[132.] Hamilton’s True Account.

Ankunft des Expeditionscorps unter Kirke im Foylesee. [Am] 15. Juni zeigte sich ein Schimmer von Hoffnung. Die Schildwachen auf dem Thurme der Kathedrale erblickten in einer Entfernung von neun Meilen Segel in der Bucht des Foylesees. Man zählte dreißig Fahrzeuge verschiedener Größe. Man gab auf den Thürmen Signale, welche von den Mastspitzen erwiedert, aber auf beiden Seiten nur unvollkommen verstanden wurden. Endlich umging ein Bote von der Flotte die irischen Schildwachen, schwamm unter dem Sperrbaum hindurch, und benachrichtigte die Besatzung, daß Kirke mit Truppen, Waffen, Munition und Lebensmitteln zum Entsatz der Stadt aus England angelangt sei.[133]

Mit der ängstlichsten Spannung harrte man in Londonderry der kommenden Dinge; aber auf wenige Stunden fieberhafter Freude folgten Wochen des größten Elends. Kirke hielt es nicht für gerathen, weder zu Lande noch zu Wasser einen Angriff auf die feindlichen Linien zu unternehmen und zog sich an die Einfahrt des Foylesees zurück, wo er mehrere Wochen unthätig vor Anker lag.

Jetzt steigerte sich die Hungersnoth mit jedem Tage. Alle Häuser der Stadt wurden auf das Genaueste durchsucht, und einige Lebensmittel, welche von Leuten, die seitdem gestorben oder geflüchtet, in den Kellern verborgen worden waren, wurden entdeckt und in die Magazine geschafft. Der Vorrath von Kanonenkugeln war fast erschöpft, und man bediente sich anstatt derselben schon mit Blei überzogener Backsteine. Krankheiten stellten sich, wie immer, im Gefolge des Hungers ein. An einem Tage starben funfzehn Offiziere am Fieber und der Gouverneur Baker selbst gehörte zu Denen, die der Krankheit erlagen. Seine Stelle wurde durch den Obersten Johann Mitchelburne ersetzt.[134]

Inzwischen wurde es in Dublin bekannt, daß Kirke mit seinem Geschwader an der Küste von Ulster lag. Die Bestürzung war groß im Schlosse. Schon vor dem Eintreffen dieser Nachricht hatte Avaux sich dahin ausgesprochen, daß Richard Hamilton den Schwierigkeiten der Situation nicht gewachsen sei. Es war daher beschlossen worden, daß Rosen den Oberbefehl übernehmen sollte, und er war unverzüglich nach dem Kriegsschauplatze abgegangen.[135]

[133.] Walker.

[134.] Walker und Mackenzie.

[135.] Avaux, 16.(26.) Juni 1689.

