Die Ausrottung, welche der Master von Stair im Sinne hatte, war ganz andrer Art. Sein Plan war, das ganze fluchwürdige Räubergezücht zu vertilgen. So lautete die Sprache, in der sein Haß sich Luft machte. Er studirte die Geographie der wilden Gegend um Glencoe und traf seine Anordnungen mit teuflischem Scharfsinn. Der Schlag mußte wo möglich rasch, vernichtend und gänzlich unerwartet sein. Wenn Mac Ian aber die Gefahr ahnen und versuchen sollte, auf den Gebieten seiner Nachbarn eine Zufluchtsstätte zu suchen, mußte er jeden Weg versperrt finden. Der Paß von Rannoch mußte besetzt werden. Dem Laird von Weems, der in Strath Tay große Macht hatte, mußte gesagt werden, daß, wenn er die Räuber bei sich aufnehme, er dies auf seine Gefahr thue. Breadalbane versprach, den Fliehenden auf einer Seite den Rückzug abzuschneiden, Mac Callum More auf einer andren. Es sei ein Glück, schrieb der Sekretär, daß Winter sei. Dies sei die rechte Zeit, um die Schurken zu züchtigen. Die Nächte seien so lang, die Berggipfel so kalt und stürmisch, daß auch die abgehärtetsten Männer den Aufenthalt im Freien ohne Obdach oder Feuer nicht lange aushalten könnten. Daß die Frauen und Kinder in dieser Wildniß Schutz fänden, sei ganz unmöglich. Während er so schrieb, kam ihm nicht im Entferntesten der Gedanke, daß er eine große Abscheulichkeit begehe. Er war glücklich in der Billigung seines eigenen Gewissens. Pflicht, Gerechtigkeit, ja Nächstenliebe und Erbarmen waren die Namen, die er seiner Grausamkeit als Mantel umhing, und es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, daß er sich selbst durch die Maske täuschen ließ.[87]
Hill, welcher die im Fort William versammelten Truppen befehligte, wurde nicht mit der Ausführung des Planes beauftragt. Er scheint ein menschenfreundlicher Mann gewesen zu sein, denn er war tief betrübt, als er erfuhr, daß die Regierung sich zur Strenge entschlossen habe, und man fürchtete wahrscheinlich, daß ihm im entscheidendsten Momente der Muth sinken werde. Er erhielt deshalb die Weisung, ein starkes Detachement unter die Befehle seines Untercommandeurs, des Oberstleutnants Hamilton zu stellen. Diesem wurde sehr verständlich angedeutet, daß er jetzt eine vortreffliche Gelegenheit habe, seinen Ruf in den Augen der am Ruder Stehenden zu befestigen. Ein großer Theil der ihm anvertrauten Truppen waren Campbells und gehörten zu einem unlängst von Argyle errichteten und nach ihm benannten Regimente. Man glaubte wahrscheinlich, daß bei einer solchen Gelegenheit die Humanität sich der bloßen Gewohnheit des militärischen Gehorsams gegenüber als zu stark erweisen möchte und daß man sich wenig auf Herzen würde verlassen können, die nicht durch eine Fehde verhärtet seien, wie sie seit langer Zeit zwischen den Leuten Mac Ian’s und den Leuten Mac Callum More’s wüthete.
Wäre Hamilton offen gegen die Leute von Glencoe marschirt und hätte sie über die Klinge springen lassen, so würde es seiner That wahrscheinlich nicht an Vertheidigern und sicherlich wenigstens nicht an Präcedenzfällen gefehlt haben. Aber der Master von Stair hatte sehr nachdrücklich ein andres Verfahren empfohlen. Bei dem geringsten Alarm würde man das Nest der Räuber leer finden und in einer so unwirthbaren Gegend Jagd auf sie zu machen, würde selbst mit allem Beistande Breadalbane’s und Argyle’s ein langwieriges und schweres Stück Arbeit sein. „Besser,” schrieb er, „man bindet gar nicht mit ihnen an, als man bindet vergebens mit ihnen an. Wenn die Sache beschlossen ist, muß sie im Geheimen und unverhofft geschehen.[88]” Man folgte seinem Rathe und beschloß, daß die Leute von Glencoe nicht durch militärische Execution, sondern durch die feigste und niederträchtigste Form des Meuchelmordes umkommen sollten.
