Wenn die Adresse durchging, was konnte Wilhelm dann thun? Würde er nachgeben und alle seine theuersten, ältesten und zuverlässigsten Freunde aus seiner Nähe entfernen? Es war kaum möglich zu glauben, daß er eine so schmerzliche und so demüthigende Concession machen würde. Fügte er sich nicht, so entstand ein Bruch zwischen ihm und dem Parlament und des Parlament hatte das Volk zur Stütze. Selbst ein kraft eines erblichen Titels regierender König hätte wohl vor einem solchen Kampfe mit den Ständen des Reichs zurückschrecken können. Einem Könige aber, dessen Rechtstitel auf einem Beschlusse der Stände des Reichs beruhten, mußte ein solcher Kampf fast unvermeidlich zum Verderben gereichen. Die letzte Hoffnung Wilhelm’s war dann die Armee. Diese zu bearbeiten nahm Marlborough ebenfalls auf sich, und es ist höchst wahrscheinlich, daß ihm auch hier sein Plan gelungen sein würde. Sein Muth, seine Talente, seine noblen und gewinnenden Manieren, der glänzende Erfolg, den er bei jeder Gelegenheit wo er das Commando geführt, errungen, hatten ihn ungeachtet seiner schmutzigen Laster zum Liebling seiner Waffenbrüder gemacht. Sie waren stolz darauf, einen Landsmann zu haben, der bewiesen hatte, daß ihm nur die Gelegenheit fehlte, um es mit dem geschicktesten Marschall von Frankreich aufzunehmen. Bei den englischen Truppen waren die Holländer noch weniger beliebt als bei der Nation überhaupt. Wäre daher Marlborough, nachdem er sich die Mitwirkung einiger hoher Offiziere gesichert, im kritischen Augenblicke vor den Regimentern erschienen, die er in Flandern und in Irland zum Siege geführt, hätte er sie aufgefordert, sich um ihn zu schaaren, das Parlament zu beschützen und die Fremden zu vertreiben, so ist starker Grund zu der Annahme vorhanden, daß seinem Aufrufe Folge geleistet worden wäre. Es würde dann in seiner Macht gestanden haben, die Versprechungen zu erfüllen, die er seinem früheren Gebieter so feierlich gegeben.

