[52.] Burnet II. 17; Clarke’s Life of James, II. 320—322.
Unterstützung, welche Jakob von Ludwig gewährt wird. [Eine] Armee wurde daher vor der Hand verweigert, sonst aber Alles bewilligt. Die in Brest liegende Flotte erhielt Befehl sich zum Absegeln bereit zu machen, Waffen für zehntausend Mann und große Massen von Munition wurden an Bord geschafft. Etwa vierhundert Kapitäns, Leutnants, Cadetten und Kanoniere wurden für den wichtigen Dienst, die neuauszuhebenden irischen Truppen zu organisiren und einzuüben, ausgewählt. Den Oberbefehl erhielt ein alter Kriegsveteran, der Graf von Rosen. Unter ihm standen Maumont mit dem Range eines Generalleutnants, und ein Brigadier Namens Pusignan. Eine halbe Million Kronen in Gold, eine Summe die ungefähr hundertzwölftausend Pfund Sterling entsprach, wurde nach Brest gesandt.[53] Für Jakob’s persönliche Bequemlichkeit war mit einer Ängstlichkeit gesorgt, welche der einer liebenden Mutter glich, die ihren Sohn zu seinem ersten Feldzuge ausstattet. Das Ameublement für die Kajüte, das Lagergeräth, die Zelte, die Betten und das Tafelgeschirr, Alles war luxuriös und kostbar. Nichts was dem Verbannten angenehm oder nützlich sein konnte, war zu kostspielig für die Freigebigkeit oder zu geringfügig für die Aufmerksamkeit seines artigen und splendiden Wirthes. Am 15. Februar machte Jakob seinen Abschiedsbesuch in Versailles. Er wurde mit allen Beweisen von Achtung und Zuvorkommenheit in den Gebäuden und Anlagen herumgeführt. Die Wasserwerke waren ihm zu Ehren im Gange. Es war gerade die Carnevalszeit, und nie hatten der große Palast und die prächtigen Gärten einen heiterern Anblick gewährt. Am Abend erschienen die beiden Könige nach einer langen und ernsten Privatconferenz in einem glänzenden Cirkel von Herren und Damen. „Ich hoffe,“ sagte Ludwig in seiner edelsten und liebenswürdigsten Weise, „daß wir scheiden, um uns in diesem Leben nie wieder zu begegnen. Dies ist der beste Wunsch, den ich für Sie hegen kann. Sollte jedoch ein böses Geschick Sie zur Rückkehr zwingen, so sein Sie versichert, daß Sie mich bis zum letzten Augenblicke so finden werden, wie Sie mich bisher gefunden haben.“ Am 17. stattete Ludwig in Saint-Germains seinen Gegenbesuch ab. Im Augenblicke der letzten Umarmung sagte er mit seinem freundlichsten Lächeln: „Wir haben noch etwas vergessen: einen Brustharnisch für Sie. Sie sollen den meinigen haben.“ Der Brustharnisch wurde herbeigebracht und gab den Schöngeistern des Hofes Gelegenheit zu geistreichen Anspielungen auf die von Vulcan verfertigte Rüstung, welche einst Achilles seinem schwächeren Freunde lieh. Jakob reiste nach Brest ab und seine durch Krankheit und Kummer niedergedrückte Gemahlin schloß sich mit ihrem Kinde ein um zu weinen und zu beten.[54]
Mehrere von Jakob’s eigenen Unterthanen begleiteten ihn oder folgten ihm schleunigst nach; die Vornehmsten darunter waren sein Sohn Berwick, Cartwright, Bischof von Chester, Powis, Dower und Melfort. Keiner von dem ganzen Gefolge war dem großbritannischen Volke so verhaßt als Melfort. Er war ein Apostat, Viele hielten ihn für einen nicht aufrichtigen Apostaten, und die anmaßende, willkürliche und drohende Sprache seiner Staatsschriften war selbst den Jakobiten zuwider. Daher war er ein Liebling seines Gebieters, denn in Jakob’s Augen waren Unpopularität, Starrsinn und Unversöhnlichkeit die gewichtigsten Empfehlungen für einen Staatsmann.
[53.] Maumont’s Instructionen.
[54.] Dangeau vom 15.(25.) und 17.(27.) Febr. 1689; Frau von Sévigné vom 18.(28.) Febr. und 10. Febr. (2. März); Mémoires de Madame de la Fayette.
Wahl eines französischen Gesandten zum Begleiter Jakob’s. [Welcher] Franzos den König von England in der Eigenschaft eines Gesandten begleiten sollte, war ein Gegenstand ernster Berathung zu Versailles gewesen. Barillon konnte ohne auffallende Geringschätzung nicht übergangen werden. Aber seine Lässigkeit, sein Mangel an Energie und vor Allem die Leichtgläubigkeit, mit der er auf Sunderland’s Versicherungen gehört, hatten auf Ludwig einen ungünstigen Eindruck gemacht. Was in Irland zu thun war, war keine Arbeit für einen Tändler oder Gimpel. Der Geschäftsträger Frankreich’s in diesem Lande mußte mehr als den gewöhnlichen Functionen eines Gesandten gewachsen sein. Er war berechtigt und verpflichtet, in allen Zweigen der politischen und militärischen Verwaltung des Reichs, in welchem er den mächtigsten und freigebigsten Bundesgenossen vertreten sollte, gute Rathschläge zu geben. Barillon wurde daher übergangen. Er stellte sich als ob er seine Ungnade mit Fassung ertrüge. Wenn auch seine politische Laufbahn große Calamitäten über das Haus Stuart wie über das Haus Bourbon gebracht hatte, so war sie doch keineswegs ohne Gewinn für ihn selbst gewesen. Er sagte er sei alt und korpulent, er beneide jüngere Männer nicht um die Ehre, in den irischen Sümpfen von Kartoffeln und Whiskey zu leben, er wolle es versuchen, sich mit Rebhühnern, mit Champagner und mit der Gesellschaft der geistreichsten Männer und hübschesten Frauen von Paris zu trösten. Man sprach jedoch davon, daß er von sehr peinlichen Gefühlen gequält werde, die er zu verbergen sich bestrebte; seine Gesundheit und sein Frohsinn nahmen mehr und mehr ab und er versuchte es nun, in religiösen Übungen Trost zu finden. Manche Leute waren sehr erbaut durch die Frömmigkeit des alten Wüstlings; Andere aber schrieben seinen Tod, der bald nach seinem Rücktritt aus dem öffentlichen Leben erfolgte, der Scham und dem Ärger zu.[55]
[55.] Memoiren La Fare’s und Saint-Simon’s; Note von Renaudot über die englischen Angelegenheiten, 1697, in den französischen Archiven, Frau von Sévigné vom 20. Febr. (2. März) und vom 11.(21.) März 1689; Brief von Frau von Coulanges an Herrn von Coulanges vom 23. Juli 1691.
