Bei uns wurde er minder günstig beurtheilt. In der That, unsere Vorfahren betrachteten ihn in dem allerschlechtesten Lichte. Die Franzosen, die Deutschen und die Italiener sahen ihn aus einer solchen Entfernung, daß sie nur das Große erkannten und daß seine kleinen Fehler ihnen entgingen. Den Holländern stand er nahe, denn er war selbst ein Holländer. In seinem Verkehr mit ihnen wurde er von der vortheilhaftesten Seite betrachtet; bei ihnen fühlte er sich vollkommen heimisch, und unter ihnen hatte er sich seine ersten und theuersten Freunde gewählt. Den Engländern aber erschien er unter einem höchst ungünstigen Gesichtspunkte. Er stand ihnen zu gleicher Zeit zu nahe und zu fern. Er lebte mitten unter ihnen, so daß die geringsten Eigenheiten seines Charakters und seiner Sitten ihnen nicht entgehen konnten; dennoch aber lebte er abgesondert von ihnen und war in ihren Augen in Sprache, Neigungen und Gewohnheiten entschieden ein Fremdling.

Es war seit langer Zeit eine der Hauptfunctionen unserer Regenten, an der Spitze der Londoner Gesellschaft zu stehen. Diese Function hatte Karl II. mit ungeheurem Glück ausgeübt. Seine Leutseligkeit, seine hübschen Anekdoten, die Art und Weise, wie er tanzte und Ball spielte, der Ton seines herzlichen Lachens, waren jedem Londoner bekannt. Einmal sah man ihn unter den Ulmen von St. James Park mit Dryden über Poesie plaudern;[53] ein andermal lag sein rechter Arm auf Durfey’s Schulter und der linke ruhte auf einem andren, während sein Begleiter „Phillida, Phillida“ oder „To horse, brave boys, to Newmarket, to horse“ sang.[54] Auch Jakob war, obwohl viel weniger lebhaft und leutselig, doch ebenfalls zugänglich und gegen Leute, die ihm nicht in den Weg traten, sogar artig. Diese Geselligkeit aber ging Wilhelm gänzlich ab. Er verließ nur selten sein Arbeitskabinet, und wenn er einmal in den Empfangszimmern erschien, so stand er ernst und sinnend unter dem Schwarme der Cavaliere und Hofdamen, ohne daß ein Scherz, oder nur ein Lächeln seinen Lippen entschlüpfte. Sein unfreundliches Aussehen, sein Stillschweigen und die kurzen, trocknen Antworten, die er gab, wenn er nicht länger schweigen konnte, entfremdeten ihm Adel und Gentry, welche gewohnt waren, von ihren königlichen Gebietern auf die Schulter geklopft, Jack oder Harry gerufen, wegen gewonnener Wetten beglückwünscht und mit bekannten Schauspielerinnen aufgezogen zu werden. Die Frauen vermißten die ihrem Geschlecht gebührenden Huldigungen. Sie bemerkten, daß der König selbst mit der Frau, der er so viel verdankte und die er aufrichtig liebte und achtete, in einem etwas gebieterischen Tone sprach.[55] Es amüsirte und verdroß sie zugleich, wie er, als die Prinzessin Anna einmal bei ihm speiste und die ersten grünen Erbsen auf die Tafel kamen, den ganzen Inhalt der Schüssel verzehrte, ohne Ihrer Königlichen Hoheit einen Löffelvoll davon anzubieten, und sie erklärten, dieser große Feldherr und Staatsmann sei nicht viel besser als ein niederländischer Bär.[56]

Ein Mangel, der ihm als ein Verbrechen angerechnet wurde, war sein schlechtes Englisch. Er sprach unsre Sprache, aber nicht gut. Sein Accent war ausländisch, seine Aussprache entbehrte der Eleganz und sein Vokabularium schien nicht umfänglicher zu sein, als es zur Erledigung von Geschäften nöthig war. Dem Umstande, daß es ihm schwer wurde sich auszudrücken und daß er sich seiner schlechten Aussprache bewußt war, müssen seine Schweigsamkeit und seine kurzen Antworten, die so großes Ärgerniß gaben, theilweis zugeschrieben werden. Unsre Literatur zu goutiren oder zu verstehen war er unfähig. Nicht ein einziges Mal während seiner ganzen Regierung erschien er im Theater.[57] Die Dichter, welche pindarische Verse zu seinem Lobe schrieben, beklagten sich, daß ihre sublimen Poesien über seinen Horizont gingen,[58] Wer indessen die panegyrischen Oden jener Zeit kennt, wird vielleicht der Meinung sein, daß er durch seine Unbekanntschaft damit nicht viel verlor.

[53.] Man vergleiche was Spence darüber in seinen Anecdotes of the Origin of Dryden’s Medals sagt.

[54.] Guardian, No. 67.

[55.] Man hat zahlreiche Beweise, daß Wilhelm zwar ein sehr liebevoller aber nicht immer galanter Gemahl war. Doch keinen Glauben verdient die Anekdote, welche in dem Briefe erzählt wird, den Dalrymple 1773 thörichterweise als von Nottingham herrührend veröffentlichte, in der Ausgabe von 1790 aber wohlweislich wegließ. Wie Jemand, der die geringste Kenntniß von der Geschichte der damaligen Zeit hatte, sich so gröblich irren konnte, ist schwer zu begreifen, besonders da die Handschrift durchaus keine Ähnlichkeit mit der Nottingham’s hat, welche Dalrymple genau kannte. Der Brief ist offenbar ein gewöhnlicher Neuigkeitsbrief, von einem Scribenten verfaßt, der den König und die Königin nur bei einer öffentlichen Gelegenheit gesehen und dessen Anekdoten sich auf keine bessere Autorität gründen als auf Kaffeehausgeschwätz.

[56.] Ronquillo; Burnet, II, 2.; The Duchess of Marlborough’s Vindication. In einem Hirtendialog zwischen Philander und Palämon, der 1691 erschien, wird das Mißfallen erwähnt, mit welchem die vornehmen Damen Wilhelm betrachteten. Philander sagt:

Der Mann sollt’ haben doch etwas mehr Verstand

Sonst fällt er noch ein zweites Mal durch schwache Frauenhand.

[57.] Tutchin’s Observator vom 16. November 1706.