[79.] Die Originalcorrespondenz zwischen Wilhelm und Heinsius ist holländisch. Eine französische Übersetzung sämmtlicher Briefe Wilhelm’s, und eine englische Übersetzung einiger Briefe Heinsius’ befinden sich unter den Mackintosh-Manuscripten. Der Baron Sirtema de Grovestins, dem die Originale zu Gebote standen, führt in seiner „Histoire des luttes et rivalités entre les puissances maritimes et la France“ häufig Stellen daraus an. Zwischen seiner Version und der meinigen ist zwar im Style ein bedeutender Unterschied, im Wesentlichen aber ein sehr geringer.

Religionsstreitigkeiten. [Die] auswärtige Politik England’s, von Wilhelm persönlich, in innigem Einverständniß mit Heinsius, geleitet, war damals außerordentlich geschickt und erfolgreich. In jedem andren Verwaltungszweige aber waren die aus der gegenseitigen Erbitterung der Parteien entspringenden Nachtheile nur zu sichtbar. Und dies war noch nicht Alles. Zu den aus der gegenseitigen Erbitterung der politischen Parteien entspringenden Übeln gesellten sich andere Übel, welche aus dem gegenseitigen Hasse der Religionssecten entsprangen.

Das Jahr 1689 bildet in der kirchlichen Geschichte England’s eine nicht minder wichtige Epoche als in der bürgerlichen. In diesem Jahre wurde die erste gesetzliche Indulgenz gegen die Dissenters bewilligt. In diesem Jahre wurde der letzte ernstliche Versuch gemacht, die Presbyterianer in den Schooß der englischen Landeskirche zu bringen. Von diesem Jahre datirt ein neues Schisma, trotz früherer ähnlicher Vorgänge von Männern hervorgerufen, welche stets erklärt hatten, daß sie Kirchenspaltungen mit besonderem Abscheu und Präcedenzfälle mit besonderer Verehrung betrachteten. In diesem Jahre begann der lange Kampf zwischen zwei großen Parteien von Conformisten. Diese beiden Parteien hatten zwar seit der Reformation von jeher unter verschiedenen Formen in der anglikanischen Kirche existirt, aber bis nach der Reformation standen sie einander nicht in regelmäßiger und permanenter Schlachtordnung gegenüber und waren daher nicht unter bestimmten Namen bekannt. Kurz nach Wilhelm’s Thronbesteigung begannen sie die Hochkirchenpartei und die Niederkirchenpartei genannt zu werden und lange vor dem Ende seiner Regierung waren diese Bezeichnungen allgemein gebräuchlich.[80]

Im Sommer des Jahres 1688 hatte es den Anschein gehabt, als ob die Spaltungen, welche so lange den großen Körper der englischen Protestanten zerrissen, fast ihre Endschaft erreicht hätten. Die Streitigkeiten über Bischöfe und Synoden, über geschriebene Gebete und extemporirte Gebete, über weiße Röcke und schwarze Röcke, über Besprengen und Eintauchen, über Knien und Sitzen, waren auf kurze Zeit eingestellt. Die dichtgedrängte Phalanx, welche damals gegen die Papisterei im Felde stand, füllte den ganzen Zwischenraum aus, welcher Sancroft von Bunyan trennte. Prälaten, die sich noch vor Kurzem als Verfolger der religiösen Freiheit ausgezeichnet hatten, erklärten sich jetzt zu Freunden derselben und ermahnten ihren Klerus, stets in gastfreundlichem und dienstbereiten Verkehr mit den Separatisten zu leben. Separatisten auf der andren Seite, welche noch vor kurzem Mitren und Batistärmel für die Livree des Antichrist erklärt hatten, erleuchteten zu Ehren der Prälaten ihre Fenster und warfen Holz in die Freudenfeuer.