Der Graf von Avaux. [Der] Graf von Avaux, dessen Scharfblick alle Pläne Wilhelm’s durchschaut und der vergebens zu einer Politik gerathen hatte, die jene Pläne wahrscheinlich vereitelt haben würde, war der Mann, auf den Ludwig’s Wahl fiel. In Bezug auf Talent und Befähigung wurde Avaux von keinem der vielen geschickten Diplomaten, welche sein Vaterland damals besaß, übertroffen. Sein Benehmen war ungemein anziehend, seine persönliche Erscheinung angenehm und sein Gemüth sanft und liebreich. Seine Manieren und seine Conversation waren die eines Cavaliers, der an dem elegantesten und prächtigsten aller Höfe erzogen worden, der diesen Hof sowohl in katholischen wie in protestantischen Ländern vertreten und der auf seinen Wanderungen die Kunst erlernt hatte, den Ton jeder Gesellschaft zu treffen, in welche der Zufall ihn führen mochte. Dabei war er höchst umsichtig und gewandt, fruchtbar an Auskunftsmitteln und geschickt in Entdeckung der schwachen Seiten eines Characters. Indessen war sein eigner Character nicht frei von Schwächen. Der Gedanke von plebejischer Herkunft zu sein, war die Qual seines Lebens. Er schmachtete nach dem Adel mit einer eben so bedauernswerthen als lächerlichen Sehnsucht. Bei aller seiner Geschicklichkeit, Erfahrung und ausgezeichneten Bildung stieg er doch zuweilen unter dem Einflusse seines geheimen Grames auf das Niveau von Molière’s Jourdain herab und ergötzte boshafte Beobachter durch Scenen, welche eben so komisch waren wie die, in der der ehrliche Tuchhändler zum Mamamuschi gemacht wird.[56] Es möchte noch sein, wenn dies das Schlimmste gewesen wäre. Aber es ist nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, daß Avaux von dem Unterschiede zwischen Recht und Unrecht so wenig einen Begriff hatte wie ein unvernünftiges Thier. Ein Gefühl vertrat bei ihm die Stelle der Religion und Moral: eine abergläubische und unduldsame Ergebenheit für die Krone, der er diente. Dieses Gefühl durchdringt alle seine Depeschen und leuchtet aus allen seinen Gedanken und Worten hervor. Nichts was dem Interesse der französischen Monarchie förderlich sein konnte, schien ihm ein Verbrechen. Er hielt es in der That für ausgemacht, daß nicht nur die Franzosen, sondern alle Menschen dem Hause Bourbon eine natürliche Unterthanentreue schuldeten und daß Jeder, der Anstand nehme, das Glück und die Freiheit seines Vaterlandes dem Ruhme dieses Hauses aufzuopfern, ein Verräther sei. Während seines Aufenthalts im Haag bezeichnete er stets diejenigen Holländer, die sich Frankreich verkauft hatten, als den gutgesinnten Theil. In den Briefen, die er aus Irland schrieb, tritt das nämliche Gefühl noch stärker hervor. Er würde ein noch scharfsichtigerer Staatsmann gewesen sein, wenn er mehr mit den unter dem Volke herrschenden Gefühlen von moralischer Billigung und Mißbilligung sympathisirt hätte. Denn seine Gleichgültigkeit gegen alle Rücksichten der Gerechtigkeit und Nachsicht war so groß, daß er in seinen Plänen das Gewissen und das Zartgefühl seiner Mitmenschen gänzlich außer Acht ließ. Mehr als einmal empfahl er wissentlich so haarsträubende Abscheulichkeiten, daß selbst schlechte Menschen darüber empört waren. Es gelang ihnen aber nie, ihm ihre Bedenken nur begreiflich zu machen. Alle derartigen Vorstellungen hörte er mit einem cynischen Lächeln an und war selbst in Zweifel darüber, ob Die welche ihm den Text lasen wirklich solche Thoren waren, für die sie sich ausgaben, oder ob sie sich nur so stellten.
Dies war der Mann, den Ludwig zum Begleiter und Aufseher Jakob’s erwählte. Avaux war beauftragt, sich womöglich mit den Mißvergnügten im englischen Parlament in Verbindung zu setzen, und war ermächtigt, nöthigenfalls etwa hunderttausend Kronen unter sie zu vertheilen.
[56.] Siehe Saint-Simon’s Erzählung der List, durch welche Avaux sich in Stockholm für einen Ritter des Heiligen-Geistordens auszugeben versuchte.