[58.] Prior, dem Wilhelm viel Gutes erwies und der sich sehr dankbar dafür zeigte, sagt uns, daß der König poetische Lobreden nicht verstand. Die Stelle findet sich in einer höchst interessanten Handschrift, welche Lord Lansdowne besitzt.

Popularität Mariens. [Seine] Gemahlin that allerdings ihr Möglichstes, um das Fehlende zu ergänzen, und sie war in der That vortrefflich geeignet, an der Spitze eines Hofes zu stehen. Sie war nicht nur von Geburt, sondern auch in ihren Neigungen und Gesinnungen eine Engländerin. Sie besaß ein hübsches Gesicht, eine majestätische Haltung, ein sanftes, heiteres Gemüth und leutselige, gewinnende Manieren. Ihr Geist war, obwohl sehr unvollkommen ausgebildet, ungemein lebhaft; ihrer Unterhaltung fehlte es nicht an weiblichem Witz und Muthwillen und ihre Briefe waren so gut abgefaßt, daß sie wohl verdient hätten, orthographisch richtig geschrieben zu sein. Sie fand viel Geschmack an den leichteren Zweigen der Literatur und trug nicht wenig dazu bei, unter den vornehmen Damen Bücher in Aufnahme zu bringen. Die makellose Reinheit ihres Privatlebens und die strenge Gewissenhaftigkeit, mit der sie ihre religiösen Pflichten erfüllte, waren um so achtungswerther, als sie durchaus frei war von Tadelsucht und den bösen Leumund eben so wenig unterstützte wie das Laster. In dem Mißfallen an üblen Nachreden stimmte sie zwar mit ihrem Gemahl vollkommen überein; aber Beide äußerten ihr Mißfallen auf verschiedene und sehr charakteristische Weise. Wilhelm beobachtete das tiefste Stillschweigen, warf aber dem Verleumder einen Blick zu, daß ihm, wie Jemand sagte, der einem solchen Blick einmal begegnet war, sich aber wohl hütete, ihm zum zweiten Male zu begegnen, die Geschichte im Halse stecken blieb.[59] Marie suchte dem Geschwätz über Entführungen, Zweikämpfe und Spielschulden dadurch ein Ende zu machen, daß sie die Schwätzer sehr ruhig aber doch nachdrücklich fragte, ob sie ihre Lieblingspredigt, die des Doctors Tillotson über den bösen Leumund, gelesen hätten. Ihre Wohlthaten spendete sie mit freigebiger Hand und richtigem Takt, und obgleich sie nie damit prahlte, wußte man doch, daß sie ihre eigenen Bedürfnisse einschränkte, um Protestanten zu unterstützen, welche die Verfolgung aus Frankreich und Irland vertrieben hatte und die in den Mansarden London’s darbten. Ihr Benehmen war so liebenswürdig, daß die Ehrenwertheren unter Denen, welche die Art und Weise ihrer Erhebung auf den Thron mißbilligten, und selbst unter Denen, die sie als Königin gar nicht anerkennen wollten, allgemein mit Achtung und Liebe von ihr sprachen. In den jakobitischen Libellen der damaligen Zeit, die an Gift und Galle Alles was die neuere Zeit derartiges hervorgebracht, weit hinter sich zurücklassen, wird ihrer nicht oft mit Strenge gedacht. Sie äußerte sogar selbst zuweilen ihre Verwunderung darüber, daß Pasquillanten, die sonst nichts achteten, doch ihren Namen respectirten. Gott, sagte sie, kenne ihre schwachen Seiten. Sie sei zu empfindlich gegen Schmähungen und Verleumdungen, er habe ihr gnädig eine Prüfung erspart, die über ihre Kräfte gehe, und der beste Dank, den sie ihm dafür bezeigen könne, bestehe darin, daß sie keine boshaften Ausfälle über den Charakter Anderer dulde. Überzeugt, daß sie das volle Vertrauen und die ganze Zuneigung ihres Gemahls besaß, brach sie seinen scharfen Reden bald durch sanfte, bald durch scherzhafte Antworten die Spitze ab und verwendete die ganze Macht ihrer vielen liebenswürdigen Eigenschaften dazu, ihm die Herzen des Volks zu gewinnen.[60]

[59.] Mémoires originaux sur le règne et la cour de Frédéric I., Roi de Prusse, écrits par Christophe, Comte de Dohna. Berlin 1833. Es ist auffällig, daß dieses interessante Werk in England fast unbekannt ist. Das einzige Exemplar, das mir zu Gesicht gekommen, erhielt ich durch die Gefälligkeit des Sir Robert Adair. „Le Roi,“ sagt Dohna, „avoit une autre qualité très estimable, qui est celle de n’aimer point qu’on rendit de mauvais offices à personne par des railleries.“ Der Marquis de la Forêt versuchte es einst, Se. Majestät auf Kosten eines englischen Cavaliers zu unterhalten. „Ce prince,“ schreibt Dohna, „prit son air sévère, et, le regardant sans mot dire lui fit rentrer les paroles dans le ventre. Le Marquis m’en fit ses plaintes quelques heures après. J’ai mal pris ma bisque’, dit-il; j’ai cru faire l’agréable sur le chapitre de Milord . . . ., mais j’ai trouvé à qui parler, et j’ai attrapé un regard du roi qui m’a fait passer l’envie de rire.“ Dohna glaubte Wilhelm werde es mit dem Rufe eines Franzosen weniger genau nehmen, und versuchte ebenfalls das Experiment. Aber, sagt er, „j’eus à peu près le même sort que M. de la Forêt.“

[60.] Vergleiche den Bericht des Whigs Burnet über Marien mit dem was der Tory Evelyn in seinem Tagebuche unterm 8. März 1694/95, und mit dem, was der Eidverweigerer über sie sagt, der 1695 den Brief an Erzbischof Tennison in Bezug auf ihren Tod schrieb. Der Eindruck, den Wilhelm’s Schroffheit und Zurückhaltung und Mariens Anmuth und Liebenswürdigkeit auf das Volk machten, spricht sich in den Überresten der Straßenpoesie jener Zeit aus. Folgendes eheliche Gespräch kann man noch auf dem Originalblatte lesen:

Dann sprach Marie, unsre gnäd’ge Königin:

Mein hoher König und Gemahl, wo wollt Ihr hin?

Drauf sagt er rasch: Den nenn’ ich keinen Mann,

Der sein Geheimniß einem Weib vertrauet an.

Die Kön’gin hierauf spricht bescheiden:

Der güt’ge Himmel woll’ Euch denn geleiten,