Dann folgten Klauseln, welche bestimmten, daß ein Geistlicher, außer in einigen wenigen Kirchen von besonderem Ansehen, den Chorrock tragen könne oder nicht, wie er es für gut fände, daß das Zeichen des Kreuzes bei der Taufe weggelassen werden dürfe, daß die Kinder ohne Pathen oder Pathinnen getauft werden dürften, wenn die Eltern es wünschten, und daß Leute, denen es Gewissensscrupel machte, das Abendmahl knieend zu empfangen, es sitzend empfangen dürften.

Der Schlußsatz war in Form einer Petition gefaßt. Es war darin vorgeschlagen, daß die beiden Häuser den König und die Königin ersuchen sollten, eine Ordre zu erlassen, welche dreißig Theologen der Landeskirche ermächtigte, die Liturgie, die Kirchengesetze und die Einrichtung der geistlichen Gerichtshöfe zu untersuchen und die sich bei der Untersuchung als wünschenswerth herausstellenden Änderungen anzuempfehlen.

Die Bill durchlief ruhig die ersten Stadien. Compton, welcher thatsächlich Primas war, seit Sancroft sich in Lambeth eingeschlossen hatte, unterstützte Nottingham aufs Kräftigste.[89] Im Ausschusse aber zeigte es sich, daß es eine starke Partei von Hochkirchlichen gab, welche entschlossen waren, kein einziges Wort, keine einzige Formalität aufzugeben, denen es schien, daß Gebete ohne den Chorrock keine Gebete, der Täufling ohne das Zeichen des Kreuzes kein Christ, und Brod und Wein keine Denkzeichen der Erlösung und keine Gnadenvehikel seien, wenn sie nicht knieend empfangen würden. Warum, fragten diese Männer, sollte der gehorsame und treue Sohn der Landeskirche den Verdruß haben, in ihre majestätischen Chöre die unehrerbietigen Gebräuche eines Conventikels eingeführt zu sehen? Warum sollten seine Gefühle, seine Vorurtheile, wenn es wirklich Vorurtheile wären, weniger berücksichtigt werden als die Launen der Schismatiker? Wenn, wie Burnet und Leute wie Burnet nicht müde wurden zu wiederholen, einem schwachen Bruder Nachsicht gebühre, gebühre sie demjenigen Bruder, dessen Schwäche in seiner übergroßen Liebe zu einem alten, einfachen und schönen Ritual bestehe, das von Kindheit an in seiner Phantasie mit dem Erhabensten und Theuersten eng verbunden sei, weniger als dem Bruder, dessen grämlicher und streitsüchtiger Geist beständig auf läppische Einwendungen gegen harmlose und heilsame Gebräuche sinne? Aber die Bedenklichkeit des Puritaners sei wahrlich nicht die Art der Bedenklichkeit, welche der Apostel den Gläubigen zu respectiren befohlen habe. Sie entspringe nicht aus einer krankhaften Zartheit des Gewissens, sondern aus Tadelsucht und geistlichem Hochmuth, und wer das Neue Testament studirt habe, dem könne es unmöglich entgangen sein, daß, während es unsre Pflicht sei Alles zu vermeiden was dem Schwachen ein Ärgerniß geben könne, göttliche Vorschrift und göttliches Beispiel uns lehrten, dem anmaßenden und lieblosen Pharisäer kein Zugeständniß zu machen. Sollte Alles was nicht zum Wesen der Religion gehöre, aufgegeben werden, sobald es einem Haufen Zeloten, denen Eigendünkel und Neuerungssucht die Köpfe verdreht hätte, nicht mehr gefalle? Bemaltes Glas, Musik, Feiertage und Festtage gehörten nicht zum Wesen der Religion. Sollten auf Verlangen der einen Schaar Fanatiker die Fenster der Kapelle von King’s College zerbrochen werden? Sollte einer andren zu Gefallen die Orgel von Exeter verstummen? Sollten alle Dorfglocken schweigen, weil Tribulation Wholesome oder Diakonus Ananias sie für profan hielten? Sollte das Christfest kein Freudentag mehr sein? Sollte die Passionswoche nicht länger eine Zeit der Demüthigung bleiben? Diese Änderungen waren allerdings noch nicht vorgeschlagen worden. Wenn wir aber, argumentirten die Hochkirchlichen, einmal zugeben, daß etwas Harmloses und Erbauliches abgeschafft werde, weil es einigen beschränkten Köpfen und Grämlingen Anstoß giebt, wo sollen wir dann einhalten? Und ist es nicht wahrscheinlich, daß wir, indem wir so versuchen, ein Schisma zu heilen, ein andres hervorrufen können? Alle die Dinge, welche die Puritaner als Flecken der Kirche betrachten, werden von einem großen Theile der Bevölkerung zu den Schönheiten derselben gerechnet. Kann sie nicht, indem sie aufhört einigen mürrischen Rigoristen Ärgerniß zu geben, zu gleicher Zeit ihren Einfluß auf die Herzen Vieler verlieren, die sich jetzt an ihren Gebräuchen erfreuen? Steht nicht zu befürchten, daß für jeden Proselyten, den sie aus dem Bethause an sich zieht, zehn ihrer alten Söhne ihren verstümmelten Riten und des Schmuckes beraubten Tempeln den Rücken kehren und daß diese neuen Separatisten sich entweder zu einer viel mächtigeren Secte als die, welche wir jetzt zu versöhnen suchen, zusammenschaaren oder in der Heftigkeit ihres Abscheues vor einer kalten und unwürdigen Gottesverehrung sich verleiten lassen, zu dem feierlichen und glänzenden Götzendienst Rom’s überzugehen?