Am 1. Februar marschirten hundertzwanzig Soldaten von Argyle’s Regiment unter den Befehlen eines Hauptmanns Namens Campbell und eines Leutnants Namens Lindsay nach Glencoe. Hauptmann Campbell wurde in Schottland nach dem Gebirgspasse, in welchem seine Besitzung lag, gewöhnlich Glenlyon genannt. Er besaß jede erforderliche Eigenschaft für den Dienst zu dem er verwendet wurde: eine schamlose Stirn, eine glatte, lügnerische Zunge und ein demanthartes Herz. Auch war er einer von den wenigen Campbells, von denen man erwarten durfte, daß die Macdonalds ihnen trauen und sie willkommen heißen würden, denn seine Nichte war mit Alexander, dem zweiten Sohne Mac Ian’s, vermählt.
Der Anblick der herannahenden Rothröcke erregte einige Besorgniß unter der Bevölkerung des Thales. Johann, der älteste Sohn des Häuptlings, ging mit zwanzig Clansleuten den Fremden entgegen und fragte sie, was dieser Besuch zu bedeuten habe. Leutnant Lindsay antwortete, die Soldaten kämen als Freunde und verlangten nichts weiter als Quartier. Sie wurden freundlich aufgenommen und unter den Strohdächern der kleinen Commun einlogirt. Glenlyon fand mit mehreren seiner Leute Aufnahme in dem Hause eines Tacksman, der nach dem Häuflein Hütten, das unter seiner Autorität stand, Inverriggen genannt wurde. Lindsay fand näher bei der Wohnung des alten Häuptlings ein Unterkommen. Auchintriater, einer der vornehmsten Männer des Clans, der das kleine Dorf Auchnaion verwaltete, fand daselbst Raum für eine von einem Sergeanten, Namens Barbour, commandirte Abtheilung. Lebensmittel wurden in reichlicher Menge geliefert. Es fehlte nicht an Rindfleisch, das wahrscheinlich auf fremden Weiden fett geworden, und man verlangte keine Bezahlung, denn in der Gastfreundschaft wie in der Raublust wetteiferten die gälischen Banditen mit den Beduinen. Zwölf Tage lang lebten die Soldaten ganz gemüthlich unter den Bewohnern der Schlucht. Der alte Mac Ian, der wegen des Verhältnisses, in dem er zur Regierung stand, anfangs nichts Gutes geahnet hatte, schien jetzt Gefallen an dem Besuche zu finden. Die Offiziere brachten einen großen Theil ihrer Zeit bei ihm und seiner Familie zu. Die langen Winterabende wurden mit Hülfe einiger Spiele Karten, die sich nach diesem entlegenen Winkel der Welt verlaufen hatten, und etwas Franzbranntwein, der wahrscheinlich ein Theil von Jakob’s Abschiedspräsent an seine hochländischen Anhänger war, heiter und vergnügt am Torffeuer hingebracht. Glenlyon schien seiner Nichte und deren Gatten Alexander mit inniger Liebe zugethan. Jeden Tag kam er in ihr Haus, um dort zu frühstücken. Währenddem erforschte er mit der größten Aufmerksamkeit alle Zu- und Ausgänge, auf denen die Macdonalds, wenn das Signal zum Gemetzel erfolgte, versuchen konnten, ins Gebirge zu entkommen, und berichtete Hamilton das Ergebniß seiner Beobachtungen.
Hamilton bestimmte den 13. Februar, fünf Uhr Morgens, zur Ausführung der That. Er hoffte, daß er bis dahin Glencoe mit vierhundert Mann erreichen und alle Baue verstopft haben würde, in die sich der alte Fuchs und seine beiden Jungen — so wurden Mac Ian und seine Söhne spottweise von den Mördern genannt — flüchten konnten. Schlag fünf Uhr aber sollte Glenlyon, mochte Hamilton eingetroffen sein oder nicht, aufbrechen und jeden Macdonald unter siebzig Jahren ermorden.
