[99.] Avaux, 8.(18.) Mai, 26. Mai (5. Juni) 1689; London Gazette vom 9. Mai; Life of James, II. 370; Burchet’s Naval Transactions; Commons’ Journals May 18, 21. Aus den Memoiren der Frau von la Fayette ersieht man, daß dieses unbedeutende Treffen in Versailles nach Gebühr gewürdigt wurde.
Ein von Jakob einberufenes Parlament tagt in Dublin. [Den] Tag darauf, nachdem in Dublin zu Ehren dieses unentschiedenen Gefechts ein Te Deum gesungen worden war, eröffnete das von Jakob zusammenberufene Parlament seine Sitzungen. Die Zahl der weltlichen Peers von Irland betrug bei seiner Ankunft in diesem Königreiche ungefähr hundert. Davon kamen nicht mehr als vierzehn seiner Aufforderung nach, und von diesen vierzehn waren zehn Katholiken. Durch Umstoßen früherer Verurtheilungen und durch neue Creirungen wurden noch siebzehn Lords, sämmtlich Katholiken, ins Oberhaus gebracht. Die protestantischen Bischöfe von Meath, Ossory, Cork und Limerick erschienen, ob aus der aufrichtigen Überzeugung, daß sie rechtmäßigerweise selbst einem Tyrannen den Gehorsam nicht verweigern könnten, oder in der eitlen Hoffnung, daß selbst das Herz eines Tyrannen durch ihre Geduld erweicht werden möchte, in der Mitte ihrer Todfeinde.
Das Haus der Gemeinen bestand fast ausschließlich aus Irländern und Papisten. Zugleich mit den königlichen Ausschreiben hatten die Wahlbeamten von Tyrconnel Briefe erhalten, in denen die Personen namhaft gemacht waren, die er gewählt zu sehen wünschte. Die größten Wahlkörper des Königreichs waren damals sehr klein, denn außer den Katholiken wagte kaum Jemand sein Gesicht zu zeigen, und katholische Freisassen gab es damals sehr wenige, in manchen Grafschaften nicht mehr als zehn bis zwölf. Selbst in so bedeutenden Städten wie Cork, Limerick und Galway überstieg die Zahl Derer, welche nach den neuen Städteordnungen stimmberechtigt waren, nicht vierundzwanzig. Ungefähr zweihundertfunfzig Mitglieder nahmen ihre Sitze ein, und davon waren nur sechs Protestanten.[100] Die Namenliste giebt hinreichenden Aufschluß über die politische und religiöse Gesinnung der Versammlung. Es war das einzige irische Parlament jener Zeit, das mit Dermots und Grohagans, mit O’Neils und O’Donovans, mit Macmahons, Macnamaras und Macgillicuddies angefüllt war. Die Führung übernahmen einige Männer, deren Fähigkeiten durch juristische Studien oder durch in fremden Ländern erworbene Erfahrung entwickelt worden waren. Dem Generalfiskal, Sir Richard Nagle, der die Grafschaft Cork vertrat, gaben selbst die Protestanten das Zeugniß eines scharfsinnigen und gelehrten Juristen. Franz Plowden, der Commissar für die Staatsrevenüen, der für Bannow im Parlamente saß und als erster Finanzbeamter fungirte, war ein Engländer, und da er ein Hauptagent des Jesuitenordens in Geldangelegenheiten gewesen, läßt sich wohl annehmen, daß er ein ausgezeichneter Geschäftsmann war.