Entschädigung der Vereinigten Provinzen. [Die] Gemeinen bewilligten nach kurzer Debatte und ohne Abstimmung sechsmalhunderttausend Pfund zu dem Zwecke, die Kosten der Expedition, welche England befreit hatte, den Vereinigten Provinzen zurückzuerstatten. Die Leichtigkeit, mit der diese bedeutende Summe einem schlauen, thätigen und sparsamen Volke bewilligt ward, das in politischer Beziehung unser Bundesgenosse, in commercieller Hinsicht aber unser gefährlichster Nebenbuhler war, erregte außerhalb der Kammern einiges Murren und war mehrere Jahre lang ein Lieblingsthema für die Sarkasmen der toryistischen Tagesschriftsteller.[43] Die Freigebigkeit des Hauses war jedoch leicht zu erklären. An dem nämlichen Tage, an welchem dieser Gegenstand berathen wurde, trafen in Westminster beunruhigende Nachrichten ein und überzeugten Viele, die zu einer andren Zeit geneigt gewesen wären, jede von den Holländern eingeschickte Rechnung einer strengen Prüfung zu unterwerfen, daß unser Land die Dienste fremder Truppen noch nicht entbehren konnte.
[43.] Commons’ Journals, March 15. 1688/89. Noch im Jahre 1713 spielte Arbuthnot im fünften Theile des John Bull mit viel Witz auf diesen Gegenstand an. „Was Euren Venire Facias betrifft,“ sagt John zu Nick Frog, „so habe ich Euch für einen schon bezahlt.“
Meuterei in Ipswich. [Frankreich] hatte den Generalstaaten den Krieg erklärt und die Generalstaaten hatten in Folge dessen vom Könige von England die Unterstützung verlangt, die er durch den Vertrag von Nimwegen zu leisten verpflichtet war.[44] Er hatte einige Bataillone nach Harwich verordert, um sich dort zur Überfahrt nach dem Festlande bereit zu halten. Die alten Soldaten Jakob’s waren meist in einer sehr schlechten Stimmung, und dieser Befehl übte keine besänftigende Wirkung aus. Am größten war die Unzufriedenheit in dem Regimente, das gegenwärtig als das erste der Linie bezeichnet wird. Obgleich dieses Regiment der englischen Armee angehörte, hatte es doch seit der Zeit, da es zuerst unter dem großen Gustav kämpfte, fast ausschließlich aus Schotten bestanden, und die Schotten haben nie verfehlt, in jedem Lande, wohin ihr abenteuerlicher und ehrgeiziger Sinn sie führte, die geringste ihrem Heimathlande bewiesene Geringschätzung zu fühlen und zu ahnden. Offiziere wie Gemeine murmelten, daß der Beschluß einer ausländischen Versammlung in ihren Augen nichts gelte. Wenn sie überhaupt ihres Treuschwurs für König Jakob VII. entbunden werden könnten, so müsse dies durch die Stände von Edinburg, nicht durch die Convention von Westminster geschehen. Ihr Unmuth wuchs, als sie erfuhren, daß Schomberg zu ihrem Obersten ernannt war. Vielleicht hätten sie es sich zur Ehre schätzen sollen, den Namen des größten Soldaten Europa’s zu führen, aber bei aller seiner Tapferkeit und militärischen Tüchtigkeit war er doch nicht ihr Landsmann, und während der sechsundfunfzig Jahre, welche verstrichen waren, seitdem sich ihr Regiment in Deutschland seine ersten Lorbeern verdiente, war es nie von einem Andren als einem Hopburn oder einem Douglas commandirt worden. In dieser gereizten Stimmung erhielten sie Befehl, zu den Streitkräften zu stoßen, die sich in Harwich sammelten. Es wurde viel gemurrt, doch kam es zu keinem Ausbruch, bis das Regiment in Ipswich anlangte. Hier gaben zwei Hauptleute, welche eifrige Anhänger des verbannten Königs waren, das Zeichen zur Empörung. Der Marktplatz füllte sich bald mit hin und her rennenden Pikenmännern und Musketiren. Schüsse wurden aufs Gerathewohl nach allen Richtungen hin abgefeuert. Diejenigen Offiziere, welche die Meuterer im Zaume zu halten versuchten, wurden überwältigt und entwaffnet. Endlich gelang es den Leitern des Aufstandes, einige Ordnung herzustellen und sie marschirten nun an der Spitze ihrer Anhänger aus Ipswich ab. Die kleine Armee bestand aus etwa achthundert Mann. Sie hatten vier Kanonen mitgenommen und sich der Kriegskasse bemächtigt, die eine bedeutende Summe Geldes enthielt. Eine halbe Meile von der Stadt wurde Halt gemacht, eine allgemeine Berathung gepflogen und beschlossen, daß die Meuterer in ihr Heimathsland zurückeilen und mit ihrem rechtmäßigen Könige leben und sterben wollten. Demgemäß brachen sie in Eilmärschen nach dem Norden auf.[45]