Die Nacht war rauh. Hamilton und seine Truppen kamen nur langsam vorwärts und verspätigten sich bedeutend. Während sie mit Wind und Schnee kämpften, speiste Glenlyon mit Denen, die er vor Tagesanbruch niederzumetzeln gedachte, und spielte Karten mit ihnen. Er und Leutnant Lindsay hatten versprochen, am folgenden Tage bei dem alten Häuptlinge zu Mittag zu essen.
Spät am Abend erwachte in dem ältesten Sohne des Häuptlings der unbestimmte Verdacht, daß man etwas Böses im Sinne habe. Die Soldaten waren unverkennbar in einer aufgeregten Stimmung und einige von ihnen ließen sonderbare Aeußerungen fallen. Man erzählte sich, daß zwei Mann Folgendes leise mit einander gesprochen haben sollten. „Mir gefällt dieser Streich nicht,” flüsterte der Eine. „Ich würde recht gern gegen die Macdonalds kämpfen, aber Leute in ihren Betten umbringen — ” „Wir müssen thun was uns befohlen wird,” erwiederte eine andre Stimme. „Geschieht etwas Unrechtes, so haben es unsere Offiziere zu verantworten.” Johann Macdonald war so beunruhigt, daß er noch kurz nach Mitternacht in Glenlyon’s Quartier kam. Glenlyon und seine Leute waren sämmtlich wach und schienen ihre Waffen zum Kampfe in Bereitschaft zu bringen. Johann fragte äußerst besorgt, was diese Vorkehrungen zu bedeuten hätten. Glenlyon erschöpfte sich in Freundschaftsversicherungen. „Einige von Glengarry’s Leuten haben die Gegend beunruhigt, und wir machen uns bereit, gegen sie auszurücken. Ihr habt nichts zu fürchten. Glaubt Ihr ich würde Eurem Bruder Sandy und seiner Frau nicht einen Wink gegeben haben, wenn Euch irgend eine Gefahr drohte?” Johann’s Verdacht war beschwichtigt. Er kehrte nach Hause zurück und legte sich zur Ruhe.
Es war fünf Uhr Morgens. Hamilton war mit seinen Leuten noch einige Meilen entfernt, und die Zugänge die er besetzen sollte, noch frei. Glenlyon aber hatte gemessene Befehle, und er begann sie in dem kleinen Dorfe, in welchem er selbst lag, in Vollzug zu setzen. Sein Wirth Inverriggen und neun andere Macdonalds wurden aus ihren Betten gerissen, an Händen und Füßen gefesselt und ermordet. Ein zwölfjähriger Knabe umschlang die Knie des Hauptmanns und bat flehentlich um sein Leben. Er wolle Alles thun, er wolle überallhin mitgehen, er wolle Glenlyon bis ans Ende der Welt folgen. Selbst Glenlyon soll Zeichen von Rührung an den Tag gelegt haben; aber ein Bube, Namens Drummond, schoß den Knaben nieder.
In Auchnaion war der Tacksman Auchintriater diesen Morgen frühzeitig aufgestanden und saß mit acht Mitgliedern seiner Familie am Feuer, als eine Flintensalve ihn und sieben seiner Angehörigen todt oder sterbend zu Boden streckte. Sein Bruder, der allein nicht getroffen worden war, rief den Sergeanten Barbour, der die Mörder commandirte, an und bat ihn um die Vergünstigung, unter freiem Himmel sterben zu dürfen. „Gut,” sagte der Sergeant, „ich will Euch den Gefallen thun, weil ich an Eurem Tische gegessen habe.” Der verwegene und athletische Bergschotte kam unter dem Schutze der Dunkelheit heraus, stürzte sich auf die Soldaten, die eben auf ihn anschlagen wollten, warf ihnen seinen Plaid über die Köpfe und war in einem Nu auf und davon.