Von allen Plänen, welche je zur Restauration Jakob’s oder seiner Nachkommen entworfen wurden, versprach dieser der beste zu sein. Der Nationalstolz und der Haß gegen Willkürgewalt, welche bisher auf Wilhelm’s Seite gewesen waren, würden sich jetzt gegen ihn gewendet haben. Hunderttausende, die ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben würden, um eine französische Armee zu verhindern, den Engländern eine Regierung aufzudringen, würden keine Lust gezeigt haben, eine englische Armee am Hinaustreiben der Holländer zu hindern. Selbst die Whigs konnten, ohne ihre alten Grundsätze aufzugeben, kaum einen Fürsten unterstützen, der sich hartnäckig weigerte, den ihm durch sein Parlament kund gegebenen allgemeinen Wunsch seines Volks zu erfüllen. Das Complot lief sich ganz gut an. Es wurden eifrig Stimmen geworben, und viele Mitglieder des Hauses der Gemeinen, die nicht die entfernteste Ahnung davon hatten, daß ein weitergehender Plan dahinter steckte, versprachen gegen die Fremden zu stimmen. Marlborough war unermüdlich, die Mißstimmung der Armee zu nähren. Sein Haus war beständig mit Offizieren angefüllt, die sich durch Schmähen der Holländer bis zur Wuth erhitzten. Noch ehe aber die Vorbereitungen beendigt waren, stieg in einem der Jakobiten ein sonderbarer Verdacht auf. Daß der Urheber dieses kühnen und schlauen Planes die bestehende Regierung stürzen wollte, konnte kaum einem Zweifel unterliegen. Aber war es auch ganz gewiß, welche andre Regierung er einzusetzen gedachte? Konnte er nicht Wilhelm absetzen, ohne Jakob einzusetzen? War es nicht möglich, daß ein so kluger, so ehrgeiziger und so gewissenloser Mann einen doppelten Verrath im Sinne haben konnte, einen Verrath, den die großen italienischen Politiker des 15. Jahrhunderts ein Meisterstück der Staatskunst genannt, um den ihn ein Borgia beneidet, den ein Machiavel bis in den Himmel erhoben haben würde? Wie, wenn dieser vollendete Heuchler beide rivalisirende Könige betrog? Wie, wenn er als Befehlshaber der Armee und als Protector des Parlaments die Prinzessin Anna zur Königin proklamirte? War es nicht möglich, daß die ermüdete und gehetzte Nation sich eine solche Einrichtung willig gefallen ließ? Jakob war unpopulär, weil er ein unter dem Einflusse papistischer Priester stehender Papist war. Wilhelm war unpopulär, weil er ein ausländischen Günstlingen zugethaner Ausländer war. Anna war zu gleicher Zeit Protestantin und Engländerin. Unter ihrer Regierung konnte das Land nicht in die Gefahr kommen, entweder mit Jesuiten oder mit Holländern überschwemmt zu werden. Daß Marlborough die stärksten Gründe hatte, sie auf den Thron zu setzen, lag auf der Hand. Am Hofe ihres Vaters konnte er nie etwas Andres als ein reuiger Sünder sein, dessen Dienste durch einen Pardon mehr als bezahlt waren. An ihrem Hofe aber wäre der Gatte ihrer geliebten Freundin das geworden, was Pipin Heristall und Karl Martell den Chilperich und Childebert gewesen waren. Die oberste Leitung der Civil- und Militärverwaltung wäre in seine Hände gekommen, er hätte über die ganze Macht England’s verfügt, er hätte die Wagschale Europa’s gehalten, große Könige und Republiken hätten um seine Gunst gebuhlt und ihre Staatskassen erschöpft in der eitlen Hoffnung, seine Habsucht zu befriedigen. Es war daher anzunehmen, daß, wenn er die englische Krone in seine Gewalt bekam, er sie der Prinzessin aufsetzen würde. Welche Beweise die Richtigkeit dieser Annahme unterstützten, ist nicht bekannt; soviel aber ist gewiß, daß sich etwas ereignete, was einige der ergebensten Freunde der verbannten Familie überzeugte, daß er eine neue Perfidie im Sinne habe, welche selbst das noch übertraf, was er in Salisbury gethan. Sie fürchteten daß, wenn es ihnen in diesem Augenblicke gelang, Wilhelm los zu werden, Jakob’s Situation hoffnungsloser als je sein würde.

Marlborough’s Complot durch die Jakobiten verrathen.

Sie waren von der Falschheit ihres Complicen so fest überzeugt, daß sie sich nicht nur weigerten, in der Ausführung des von ihm entworfenen Planes weiter zu gehen, sondern den ganzen Anschlag Portland entdeckten.

