[32.] Avaux an Ludwig, 25. März (4. April) 1689.

[33.] Clarke’s Life of James, II. 321. Mountjoy’s Circulardepesche vom 10. Jan. 1688/89; King IV. 8. In „Light to the Blind“ wird Tyrconnel’s „kluge Verstellung“ gerühmt.

[34.] Avaux an Ludwig, 13.(23.) April 1689.

Tyrconnel ruft das irische Volk zu den Waffen. [Sobald] die beiden Gesandten abgereist waren, begann Tyrconnel sich auf den unvermeidlich gewordenen Kampf vorzubereiten, und der treulose Hamilton unterstützte ihn dabei auf das Kräftigste. Die irische Nation wurde zu den Waffen gerufen und sie leistete dem Aufrufe mit merkwürdiger Bereitwilligkeit und Begeisterung Folge. In die Flagge, welche auf dem Schlosse von Dublin wehte, waren die Worte gestickt: „Now or never: now and for ever,“ (jetzt oder nimmer: jetzt und für immer) und diese Worte fanden durch das ganze Land ein Echo.[35] Nie hat Europa in der neueren Zeit eine solche Erhebung eines ganzen Volks gesehen. Die Gewohnheiten des celtischen Bauern waren von der Art, daß er kein Opfer brachte, wenn er sein Kartoffelfeld mit dem Lager vertauschte. Er liebte Aufregung und Abenteuer, und scheute die Arbeit viel mehr als Gefahren. Seine nationalen und religiösen Gefühle waren seit drei Jahren durch die beständige Anwendung von Reizmitteln aufgestachelt worden. Auf jeder Messe und jedem Jahrmarkte hatte er gehört, daß bald eine gute Zeit kommen werde, daß die Tyrannen, welche sächsisch sprächen und in Häusern mit Schieferdächern wohnten, vertrieben werden und daß das Land dann wieder seinen eigenen Kindern gehören würde. Um die Torffeuer von hunderttausend Hütten waren allnächtlich rohe Balladen gesungen worden, welche die Befreiung des unterdrückten Volks verkündeten. Die Priester, welche größtentheils den alten Familien angehörten, die die Ansiedelungsacte zu Grunde gerichtet hatte, welche aber von der eingebornen Bevölkerung noch immer verehrt wurden, hatten von tausend Altären herab jedem Katholiken ans Herz gelegt, seine Anhänglichkeit an die wahre Religion durch Anschaffung von Waffen für den Tag zu beweisen, an welchem es nöthig werden dürfte, zum Heile ihrer Sache das Glück der Schlachten zu versuchen. Die Armee, welche unter Ormond nur aus acht Regimentern bestanden hatte, wurde jetzt auf achtundvierzig Regimenter gebracht, und die Reihen waren bald übervoll. Es war unmöglich, in kurzer Zeit nur ein Zehntel der benöthigten Anzahl guter Offiziere zu finden. Patente wurden mit verschwenderischer Freigebigkeit müßigen Aufliegern verliehen, welche Anspruch darauf machten, von guten irischen Familien abzustammen. Doch selbst auf diese Weise konnte der Bedarf an Hauptleuten und Leutnants nicht beschafft werden und viele Compagnien wurden von Schuhflickern, Schneidern und Lakaien befehligt.[36]

[35.] Gedruckter Brief aus Dublin vom 25. Febr. 1689: Mephibosheth and Ziba, 1689.

[36.] Die Verwandschaft der Priester mit den alten irischen Familien ist in Petty’s Political Anatomy of Ireland erwähnt. Siehe auch: Short View by a Clergyman lately escaped, 1689; Ireland’s Lamentation, by an English Protestant that lately narrowly escaped with life from thence, 1689; A True Account of the State of Ireland, by a person who with great difficulty left Dublin, 1689; King II. 7. Avaux bestätigt Alles was diese Schriftsteller über die irischen Offiziere sagen.

