Während alle Kaffeehausclubs einstimmig erklärten, daß schon längst eine Flotte und eine Armee hätten nach Dublin geschickt werden sollen, und sich wunderten, wie ein so berühmter Staatsmann wie Se. Majestät sich von einem Hamilton und Tyrconnel habe täuschen lassen können, ging ein Gentleman zur Wassertreppe des Temple, rief ein Boot herbei und befahl, ihn nach Greenwich zu fahren. Er nahm ein Briefcouvert aus der Tasche, schrieb mit Bleistift einige Zeilen darauf und legte das Papier nebst einem Silberstück als Fahrlohn auf die Bank. Als das Boot durch den dunklen Mittelbogen der London-Brücke fuhr, sprang er in’s Wasser und verschwand. Er hatte auf das Couvert die Worte geschrieben: „Meine Thorheit, etwas zu unternehmen, was ich nicht durchführen konnte, hat dem Könige großen Schaden gebracht, der nicht mehr gut zu machen ist. — Es giebt keinen bequemeren Weg für mich als diesen. — Möge er in seinen Unternehmungen glücklich sein. — Möge der Himmel ihm seinen Segen geben.“ Die Zeilen hatten keine Unterschrift, aber der Leichnam wurde bald gefunden und als der Johann Temple’s erkannt. Er war jung und hochgebildet, war der Erbe eines angesehenen Namens, besaß eine liebenswürdige Gattin und ein großes Vermögen und die höchsten Staatsämter standen ihm offen. Das Publikum scheint überhaupt gar nicht gewußt zu haben, in welchem Umfange er für die Politik verantwortlich war, die der Regierung so viel Tadel zugezogen hatte. So streng der König auch war, besaß er doch ein viel zu edles Herz, als daß er einen Irrthum als ein Verbrechen hätte behandeln können. Er hatte den unglücklichen jungen Mann eben zum Kriegssekretär ernannt und seine Bestallung war in der Ausfertigung begriffen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß gerade die kalte Großmuth des Gebieters die Reue des Dieners unerträglich machte.[67]
[67.] Clarendon’s Diary; Reresby’s Memoirs; Narcissus Luttrell’s Diary. Ich habe mich in Bezug auf Temple’s letzte Worte an die Angabe Luttrell’s gehalten. Sie stimmt im Wesentlichen mit der Clarendon’s überein, hat aber mehr von der bei einer solchen Gelegenheit sehr natürlichen Hast. Wenn irgend etwas ein so tragisches Ereigniß lächerlich machen konnte, so waren es die Wehklagen des Verfassers der „Londeriade“:
Dem Freunde sendet einen Brief der arme Knab’
und springt verzweifelnd in der Themse feuchtes Grab.
Parteispaltungen im Dubliner Schlosse. [Doch] so groß auch die Unannehmlichkeiten waren, mit denen Wilhelm zu kämpfen hatte, diejenigen durch welche der Gleichmuth seines Schwiegervaters damals geprüft wurde, waren noch größer. Kein Hof in Europa war von mehr Hader und Intriguen zerrissen als solche innerhalb der Mauern des Dubliner Schlosses zu finden waren. Die zahlreichen kleinen Cabalen, welche ihren Ursprung in der Habgier, der Eifersucht und der Böswilligkeit Einzelner hatten, sind kaum der Erwähnung werth. Aber es bestand eine Ursache zu Zwiespalt, welche zu wenig beachtet worden ist und durch die sich Vieles erklären läßt, was in der Geschichte der damaligen Zeiten für räthselhaft gehalten wurde.
Der englische Jakobitismus und der irische Jakobitismus hatten nichts mit einander gemein; der englische Jakobit war von hoher Begeisterung für das Haus Stuart beseelt, und in seinem Eifer für die Interessen dieses Hauses vergaß er nur zu oft die Interessen des Staats. Sieg, Frieden und Wohlstand erschienen dem unerschütterlichen Eidverweigerer als Übel, wenn sie darauf hinzielten, die Usurpation populär und permanent zu machen. Niederlage, Staatsbankerott, Hungersnoth und Invasion waren in seinen Augen öffentliche Wohlthaten, wenn sie die Aussicht auf eine Restauration vermehrten. Er würde lieber sein Vaterland als die letzte der Nationen unter Jakob II. oder Jakob III. gesehen haben, denn als den Beherrscher der Meere, den Schiedsrichter zwischen verfeindeten Potentaten, den Sitz der Künste und den Bienenstock der Industrie unter einem Prinzen des Hauses Nassau oder Braunschweig.
