Unterdessen hatte Lindsay an die Thür des alten Häuptlings geklopft und mit freundlichen Worten Einlaß begehrt. Die Thür ward geöffnet. Während Mac Ian sich ankleidete und seine Dienerschaft rief, um seinen Gästen Erfrischungen bringen zu lassen, wurde er durch den Kopf geschossen. Zwei seiner Leute wurden zugleich mit ihm ermordet. Seine Gattin war bereits auf und in dem Staate, den die Fürstinnen der wilden Schluchten der Hochlande zu tragen pflegten. Die Mörder rissen ihr die Kleider und das Geschmeide vom Leibe. Die Ringe ließen sich nicht leicht von den Fingern ziehen; ein Soldat riß sie mit den Zähnen herunter. Sie starb am folgenden Tage.
Der Staatsmann, dem dieses große Verbrechen hauptsächlich zur Last fällt, hatte den Plan dazu mit vollendeter Geschicklichkeit entworfen; aber die Ausführung war nur in Bezug auf Schuld und Schmach vollkommen. Eine Reihe von Fehlgriffen bewahrte drei Viertel der Leute von Glencoe vor dem Schicksale ihres Häuptlings. Alle diejenigen moralischen Eigenschaften, welche den Menschen geschickt machen, bei einem Gemetzel eine Rolle zu spielen, besaßen Hamilton und Glenlyon in höchster Vollendung. Aber keiner von Beiden scheint viel militärisches Talent besessen zu haben. Hamilton hatte seinen Plan entworfen, ohne das schlechte Wetter in Anschlag zu bringen, und dies in einem Lande und zu einer Jahreszeit, wo das Wetter aller Wahrscheinlichkeit nach schlecht sein mußte. Die Folge davon war, daß die Fuchsbaue, wie er sie nannte, nicht zur rechten Zeit verstopft wurden. Glenlyon und seine Leute begingen den Fehler, ihre Wirthe durch Feuerwaffen aus der Welt zu befördern, anstatt sich des kalten Stahles zu bedienen. Der Knall und Blitz der Schüsse verkündete drei verschiedenen Theilen des Thales zu gleicher Zeit, daß gemordet wurde. Aus funfzig Hütten flüchtete das Landvolk halb nackt in die verborgensten Schlupfwinkel seiner unwegsamen Schlucht. Selbst den Söhnen Mac Ian’s, welche speciell zur Vernichtung bestimmt waren, gelang es zu entkommen. Sie wurden durch treue Diener geweckt. Johann, welcher durch den Tod seines Vaters der Patriarch des Stammes geworden, verließ seine Wohnung gerade in dem Augenblicke, als zwanzig Soldaten mit aufgesteckten Bajonnetten im Anmarsche waren. Es war längst heller Tag als Hamilton ankam, und er fand das Werk noch nicht halb verrichtet. Ungefähr dreißig Leichen schwammen auf den Düngerhaufen vor den Thüren in ihrem Blute. Darunter sah man auch einige Frauen und ein noch gräßlicherer und erschütternderer Anblick, eine kleine Hand, die im Tumulte des Gemetzels einem Kinde abgehauen worden war. Ein bejahrter Macdonald wurde noch lebend gefunden. Er war wahrscheinlich zu schwach, um fliehen zu können, und da er über siebzig Jahre zählte, erstreckte sich der Befehl, nach welchem Glenlyon gehandelt, nicht mit auf ihn. Hamilton ermordete den alten Mann mit kaltem Blute. Die verödeten Dörfer wurden sodann angezündet und die Soldaten zogen ab, eine Menge Schafe und Ziegen, neunhundert Rinder und zweihundert der kleinen zottigen Ponies der Hochlande mit sich fortführend.