Diese Gesinnungen steigerten sich fortdauernd, bis sie ihren Höhepunkt an dem denkwürdigen Tage erreichten, an welchem der gemeinsame Unterdrücker endlich Whitehall verließ und eine mit orangefarbenen Bändern geschmückte zahllose Menge zu St. James den gemeinsamen Befreier begrüßte. Als die Londoner Geistlichkeit, mit Compton an der Spitze, herbeikam, um dem Manne, dessen Gott sich als Werkzeug zur Rettung der Kirche und des Staats bedient, ihren Dank auszusprechen, schlossen sich dem Zuge auch einige hervorragende nonconformistische Geistliche an. Viele gute Menschen freuten sich zu hören, daß fromme und gelehrte presbyterianische Geistliche im Gefolge eines Bischofs gegangen, mit brüderlicher Freundlichkeit von ihm begrüßt und im Empfangszimmer von ihm seine lieben und geachteten Freunde genannt worden waren, die zwar durch einige Meinungsverschiedenheiten in unwichtigen Punkten von ihm getrennt, durch christliche Liebe und gemeinsamen Eifer für das Wesentliche des reformirten Glaubens aber mit ihm verbunden seien. Nie hatte es zuvor und nie hat es seitdem in England einen zweiten solchen Tag gegeben. Der Strom der Gefühle war schon im Umschlagen begriffen, und die Ebbe trat noch rascher ein als die Fluth eingetreten war.

[80.] Obwohl diese ganz angemessenen Benennungen meines Wissens in keinem während der ersten Regierungsjahre Wilhelm’s gedruckten Buche vorkommen, nehme ich doch keinen Anstand, mich derselben bei Darstellung der Ereignisse jener Jahre zu bedienen, wie es auch von Anderen geschehen ist.

Die Hochkirchenpartei. [In] Zeit von wenigen Stunden begann der Hochkirchliche, von zärtlicher Liebe für den Feind, dessen Tyrannei jetzt nicht mehr gefürchtet ward, und von Abneigung gegen die Bundesgenossen, deren Dienste entbehrlich geworden waren, erfüllt zu werden. Es war leicht, beide Gefühle zu befriedigen, indem man die schlechte Verwaltung des verbannten Königs den Dissenters zur Last legt. Sr. Majestät — so lautete jetzt die Sprache nur zu vieler anglikanischer Geistlichen — würde ein vortrefflicher Regent gewesen sein, wäre er nicht zu vertrauensvoll, und zu nachsichtig gewesen. Er habe sein Vertrauen einer Klasse von Leuten geschenkt gehabt, die seine Stellung, seine Familie und seine Person mit unversöhnlicher Erbitterung haßten. Durch den vergeblichen Versuch, ihre Zuneigung zu gewinnen, habe er sich zu Grunde gerichtet. Er habe sie, in Widerspruch mit dem Gesetz und dem einmüthigen Sinne der alten royalistischen Partei, von dem Drucke des Strafcodex befreit, habe ihnen gestattet, Gott auf ihre eigene armselige und geschmacklose Weise öffentlich zu verehren, habe sie zur Richterbank und in den Geheimrath zugelassen, ihnen Pelzroben, goldene Ketten, Gehalte und Pensionen gewährt. Zum Dank für seine Liberalität seien diese Leute, welche einst so trotzig in ihrem Gebahren und so unbändig in ihrer Opposition selbst gegen die rechtmäßige Autorität gewesen, die niedrigsten Schmeichler geworden. Sie hätten ihm noch Beifall zugejauchzt und ihn ermuthigt, als schon die ergebensten Freunde seines Hauses sich voll Scham und Kummer aus seinem Palaste entfernt gehabt. Wer habe die Religion und die Freiheit seines Vaterlandes schändlicher verkauft als Titus? Wer habe eifriger für die Dispensationsgewalt gestritten als Alsop? Wer habe ungestümer auf die Verfolgung der sieben Bischöfe gedrungen als Lobb? Welcher nach einer Dechanei lüsterne Kaplan habe, selbst wenn er am 30. Januar oder am 29. Mai in Anwesenheit des Königs gepredigt, jemals plumpere Schmeicheleien zu Tage gebracht, als man sie leicht in den Adressen auffinden könne, durch welche dissentirende Glaubensgesellschaften ihren Dank für die ungesetzliche Indulgenzerklärung ausgedrückt hätten? Sei es zu verwundern, wenn ein Fürst, der nie juristische Werke studirt, nur seine rechtmäßige Prärogative auszuüben geglaubt habe, als er so durch eine Partei ermuthigt worden sei, welche jederzeit mit ihrem Hasse gegen willkürliche Gewalt geprahlt habe? Durch solche Leitung irregeführt, sei er immer weiter auf dem falschen Wege fortgeschritten, habe er sich endlich Herzen entfremdet, welche früher ihr bestes Blut zu seiner Vertheidigung vergossen haben würden, habe er keine anderen Stützen behalten als seine alten Feinde, und, als der Tag der Gefahr gekommen, habe er gefunden, daß die Gesinnungen seiner alten Feinde gegen ihn noch die nämlichen waren wie zu der Zeit, da sie ihn seines Erbes zu berauben versucht und gegen sein Leben conspirirt hatten. Jeder Verständige habe längst gewußt, daß die Sectirer keine Liebe zur Monarchie hegten; jetzt habe es sich gezeigt, daß sie eben so wenig Liebe zur Freiheit hegten. Ihren Händen Gewalt anzuvertrauen, werde ein Mißgriff sein, der der Nation nicht minder verderblich werden müsse als dem Throne. Wenn es, um etwas übereilt gegebene Zusicherungen zu erfüllen, für nöthig erachtet werden sollte, ihnen Erleichterung zu gewähren, so müsse jedes Zugeständniß von Beschränkungen und Vorsichtsmaßregeln begleitet sein. Vor Allem dürfe Niemandem, der ein Feind der kirchlichen Verfassung des Landes sei, irgend eine Betheiligung an der Civilverwaltung gestattet werden.

