller London’s aufgraben wollte, um die Salpetertheilchen von den Wänden zu sammeln.[15] Vor der Restauration hatte kaum ein Schiff aus der Themse je das Delta des Ganges besucht. Während der ersten dreiundzwanzig Jahre nach der Restauration stieg der Werth der Einfuhr aus diesem reichen und dichtbevölkerten Landstriche von achttausend auf dreimalhunderttausend Pfund.
Der Gewinn der Gesellschaft, die sich im ausschließlichen Besitz dieses rasch emporblühenden Handels befand, war fast unglaublich. Das wirklich eingezahlte Kapital überstieg nicht dreihundertsiebzigtausend Pfund; aber die Compagnie erhielt ohne Schwierigkeit Geld zu sechs Procent geliehen und dieses geliehene Geld trug, im Handel angelegt, angeblich dreißig Procent. Der Gewinn war so groß, daß im Jahre 1676 jeder Actieninhaber als Dividende eine gleiche Anzahl Actien erhielt als er bereits besaß. Das so verdoppelte Kapital warf in den nächsten fünf Jahren eine jährliche Dividende von durchschnittlich zwanzig Procent ab. Es hatte eine Zeit gegeben, wo man hundert Pfund des Actienkapitals für sechzig Pfund kaufen konnte, und noch im Jahre 1664 war der Marktpreis nur siebzig Pfund. Aber schon im Jahre 1677 war der Cours auf zweihundertfünfundvierzig gestiegen, im Jahre 1681 betrug er dreihundert; später stieg er auf dreihundertsechzig und es sollen Verkäufe zu fünfhundert abgeschlossen worden sein.[16]
Der enorme Ertrag des ostindischen Handels würde vielleicht wenig Murren erregt haben, wenn er sich auf zahlreiche Actionäre vertheilt hätte. Aber während der Werth der Actien fortdauernd stieg, verminderte sich die Zahl der Actieninhaber. Zu der Zeit, wo die Compagnie in der höchsten Blüthe stand, war die Leitung derselben gänzlich in den Händen einiger weniger Kaufleute von enormem Reichthum. Ein Actionär hatte damals für jede fünfhundert Pfund Actien, die auf seinen Namen lauteten, eine Stimme. In damaligen Flugschriften wird behauptet, daß fünf Personen ein Sechstel und vierzehn Personen ein Drittel der Stimmen besaßen.[17] Von mehr als einem glücklichen Spekulanten sagte man, daß er ein jährliches Einkommen von zehntausend Pfund aus dem Monopol beziehe, und einen reichen Mann kannte man an der Börse, der sich durch umsichtige oder glückliche Actienkäufe in nicht langer Zeit ein Vermögen von zwanzigtausend Pfund jährlicher Einkünfte erworben haben sollte. Dieser Handelsfürst, der es in Reichthum und in dem Einflusse, den der Reichthum giebt, mit den reichsten Edelleuten seiner Zeit aufnahm, war Sir Josias Child. Es gab Leute, die ihn als Lehrling gekannt hatten, wie er ein Comptoir der City fegte. Aber seine Talente hatten ihn aus einer bescheidenen Stellung bald zu Wohlstand, Macht und Ruhm emporgehoben. Zur Zeit der Restauration genoß er in der Handelswelt eines hohen Ansehens. Bald nach diesem Ereignisse veröffentlichte er seine Ideen über die Philosophie des Handels. Seine Ansichten waren nicht immer richtig, aber sie waren die eines scharfsinnigen und denkenden Mannes. In welche Irrthümer er aber als Theoretiker auch hier und da verfallen sein mag, soviel ist gewiß, daß er als praktischer Geschäftsmann wenige seines Gleichen hatte. Fast unmittelbar nachdem er Mitglied des Comites geworden war, das die Angelegenheiten der Compagnie leitete, machte sich sein Einfluß fühlbar. Bald waren viele der wichtigsten Posten in Leadenhall Street wie in den Factoreien von Bombay und Bengalen mit seinen Verwandten und Creaturen besetzt. Sein Reichthum vermehrte sich fort und fort, obgleich er ihn mit prunkender Verschwendung ausgab. Er erhielt den Baronetstitel, kaufte sich einen prächtigen Landsitz in Wanstead und verwendete dort ungeheure Summen auf die Anlage von Fischteichen und auf die Bepflanzung ganzer Quadratmeilen unbebauten Landes mit Wallnußbäumen. Er verheirathete seine Tochter an den ältesten Sohn des Herzogs von Beaufort und gab ihr funfzigtausend Pfund als Mitgift.[18]
Dieses wunderbare Glück blieb jedoch nicht ungestört. Gegen das Ende der Regierung Karl’s II. begann die Compagnie von außen heftig angegriffen und gleichzeitig durch innere Spaltungen zerrissen zu werden. Der Gewinn des Handels mit Ostindien war so verführerisch, daß Privatspekulanten schon öfters, dem königlichen Monopole trotzend, Schiffe für die östlichen Meere ausgerüstet hatten. Doch erst im Jahre 1680 wurde die Concurrenz dieser Unberufenen wirklich gefährlich. Die Nation war damals durch den Streit über die Ausschließungsbill heftig aufgeregt. Aengstliche Gemüther sahen einen neuen Bürgerkrieg im Anzuge. Die beiden großen Parteien, seit kurzem Whigs und Tories genannt, bekämpften sich heftig in jeder englischen Stadt und Grafschaft, und die Fehde verbreitete sich bald in jeden Winkel der civilisirten Welt, wo Engländer zu finden waren.
Die Compagnie galt allgemein für eine whiggistische Körperschaft. Unter den Mitgliedern des Directorialausschusses befanden sich einige der heftigsten Exclusionisten der City. Zwei davon, Sir Samuel Barnardistone und Thomas Papillon, zogen sich sogar durch ihren Eifer gegen Papismus und Willkürherrschaft eine strenge gerichtliche Verfolgung zu.[19] Child war ursprünglich durch diese beiden Männer in das Directorium gebracht worden, er hatte lange im Einklange mit ihnen gehandelt und man glaubte, daß er ihre politischen Ansichten theile. Seit vielen Jahren stand er bei den Oberhäuptern der politischen Opposition in hoher Achtung und hatte besonders dem Herzoge von York geschadet.[20] Die ostindischen Schleichhändler beschlossen daher, den Character loyaler Unterthanen zu affectiren, die sich vorgenommen, dem Throne gegen die übermüthigen Tribunen der City beizustehen. Sie verbreiteten in allen Factoreien des Orients das Gerücht, daß in England große Verwirrung herrsche, daß es zum Kampfe gekommen sei oder ehestens dazu kommen werde und daß die Compagnie mit dem Beispiele der Auflehnung gegen die Krone vorangehe. Diese im Grunde nicht unwahrscheinlichen Gerüchte fanden leicht Glauben bei Leuten, welche durch eine damals noch zwölfmonatliche Reise von London getrennt waren. Einige Diener der Compagnie, die mit ihren Vorgesetzten nicht zufrieden waren, und andere, welche eifrige Royalisten waren, schlossen sich den Privathändlern an. In Bombay erklärten die Besatzung und die große Masse der englischen Einwohner, daß sie fernerhin Niemandem gehorchen würden, der nicht dem Könige gehorchte, sie warfen den Gouverneur ins Gefängniß und kündigten an, daß sie die Insel im Namen der Krone behaupteten. In St. Helena gab es einen Aufstand. Die Insurgenten nannten sich die Leute des Königs und entfalteten das königliche Banner. Sie wurden nicht ohne Mühe niedergeworfen und einige von ihnen kriegsrechtlich hingerichtet.[21]