Als die Nachricht in London eintraf, war die Bestürzung groß. Es hieß, daß auch bei anderen Regimentern sich beunruhigende Symptome gezeigt hätten und besonders daß ein in Harwich liegendes Füsilircorps große Lust zu haben scheine, dem in Ipswich gegebenen Beispiele zu folgen. „Wenn diese Schotten,“ sagte Halifax zu Reresby, „nicht auf Unterstützung rechnen können, so sind sie verloren; haben sie aber im Einverständniß mit Anderen gehandelt, dann ist die Gefahr in der That sehr ernst.“[46] Das Wahre scheint zu sein, daß eine Verschwörung bestand, die in vielen Heerestheilen Verzweigungen hatte, daß aber die Verschwörer durch die Festigkeit der Regierung und des Parlaments im Schach gehalten wurden. Es ward eben eine Ausschußsitzung des Geheimen Raths gehalten, als die Nachricht von dem Aufstande in London eintraf. Wilhelm Harbord, der Vertreter des Burgfleckens Launceston, welcher Mitglied des Ausschusses war, wurde von seinen Collegen ersucht, sich sogleich in das Haus der Gemeinen zu begeben und dort das Vorgefallene mitzutheilen. Er ging, erhob sich auf seinem Platze und erzählte seine Geschichte. Der Geist der Versammlung trug der Lage der Dinge gebührende Rechnung. Howe war der Erste, der kräftiges Einschreiten verlangte. „Ersuchet den König,“ sagte er, „seine holländischen Truppen gegen diese Leute zu entsenden. Ich wüßte nicht, wem man sonst trauen könnte.“ — „Die Sache ist kein Spaß,“ sagte der alte Birch, welcher Oberst im Dienste des Parlaments gewesen war und das mächtigste und berühmteste Haus der Gemeinen, das es je gegeben, durch dessen eigene Soldaten zweimal hatte säubern und zweimal hatte auseinandersprengen sehen; „wenn Ihr das Übel um sich greifen laßt, werdet Ihr binnen wenigen Tagen eine Armee auf dem Halse haben. Ersuchet den König, auf der Stelle Reiter und Fußvolk abzusenden, und zwar seine eigenen Leute, auf die er sich verlassen kann, damit dieses Volk mit einem Schlage niedergeworfen wird.“ Jetzt fingen auch die Männer der langen Robe Feuer. „Das Wissen meines Berufs ist hier unnütz,“ sagte Treby. „Es kommt hier darauf an, der Gewalt mit Gewalt entgegenzutreten und im Felde das zu behaupten, was wir im Senate gethan haben.“ — „Schreibt an die Sheriffs,“ sprach Oberst Mildmay, Mitglied für Essex, „und laßt die Miliz aufbieten. Es sind ihrer Hundertfunfzigtausend Mann und lauter gute Engländer; sie werden Euch nicht im Stiche lassen.“ Es wurde beschlossen, daß alle in der Armee angestellten Mitglieder des Hauses vom Besuche des Parlaments dispensirt werden sollten, damit sie sich unverzüglich auf ihre militärischen Posten begeben könnten. Sodann wurde einstimmig eine Adresse votirt, welche den König ersuchte, energische Maßregeln zur Unterdrückung des Aufstandes zu ergreifen und eine Proklamation zu erlassen, welche die öffentliche Rache auf die Rebellen herabrief. Ein Mitglied deutete darauf hin, daß es vielleicht gut sei, wenn Sr. Majestät Denen, die sich im Guten unterwürfen, Verzeihung zusichere; allein das Haus verwarf wohlweislich diesen Vorschlag. „Es ist jetzt nicht der Augenblick,“ wurde sehr richtig bemerkt, „zu einer Nachsicht, die wie Furcht aussehen würde.“ Die Adresse wurde sogleich ins Haus der Lords gesandt und von diesen genehmigt. Zwei Peers, zwei Grafschaftsvertreter und zwei Abgeordnete von Burgflecken wurden damit an den Hof geschickt. Wilhelm empfing sie sehr gnädig und sagte ihnen, daß er bereits die nöthigen Befehle gegeben habe. In der That waren auch schon mehrere Regimenter Reiterei und Dragoner unter dem Commando Ginkell’s, eines der tapfersten und geschicktesten Offiziere der holländischen Armee, nach dem Norden entsendet worden.[47]