Die Niederkirchenpartei. [Zwischen] den Nonconformisten und den strengen Conformisten stand die Niederkirchenpartei. Diese Partei enthielt und enthält noch jetzt zwei ganz verschiedene Elemente: ein puritanisches und ein latitudinarisches Element. Über fast jede Frage, die sich auf die kirchliche Verfassung wie auf das Ceremoniell des öffentlichen Gottesdienstes bezog, waren jedoch der puritanische Niederkirchliche und der latitudinarische Niederkirchliche vollkommen einig. Sie sahen in der bestehenden Kirchenverfassung und in dem bestehenden Ceremoniell keinen Mangel, keinen Übelstand, der es ihnen hätte zur Pflicht machen können, Dissenters zu werden. Nichtsdestoweniger waren sie der Meinung, daß die Verfassung sowohl wie das Ceremoniell Mittel und nicht Zwecke seien und daß der wesentliche Geist des Christenthums ohne Bischöfe und ohne ein allgemeines Gebetbuch bestehen könne. Als Jakob auf dem Throne saß, waren sie die Hauptwerkzeuge zur Bildung der großen Coalition gegen Papisterei und Tyrannei gewesen und sie führten 1689 noch dieselbe versöhnliche Sprache, die sie 1688 geführt hatten. Die Gewissensscrupel der Nonconformisten tadelten sie mild. Es sei unzweifelhaft eine große Schwäche zu glauben, daß es etwas Sündhaftes sein könne, einen weißen Chorrock zu tragen, ein Kreuz zu schlagen, oder an dem Geländer eines Altars zu knieen. Die höchste Autorität aber habe die unzweideutigsten Vorschriften darüber erlassen, wie solche Schwäche zu behandeln sei. Der schwache Bruder sei nicht zu verdammen, nicht zu verachten; Gläubige von stärkerem Geiste seien gehalten, ihn durch große Nachgiebigkeit zu beschwichtigen und sorgfältig jeden Stein des Anstoßes, der ihn Veranlassung geben könne, Andersdenkende zu verletzen, aus seinem Wege zu entfernen. Ein Apostel habe erklärt, daß er, obwohl er selbst gegen den Genuß von thierischer Nahrung und Wein kein Bedenken hege, doch lieber Pflanzen essen und Wasser trinken wolle, als daß er dem Geringsten seiner Heerde ein Ärgerniß gäbe. Was würde er wohl von Kirchenfürsten gedacht haben, welche um eines Gewandes, einer Geberde oder einer Stellung willen nicht nur die Kirche gespalten, sondern alle Gefängnisse England’s mit Männern von orthodoxem Glauben und frommem Lebenswandel gefüllt hätten? Die tadelnden Bemerkungen, welche die Hochkirchlichen über das neuerliche Benehmen der Dissenters gemacht, wurden von den Niederkirchlichen für höchst ungerecht erklärt. Das Wunder liege nicht darin, daß einige wenige Nonconformisten dankbar eine Indulgenz angenommen hätten, die, so gesetzwidrig sie auch gewesen, doch ihnen die Thüren ihrer Kerker geöffnet und ihre häusliche Ruhe gesichert habe, sondern darin, daß die Nonconformisten im allgemeinen der Sache einer Verfassung treu geblieben seien, von deren Wohlthaten sie lange ausgeschlossen gewesen. Es sei höchst unbillig, die Fehler einiger weniger Individuen einer ganzen großen Partei zur Last zu legen. Selbst unter den Bischöfen der Landeskirche habe Jakob Werkzeuge und Schmeichler gefunden. Das Benehmen Cartwright’s und Parker’s sei viel weniger zu entschuldigen gewesen, als das Alsop’s und Lobb’s. Gleichwohl würden Diejenigen, welche die Dissenters für die Fehler Alsop’s und Lobb’s verantwortlich hielten, es ohne Zweifel für sehr unvernünftig erklären, wenn man die Landeskirche für die weit größere Schuld Cartwright’s und Parker’s verantwortlich machen wolle.