Es ist bemerkenswerth, daß Die, welche diese Sprache führten, keineswegs geneigt waren, für die doctrinellen Artikel der Staatskirche zu streiten. In Wahrheit hat seit den Zeiten Jakob’s I. die große Partei, welche besonders für die anglikanische Kirchenverfassung und das anglikanische Ritual eingenommen war, sich immer stark zum Arminianismus hingeneigt und daher nie sehr fest an einem Glaubensbekenntniß gehangen, das von Reformatoren entworfen war, welche in Fragen der metaphysischen Theologie im Allgemeinen mit Calvin übereinstimmten. Eines von den characteristischen Kennzeichen dieser Partei ist die Geneigtheit, welche sie stets an den Tag gelegt hat, sich bei Punkten der dogmatischen Theologie lieber auf die aus Rom stammende Liturgie als auf die aus Genf stammenden Artikel und Homilien zu berufen. Die calvinistischen Mitglieder der Kirche haben dagegen stets behauptet, daß die wohlerwogene Meinung derselben über solche Punkte vielmehr in einer Homilie oder in einer Dankeshymne zu finden sei. Es scheint nicht, daß bei den Debatten über die Comprehensionsbill ein einziger Hochkirchlicher seine Stimme gegen die Klausel erhob, welche den Klerus der Nothwendigkeit entband, die Artikel zu unterschreiben und die in den Homilien enthaltene Doctrin für richtig zu erklären. Die Erklärung, welche in dem ursprünglichen Entwurf an die Stelle der Artikel gesetzt war, wurde sogar in der Berichterstattung sehr gemildert. Nach dem schließlichen Wortlaute der Klausel war den Dienern der Landeskirche vorgeschrieben zu erklären, nicht daß sie ihre Verfassung billigten, sondern bloß daß sie sich derselben unterwürfen. Wäre die Bill Gesetz geworden, so würden die dissentirenden Prediger die Einzigen im ganzen Königreiche geworden sein, welche die Artikel zu unterschreiben gehabt hätten.[90]

Die Leichtigkeit mit der die eifrigen Freunde der Landeskirche das Glaubensbekenntniß derselben aufgaben, contrastirt auffallend mit der Begeisterung, mit der sie für die Verfassung und das Ritual derselben stritten. Die Klausel, welche presbyterianischen Geistlichen gestattete, ohne bischöfliche Ordination Pfründen zu besitzen, wurde verworfen. Die Klausel, welche skrupulösen Personen gestattete, sitzend zu communiciren, entging mit genauer Noth dem nämlichen Schicksale. Im Ausschusse wurde sie weggestrichen und bei der Berichterstattung nur mit großer Mühe wieder aufgenommen. Die Majorität der anwesenden Peers war gegen die vorgeschlagene Begünstigung und nur die Stellvertreter gaben gerade noch den entgegengesetzten Ausschlag.