Wilhelm scheint durch diese Mittheilung in einem bei ihm ganz ungewöhnlichen Grade beunruhigt und aufgebracht worden zu sein. Er war sonst nachsichtig, ja sogar absichtlich blind für die Schlechtigkeit der englischen Staatsmänner, die er in seinem Dienste verwendete. Er ahnete, er wußte sogar, daß einige seiner Diener mit seinem Nebenbuhler in Correspondenz standen, und doch bestrafte er sie nicht, verabschiedete sie nicht und zeigte ihnen nicht einmal ein finstres Gesicht. Er schätzte das ganze Geschlecht von Staatsmännern, welches die Restauration gebildet und der Revolution hinterlassen hatte, gering, und er hatte nur zu guten Grund, sie gering zu schätzen. Er kannte sie zu gut, als das er sich hätte darüber beklagen sollen, daß er bei ihnen keine Wahrhaftigkeit, Treue, Consequenz und Uneigennützigkeit fand. Das Aeußerste was er von ihnen erwartete, war, daß sie ihm dienen würden, soweit als sie ihm ohne Gefahr für sich selbst dienen konnten. Wenn er hörte, daß sie, während sie in seinem Staatsrathe saßen und von seiner Freigebigkeit reich wurden, sich in Saint-Germains einen Einfluß zu verschaffen suchten, der ihnen im Falle einer Contrerevolution von Nutzen sein konnte, so war er eher geneigt ihnen das geringschätzende Lob zu ertheilen, das vor Alters der weltlichen Klugheit des ungerechten Hausverwalters gezollt wurde, als sie zu strenger Rechenschaft zu ziehen. Aber Marlborough’s Verbrechen war von ganz andrer Art. Sein Verrath war nicht der eines Kleinmüthigen, der sich für alle Fälle eine Hinterthür offen halten will, sondern der eines Mannes von furchtlosem Muthe, großer Klugheit und maßlosem Ehrgeize. Wilhelm war nicht zur Furcht geneigt; aber wenn es irgend etwas in der Welt gab was er fürchtete, so war es Marlborough. Den Verbrecher so zu behandeln wie er es verdiente, war allerdings unmöglich, denn Die, welche seine Absichten der Regierung verrathen hatten, würden sich nie dazu verstanden haben, gegen ihn in der Zeugenloge zu erscheinen; aber ihm das Obercommando der Armee zu lassen, die er eben zu verführen beschäftigt war, würde Wahnsinn gewesen sein.

Marlborough’s Ungnade.

Spät am Abend des 9. Januar hatte die Königin eine peinliche Unterredung mit der Prinzessin Anna. Am andern Morgen in der Frühe wurde Marlborough benachrichtigt, daß Ihre Majestäten seiner Dienste ferner nicht bedürften und daß er sich nicht beikommen lassen solle, wieder vor dem Könige oder der Königin zu erscheinen. Er war mit Ehren, und, was ihm noch viel lieber gewesen war, mit Reichthümern überschüttet worden. Dies Alles wurde ihm plötzlich entzogen.

Verschiedene Gerüchte über die Ursache von Marlborough’s Ungnade.

Die wahre Geschichte dieser Vorgänge war nur Wenigen bekannt. Evelyn, der gewöhnlich vortreffliche Erkundigungsquellen hatte, glaubte, daß die Bestechlichkeit und die Erpressung, deren Marlborough sich notorisch schuldig gemacht hatte, den königlichen Unwillen erregt hätten. Die holländischen Minister konnten den Generalstaaten nur sagen, daß Marlborough’s Feinde sechs verschiedene Geschichten in Umlauf gebracht hätten. Einige sagten, er habe sich indiscreterweise ein wichtiges militärisches Geheimniß entschlüpfen lassen; Andere, er habe unehrerbietig von Ihren Majestäten gesprochen; Andere, er habe zwischen der Königin und der Prinzessin Unfrieden gestiftet; Andere, er habe in der Armee Cabalen geschmiedet; Andere, er habe unbefugterweise mit der dänischen Regierung über die allgemeine europäische Politik correspondirt; noch Andere endlich, er habe mit den Agenten des Hofes von Saint-Germains verkehrt.[44] Seine Freunde widersprachen allen diesen Geschichten und behaupteten, sein einziges Verbrechen bestehe in seiner Abneigung gegen die Fremden, die über seine Landsleute dominirten, und er sei ein Opfer der Machinationen Portland’s geworden, von dem man wußte, daß er ihn nicht leiden konnte und den er eben nicht sehr artig einen hölzernen Patron genannt hatte. Das von Anfang an über der Geschichte von Marlborough’s Ungnade schwebende Dunkel wurde nach Verlauf von funfzig Jahren durch die schamlose Lügenhaftigkeit seiner Wittwe noch undurchdringlicher. Jakob’s gedrängte Darstellung zerreißt den Geheimnißschleier und giebt nicht nur darüber Aufklärung, warum Marlborough in Ungnade fiel, sondern auch darüber, wie mehrere von den Gerüchten über die Ursache seiner Ungnade entstanden sind.[45]