Diese Argumente würden selbst dann von großem Gewicht gewesen sein, wenn alle Präcedenzfälle für die entgegengesetzte Meinung gesprochen hätten. In der That aber bot unsre Geschichte nur einen Fall dar, welcher überhaupt hier angezogen werden konnte, und dieser Fall sprach entschieden zu Gunsten des Satzes, daß königliche Ausschreiben zum Bestehen eines Parlaments nicht unbedingt nöthig seien. Kein königliches Ausschreiben hatte die Convention einberufen, welche Karl II. zurückrief. Gleichwohl war jene Convention noch nach seiner Restauration beisammen geblieben, hatte Gesetze gegeben, das Budget aufgestellt, eine Amnestieacte erlassen und die Lehnsdienstleistungen abgeschafft. Diese Maßnahmen waren durch eine Autorität sanctionirt worden, von der keine Partei im Staate ohne Ehrerbietung sprechen konnte. Hale hatte wesentlichen Theil daran genommen und hatte stets behauptet, daß sie streng gesetzlich seien. Auch Clarendon, so wenig er geneigt war, irgend eine, die Rechte der Krone oder das Ansehen des Siegels, dessen Bewahrer er war, beeinträchtigende Doctrin zu begünstigen, hatte erklärt, daß, wenn Gott der Nation zu einem äußerst kritischen Zeitpunkte ein gutes Parlament gegeben habe, es die größte Thorheit sein würde, technische Mängel in dem Instrument zu suchen, durch welches ein solches Parlament zusammenberufen sei. Konnte irgend ein Tory behaupten, daß die Convention von 1660 ehrwürdigeren Ursprungs gewesen sei als die von 1689? War ein Schreiben, das der erste Prinz von Geblüt auf Ansuchen der gesammten Pairie und Hunderter von Gentlemen, welche Grafschaften und Städte vertraten, erlassen hatte, nicht eine mindestens eben so gute Vollmacht als ein Beschluß des Rumpfparlaments?
Schwächere Gründe als diese würden den Whigs, welche die Majorität des Geheimen Raths bildeten, genügt haben. Der König begab sich demnach am fünften Tage nach seiner Proklamirung mit königlichem Gepränge in das Haus der Lords und nahm seinen Sitz auf dem Throne ein. Die Gemeinen wurden hereingerufen und er erinnerte nun seine Zuhörer mit vielen huldvollen Ausdrücken an die gefährliche Lage des Landes, und ermahnte sie, diejenigen Schritte zu thun, welche unnöthigen Verzögerungen im Gange der Staatsgeschäfte vorbeugen könnten. Seine Rede wurde von den zahlreich versammelten Gentlemen mit dem leisen Gemurmel aufgenommen, durch welches unsere Vorfahren ihren Beifall zu erkennen zu geben pflegten und das oft an geheiligteren Stätten als die Kammer der Peers war, gehört wurde.[34] Sobald er sich wieder entfernt hatte, wurde eine die Convention für ein Parlament erklärende Bill auf den Tisch der Lords gelegt und ohne weiteres von ihnen angenommen. Bei den Gemeinen dagegen gab es eine heiße Debatte. Das Haus erklärte sich zu einem Comité, und die Aufregung war so groß daß, nachdem die Autorität des Sprechers beseitigt war, die Ordnung kaum noch aufrecht erhalten werden konnte. Es wurden scharfe persönliche Ausfälle gewechselt. Der Ausruf „Hört ihn!