Inzwischen begann es sich jedoch zu zeigen, daß der Bill, welche die Anhänger der Hochkirche so heftig angriffen, von ganz andrer Seite Gefahren drohten. Die nämlichen Gründe, welche Nottingham bewogen hatten eine Comprehension zu unterstützen, machten dieselbe für eine große Anzahl von Dissenters zu einem Gegenstande der Besorgniß und Abneigung. Das Wahre ist, daß die Zeit für einen solchen Plan vorüber war. Wäre Elisabeth hundert Jahre früher, als die Spaltung unter den Protestanten noch neu war, so weise gewesen, von dem Verlangen der Beobachtung einiger weniger Formen abzustehen, welche ein großer Theil ihrer Unterthanen als papistisch betrachtete, so hatte sie vielleicht die entsetzlichen Calamitäten verhüten können, welche vierzig Jahre nach ihrem Tode die Kirche heimsuchten. Aber eine Kirchenspaltung hat in der Regel die Tendenz, sich zu vergrößern. Hätte Leo X., als die Erpressungen und Betrügereien der Ablaßkrämer zuerst den Unwillen Sachsen’s erregten, diesem Unwesen mit kräftiger Hand gesteuert, so ist es nicht unwahrscheinlich, daß Luther im Schooße der römischen Kirche gestorben sein würde. Aber man ließ die Gelegenheit unbenutzt vorübergehen, und als wenige Jahre später der Vatikan durch Nachgiebigkeit in dem ursprünglichen Streitpunkte gern den Frieden erkauft haben würde, war der ursprüngliche Gegenstand des Streits fast vergessen. Der durch einen einzelnen Mißbrauch geweckte Prüfungsgeist hatte tausende entdeckt oder zu entdecken geglaubt; Controversen erzeugten Controversen, jeder Versuch, den einen Streit beizulegen, endigte damit, daß er einen andren hervorrief, und schließlich machte ein allgemeines Concil, das man während der ersten Stadien des Übels für ein untrügliches Heilmittel gehalten hatte, die Sache völlig hoffnungslos. In dieser Beziehung wie in vielen anderen gleicht die Geschichte des Puritanismus in England genau der Geschichte des Protestantismus in Europa. Das Parlament von 1689 konnte durch Duldung eines Gewandes oder einer Stellung der Nonconformität eben so wenig ein Ende machen, wie die Doctoren von Trient durch Regulirung des Ablasses die teutonischen Völker mit dem Papstthum versöhnen konnten. Im 16. Jahrhundert war das Quäkerthum noch unbekannt und es gab im ganzen Reiche nicht eine einzige Independenten- oder Baptistengemeinde. Zur Zeit der Revolution bildeten die Independenten, Baptisten und Quäker die Majorität der Dissenters und diese Secten konnten nicht durch Bedingungen gewonnen werden, welche der entschiedenste Niederkirchliche zu bieten geneigt gewesen wäre. Der Independent war der Ansicht, daß eine Landeskirche, welche durch was immer für eine Centralgewalt, ob Papst, Patriarch, König, Bischof oder Synode, regiert wurde, eine nicht schriftgemäße Institution und daß jede Gemeinschaft von Gläubigen unter Christi Autorität eine souveraine Gesellschaft sei. Der Baptist war noch unnachgiebiger als der Independent, und der Quäker noch unnachgiebiger als der Baptist. Daher würden Concessionen, welche vor Zeiten der Nonconformität ein Ende gemacht hätten, jetzt noch nicht die Hälfte der Nonconformisten befriedigt haben, und jedem Nonconformisten, den kein Zugeständniß befriedigen konnte, mußte nothwendig darum zu thun sein, daß auch keiner seiner Glaubensbrüder zu befriedigen war. Je liberaler die Bedingungen der Comprehension waren um so größer war die Besorgniß jedes Separatisten, welcher wußte, daß er in keinem Falle comprehensirt werden konnte. Es war also nur wenig Hoffnung, daß die Dissenters, auch wenn sie ungetheilt und wie Ein Mann handelten, von der Legislatur volle Zulassung zu bürgerlichen Rechten erlangen würden, und jede Hoffnung, diese Zulassung zu erlangen, mußte aufgegeben werden, wenn es Nottingham mit Hülfe einiger wohlmeinender aber kurzsichtiger Freunde der Religionsfreiheit möglich werden sollte, seinen Plan durchzuführen. Wenn seine Bill durchging, so erfolgte unzweifelhaft ein erheblicher Abfall von der Dissenterschaft, und jeder Abfall mußte von einer ohnehin schon in der Minderzahl befindlichen, unterdrückten und gegen mächtige Feinde kämpfenden Klasse schwer empfunden werden. Überdies mußte jeder Proselyt doppelt gezählt werden, einmal als Verlust für die Partei, welche gerade jetzt nur zu schwach war, und einmal als Gewinn für die schon zu starke Gegenpartei. Die Kirche war nur zu gut im Stande, allen Secten im Königreiche die Spitze zu bieten, und wenn diese Secten durch einen bedeutenden Abfall gelichtet und die Kirche durch einen bedeutenden Zugang verstärkt werden sollte, so war es offenbar mit aller Aussicht auf eine Milderung der Testacte vorbei und nur zu wahrscheinlich, daß die Toleranzacte bald wieder zurückgenommen werden würde.