Die Geistlichen der Niederkirche waren eine Minorität, und zwar keine große Minorität ihres Standes; ihr Gewicht aber stand weit über dem Verhältniß ihrer Anzahl, denn sie waren in der Hauptstadt stark vertreten, sie hatten daselbst großen Einfluß und das Durchschnittsmaß ihrer Intelligenz und wissenschaftlichen Bildung war bei ihnen höher als bei ihrem Stande im allgemeinen. Wir wurden ihre numerische Stärke wahrscheinlich noch zu hoch anschlagen, wenn wir sie auf ein Zehntel der gesammten Geistlichkeit schätzten. Es wird jedoch schwerlich bestritten werden können, daß sie in ihrer Mitte eben so viele Männer von ausgezeichneter Beredtsamkeit und Gelehrsamkeit zählten, als sich unter den übrigen neun Zehnteln zusammengenommen fanden. Unter den Laien, die sich der herrschenden Landeskirche angeschlossen, war das Verhältniß der Parteien ziemlich gleich. Die Linie, welche sie trennte, war in der That sehr wenig unterschieden von der Linie, welche die Whigs und Tories trennte. Im Hause der Gemeinen, welches gewählt worden war, als die Whigs die Oberhand hatten, war die Niederkirchenpartei entschieden überwiegend; bei den Lords aber herrschte ein fast genaues Gleichgewicht und es bedurfte nur sehr geringfügiger Umstände, um die Wagschale emporzuschnellen.

Wilhelm’s Pläne bezüglich der Kirchenverfassung. [Das] Oberhaupt der Niederkirchenpartei war der König. Er war als Presbyterianer erzogen worden, seiner rationalen Überzeugung nach war er ein Latitudinarier, und persönlicher Ehrgeiz sowohl als auch höhere Beweggründe vermochten ihn, zwischen den protestantischen Secten als Vermittler aufzutreten. Sein Bestreben war auf die Einführung dreier großer Reformen in den die kirchlichen Angelegenheiten betreffenden Gesetzen gerichtet. Sein erster Zweck war, den Dissenters die Erlaubniß zur freien und ungestörten Abhaltung ihres Gottesdienstes zu erwirken. Sein zweiter Zweck war, in dem anglikanischen Ritual und Kirchenregiment solche Abänderungen vorzunehmen, welche die gemäßigten Nonconformisten gewinnen konnten, ohne Diejenigen zu verletzen, denen jenes Ritual und Kirchenregiment theuer war. Sein dritter Zweck war, den Protestanten ohne Unterschied der Secten bürgerliche Ämter zugänglich zu machen. Alle drei Zwecke waren gut, aber nur der erste war zur Zeit erreichbar. Für den zweiten kam er zu spät, für den dritten zu früh.