Mittlerweile eilten die Aufständischen durch die Gegend zwischen Cambridge und dem Wash. Ihr Weg führte über eine weite, öde Moorstrecke, die mit der ganzen Feuchtigkeit von dreizehn Grafschaften gesättigt war und auf welcher den größten Theil des Jahres ein grauer Nebel lagerte, über den sich der viele Meilen im Umkreise sichtbare prächtige Thurm von Ely erhob. In dieser traurigen, mit großen Schwärmen wilder Vögel bedeckten Gegend führte damals ein halbwildes Volk, bekannt unter dem Namen der Breedlings, ein amphibienartiges Leben, von einem Eiland festen Grund und Bodens zum andren theils watend theils rudernd.[48] Die Straße gehörte zu den schlechtesten der ganzen Insel und als sich das Gerücht von der Annäherung der Rebellen verbreitete, wurden sie von dem Landvolke absichtlich noch mehr verschlechtert. Brücken wurden abgebrochen und Baumstämme quer über die Straßen gelegt, um das Fortschaffen der Kanonen zu erschweren. Dessenungeachtet drangen die schottischen Veteranen nicht nur mit großer Eil vor, sondern es gelang ihnen auch, ihre Artillerie mit fort zu bringen. So erreichten sie die Grafschaft Lincoln, und als sie nicht mehr weit voll Sleafort entfernt waren, erfuhren sie, daß Ginkell mit einer unüberwindlichen Truppenmacht ihnen hart auf den Fersen sei. Von Sieg konnte so wenig die Rede sein wie von Entkommen. Die tapfersten Krieger konnten gegen eine vierfache Übermacht nichts ausrichten, das vortrefflichste Fußvolk konnte einer Reiterschaar nicht entrinnen. Da indessen die Anführer wohl wußten, daß sie keinen Pardon zu erwarten hatten, drangen sie in ihre Mannschaften, das Glück einer Schlacht zu versuchen. Eine fast von allen Seiten von Sümpfen und Teichen eingeschlossene Stelle war in dieser Gegend leicht gefunden. Hier wurden die Insurgenten aufgestellt und die Kanonen an der einzigen Seite aufgefahren, die man durch natürliche Vertheidigungsmittel nicht hinreichend gedeckt glaubte. Ginkell befahl den Angriff an einer Stelle zu unternehmen, die sich außer dem Bereiche der Geschütze befand, und seine Dragoner sprangen muthig ins Wasser, obwohl es so tief war, daß ihre Pferde schwimmen mußten. Jetzt sank den Rebellen der Muth. Sie versuchten zu parlamentiren, ergaben sich aber schließlich auf Gnade und Ungnade und wurden unter starker Bedeckung nach London gebracht. Ihr Leben war verwirkt, denn sie hatten sich nicht blos der Meuterei, welche damals kein legales Verbrechen war, sondern des bewaffneten Widerstandes gegen den König schuldig gemacht. Wilhelm unterließ jedoch mit weiser Nachsicht, das Blut selbst der Strafbarsten zu vergießen. Einige von den Haupträdelsführern wurden vor die nächsten Assisen von Bury gestellt und des Hochverraths überwiesen; aber ihr Leben ward geschont. Die Übrigen erhielten einfach den Befehl, zu ihrer Pflicht zurückzukehren. Das vor Kurzem so aussätzige Regiment ging gehorsam nach dem Continent und zeichnete sich dort in vielen beschwerlichen Feldzügen durch Treue, Disciplin und Tapferkeit aus.[49]
[44.] Wagenaar LXI.
[45.] Commons’ Journals, March 15. 1688/89.
[46.] Reresby’s Memoirs.
[47.] Commons’ Journals und Grey’s Debates, March 15. 1688/89, London Gazette, March 18.
[48.] Über den Zustand dieser Gegend zu Ende des 17. und zu Anfang des 18. Jahrhunderts siehe Pepys’ Diary vom 18. Sept. 1663 und Tour through the whole Island of Great Britain, 1724.