“ den man ursprünglich nur zur Dämpfung ordnungswidrigen Geräusches und um die Mitglieder daran zu erinnern, daß es ihre Pflicht sei, der Discussion aufmerksam zu folgen, gebraucht hatte, war nach und nach das geworden was er jetzt ist, nämlich ein Ausruf, welcher je nach der Betonung, die man ihm gab, Bewunderung, Zustimmung, Entrüstung oder Hohn ausdrückte. Bei dieser Gelegenheit riefen die Whigs so geräuschvoll Hört! Hört! daß die Tories sich über Unschicklichkeit beklagten. Seymour, der Führer der Minorität, erklärte, daß von Freiheit der Debatte nicht mehr die Rede sein könne, wenn solcher Lärm geduldet werde. Einige alte whiggistische Mitglieder fühlten sich dadurch veranlaßt, ihn zu erinnern, daß, wenn er den Vorsitz führte, zuweilen ein gleiches Geschrei gehört und nicht verboten worden sei. So gereizt und erbittert indeß beide Parteien auch waren, bekundeten doch die beiderseitigen Reden die hohe Achtung vor Gesetz und verjährtem Recht, welche seit langer Zeit ein characteristischer Zug der Engländer ist und die, wenn sie auch zuweilen in Pedanterie und Aberglauben ausartet, immerhin ihr Gutes hat. Selbst in dieser wichtigen Krisis, als die Nation sich noch in der Gährung einer Revolution befand, erörterten unsere Staatsmänner ausführlich und ernst alle Umstände, welche bei der Absetzung Eduard’s II. und Richard’s II. obgewaltet, und untersuchten mit ängstlicher Genauigkeit, ob die Versammlung, welche, mit dem Erzbischof Lanfranc an der Spitze, Robert von der Normandie vom Throne ausschloß und Wilhelm den Rothen darauf setzte, nachher noch fortfuhr, als gesetzgebender Körper des Landes zu wirken oder nicht. Es wurde viel über die Geschichte der Ausschreiben, viel über die Etymologie des Wortes Parlament gesagt. Bemerkenswerth ist es, daß der alte Maynard derjenige Redner war, der die Sache von dem staatsmännischsten Gesichtspunkte auffaßte. Er hatte während der bürgerlichen Zwistigkeiten von fünfzig ereignißvollen Jahren gelernt, daß Fragen, welche die höchsten Interessen des Staats berührten, nicht durch Wortklaubereien und durch Brocken von juristischem Französisch und juristischem Latein entschieden werden konnten, und da er anerkanntermaßen der scharfsinnigste und gelehrteste englische Jurist war, durfte er seine Gedanken und Gesinnungen unumwunden aussprechen, ohne Gefahr zu laufen, der Ignoranz oder Anmaßung beschuldigt zu werden. Er verwarf die ganze Büchergelehrsamkeit, welche einige in solchen Dingen weit weniger erfahrene Männer als er in die Discussion gezogen hatten, als kleinlich und übel angebracht. „Wir stehen,“ sagte er, „in diesem Augenblicke nicht auf dem gebahnten Wege. Wenn wir daher entschlossen sind, nur auf diesem Wege fortzugehen, so werden wir gar nicht vorwärts kommen. Wer in einer Revolution sich vornimmt, nichts zu thun was nicht streng der herkömmlichen Form gemäß ist, gleicht einem Menschen, der sich in der Wildniß verirrt hat und beständig nur ruft: Wo ist die Landstraße? ich will nur auf der Landstraße gehen! — In einer Wildniß muß man denjenigen Weg einschlagen, auf dem man nach Hause gelangt. In einer Revolution müssen wir das höchste Gesetz, das Wohl des Staates, zur Richtschnur nehmen.“ Ein andrer Rundkopfveteran, der Oberst Birch, sprach in gleichem Sinne und argumentirte mit großer Gewandtheit und Schärfe aus dem Präcedenzfalle von 1660. Seymour und seine Anhänger wurden im Comité geschlagen und wagten es nicht, das Haus über den Bericht abstimmen zu lassen. Die Bill ging rasch durch und erhielt am zehnten Tage nach Wilhelm’s und Mariens Thronbesteigung die königliche Zustimmung.[35]
[34.] Van Citters, 19. Febr. (1. März) 1688/89.
[35.] Stat. 1 W. & M. sess. I. c. 1. Siehe die Protokolle der beiden Häuser und Grey’s Debates. Die Beweisführung zu Gunsten der Bill ist in der Pariser Gazette vom 5. und 12. März 1689 gut zusammengefaßt.
