Im Ganzen genommen schien es daher Avaux, daß von den beiden Parteien, in welche der Dubliner Geheimrath gespalten war, die irische Partei diejenige sei, welche zu unterstützen im Interesse Frankreich’s lag. In Folge dessen verband er sich innig mit den Häuptern dieser Partei, erlangte von ihnen die vollständigsten Aufschlüsse über Alles was sie beabsichtigten, und war bald im Stande seiner Regierung zu berichten, daß die Gentry sowohl als das gemeine Volk durchaus nicht abgeneigt seien, französisch zu werden.[69]

Die Ansichten Louvois’, unstreitig des größten Staatsmannes, den Frankreich seit Richelieu hervorgebracht hatte, scheinen mit denen Avaux’ völlig übereingestimmt zu haben. Das Beste, schrieb Louvois, was König Jakob thun könne, sei, zu vergessen, daß er in Großbritannien regiert habe, und nur daran zu denken, Irland in eine gute Verfassung zu bringen und sich darin festzusetzen. Ob dies das wirkliche Interesse des Hauses Stuart war, darf wohl bezweifelt werden; jedenfalls aber war es das wirkliche Interesse des Hauses Bourbon.[70]

Über die schottischen und englischen Verbannten, und besonders über Melfort, ließ sich Avaux beständig mit einer Schärfe aus, die man von einem so einsichtsvollen und erfahrenen Manne kaum hätte erwarten sollen. Melfort befand sich in einer eigenthümlich unglücklichen Lage. Er war ein Renegat, er war ein Todfeind der Freiheiten seines Vaterlandes, er besaß einen schlechten und tyrannischen Character, und doch war er in gewissem Sinne ein Patriot. Die Folge davon war, daß er allgemeiner verabscheut wurde als irgend einer seiner Zeitgenossen. Denn während sein Abfall und seine Willkürherrschaftsmaximen ihn zum Gegenstande des Abscheus für England und Schottland machten, wurde er wegen seiner ängstlichen Sorge für das Ansehen und die Integrität des Reichs auch von den Irländern und Franzosen verabscheut.

Die erste zu entscheidende Frage war, ob Jakob in Dublin bleiben, oder ob er sich an die Spitze seiner Armee in Ulster stellen sollte. Über diese Frage geriethen die irischen und die britischen Factionen hart aneinander. Auf beiden Seiten wurden Gründe von keinem besonderen Gewicht geltend gemacht, denn keine der beiden Parteien wagte es, sich unumwunden darüber auszusprechen. Der eigentliche streitige Punkt war, ob der König in irischen oder in britischen Händen sein sollte. Blieb er in Dublin, so war es ihm kaum möglich, irgend einer Bill, die ihm von dem Parlament, welches er dahin berufen, vorgelegt wurde, seine Zustimmung zu verweigern. Er war dann gezwungen, unschuldige protestantische Gentlemen und Geistliche zu Hunderten zu berauben, vielleicht gar zu verurtheilen, und dadurch mußte er seiner Sache jenseit des St. Georgkanals nicht wieder gut zu machenden Schaden thun. Begab er sich hingegen nach Ulster, so war er nur wenige Segelstunden von Großbritannien entfernt. Sobald Londonderry gefallen war, und man war allgemein der Ansicht, daß es sich nicht lange werde halten können, konnte er sich mit einem Theile seiner Truppen einschiffen und in Schottland landen, wo seine Freunde für zahlreich gehalten wurden. War er aber einmal auf britischem Boden und unter britischen Anhängern, so lag es nicht mehr in der Macht der Engländer, seine Zustimmung zu ihren Beraubungs- und Racheplänen zu erzwingen.

[68.] Ein interessanter Brief vom Bischof Maloney an den Bischof Tyrrel, den man im Anhange zu King’s State of the Protestants findet, bringt viel Licht in den Streit zwischen englischen und irischen Parteien in Jakob’s Geheimen Rathe.

[69.] Avaux, 25. März (4. April), 13.(23.) April 1689. Ich habe mir jedoch weniger aus einem einzelnen Briefe als aus der ganzen Tendenz und dem ganzen Geiste der Correspondenz Avaux’ meine Ansicht über seine Pläne gebildet.

[70.] „Il faut donc, oubliant qu’il a esté Roy d’Angleterre et d’Ecosse, ne penser qu’à ce qui peut bonifier l’Irlande, et luy faciliter les moyens d’y subsister.“ Louvois an Avaux. 3.(13.) Juni 1689.

Jakob beschließt nach Ulster zu gehen. [Die] Debatten im Staatsrathe waren lang und heiß. Tyrconnel, der eben zum Herzog erhoben worden war, rieth seinem Gebieter in Dublin zu bleiben. Melfort drang in Se. Majestät, daß er nach Ulster gehen solle. Avaux bot seinen ganzen Einfluß zur Unterstützung Tyrconnel’s auf; aber Jakob, dessen persönliche Neigung natürlich für die britische Seite der Frage war, beschloß dem Rathe Melfort’s zu folgen.[71] Avaux fühlte sich tief gekränkt. In seinen officiellen Schreiben drückte er mit großer Bitterkeit seine Verachtung des Characters und des Verstandes des Königs aus. Über Tyrconnel, welcher gesagt hatte, er verzweifle an dem Glückssterne Jakob’s und die eigentliche Frage schwebe zwischen dem Könige von Frankreich und dem Prinzen von Oranien, sprach sich der Gesandte in Worten aus, die ein warmes Lob sein sollten, aber vielleicht mit mehr Recht ein Tadel genannt werden dürften. „Wenn er ein Franzose wäre, könnte er keinen größeren Eifer für die Interessen Frankreich’s an den Tag legen.“[72] Dagegen wurde Melfort’s Benehmen mit einem Tadel bedacht, der einem Lobspruche sehr ähnlich steht: „Er ist weder ein guter Irländer, noch ein guter Franzos. Alle seine Neigungen concentriren sich auf sein Vaterland.“[73]

[71.] Siehe die Depeschen Avaux’ vom April 1689; Light to the Blind.

[72.] Avaux, 6.(16.) April 1689.