[101] Oberst Heinrich Luttrell, Mitglied für die Grafschaft Carlow, hatte lange in Frankreich gedient und von dort in sein Heimathland einen geschärften Verstand und verfeinerte Sitten, eine glatte Zunge, einige Geschicklichkeit im Kriege und sehr viel Geschicklichkeit im Intriguiren mitgebracht. Sein älterer Bruder, Oberst Simon Luttrell, Vertreter der Grafschaft Dublin und Militärgouverneur der Hauptstadt, hatte ebenfalls in Frankreich gelebt und spielte, obwohl er seinem Bruder Heinrich an Talent und Thätigkeit nachstand, doch eine sehr hervorragende Figur unter den Anhängern Jakob’s. Das andre Mitglied für die Grafschaft Dublin war Oberst Patrick Sarsfield. Diesen tapferen Offizier betrachteten die Eingebornen als einen der Ihrigen, denn seine Vorfahren von Vaters Seite waren zwar ursprünglich Engländer, gehörten aber zu den ersten Colonisten, von denen man sprüchwörtlich sagte, daß sie irischer geworden seien als Irländer. Seine Mutter war von edlem celtischen Geblüt und er war ein treuer Anhänger des alten Glaubens. Als der Erbe eines Vermögens, das ihm etwa zweitausend Pfund jährlicher Einkünfte gewährte, war er einer der reichsten Katholiken des Landes. Von den Höfen und Feldlagern besaß er eine Kenntniß wie nur wenige seiner Landsleute. Er war lange Offizier bei der englischen Leibgarde gewesen, hatte viel mit Whitehall verkehrt und hatte unter Monmouth auf dem Continente und gegen Monmouth bei Sedgemoor tapfer gefochten. Er hatte, wie Avaux schrieb, mehr persönlichen Einfluß als irgend Jemand in Irland und war wirklich ein Gentleman von ausgezeichneten Verdiensten, tapfer, bieder, ehrenwerth, auf das Wohlbefinden seiner Leute im Quartier bedacht und am Tage der Schlacht stets an ihrer Spitze. Seine Unerschrockenheit, seine Freimüthigkeit, seine grenzenlose Gutherzigkeit, seine Statur, welche die gewöhnlicher Menschen hoch überragte, und die Körperkraft, welche er im Einzelkampfe entwickelte, hatten ihm die Zuneigung und Bewunderung der Massen erworben. Es ist bemerkenswerth, daß die Engländer ihn allgemein als einen tapferen, geschickten und hochherzigen Feind achteten und daß er selbst in den rohesten Possen, welche von gemeinen Comödianten in Smithfield aufgeführt wurden, stets von den entehrenden Beschuldigungen ausgenommen ward, welche man damals auf die irische Nation zu schleudern gewohnt war.[102]
Doch solcher Männer waren nicht viele in dem Hause der Gemeinen, das sich zu Dublin versammelt hatte. Es ist kein Vorwurf für die irische Nation, eine Nation, welche seitdem ihr volles Contingent von beredten und gebildeten Senatoren gestellt hat, wenn man sagt, daß von allen Parlamenten, welche je auf den britischen Inseln zusammengetreten sind, Barebone’s Parlament nicht ausgenommen, es dem von Jakob einberufenen am meisten an den Eigenschaften gebrach, die eine Legislatur besitzen muß. Die strenge Herrschaft einer feindlichen Kaste hatte die Geisteskräfte des irischen Gentleman gelähmt. War er so glücklich Grundeigenthum zu besitzen, so hatte er sein Leben in der Regel unter Jagd, Fischfang, Trinkgelagen und Liebeshändeln mit seinen Unterthanen zugebracht. War sein Vermögen confiscirt worden, so war er von Schloß zu Schloß und von Hütte zu Hütte gewandert, um kleine Geldbeiträge zu erheben und auf Kosten Anderer zu leben. Er hatte nie im Hause der Gemeinen gesessen, hatte niemals thätigen Antheil an einer Wahl genommen, und war nie Magistratsbeamter gewesen; kaum daß er einmal Mitglied einer großen Jury gewesen war. Daher fehlte es ihm an aller und jeder Erfahrung in öffentlichen Angelegenheiten. Der englische Squire war zwar auch kein besonders gelehrter und erleuchteter Politiker, aber im Vergleich mit dem katholischen Squire von Munster oder Connaught war er ein Staatsmann und Philosoph.