Verwüstung des Landes. [Die] Löhnung der Soldaten war sehr gering. Der Gemeine hatte nur drei Pence den Tag. Davon bekam er nie mehr als die Hälfte baar ausgezahlt, und selbst diese Hälfte war oft in Rückstand. Aber ein viel verlockenderer Köter als dieser karge Lohn war die Aussicht auf unbegrenzte Zügellosigkeit. Wenn die Regierung ihm weniger gab als für seine Lebensbedürfnisse ausreichte, so nahm sie es dagegen nicht zu genau mit den Mitteln, durch welche er dem Mangel abzuhelfen suchte. Obwohl vier Fünftel der Bevölkerung Irland’s Celten und Katholiken waren, so kamen doch vier Fünftel des irischen Eigenthums auf die protestantischen Engländer. Die Kornspeicher, die Keller, und vor Allem die Viehheerden der Minderheit wurden der Mehrheit preisgegeben. Denn die Bewaffnung war jetzt allgemein. Niemand wagte es mehr, ohne eine Waffe, sei es eine Pike, ein langes Messer, skean genannt, oder wenigstens einen zugespitzten und im Feuer gehärteten Eschenholzstock, in der Messe zu erscheinen. Selbst die Frauen wurden von ihren Seelsorgern ermahnt, Skeans bei sich zu führen. Alle Schmiede, Zimmerleute und Schwertfeger waren fortwährend mit der Anfertigung von Gewehren und Klingen beschäftigt. Es war kaum möglich ein Pferd beschlagen zu lassen. Weigerte sich ein protestantischer Handwerker, an der Verfertigung von Kriegsgeräth Theil zu nehmen, das gegen seine Nation und Religion gebraucht werden sollte, so wurde er ins Gefängniß geworfen. Es läßt sich mit Wahrscheinlichkeit annehmen, daß Ende Februar mindestens hunderttausend Irländer unter den Waffen standen. Nahe an funfzigtausend davon waren Soldaten; die übrigen waren Banditen; deren Gewaltthätigkeit und Zügellosigkeit die Regierung zum Schein mißbilligte, sich aber nicht bemühte, denselben Einhalt zu thun. Die Protestanten wurden nicht allein nicht beschützt, sondern sie durften sich nicht einmal selbst schützen. Es war beschlossen, daß sie inmitten einer bewaffneten und feindseligen Bevölkerung unbewaffnet bleiben sollten. Ein Tag wurde festgesetzt, an welchem sie alle ihre Schwerter und Feuergewehre in die Pfarrkirchen bringen sollten, und zu gleicher Zeit angekündigt, daß jedes protestantische Haus, in welchem nach diesem Tage eine Waffe gefunden würde, der Plünderung durch die Soldaten preisgegeben werden sollte. Man beklagte sich bitter über diese Maßregel, da der erste beste Schurke, der eine Lanzenspitze oder ein altes Pulverfaß in einem Winkel eines Hauses verberge, vollständigen Ruin über den Eigenthümer desselben bringen könne.[37]

Der Oberrichter Keating, selbst Protestant und fast der einzige Protestant, der noch ein hohes Amt in Irland bekleidete, stritt muthig für die Sache der Gerechtigkeit und Ordnung wider die vereinte Macht der Regierung und des Pöbels. Bei den Frühjahrsassisen zu Wicklow schilderte er vom Richterstuhle herab in energischen Ausdrücken die traurige Lage des Landes. Ganze Grafschaften, sagte er, würden durch ein Gesindel verwüstet, das den Geiern und Raben gleiche, welche dem Marsche einer Armee folgen. Die meisten dieser Elenden seien gar keine Soldaten und handelten unter keiner dem Gesetze bekannten Autorität. Dennoch sei es nur zu offenbar, daß sie durch einige hohe Befehlshaber ermuthigt und protegirt würden. Wie könne sonst in geringer Entfernung von der Hauptstadt ein offner Markt für geraubtes Gut gehalten werden? Die Geschichten, welche Reisende von den Hottentotten am Kap der guten Hoffnung erzählten, sehe man in Leinster verwirklicht. Nichts sei gewöhnlicher, als daß ein rechtlicher Mann sich des Abends reich an Schaf- und Rinderheerden, die er durch den Fleiß und die Thätigkeit eines langen Lebens erworben, niederlege und am andren Morgen als Bettler erwache. Keating bemühte sich indessen mit nur geringem Erfolge, inmitten jener entsetzlichen Anarchie das Ansehen des Gesetzes aufrecht zu erhalten. Priester und Heerführer traten auf, um den Oberrichter einzuschüchtern und die Räuber in Schutz zu nehmen. Ein solcher Schurke kam straflos davon, weil kein Kläger gegen ihn aufzutreten wagte. Ein Andrer erklärte, daß er sich auf den Befehl seines Seelsorgers und nach dem Beispiele vieler höher stehender Leute, die er hier im Gerichtssaal sehe, bewaffnet habe. Nur zwei von den Merry Boys (lustigen Burschen), wie man sie nannte, wurden überführt; die schlimmsten Verbrecher kamen ohne Strafe davon, und der Oberrichter sagte entrüstet zu den Geschwornen, daß die Schuld an dem Ruin des Landes vor ihrer Thür liege.[38]

