Im Jahre 1670 endlich beschloß der menschenfreundliche und erleuchtete Sir Wilhelm Petty, in diesem wüsten Districte eine Niederlassung zu gründen. Er besaß dort eine große Herrschaft, die auf eine ihres Ahnherrn würdige Nachkommenschaft fortgeerbt ist. Man sagte damals, daß er auf die Verbesserung dieses Gutes nicht weniger als zehntausend Pfund Sterling verwendet habe. Die kleine Stadt, welche er gründete und die nach der Bucht von Kenmare benannt wurde, lag an der Spitze dieser Bucht am Fuße eines Bergrückens, auf dessen Gipfel der Reisende jetzt verweilt, um den lieblichsten der drei Seen von Killarney zu betrachten. Ein von einer Gesellschaft unternehmender Neuengländer, weit entfernt von den Wohnungen ihrer Landsleute in den Jagdgründen der rothen Indianer erbautes Dorf konnte kaum vollständiger außer dem Bereiche der Civilisation liegen als Kenmare. Von Petty’s Ansiedelung bis nach dem nächsten englischen Wohnplatze hatte man zu Lande zwei Tage durch eine wilde und gefahrvolle Gegend zu reisen. Doch der Ort gedieh. Es wurden zweiundvierzig Häuser gebaut und die Bevölkerung belief sich auf hundertachtzig Seelen. Das Land um die Stadt herum war gut angebaut, der Viehstand war zahlreich und zwei kleine Bote vermittelten den Fischfang und Handel längs der Küste. Der Ertrag an Heringen, Pilchards, Makrelen und Lachsen war bedeutend und würde noch bedeutender gewesen sein, wäre nicht der Strand in der schönsten Jahreszeit mit Massen von Robben bedeckt gewesen, welche den Fischen der Bucht nachstellten. Die Robbe war jedoch kein unwillkommener Gast, denn ihre Haut war werthvoll und ihr Thran lieferte das Beleuchtungsmaterial für die langen Winterabende. Mit dem glücklichsten Erfolge wurde der Versuch gemacht, Eisenhütten anzulegen. Man bediente sich damals noch nicht der Steinkohlen zum Schmelzen und es wurde den Fabrikbesitzern von Kent und Sussex sehr schwer, sich Brennholz zu mäßigem Preise zu verschaffen. Die Umgebung von Kenmare war damals reich bewaldet, und Petty erkannte es als eine gewinnbringende Spekulation, Erz dahin zu transportiren. Die Freunde von Naturschönheiten bedauern noch heute den Verlust der Wälder von Eichen und Erdbeerbäumen, welche geschlagen wurden, um seine Hohöfen zu speisen. Außerdem war noch ein andrer Plan in seinem thätigen und intelligenten Kopfe entstanden. Einige von den benachbarten Inseln waren reich an buntem Marmor, roth und weißem und roth und grünem. Petty wußte wohl, mit welchen großen Kosten die alten Römer ihre Bäder und Tempel mit buntfarbigen Säulen schmückten, welche in den Marmorbrüchen Lakonien’s und Afrika’s gebrochen wurden, und er scheint die Hoffnung genährt zu haben, daß die Felsen seiner wilden Herrschaft in Kerry vielleicht Verzierungen für die Paläste von St. James-Square und für das Chor der St Paulskirche liefern könnten.[12]
Die Ansiedler hatten von Anfang an erkannt, daß sie darauf vorbereitet sein müßten, das Recht der Selbstvertheidigung in einer Ausdehnung zu üben, die in einem wohleingerichteten Staate unnöthig und unverantwortlich gewesen sein würde. In den Hochlanden südlich vom Thale von Tralee war das Gesetz völlig machtlos. Kein Justizbeamter wagte sich gern in diese Gegenden. Ein Staatsbote, der im Jahre 1680 dort einen gerichtlichen Befehl zu vollziehen versuchte, wurde ermordet. Es scheint jedoch, daß bis zu Ende des Jahres 1688 die Bewohner von Kenmare durch ihre Einigkeit, ihre Intelligenz und ihren Muth hinreichend geschützt waren. Um diese Zeit aber begannen sich die Wirkungen der Politik Tyrconnel’s selbst in diesem entlegenen Winkel Irland’s fühlbar zu machen. In den Augen des Landvolks von Munster waren die Colonisten Fremdlinge und Ketzer. Die Gebäude, die Böte, die Maschinen, die Kornspeicher, die Meiereien und Hohöfen wurden von der eingebornen Bevölkerung ohne Zweifel mit dem Gemisch von Neid und Geringschätzung betrachtet, mit dem der Unwissende ganz natürlich auf die Triumphe der Wissenschaft herabsieht. Auch ist es gar nicht unwahrscheinlich, daß die Einwanderer sich der Fehler schuldig gemacht hatten, von denen civilisirte Menschen, die sich unter einem uncivilisirtem Volke niederlassen, selten frei bleiben. Es läßt sich wohl annehmen, daß die aus höherer Intelligenz entspringende Macht bald