Man sagt, und es ist nur zu glaublich, daß die Leiden der Flüchtlinge entsetzlich gewesen seien. Wie viele Greise, wie viele Frauen mit kleinen Kindern auf den Armen in den Schnee niedersanken, um nie wieder aufzustehen, wie Viele, die von Anstrengung und Hunger erschöpft in Schlupfwinkel an den Bergabhängen gekrochen waren, in diesen finstren Höhlen starben und von den Gebirgsraben bis auf die Knochen verzehrt wurden, ist nicht zu ermitteln. Wahrscheinlich aber war die Zahl Derer, welche durch Kälte, Erschöpfung und Hunger umkamen, nicht geringer als die Zahl Derer, welche von den Mördern hingeschlachtet wurden. Als die Truppen fort waren, kamen die Macdonalds aus den Höhlen von Glencoe hervor, wagten sich zurück zu der Stelle, wo die Hütten gestanden, zogen die halbverbrannten Leichname aus den rauchenden Trümmern und verrichteten einige einfache Beerdigungsceremonien. Die Tradition erzählt, daß der erbliche Barde des Stammes sich auf einen Felsen niedersetzte, der die Stätte des Gemetzels beherrschte, und sich in eine lange Klage über seine gemordeten Brüder und seine verödete Heimath ergoß. Noch achtzig Jahre nachher sang die Bevölkerung des Thales dieses schwermüthige Klagelied.[89]
Die Ueberlebenden hatten alle Ursache zu der Befürchtung, daß sie den Kugeln und Schwertern nur entgangen waren, um durch Hunger umzukommen. Das ganze Gebiet war eine Wüste. Häuser, Scheunen, Mobilien, Wirthschaftsgeräthe, Rinder- und Schafheerden und Pferde, Alles war fort. Viele Monate mußten vergehen, ehe der Clan im Stande war, auf seinem Grund und Boden die Mittel zu gewinnen, um auch nur die dürftigste Existenz zu fristen.[90]
Man wird sich vielleicht wundern, daß diese Ereignisse nicht mit einem Ausrufe des Abscheus in allen Theilen der civilisirten Welt aufgenommen wurden. Aber es ist Thatsache, daß Jahre vergingen, ehe der öffentliche Unwille gründlich erwachte, und Monate, bevor der schwärzeste Theil der Geschichte selbst bei den Feinden der Regierung Glauben fand. Daß das Gemetzel in den Londoner Tagesblättern und in den monatlichen Zeitschriften, welche kaum minder höfisch gesinnt waren als die Zeitungen, oder in den durch officielle Censoren erlaubten Flugschriften nicht erwähnt wurde, ist leicht erklärlich. Daß sich aber auch in Tagebüchern und Briefen von Personen, die von jeder Beschränkung frei waren, keine Notiz davon findet, muß auffällig erscheinen. In Evelyn’s Tagebuch kommt kein Wort über den Gegenstand vor. In Narcissus Luttrell’s Tagebuche ist fünf Wochen nach dem Gemetzel eine interessante Bemerkung eingezeichnet. Briefe aus Schottland, sagt er, schilderten dieses Land als vollkommen ruhig, ausgenommen daß man sich über kirchliche Fragen noch ein wenig stritte. Die holländischen Minister theilten ihrer Regierung regelmäßig alle schottischen Neuigkeiten mit. Sie hielten es damals der Mühe werth zu erwähnen, daß ein Kaper in der Nähe von Berwick ein Kohlenschiff aufgebracht habe, daß die Edinburger Diligence beraubt worden, und daß bei Aberdeen ein Wallfisch mit einer siebzehn Fuß langen und sieben Fuß breiten Zunge gestrandet sei. Aber in keiner ihrer Depeschen findet sich eine Andeutung, daß die Rede von einem außerordentlichen Ereignisse in den Hochlanden gehe. Es kamen zwar nach ungefähr drei Wochen Gerüchte von der Ermordung einiger Macdonalds über Edinburg nach London. Aber diese Gerüchte waren vag und einander widersprechend, und das Schlimmste derselben war noch weit von der schrecklichen Wahrheit entfernt. Die whiggistische Version der Geschichte lautete, daß der alte Räuber Mac Ian die Soldaten habe in einen Hinterhalt locken wollen, daß er sich aber in seiner eigenen Schlinge gefangen habe und daß er nebst einigen Mitgliedern seines Clans mit dem Schwerte in der Hand gefallen sei. Die jakobitische Version, welche am 23. März von Edinburg abging, erschien am 7. April in der Pariser Gazette. Glenlyon, hieß es darin, sei mit einem Detachement von Argyle’s Regiment abgesandt worden, um unter dem Schutze der Dunkelheit die Bewohner von Glencoe zu überfallen, und habe sechsunddreißig Männer und Knaben und vier Frauen getödtet.[91] Darin lag weder etwas Wunderbares noch etwas Entsetzliches. Ein nächtlicher Angriff auf eine Bande Freibeuter in einer starken natürlichen Festung kann eine durchaus gerechtfertigte militärische Operation sein, und in der Dunkelheit und der Verwirrung eines solchen Angriffs kann auch der Humanste das Unglück haben, eine Frau oder einen Knaben, zu erschießen. Die Umstände, welche dem Gemetzel von Glencoe einen eigenthümlichen Character verleihen, der Wortbruch, die Verletzung der Gastfreundschaft, die zwölf Tage erheuchelter Freundschaft und heiteren Zusammenlebens, der Morgenbesuche, der geselligen Mahlzeiten, des Gesundheittrinkens und des Kartenspiels wurden von dem Edinburger Correspondenten der Gazette de Paris nicht erwähnt, und wir dürfen daraus mit Gewißheit schließen, daß jene Umstände bis dahin selbst nachforschenden und thätigen Mißvergnügten, welche in der Hauptstadt Schottland’s, hundert Meilen von der Stelle, wo die That verübt worden, wohnten, völlig unbekannt waren. Im Süden der Insel machte die Sache, so weit es sich jetzt beurtheilen läßt, fast gar kein Aufsehen. Für den Londoner der damaligen Zeit war Appin das, was für uns das Kafferngebiet oder Borneo ist. Die Nachricht, daß einige hochländische Räuber überfallen und getödtet worden wären, machte auf ihn keinen größeren Eindruck als wenn wir hören, daß eine Bande Viehdiebe von Amakosah niedergemacht oder daß ein Fahrzeug voll malayischer Piraten in den Grund gebohrt worden sei. Er hielt es für ausgemacht, daß in Glencoe nichts Schlimmeres geschehen sei als was in vielen anderen Schluchten Schottland’s geschah. Es hatte einen nächtlichen Kampf, wie sie zu Hunderten vorkamen, zwischen den Macdonalds und Campbells gegeben, und die Campbells hatten die Macdonalds aufs Haupt geschlagen.
