[73.] Avaux, 8.(18.) Mai 1689.
Jakob’s Reise nach Ulster. [Da] der König nun einmal beschlossen hatte, nach dem Norden zu gehen, so hielt Avaux es nicht für gerathen zurückzubleiben. Die königliche Reisegesellschaft brach auf, Tyrconnel in Dublin zurücklassend, und kam am 13. April in Charlemont an. Es war eine sonderbare Reise. Längs des ganzen Weges war das Land von der betriebsamen Bevölkerung verlassen und durch Räuberbanden verwüstet. „Es ist als wenn man durch die Wüsten Arabiens reiste,“ sagte einer der französischen Offiziere.[74] Was die Colonisten nur irgend hatten fortbringen können, befand sich in Londonderry oder Enniskillen. Das Übrige war gestohlen oder vernichtet. Avaux schrieb seinem Hofe, daß er mehrere Meilen weit nach Heu für seine Pferde habe schicken müssen. Kein Landmann wagte es, etwas zum Verkauf zu bringen, aus Furcht daß es ihm unterwegs von einem Herumstreicher abgenommen werden möchte. Einmal mußte der Gesandte die Nacht in einer elenden Schenkstube voll rauchender Soldaten, ein andermal in einem demolirten Hause ohne Fenster oder Läden zum Schutze gegen den Regen zubringen. In Charlemont erlangte man mit großer Mühe und nur durch besondere Gunst einen Sack Hafermehl für die französische Gesandtschaft. Weizenbrot gab es nur auf der Tafel des Königs, der ein wenig Mehl von Dublin mitgenommen und dem Avaux einen Diener geliehen hatte, welcher das Backen verstand. Wer die Ehre hatte, zur königlichen Tafel geladen zu werden, bekam Brot und Wein zugemessen. Jeder Andre, so vornehm er immer sein mochte, aß Haferbrot und trank Wasser oder ein abscheuliches Bier, das aus Hafer, anstatt aus Gerste gebraut und mit einem namenlosen Kraute an Stelle des Hopfens gewürzt war.[75] Und die Fama sagte, daß die Gegend zwischen Charlemont und Strabane noch verödeter sein sollte als die Gegend zwischen Dublin und Charlemont. Es war unmöglich, einen großen Vorrath von Proviant mit sich zu führen. Die Wege waren so schlecht und die Pferde so schwach, daß die Baggagewagen alle weit zurückgeblieben waren. Es fehlte daher den Oberoffizieren der Armee an dem Nothwendigsten, und die Mißstimmung, eine natürliche Folge dieser Entbehrungen, wurde noch vermehrt durch die Theilnahmlosigkeit Jakob’s, der es gar nicht zu bemerken schien, daß es seinen Begleitern an dem nöthigen Comfort gebrach.[76]
Am 14. April reiste der König mit seinem Gefolge weiter nach Omagh. Es war regnerisch und windig, die Pferde vermochten kaum sich dem Sturme entgegen durch den Schmutz zu arbeiten, und der Weg war häufig von Gießbächen durchschnitten, welche fast Flüsse genannt werden konnten. Die Reisenden mußten mehrere Furthen passiren, wo das Wasser den Pferden bis an die Brust ging. Einige von der Gesellschaft waren ganz erschöpft von Hunger und Anstrengung. Das ganze Land ringsumher war eine grauenvolle Wildniß. Auf einer Strecke von vierzig Meilen zählte Avaux nur drei elende Hütten. Sonst war Alles Felsen, Sumpf und Moor. Als die Reisenden endlich Omagh erreichten, fanden sie es in Trümmern. Die Protestanten, welche die Mehrheit der Einwohner bildeten, waren geflohen und hatten kein Bund Stroh, kein Faß Branntwein zurückgelassen. Die Fenster waren zerbrochen, die Kamine zertrümmert, sogar die Schlösser und Riegel waren von den Thüren losgerissen.[77]
Avaux hatte nicht aufgehört, den König zur Rückkehr nach Dublin aufzufordern; aber seine Vorstellungen waren bisher erfolglos geblieben. Jakob’s Starrsinn war jedoch ein solcher, der mit männlicher Entschlossenheit nichts gemein hatte und über den zwar Vernunftgründe nichts vermochten, der aber durch Launen leicht zu erschüttern war. In Omagh erhielt er am Morgen des 16. April Briefe, die ihn sehr besorgt machten. Er erfuhr, daß ein starkes Corps Protestanten in Strabane unter Waffen stand und daß unweit der Mündung des Foylesees englische Kriegsschiffe gesehen worden waren. Drei Boten wurden in einer Minute an Avaux abgeschickt, um ihn in das verfallene Gemach zu bescheiden, in welchem das königliche Bett aufgeschlagen worden. Hier kündigte Jakob, halb angekleidet und mit der Miene eines Mannes, den ein vernichtender Schlag getroffen, ihm seinen Entschluß an, auf der Stelle nach Dublin