Selbst diejenigen presbyterianischen Geistlichen, deren Gewissensscrupel zu heben die Comprehensionsbill insbesondere bestimmt war, hegten keineswegs einhellig den Wunsch, sie angenommen zu sehen. Die talentvollsten und beredtsamsten Prediger waren seit dem Erscheinen der Indulgenzerklärung sehr angenehm in der Hauptstadt und anderen großen Städten placirt und sollten jetzt unter der sicheren Garantie einer Parlamentsacte die Duldung genießen, welche unter der Indulgenzerklärung gesetzwidrig und unsicher gewesen war. Die Lage dieser Männer war von der Art, daß die große Mehrzahl der Geistlichen der Landeskirche sie mit Recht beneiden konnten. In der That, nur wenige Parochialgeistliche waren so reichlich mit Bequemlichkeiten und Genüssen bedacht, als der Lieblingsprediger einer großen Nonconformistengemeinde in der City. Die freiwilligen Beiträge seiner wohlhabenden Zuhörer, bestehend aus Aldermen und Rathsherren, Kaufleuten, welche nach Westindien und der Levante Handel trieben, Ältesten der Fischhändler- und Goldschmiedgilden, setzten ihn in den Stand, Grundeigenthümer zu werden oder auf Hypotheken auszuleihen. Das feinste Tuch aus Blackwell Hall und das beste Geflügel von Leadenhall Market wurden ihm häufig ins Haus gebracht, sein Einfluß auf seine Gemeinde war ungeheuer. Kein Mitglied einer Separatistengesellschaft ging so leicht ein Compagniegeschäft ein, oder verheirathete seine Tochter, oder brachte seinen Sohn in die Lehre, oder gab seine Stimme bei einer Wahl ab, ohne seinen Seelsorger zu Rathe zu ziehen. In allen politischen und religiösen Fragen war der Geistliche das Orakel seiner Gemeinde. Seit vielen Jahren pflegte man im Volke zu sagen, daß ein ausgezeichneter Dissentergeistlicher nur seinen Sohn Advokat oder Arzt werden zu lassen brauche, um gewiß zu sein, daß er als Advokat Klienten und als Arzt Patienten haben werde. Während ein gewöhnliches Dienstmädchen in der Regel als die für einen Kaplan der Landeskirche passende Lebensgefährtin betrachtet wurde, galt es für ausgemacht, daß die Wittwen und Töchter reicher Bürger vorzugsweise den nonconformistischen Pastoren zukamen. Ein angesehener presbyterianischer Rabbi konnte somit wohl daran zweifeln, ob er in weltlicher Beziehung durch eine Comprehension etwas gewinnen werde. Er konnte allerdings eine Pfarre oder eine Vikarstelle bekleiden, wenn er eine bekam; inzwischen aber wurde er dem Mangel preisgegeben, sein Versammlungshaus wurde geschlossen, seine Gemeinde zerstreute sich unter die Pfarrkirchen, und wenn ihm eine Pfründe verliehen wurde, so bot sie ihm wahrscheinlich nur einen kärglichen Ersatz für das verlorne Einkommen. Eben so wenig durfte er hoffen, als Diener der anglikanischen Kirche die Autorität und das Ansehen zu erlangen, die er bisher genossen hatte. Von einem großen Theile dieser Kirche würde er stets als ein Überläufer betrachtet werden. Es war daher im Ganzen genommen sehr natürlich, wenn er da gelassen zu werden wünschte wo er war.[91]

In Folge dessen entstand eine Spaltung in der Whigpartei. Der eine Theil war für die Entbindung der Dissenters von der Testacte und für Aufgeben der Comprehensionsbill, der andre Theil war für Unterstützung der Comprehensionsbill und für Verschiebung der Angelegenheit wegen der Testacte bis zu einer passenderen Zeit. Die Wirkung dieser Spaltung unter den Freunden der religiösen Freiheit war, daß die Anhänger der Hochkirche, obgleich sie im Hause der Gemeinen eine Minorität und im Hause der Lords keine Majorität bildeten, beiden gefürchteten Reformen mit Erfolg zu opponiren vermochten. Die Comprehensionsbill wurde nicht angenommen und die Testacte wurde nicht widerrufen.

Gerade in dem Augenblicke als die beiden Fragen des Testes und der Comprehension sich in eine Weise mit einander zu verwickeln begannen, welche einen aufgeklärten und rechtschaffenen Staatsmann wohl in Verlegenheit setzen konnte, gesellte sich dazu noch eine dritte Frage von hoher Wichtigkeit.

[88.] Die Bill befindet sich in den Archiven des Hauses der Lords. Es ist befremdend, daß diese große Sammlung wichtiger Dokumente selbst von unseren gewissenhaftesten und fleißigsten Geschichtsforschern ganz unbeachtet gelassen worden ist. Sie wurde mir durch einen meiner werthesten Freunde, Mr. John Lefevre, geöffnet und die Güte des Mr. Thoms unterstützte mich wesentlich bei meinen Nachforschungen.