rücksichtslos zur Schau getragen, bald ungerecht ausgeübt wurde. Als sich daher jetzt von Altar zu Altar und von Hütte zu Hütte die Nachricht verbreitete, daß die Fremden vertrieben und ihre Häuser und Grundstücke den Söhnen des Landes als Beute preisgegeben werden sollten, begann ein förmlicher Raubkrieg. Schaaren von Plünderern zu dreißig, vierzig, ja siebzig Köpfen, theils mit Schießgewehren, theils mit Piken bewaffnet, durchstreiften die Umgegend der Stadt. Die Scheunen wurden geplündert, und Pferde wurden gestohlen. Bei einem einzigen Raubzuge wurden hundertvierzig Stück Vieh weggenommen und durch die Schluchten von Glengariff fortgeführt. In einer Nacht wurden sechs Wohnungen erbrochen und ausgeplündert. Endlich beschlossen die auf’s Äußerste getriebenen Colonisten, lieber wie Männer zu sterben, als sich in ihren Betten ermorden zu lassen. Das Haus, welches Petty für seinen Agenten erbaut hatte, war das größte im Orte. Es stand auf einer felsigen Landzunge, an deren Ufern die Wogen der Bucht sich brachen. Hier versammelte sich die ganze Einwohnerschaft, bestehend aus fünfundsiebzig streitbaren Männern mit etwa hundert Frauen und Kindern. Sie besaßen sechzig Feuergewehre und eine gleiche Anzahl Piken und Schwerter. In aller Eile wurde rings um das Haus des Agenten ein funfzehn Fuß hoher und zwölf Fuß dicker Erdwall aufgeworfen. Die so eingefriedigte Bodenfläche war etwa einen halben Acker groß. Innerhalb dieses Walles wurden sämmtliche Waffen, Munitions- und Lebensmittelvorräthe zusammengebracht und mehrere schwache Breterhütten errichtet. Als diese Vorbereitungen getroffen waren, begannen die Männer von Kenmare kräftige Repressalien gegen ihre irischen Nachbarn zu üben; sie ergriffen Räuber, nahmen gestohlenes Eigenthum wieder und verfuhren einige Wochen lang in allen Stücken wie eine unabhängige Gemeinschaft. Die obrigkeitlichen Functionen wurden durch erwählte Beamte verrichtet, denen jedes Mitglied der Commun auf das Evangelium Treue gelobte.[13]
Während die Bewohner des Städtchens Kenmare sich dergestalt regten, wurden von größeren Gemeinschaften ähnliche Vertheidigungsmaßregeln in größerem Maßstabe getroffen. Eine beträchtliche Anzahl Gentlemen und Freisassen verließ das platte Land und zog sich in die Städte, welche zu dem Zwecke gegründet und incorporirt worden waren, um die eingeborne Bevölkerung im Zaume zu halten, und die, obwohl unlängst unter das Regiment katholischer Behörden gestellt, doch noch hauptsächlich von Protestanten bewohnt waren. Eine ansehnliche Schaar bewaffneter Colonisten sammelte sich in Sligo, eine andre in Charleville, eine dritte in Mallow, eine vierte noch stärkere in Bandon.[14] Die wichtigsten Bollwerke der englischen Bevölkerung in dieser schlimmen Zeit waren jedoch Enniskillen und Londonderry.
[10.] In der Gegend von Killarney hat es Erdbeerbäume von dreißig Fuß Höhe und fünfthalb Fuß Umfang gegeben. Siehe die Philosophical Transactions, 227.
[11.] In einer sehr ausführlichen Beschreibung der britischen Inseln, welche 1690 in Nürnberg erschien, ist Kerry als „an vielen Orten unwegsam und voller Wälder und Gebirge“ geschildert. Wölfe hausten noch in Irland. „Kein schädlich Thier ist da außerhalb Wölff und Füchse.“ Noch im Jahre 1710 wurde auf Antrag der großen Jury von Kerry eine Abgabe zum Behufe der Ausrottung der Wölfe in dieser Grafschaft erhoben. Siehe Smith’s Ancient and Modern State of the County of Kerry, 1750. Es ist mir nie ein besseres Buch dieser Art und dieses Umfangs vorgekommen. In einem 1719 erschienenen Gedicht, betitelt: Macdermot, or the Irish Fortune Hunter, in sechs Gesängen, wird die Wolfsjagd als ein sehr gewöhnliches Sportvergnügen dargestellt. Unter Wilhelm’s Regierung gab man Irland zuweilen den Spottnamen Wolfsland. So wird in einem Gedicht über die Schlacht von la Hogue, betitelt: Advice to a Painter, der Schrecken der irischen Armee wie folgt geschildert:
Ein Nebel, der das Blut erstarren macht
Und Wolfland’s Heulen dringt durch’s ganze Lager.
[12.] Smith’s Ancient and Modern State of Kerry.
[13.] Exact Relation of the Persecution, Robberies, and Losses sustained by the Protestants of Killmare in Ireland, 1689; Smith’s Ancient and Modern State of Kerry, 1756.
[14.] Ireland’s Lamentation, licensed May 18. 1689.