zurückzueilen. Avaux vernahm diese Mittheilung mit Erstaunen und billigte den Entschluß des Königs. Melfort schien in völliger Verzweiflung zu sein. Die Reisenden kehrten also um und kamen spät am Abend wieder in Charlemont an. Hier empfing der König Depeschen ganz andren Inhalts wie die, welche ihn vor einigen Stunden erschreckt hatten. Die Protestanten, die sich bei Strabane gesammelt hatten, waren von Hamilton angegriffen worden. Unter einem rechtschaffenen Anführer würden sie wahrscheinlich Stand gehalten haben. Aber Lundy, der sie befehligte, hatte ihnen gesagt, daß Alles verloren sei, hatte ihnen geheißen, auf ihre Rettung bedacht zu sein, und hatte ihnen selbst das Beispiel zur Flucht gegeben.[78] In Folge dessen hatten sie sich in Unordnung nach Londonderry zurückgezogen. Die Correspondenten des Königs erklärten es für eine Unmöglichkeit, daß Londonderry sich halten könne. Se. Majestät brauche nur vor den Thoren zu erscheinen und sie würden augenblicklich geöffnet werden. Dies brachte Jakob wieder auf andere Gedanken, er machte sich Vorwürfe, daß er sich zur Rückkehr nach dem Süden hatte überreden lassen, und er bestellte seine Pferde, obgleich es schon spät Abends war. Die Pferde waren fast gänzlich erschöpft und ausgehungert; trotzdem aber wurden sie gesattelt. Melfort geleitete seinen Gebieter triumphirend ins Lager. Avaux erklärte nach erfolglosen Gegenvorstellungen, daß er entschlossen sei, nach Dublin zurückzukehren. Man darf annehmen, daß die großen Unbequemlichkeiten, die er bisher zu ertragen gehabt, einigen Antheil an diesem Entschlusse hatten, denn Klagen über diese Unbequemlichkeiten füllen einen großen Theil seiner Briefe, und in der That war auch der langjährige Aufenthalt in den Palästen Italiens, in den sauberen Zimmern und Gärten Holland’s und in den prächtigen Pavillons der pariser Vorstädte eine schlechte Vorbereitung auf die verfallenen Hütten von Ulster. Seinem Gebieter aber führte er für seine Weigerung, mit nach dem Norden zu gehen, einen gewichtigeren Grund an. Jakob’s Reise war im Widerspruch mit der einstimmigen Meinung der Irländer unternommen worden und hatte ernste Besorgnisse unter ihnen erweckt, sie fürchteten, daß er sie verlassen wolle, um eine Landung in Schottland zu versuchen, und sie wußten, daß er, war er einmal in Großbritannien gelandet, weder den Willen noch die Macht haben würde das zu thun, was sie am meisten wünschten. Indem sich nun Avaux weigerte, Jakob weiter zu begleiten, gab er ihnen einen Beweis, daß, wer sie auch sonst verrathen möchte, Frankreich ihr steter Freund bleiben werde.[79]
Während Avaux sich auf dem Rückwege nach Dublin befand, eilte Jakob nach Londonderry. Er fand seine Armee einige Meilen südlich von der Stadt concentrirt. In seinem Gefolge befanden sich die französischen Generäle, welche mit ihm von Brest abgesegelt waren, und zwei von ihnen, Rosen und Maumont, wurden über Richard Hamilton gestellt.[80] Rosen war ein geborner Liefländer, der in früher Jugend ein Glückssoldat geworden, der sich zur Auszeichnung emporgekämpft hatte und der, obgleich ihm die den Hof von Versailles characterisirenden körperlichen und geistigen Vorzüge gänzlich abgingen, dennoch daselbst in hoher Gunst stand. Er besaß ein heftiges Temperament und rohe Manieren, und seine Sprache war ein seltsames Gemisch verschiedenartiger französischer und deutscher Dialecte. Selbst Diejenigen, welche die beste Meinung von ihm hegten und behaupteten, seine rauhe Außenseite berge einige gute Eigenschaften, mußten zugestehen, daß sein Äußeres gegen ihn sprach und daß es ihnen nicht angenehm sein würde, wenn sie im Dunklen an einem Waldsaume einer solchen Gestalt begegneten.[81] Das Wenige, was man von Maumont weiß, gereicht ihm zur Ehre.
[74.] Pusignan an Avaux, 30. März (9. April) 1689.
[75.] Dieser traurige Bericht über das irische Bier ist einer Depesche entlehnt, welche Desgrigny von Cork aus an Louvois schrieb und die sich in den Archiven des französischen Kriegsministeriums befindet.
[76.] Avaux, 13.(23.), 20.(30.) April 1689.
[77.] Avaux an Ludwig vom 15.(25.) April 1689, und an Louvois von dem nämlichen Datum.
[78.] Commons’ Journals, Aug. 12. 1689; MacKenzie’s Narrative.