Die Gesinnungen des irischen Jakobiten waren ganz andrer, und man muß es offen gestehen, edlerer Art. Die gestürzte Dynastie galt ihm nichts. Es war ihm nicht, wie dem Cavalier von Cheshire oder Shropshire, von der Wiege an gelehrt worden, treue Anhänglichkeit an jene Dynastie als die erste Pflicht eines Christen und eines Edelmannes zu betrachten. Alle seine Familientraditionen, alle Lehren, die er von seiner Amme und von seinen Priestern empfangen, hatten eine ganz andre Tendenz gehabt. Er war dazu angehalten worden, die fremden Beherrscher seines Vaterlandes mit dem Gefühle zu betrachten, mit dem der Jude Caesar, der Schotte Eduard I., der Castilianer Joseph Bonaparte, der Pole den russischen Autokraten betrachtet. Der hochadelige Milesier bildete sich etwas darauf ein, daß vom 12. bis zum 17. Jahrhundert jede Generation seiner Familie gegen die englische Krone unter Waffen gestanden hatte. Seine ältesten Ahnen hatten gegen Fitzstephen und De Burgh gekämpft, sein Urgroßvater hatte die Soldaten Elisabeth’s in der Schlacht am Blackwater geschlagen. Sein Großvater hatte mit O’Donnel gegen Jakob I. conspirirt. Sein Vater hatte unter Phelim O’Neil gegen Karl I. gefochten. Die Confiscation des Familiengutes war durch eine Acte Karl’s II. bestätigt worden. Kein Puritaner, der von Laud vor die Hohe Commission citirt worden war, der unter Cromwell bei Naseby gekämpft, der kraft der Conventikelacte verfolgt worden war und der sich wegen seiner Betheiligung an dem Ryehousecomplot hatte verbergen müssen, war dem Hause Stuart weniger zugethan als die O’Hara und die Macmahon, von deren Unterstützung das Schicksal dieses Hauses jetzt abzuhängen schien.
Der feststehende Vorsatz dieser Männer war, das fremde Joch abzuschütteln, die sächsische Ansiedelung zu vertilgen, die protestantische Kirche zu zerstören und den Boden seinen früheren Eigenthümern zurückzugeben. Um diese Zwecke zu erreichen, würden sie sich ohne das mindeste Bedenken gegen Jakob erhoben haben, und um diese Zwecke zu erreichen, erhoben sie sich für ihn. Die irischen Jakobiten wünschten daher keineswegs, daß er wieder in Whitehall regieren möchte, denn sie mußten nothwendig einsehen, daß ein Beherrscher von Irland, der zugleich Beherrscher von England war, die Verwaltung des kleinen und ärmeren Königreichs nicht lange würde in directem Widerspruch mit der Gesinnung des größeren und reicheren leiten wollen, und, wenn er auch gewollt hätte, nicht würde leiten können. Ihr eigentlicher Wunsch war, daß beide Kronen völlig getrennt werden und daß ihre Insel, ob unter Jakob oder ohne Jakob kümmerte sie wenig, einen abgesonderten Staat unter dem mächtigen Schutze Frankreich’s bilden möchte.
Während eine Partei im Staatsrathe zu Dublin Jakob als ein bloßes Werkzeug zur Durchführung der Befreiung Irland’s betrachtete, betrachtete eine andre Partei Irland als ein bloßes Werkzeug zur Herbeiführung der Restauration Jakob’s. In den Augen der englischen und schottischen Lords und Gentlemen, die ihn von Brest aus begleitet hatten, war die Insel, auf der sie gegenwärtig weilten, nichts als eine Brücke, auf der sie nach Großbritannien zu gelangen hofften. Sie waren noch ebensosehr Verbannte, als sie es in Saint-Germains gewesen, und sie hielten sogar Saint-Germains für einen viel angenehmeren Verbannungsort als das Dubliner Schloß. Sie sympathisirten nicht mit der eingebornen Bevölkerung der entlegenen und halb barbarischen Region, in die ein sonderbarer Zufall sie geführt. Ja sie waren sogar durch gemeinsame Abkunft wie durch gemeinsame Sprache mit der Colonie verbunden, deren Ausrottung der Hauptzweck der eingebornen Bevölkerung war. Sie hatten in der That, wie die große Masse ihrer Landsleute, die eingebornen Irländer mit höchst ungerechter Verachtung angesehen, weil sie sie als den anderen europäischen Nationen nicht nur an erworbenen Kenntnissen, sondern auch an natürlicher Intelligenz und natürlichem Muth nachstehend, kurz als geborne Gibeoniten betrachteten, gegen die man sich sehr liberal gezeigt, indem man ihnen erlaubt hatte, für ein