Die Parlamente Irland’s hatten damals kein bestimmtes Versammlungslocal. Sie kamen in der That so selten zusammen und gingen so bald wieder auseinander, daß es kaum der Mühe werth gewesen wäre, einen Palast zu ihrem ausschließlichen Gebrauche zu erbauen und einzurichten. Erst als die hannöversche Dynastie schon lange auf dem Throne saß, erstand in College Green ein Senatshaus, das mit den schönsten Bauwerken von Inigo Jones einen Vergleich aushält. An der Stelle wo jetzt der Porticus und die Kuppel der Four Courts auf den Liffey herniedersehen, stand im siebzehnten Jahrhundert ein altes Gebäude, das einst ein Dominikanerkloster gewesen, seit der Reformation aber den Männern des Gesetzes zur Benutzung angewiesen worden war und den Namen King’s Inns führte. Dieses Gebäude war zur Aufnahme des Parlaments eingerichtet worden. Am 7. Mai nahm Jakob, in königliche Gewänder gekleidet und eine Krone tragend, seinen Sitz auf dem Throne im Hause der Lords ein und ließ die Gemeinen vor die Schranken entbieten.[103]
Er sprach hierauf den Eingebornen Irland’s seinen Dank dafür aus, daß sie treu zu ihm gehalten, als das Volk seiner anderen Königreiche ihn verlassen habe. Seinen Entschluß, alle religiösen Disabilitäten in allen seinen Landen abzuschaffen, erklärte er für unerschütterlich feststehend. Er forderte das Haus auf, die Ansiedelungsacte in Erwägung zu ziehen und die Beeinträchtigungen zu redressiren, über welche die alten Eigenthümer des Bodens sich zu beschweren Ursache hätten. Zum Schluß erkannte er in warmen Ausdrücken an, wie sehr er dem Könige von Frankreich verpflichtet sei.[104]
Nach beendeter Thronrede ersuchte der Kanzler die Gemeinen, sich in ihre Kammer zurück zu begeben und einen Sprecher zu wählen. Sie wählten den Generalfiscal Nagle, und die Wahl wurde vom Könige bestätigt.[105]
Die Gemeinen votirten nun zunächst Resolutionen, welche sowohl Jakob als Ludwig innigen Dank darbrachten. Es wurde sogar vorgeschlagen, durch eine Deputation Avaux eine Adresse überreichen zu lassen; der Sprecher aber setzte die grobe Unziemlichkeit eines solchen Schrittes auseinander, und sein Dazwischentreten hatte bei dieser Gelegenheit den gewünschten Erfolg.[106] Sonst war jedoch das Haus selten geneigt, auf Vernunftgründe zu hören. Die Debatten waren eitel Geschrei und Tumult. Der Richter Daly, ein Katholik, aber ein rechtschaffener und begabter Mann, konnte nicht umhin, die Unschicklichkeit und Thorheit zu beklagen, mit der die Mitglieder seiner Kirche das Werk der Gesetzgebung betrieben. Diese Herren, sagte er, seien kein Parlament, sondern ein bloßer Pöbelhaufen; sie glichen auf ein Haar den Fischern und Gemüsehändlern, welche in Neapel zu Ehren Masaniello’s brüllten und die Mützen emporwarfen. Es sei schmerzlich, ein Mitglied nach dem andren tollen Unsinn über seine Verluste schwatzen und nach dem geraubten Vermögen schreien zu hören, während das Leben Aller und die Unabhängigkeit des gemeinsamen Vaterlandes in Gefahr seien. Diese Worte wurden privatim gesprochen, aber einige Ohrenbläser hinterbrachten sie den Gemeinen. Es brach ein heftiger Sturm los. Daly wurde vor die Schranken gefordert, und es unterlag kaum einem Zweifel, daß man mit Strenge gegen ihn verfahren würde. In dem Augenblicke aber als er die Schwelle überschritt, stürzte ein Mitglied mit dem Ausrufe herein: „Gute Nachrichten! Londonderry ist genommen!“ Das ganze Haus erhob sich, alle Hüte flogen in die Luft, und drei laute Hurrahs ertönten. Jedes Herz wurde durch die frohe Botschaft zur Milde gestimmt. Niemand wollte in einem solchen Augenblick etwas von Bestrafung hören. Der Befehl zu Daly’s Erscheinen wurde unter dem Rufe: „Keine Unterwürfigkeit! keine Unterwürfigkeit! wir verzeihen ihm!“ wieder aufgehoben. Wenige Stunden später erfuhr man, daß Londonderry sich noch so hartnäckig hielt wie je zuvor. Dieser an sich unbedeutende Vorfall verdient erwähnt zu werden, weil er beweist, wie sehr es dem Hause der Gemeinen an den Eigenschaften fehlte, die in dem großen Rathe eines Landes gefunden werden müssen. Und diese Versammlung, die weder Erfahrung noch würdevollen Ernst, noch Mäßigung besaß, sollte jetzt über Fragen entscheiden, welche dem Scharfsinne der größten Staatsmänner viel zu schaffen gemacht haben würden.[107]
[100.] King, III. 12; Memoirs of Ireland from the Restoration, 1716. Listen beider Häuser findet man im Anhang zu King.
[101.] Beweise für Plowden’s Connection mit den Jesuiten fand ich in einem Briefbuche des Schatzamts unterm 12. Juni 1689.