Die Engländer von 1689 waren keineswegs geneigt, das Prinzip gelten zu lassen, daß religiöser Irrthum ungestraft bleiben dürfe. Dieses Prinzip war gerade damals unpopulärer als je, denn es war erst vor wenigen Monaten arglistiger Weise als Vorwand benutzt worden, um die Landeskirche zu verfolgen, die Grundgesetze des Reichs mit Füßen zu treten, Freigüter einzuziehen und die bescheidene Ausübung des Petitionsrechts als ein Verbrechen zu behandeln. Wenn damals eine Bill entworfen worden wäre, welche allen Protestanten völlige Gewissensfreiheit gewahrt hätte, so kann man mit Gewißheit behaupten, daß Nottingham eine solche Bill niemals eingebracht, daß alle Bischöfe, Burnet nicht ausgenommen, dagegen gestimmt haben würden, daß sie jeden Sonntag von zehntausend Kanzeln herab als eine Beleidigung gegen Gott und gegen alle Christen und als ein Freibrief für die ärgsten Ketzer und Gottesleugner bezeichnet worden wäre, daß Bates und Baxter sie eben so heftig verdammt haben würden als Ken und Sherlock, daß sie in der Hälfte der englischen Städte vom Pöbel verbrannt worden, daß sie nie ein Landesgesetz geworden wäre und daß sie schon das Wort Toleranz der Mehrheit des Volks auf viele Jahre hinaus verhaßt gemacht haben würde. Und dennoch, wenn eine solche Bill durchgegangen wäre, was würde sie mehr bewirkt haben als die Toleranzacte bewirkte?

Es ist wahr, die Toleranzacte erkannte die Verfolgung als Regel an und gewährte die Gewissensfreiheit nur als Ausnahme. Aber eben so wahr ist es, daß die Regel nur gegen einige Hundert protestantischer Dissenters in Kraft blieb und daß die Wohlthat der Ausnahme sich auf Hunderttausende erstreckte.

Es ist wahr, daß es theoretisch widersinnig war, von Howe die Unterzeichnung von vierunddreißig oder fünfunddreißig der anglikanischen Artikel zu verlangen, bevor er predigen durfte, und Penn predigen zu lassen, ohne daß er einen einzigen dieser Artikel unterzeichnete. Aber eben so wahr ist es, daß Beide, Penn wie Howe, unter jenem Gesetz nicht minder volle Freiheit zu predigen erlangten, als sie sie unter dem weisesten Codex genossen haben würden, den ein Beccaria oder Jefferson hätte ausarbeiten können.

Die Berathung der Bill ging leicht von Statten. Nur ein Amendement von Wichtigkeit wurde vorgeschlagen. Einige eifrige Kirchenmänner im Hause der Gemeinen sagten, daß es wohl wünschenswerth sein dürfte, die Toleranz nur auf einen Zeitraum von sieben Jahren zu bewilligen und so eine Garantie für das gute Verhalten der Nonconformisten zu erlangen. Dieser Antrag aber wurde so ungünstig aufgenommen, daß Die, welche ihn gestellt hatten, es nicht wagten, das Haus darüber abstimmen zu lassen.[86]

Der König gab mit voller Befriedigung seine Zustimmung, die Bill wurde Gesetz und die puritanischen Geistlichen drängten sich in allen Grafschaften zu den Quartalsitzungen, um zu schwören und zu unterzeichnen. Viele von ihnen mochten ihre Zustimmung zu den Artikeln allerdings wohl mit einigen stillschweigenden Vorbehalten erklären. Baxter aber wollte sein ängstliches Gewissen nicht gestatten den Schritt zu thun, bevor er eine Erklärung über den Sinn, in welchem er jeden Punkt verstand, zu Protokoll gegeben hatte. Das Schriftstück, welches er dem Gerichtshofe, vor dem er die Eide leistete, überreichte, ist noch vorhanden und enthält zwei Stellen von besonderem Interesse. Er erklärte, daß seine Billigung des athanasianischen Glaubensbekenntnisses sich auf denjenigen Theil beschränke, der ein wirkliches Glaubensbekenntniß sei, und daß er den Verdammungssätzen nicht beistimme. Ebenso erklärte er, daß er durch Unterschreibung des Artikels, der über Alle, welche behaupten, man könne auch ohne Christi Vermittlung selig werden, ein Anathema verhängt, Diejenigen nicht verdammt haben wolle, welche die Hoffnung hegen, daß aufrichtige und tugendhafte Ungläubige an den Wohlthaten der Erlösung Theil haben können. Viele von den dissentirenden Geistlichen London’s erklärten ihre Verpflichtung zu diesen mildherzigen Gesinnungen.[87]

[86.] Commons’ Journals, May 17. 1689

[87.] Sense of the subscribed articles by the Ministers of London, 1690; Calamy’s Historical Additions to Baxter’s Life.