Grausamkeit Rosen’s. [Am] 19. Juni kam er im Hauptquartier des Belagerungsheeres an. Zuerst versuchte er die Wälle zu unterminiren; aber sein Vorhaben wurde entdeckt und er gezwungen, es nach einem hitzigen Gefecht, in welchem über hundert seiner Leute fielen, wieder aufzugeben. Jetzt stieg seine Wuth auf eine unglaubliche Höhe. Er, ein alter Soldat, ein zukünftiger Marschall von Frankreich, in der Schule der größten Generäle erzogen und seit vielen Jahren an eine kunstgerechte Kriegführung gewöhnt, sollte sich von einem Hausen von Landjunkern, Pächtern und Krämern beschämen lassen, welche nur durch einen Wall geschützt waren, den jeder gute Ingenieur auf den ersten Blick für unhaltbar erklären mußte! Er tobte und fluchte in einer nur ihm eigenen Sprache, zusammengesetzt aus allen Dialecten, welche vom baltischen bis zum atlantischen Meere gesprochen wurden. Er wollte die Stadt der Erde gleich machen, kein lebendes Wesen sollte geschont werden, nichts, selbst die Mädchen und Säuglinge nicht. Für die Anführer sei der Tod eine zu milde Strafe, die sollten gefoltert und lebendig gebraten werden. In seiner Wuth ließ er eine Bombe mit einem Schreiben, das eine furchtbare Drohung enthielt, in die Stadt werfen. Er sagte darin, er werde alle Protestanten, welche zwischen Charlemont und dem Meere auf ihren Wohnsitzen geblieben wären, Greise, Frauen und Kinder, von denen viele durch Bande des Blutes und der Freundschaft den Vertheidigern von Londonderry nahe standen, zu einem Haufen zusammentreiben. Kein Schutz, von welcher Autorität er auch ausgehen möge, solle respectirt werden. Die so zusammengeholte Menge solle unter die Mauern von Londonderry getrieben und hier angesichts ihrer Landsleute, ihrer Freunde und ihrer Verwandten, dem Hungertode preis gegeben werden. Dies war keine leere Drohung. Es wurden sofort nach allen Richtungen hin Truppenabtheilungen entsendet, um Schlachtopfer herbeizuholen. Am Morgen des 2. Juli bei Tagesanbruch wurden Hunderte von Protestanten, welche keines Vergehens beschuldigt, welche unfähig waren Waffen zu tragen und von denen viele Schutzbriefe besaßen, welche Jakob selbst ihnen gewährt hatte, vor die Thore der Stadt geschleppt. Man hoffte, der jammervolle Anblick werde den Muth der Colonisten brechen; aber er brachte keine andre Wirkung hervor, als daß er ihren Muth zu noch größerer Energie aufstachelte. Es wurde auf der Stelle ein Tagesbefehl erlassen, daß Niemand, bei Todesstrafe, das Wort Übergabe aussprechen solle, und Keiner sprach dieses Wort aus. Es befanden sich mehrere Gefangene hohen Ranges in der Stadt. Sie waren bis dahin gut behandelt worden und hatten die nämlichen Rationen erhalten, wie die Besatzung. Jetzt wurden sie in strenge Haft gebracht. Auf einer der Bastionen wurde ein Galgen errichtet und an Rosen ein Schreiben gesandt, das ihn aufforderte, sogleich einen Beichtvater in die Stadt zu schicken, der seine Freunde zum Tode vorbereiten sollte. Die Gefangenen schrieben ihrerseits in großer Angst an den wilden Liefländer, erhielten aber keine Antwort. Hierauf wendeten sie sich an ihren Landsmann, Richard Hamilton. Sie seien bereit, sagten sie, für ihren König ihr Blut zu vergießen, aber es scheine ihnen hart, in Folge der Barbarei ihrer eigenen Waffengefährten den schimpflichen Tod der Diebe zu sterben. Hamilton war, obwohl ein Mann von laxen Grundsätzen, nicht grausam. Rosen’s Unmenschlichkeit hatte seinen tiefen Abscheu erregt, da er aber nur der Zweite im Commando war, so durfte er es nicht wagen, Alles offen auszusprechen was er dachte. Er machte jedoch energische Vorstellungen. Einige irische Offiziere fühlten bei dieser Gelegenheit wie es braven Männern ziemte, und erklärten unter Thränen des Mitleids und Unwillens, daß sie zeitlebens das Geschrei der unglücklichen Frauen und Kinder hören würden, welche mit der Lanzenspitze herbeigetrieben worden waren, um zwischen dem Lager und der Stadt Hungers zu sterben. Rosen beharrte zweimalvierundzwanzig Stunden in seinem Plane, viele unglückliche Geschöpfe kamen in dieser Zeit um; aber Londonderry hielt sich so tapfer als je, und er sah ein, daß sein Verbrechen nur Haß und Schmähungen erzeugen werde. So gab er endlich nach und ließ die noch Lebenden wieder abziehen. Die Besatzung entfernte in Folge dessen alsbald den Galgen, der auf der Bastion errichtet worden war.[136]

Als die Nachricht von diesen Vorgängen nach Dublin gelangte, entsetzte sich Jakob, obwohl durchaus nicht zum Mitleid geneigt, über eine Grausamkeit, von der die Bürgerkriege England’s noch kein Beispiel aufzuweisen hatten, und vernahm mit großem Mißfallen, daß von ihm gewährte und mit seinem Ehrenwort verbürgte Schutzbriefe öffentlich für null und nichtig erklärt worden waren. Er beklagte sich darüber gegen den französischen Gesandten und äußerte mit einer durch die Gelegenheit vollkommen gerechtfertigten Entrüstung, daß Rosen ein barbarischer Moskowiter sei. Melfort konnte sich nicht enthalten hinzuzusetzen, daß, wenn Rosen ein Engländer gewesen wäre, er gehängt worden sein würde. Avaux begriff diese weibische Sentimentalität nicht. Seiner Ansicht nach war durchaus nichts Verwerfliches geschehen, und es wurde ihm schwer sich zu beherrschen, als er den König und den Sekretär einen Act heilsamer Strenge in starken Ausdrücken tadeln hörte.[137] Der französische Gesandte und der französische General waren einander in der That würdig. In der äußeren Erscheinung und den Manieren war allerdings ein großer Unterschied zwischen dem hübschen, eleganten und feingebildeten Diplomaten, dessen Gewandtheit und Liebenswürdigkeit an den elegantesten Höfen Europa’s in hohem Rufe gestanden, und dem militärischen Abenteurer, dessen Aussehen und Stimme Alle, die mit ihm in Berührung kamen, daran erinnerte, daß er in einem halbwilden Lande geboren war, daß er sich vom gemeinen Soldaten emporgeschwungen hatte und daß er einmal wegen Marodirens zum Tode verurtheilt worden war.