Die Mitglieder der beiden Häuser werden aufgefordert die Eide zu leisten. [Das] Gesetz, welches die Convention in ein Parlament verwandelte, enthielt einen Paragraphen, welcher bestimmte, daß nach dem 1. März in keinem der beiden Häuser Jemand Sitz und Stimme haben solle, der nicht dem neuen Königspaare den Huldigungseid geleistet habe. Diese Verordnung brachte die ganze Gesellschaft in große Aufregung. Die Anhänger der verbannten Dynastie hofften und sagten mit Bestimmtheit voraus, daß die Eidverweigerer zahlreich sein würden. Die Minorität in beiden Häusern, meinten sie, werde der Sache der erblichen Monarchie treu bleiben. Es werde vielleicht hier und da einen Verräther geben, die große Masse Derer aber, welche für eine Regentschaft gestimmt hatten, werde fest bleiben. Zwei Bischöfe höchstens würden die Usurpatoren anerkennen. Seymour werde sich eher aus dem öffentlichen Leben zurückziehen, als seinen Grundsätzen untreu werden, Grafton habe sich schon vorgenommen, nach Frankreich zu entfliehen und seinem Oheim zu Füßen zu fallen. Solche Gerüchte machten während der letzten Hälfte des Februar durch alle Kaffeehäuser die Runde. Die Aufregung im Publikum war so groß, daß, wenn ein angesehener Mann zwei Tage hintereinander an seinen gewohnten Aufenthaltsorten vermißt wurde, man sich gleich zuraunte, er sei nach Saint-Germains entwichen.[36]
Der zweite März kam heran und das Resultat schlug die Befürchtungen der einen Partei nieder und zerstörte die Hoffnungen der andren. Der Primas hielt sich zwar mit einigen seiner Suffraganen beharrlich fern, aber drei Bischöfe und dreiundsiebzig weltliche Peers leisteten die Eide. Bei der nächsten Sitzung des Oberhauses fanden sich noch einige Prälaten mehr ein; kurz, binnen einer Woche hatten ungefähr hundert Lords die Bedingungen zur Einnahme ihrer Plätze erfüllt. Andere, welche durch Krankheit verhindert waren zu erscheinen, sandten Entschuldigungen und Versicherungen ihrer Anhänglichkeit an Ihre Majestäten. Grafton widerlegte alle über ihn in Umlauf gebrachten Märchen, indem er gleich am ersten Tage zur Eidesleistung erschien. Zwei Mitglieder der kirchlichen Commission, Mulgrave und Sprat, beeilten sich ihren Fehler dadurch gut zu machen, daß sie Wilhelm Treue und Gehorsam schworen. Beaufort, der lange als Typus eines Royalisten der alten Schule gegolten hatte, unterwarf sich nach kurzem Schwanken. Aylesbury und Dartmouth, obwohl zwei heftige Jakobiten, trugen eben so wenig Bedenken, den Huldigungseid zu leisten, als sie nachher Bedenken trugen, ihn zu brechen.[37] Die Hyde schlugen verschiedene Richtungen ein. Rochester fügte sich dem Gesetz; Clarendon aber zeigte sich widerspenstig. Viele fanden es sonderbar, daß der Bruder, der so lange zu Jakob gehalten, bis dieser flüchtete, sich weniger hartnäckig erwies, als der Bruder, der im holländischen Lager gewesen war. Die Erklärung ist vielleicht darin zu suchen, daß Rochester durch Verweigerung der Eide viel mehr verloren haben würde als Clarendon. Clarendon’s Einkünfte hingen nicht vom Belieben der Regierung ab; Rochester aber hatte einen Jahrgehalt von viertausend Pfund, den er fortzubeziehen nicht hoffen durfte, wenn er sich weigerte, das neue Herrscherpaar anzuerkennen. Er hatte in der That so viele Feinde, daß es sogar einige Monate zweifelhaft schien, ob man ihm unter irgend welchen Bedingungen die glänzende Belohnung lassen werde, die er sich durch Verfolgung der Whigs und durch einen Sitz in der Hohen Commission erworben hatte. Vor diesem harten Schlage für seine Vermögensumstände wurde er durch die Verwendung Burnet’s bewahrt, den er schwer beleidigt und der sich jetzt rächte wie es einem christlichen Priester ziemte.[38]
Im Unterhause wurden am zweiten März vierhundert Mitglieder vereidigt, darunter auch Seymour. Durch seinen Abfall ward der Muth der Jakobiten gebrochen, und die Minorität folgte mit sehr wenigen Ausnahmen seinem Beispiele.[39]
[36.] Van Citters sowohl als Ronquillo erwähnen die ängstliche Spannung, welche bis zum Bekanntwerden des Resultats in London herrschte.
[37.] Lords’ Journals, March 1688/89.
[38.] Siehe die Briefe, welche Rochester und Lady Ranelagh bei dieser Gelegenheit an Burnet schrieben.