Die Comprehensionsbill. [Die] Geschichte der Comprehensionsbill bildet einen auffallenden Contrast zur Geschichte der Toleranzbill. Beide Bills hatten einen gemeinsamen Ursprung und, in bedeutender Ausdehnung, auch einen gemeinsamen Zweck. Sie wurden zu gleicher Zeit entworfen und zu gleicher Zeit bei Seite gelegt; sie geriethen zusammen in Vergessenheit und wurden nach Verlauf mehrerer Jahre zusammen wieder vor die Augen der Welt gebracht. Beide wurden von dem nämlichen Peer auf den Tisch des Oberhauses niedergelegt und beide wurden dem nämlichen Ausschusse überwiesen. Bald aber begann es sich zu zeigen, daß sie ein ganz verschiedenes Schicksal haben würden. Die Comprehensionsbill war zwar ein besseres Probestück legislativer Geschicklichkeit, als die Toleranzbill, war aber nicht, wie diese, den Bedürfnissen, Gefühlen und Vorurtheilen der lebenden Generation angepaßt. In Folge dessen wurde die Comprehensionsbill, während die Toleranzbill von allen Seiten Unterstützung fand, von allen Seiten angegriffen und zuletzt selbst von Denen, die sie eingebracht hatten, lau und schwach vertheidigt. Um die nämliche Zeit, wo die Toleranzbill unter allgemeiner Zustimmung der Staatsmänner Gesetz wurde, ward die Comprehensionsbill unter nicht minder allgemeiner Zustimmung fallen gelassen. Die Toleranzbill nimmt heute noch unter den wichtigen Gesetzen, welche in unsrer Verfassungsgeschichte Epochen bezeichnen, eine Stelle ein. Die Comprehensionsbill ist vergessen. Kein Sammler von Alterthümern hat sie der Aufbewahrung werth gehalten. Ein einziges Exemplar, das nämliche, welches Nottingham den Peers vorlegte, befindet sich noch unter unseren Parlamentsacten, ist aber nur einigen wenigen jetzt lebenden Personen zu Gesicht gekommen. Es ist ein glücklicher Umstand, daß aus diesem Exemplare fast die ganze Geschichte der Bill zu ersehen ist. Trotz der Durchstreichungen und hineincorrigirten Änderungen sind die ursprünglichen Worte leicht von denen zu unterscheiden, welche im Ausschuß oder bei der Berichterstattung hineingeschrieben wurden.[88]

Die erste Klausel, wie sie bei Einbringung der Bill lautete, entband alle Geistlichen der Landeskirche der Nothwendigkeit, die neununddreißig Artikel zu unterschreiben. An die Stelle der Artikel war folgende Erklärung gesetzt: „Ich billige die Lehre und den Gottesdienst und das Regiment der Staatskirche England’s, wie sie gesetzlich bestehen, als alles zur Seligkeit Nothwendige enthaltend, und verspreche in der Ausübung meines geistlichen Amtes demgemäß zu predigen und zu handeln.“ Eine andre Klausel gewährte den Mitgliedern der beiden Universitäten gleiche Begünstigung.

Ferner war bestimmt, daß jeder Geistliche, der nach presbyterianischer Weise ordinirt worden, ohne nochmalige Ordination alle Rechte eines Priesters der Landeskirche erlangen konnte. Er mußte jedoch in seine neuen Functionen durch Händeauflegen seitens eines Bischofs eingeführt werden, welcher dabei folgende Formel auszusprechen hatte: „Empfange die Ermächtigung, das Wort Gottes zu predigen, die Sakramente darzureichen und alle anderen geistlichen Amtsverrichtungen in der Kirche von England auszuüben.“ Der so Aufgenommene war zur Bekleidung jedes Rectorats oder Vikariats im Königreiche befähigt.