Nach und nach kam jedoch die ganze Wahrheit zum Vorschein. Aus einem ungefähr zwei Monat nach Verübung des Verbrechens in Edinburg geschriebenen Briefe geht hervor, daß die entsetzliche Geschichte unter den Jakobiten dieser Stadt bereits cursirte. Im Sommer wurde Argyle’s Regiment nach dem Süden der Insel versetzt, und Einige von der Mannschaft machten bei der Flasche auffällige Bekenntnisse von dem, was sie im vergangenen Winter zu thun gezwungen worden waren. Die Eidverweigerer bemächtigten sich bald des Fadens und verfolgten ihn entschlossen; ihre geheimen Pressen traten in Thätigkeit, und endlich, fast ein Jahr nachdem das Verbrechen begangen worden, wurde es der Welt offenbart.[92] Aber die Welt war noch lange ungläubig. Die gewohnheitsmäßige Lügenhaftigkeit der jakobitischen Pasquillanten hatte ihnen eine wohlverdiente Strafe zugezogen. Jetzt, wo sie zum ersten Mal die Wahrheit sagten, glaubte man wieder sie erzählten nur einen Roman. Sie beklagten sich bitter darüber, daß die Geschichte, obgleich vollkommen authentisch, vom Publikum als eine Parteilüge betrachtet werde.[93] Noch im Jahre 1695 bemerkte Hickes in einer Schrift, in der er sein Lieblingsthema von der Thebanischen Legion gegen das aus dem Stillschweigen der Geschichtsschreiber abgeleitete unwiderlegbare Argument zu vertheidigen suchte, daß man wohl daran zweifeln dürfe, ob irgend ein Geschichtsschreiber das Gemetzel von Glencoe erwähnen werde. Es gebe in England, sagt er, viele Tausend gebildete Leute, welche nie von diesem Gemetzel gehört hätten oder die es für eine bloße Fabel hielten.[94]
Gleichwohl begann die Strafe einiger der Schuldigen sehr bald. Hill, den man eigentlich kaum schuldig nennen kann, war sehr ängstlich. Auch Breadalbane, so verhärtet er war, fühlte den Stachel des Gewissens oder die Furcht vor der Strafe. Wenige Tage nachdem die Macdonalds zu ihrer alten Wohnstätte zurückgekehrt waren, besuchte sein Intendant die Trümmer des Hauses Glencoe und bemühte sich die Söhne des ermordeten Häuptlings zur Unterzeichnung einer Schrift zu überreden, worin sie erklärten, daß sie den Earl für unschuldig an dem vergossenen Blute hielten. Es wurde ihnen versichert, daß, wenn sie diese Erklärung abgäben, Se. Lordschaft seinen ganzen großen Einfluß aufbieten würde, um ihnen volle Amnestie und Zurückerstattung alles dessen was sie verwirkt hätten, zu verschaffen.[95] Glenlyon bemühte sich nach Möglichkeit eine gleichgültige Miene zu heucheln. Er zeigte sich in dem elegantesten Kaffeehause von Edinburg und sprach laut und selbstgefällig von dem wichtigen Dienste, zu welchem er im Gebirge verwendet worden sei. Einige von seinen Soldaten jedoch, die ihn genauer beobachteten, raunten einander zu, daß alle seine Bravaden bloß Schein seien. Er sei nicht mehr der Mann, der er vor jener Nacht gewesen. Sein ganzes Aussehen sei verändert. An jedem Orte, zu jeder Stunde, er möge wachen oder schlafen, stehe Glencoe vor seinen Augen.[96]
Doch welche Besorgnisse Breadalbane beunruhigen, welche Fantome Glenlyon ängstigen mochten, der Master von Stair empfand weder Furcht noch Reue. Er war wohl ärgerlich, aber nur über Hamilton’s Mißgriffe und über das Entrinnen so Vieler von dem verdammten Gezücht. „Thue Recht und scheue Niemand”, so lautet die Sprache in seinen Briefen. „Kann es eine heiligere Pflicht geben als das Land von Räubern zu befreien? Das Einzige, was ich bedaure, ist, daß welche davongekommen sind.”[97]
Wilhelm begiebt sich auf den Continent.
Am 6. März war Wilhelm, aller Wahrscheinlichkeit nach ohne Kenntniß der Einzelnheiten des Verbrechens, das einen dunklen Schatten auf seinen Ruhm geworfen hat, nach dem Continent abgereist, die Königin als Viceregentin in England zurücklassend.[98]