klügeres und mächtigeres Volk Holz zu hauen und Wasser zu tragen. Diese Politiker meinten auch — und darin hatten sie unzweifelhaft Recht — daß, wenn es der Endzweck ihres Gebieters sei, den englischen Thron wieder zu erlangen, es Wahnsinn von ihm sein würde, sich der Führung der O und der Mac zu überlassen, welche England mit tödtlicher Feindschaft betrachteten. Ein Gesetz, das die irische Krone für unabhängig erklärte, ein Gesetz, das Mitren, Kirchengüter und Zehnten von der protestantischen auf die katholische Kirche übertrug, ein Gesetz, das zehn Millionen Acker Land von den Sachsen auf die Celten übertrug, würde, in Clare und Tipperary ohne Zweifel mit lautem Beifall aufgenommen werden. Aber welchen Eindruck würden diese Gesetze in Westminster, welchen in Oxford gemacht haben? Es wäre eine traurige Politik gewesen, sich Männer wie Clarendon und Beaufort, Ken und Sherlock zu entfremden, um den Beifall der Rapparees vom Allen-Moor zu erlangen.[68]
So lagen die englischen und irischen Factionen im Rathe zu Dublin in einem Streite, der keine gütliche Beilegung zuließ. Avaux betrachtete inzwischen diesen Streit aus einem ihm ganz eigenthümlichen Gesichtspunkte. Sein Ziel war weder die Emancipation Irland’s, noch die Wiedereinsetzung Jakob’s, sondern die Größe der französischen Monarchie. Auf welchem Wege dieses Ziel am besten erreicht werden konnte, war allerdings ein sehr schwieriges Problem. Ein französischer Staatsmann mußte unzweifelhaft eine Contrerevolution in England wünschen. Eine solche Contrerevolution mußte nothwendig zur Folge haben, daß die Macht, welche Frankreich’s furchtbarster Feind war, sein treuester Bundesgenosse wurde, daß Wilhelm zur Bedeutungslosigkeit herabsank und daß die europäische Coalition, deren Haupt er war, sich auflöste. Aber welche Aussicht war auf eine solche Contrerevolution? Die englischen Verbannten hofften allerdings, wie alle Verbannten, zuversichtlich auf eine baldige Rückkehr in ihr Vaterland. Jakob rühmte sich laut, daß seine Unterthanen jenseit des Kanals, obgleich durch die verführerischen Worte Religion, Freiheit und Eigenthum auf einen Augenblick irre geleitet, ihm im Grunde aufrichtig zugethan seien und sich um ihn schaaren würden, sobald er in ihrer Mitte erschiene. Aber der kluge Gesandte bemühte sich vergebens, einen haltbaren Grund für diese Hoffnungen zu entdecken. Er wußte gewiß, daß sie sich nicht auf eine aus irgend welchem Theile Großbritanniens angelangte Nachricht stützten und er betrachtete sie lediglich als Träume eines schwachen Geistes. Er hielt es für unwahrscheinlich, daß der Usurpator, dessen Talent und Entschlossenheit er während eines zehnjährigen ununterbrochenen Kampfes würdigen gelernt hatte, sich den durch so gewaltige Anstrengungen und durch so gelehrte Combinationen errungenen großen Preis leicht wieder werde entreißen lassen. Es mußte daher erwogen werden, welches Arrangement für Frankreich am vortheilhaftesten sein würde, im Fall es sich als unmöglich herausstellte, Wilhelm aus England zu vertreiben. Und es lag auf der Hand, daß, wenn Wilhelm nicht aus England vertrieben werden konnte, das für Frankreich vortheilhafteste Arrangement das sein mußte, welches man anderthalb Jahre früher, als Jakob keine Aussicht auf einen männlichen Erben hatte, im Sinne gehabt. Irland mußte von der englischen Krone losgetrennt, von den englischen Colonisten gesäubert, wieder mit der römischen Kirche vereinigt, unter den Schutz des Hauses Bourbon gestellt und in allen Beziehungen, den Namen ausgenommen, zu einer französischen Provinz gemacht werden. Im Kriege standen dann seine Hülfsquellen seinem Schutzherrn zur unumschränkten Verfügung; es lieferte seinem Heere Rekruten, bot seiner Flotte schöne Häfen dar, welche alle großen westlichen Kanäle des englischen Handels beherrschten, und die starke nationale und religiöse Antipathie, mit der seine eingeborne Bevölkerung die Bewohner der Nachbarinsel betrachtete, war eine hinreichende Garantie für ihre Treue gegen die Regierung, welche allein sie gegen die Sachsen schützen konnte.