Wenn solche Gesetzlosigkeit in Wicklow herrschte, so kann man sich leicht vorstellen, wie es in uncultivirteren und vom Sitze der Regierung weiter entfernten Districten zugegangen sein muß. Keating war der einzige richterliche Beamte, der sich kräftig bemühte, dem Gesetze Ansehen zu verschaffen. In der That, der Oberrichter des höchsten Criminalgerichtshofes im Königreiche, Nugent, erklärte auf der Richterbank zu Cork, daß ohne Gewaltthätigkeit und Beraubung die Absichten der Regierung nicht durchgeführt werden könnten, und daß unter solchen Umständen Räubereien als ein nothwendiges Übel geduldet werden müßten.[39]

Die Zerstörung von Eigenthum, welche binnen wenigen Wochen stattfand, wäre unglaublich, würde sie nicht durch einander fern stehende und ganz verschiedenen Interessen ergebene Zeugen bestätigt. Die Schilderungen von Protestanten, welche während jener Schreckensherrschaft mit Lebensgefahr nach England entkamen, und die von Gesandten, Commissarien und Heerführern Ludwig’s stimmen genau, mitunter sogar wörtlich überein. Alle erklärten einstimmig, daß es vieler Jahre bedürfen werde, um die Verwüstungen wieder gut zu machen, welche das bewaffnete Landvolk in einigen Wochen angerichtet habe.[40] Mehrere von der sächsischen Aristokratie besaßen glänzend möblirte Schlösser mit Schränken, die von Silbergeschirr strotzten. All’ dieser Reichthum verschwand. In einem Hause, welches für dreitausend Pfund Sterling Silberzeug enthalten hatte, blieb nicht ein einziger Löffel.[41] Der Hauptreichthum Irland’s aber bestand in Vieh. Zahllose Schaf- und Rinderheerden bedeckten diesen ungeheuren, durch die Feuchtigkeit des Atlantischen Oceans befruchteten Wiesenteppich. Mehr als ein Gentleman besaß zwanzigtausend Stück Schafe und viertausend Rinder. Die Freibeuter, welche jetzt das Land überzogen, gehörten einer Klasse an, welche gewohnt war, von Kartoffeln und saurer Milch zu leben, und die das Fleisch jederzeit als einen nur den Reichen zu Gebote stehenden Luxus betrachtet hatten. Diese Leute schwelgten anfangs im Genusse von Rind- und Hammelfleisch, wie die rohen Horden, die sich vor Alters aus den Wäldern des Nordens über Italien ergossen, im Genusse der kostbarsten Weine schwelgten. Die Protestanten schilderten mit Abscheu und Ekel die unglaubliche Gefräßigkeit ihrer befreiten Sklaven. Die geschlachteten Thiere wurden halb roh und halb zu Kohle verbrannt, bald noch blutend, bald schon im Zustande der Verwesung, in Stücke zerrissen und ohne Salz, Brot oder Gemüse verschlungen. Diejenigen, welche gekochtes Fleisch vorzogen, machten, da es ihnen oft an Kesseln fehlte, mit gutem Erfolge den Versuch, einen ganzen Ochsen in seiner eignen Haut zu kochen. Es existirt noch eine alberne Tragikomödie, welche in diesem und dem darauffolgenden Jahre auf einem kleinen Theater zum Ergötzen des englischen Pöbels aufgeführt wurde. Ein Haufen halbnackter Wilder erschien, ein celtisches Lied brüllend und um einen Ochsen herumtanzend, auf der Bühne. Hierauf begannen sie von dem lebenden Thiere Stücke loszuschneiden und das blutende Fleisch auf die Kohlen zu werfen. Die Barbarei und Scheußlichkeit der Freßgelage der „Rapparees“ war in der That so arg, daß die Dramatiker in Grub Street sie kaum zu karrikiren vermochten. Mit dem Eintritt der Fastenzeit hörten die Plünderer im Allgemeinen auf zu schwelgen, aber sie fuhren fort zu zerstören. Ein Bauer war im Stande eine Kuh zu tödten, bloß um ein Paar Schuhe zu bekommen. Oft wurde eine ganze Heerde Schafe oder fünfzig bis sechzig Stück Rinder geschlachtet, die Thiere abgezogen, die Vließe und Häute mitgenommen und die Cadaver liegen gelassen, um die Luft zu verpesten. Der französische Gesandte berichtete seinem Gebieter, daß in Zeit von sechs Wochen funfzigtausend Stück Hornvieh auf diese Art getödtet worden seien und nun im ganzen Lande unter freiem Himmel verfaulten. Die Zahl der in dem nämlichen Zeitraum geschlachteten Schafe soll sich auf drei- bis viermalhunderttausend Stück belaufen haben.[42]