Rosen wurde nach Dublin zurückberufen, und Richard Hamilton erhielt wieder den Oberbefehl. Er versuchte mildere Mittel als die, welche seinem Vorgänger so harten Tadel zugezogen. Keine List, keine Lüge, von der sich erwarten ließ, daß sie die ausgehungerte Garnison entmuthigen würde, ward gespart. Eines Tages erscholl durch das ganze irische Lager ein allgemeines Freudengeschrei. Die Vertheidiger von Londonderry erfuhren bald, daß die Armee Jakob’s wegen des Falles von Enniskillen in so freudiger Aufregung sei. Man sagte ihnen, daß sie nun keine Aussicht auf Entsatz mehr hätten, und ermahnte sie durch Kapituliren ihr Leben zu retten. Sie willigten ein zu unterhandeln. Allein sie verlangten freien Abzug unter Waffen und in militärischer Ordnung zu Wasser oder zu Lande nach ihrer Wahl. Für die Einhaltung dieser Bedingungen verlangten sie Geiseln und bestanden darauf, daß diese Geiseln auf die im Foylesee liegende Flotte gebracht werden sollten. Auf solche Bedingungen durfte Hamilton nicht eingehen; die Gouverneurs aber wollten davon nichts nachlassen; die Unterhandlung wurde abgebrochen und der Kampf begann von neuem.[138]

[136.] Walker; Mackenzie; Light to die Blind, King, III. 13; Leslie’s Answer to King; Life of James, II. 366. Ich muß sagen, daß King bei dieser Gelegenheit ungerecht gegen Jakob ist.

[137.] Leslie’s Answer to King; Avaux, 5.(15.) Juli 1689. „Je trouvay l’expression bien forte: mais je ne voulois rien répondre, car le Roy s’estoit desja fort emporté.“

[138.] Mackenzie.

Die Hungersnoth in Londonderry steigt auf’s Höchste. [So] war inzwischen der Juli weit vorgerückt und die Lage der Stadt wurde von Stunde zu Stunde fürchterlicher. Die Einwohner waren mehr durch Hunger und Krankheit, als durch das feindliche Feuer gelichtet worden. Doch war dieses Feuer jetzt heftiger und anhaltender als je. Eines der Thore und eine der Bastionen waren in Trümmer geschossen, aber die am Tage gemachten Breschen wurden des Nachts mit rastloser Thätigkeit wieder ausgebessert und jeder Angriff noch immer zurückgeschlagen. Aber die kämpfende Mannschaft der Besatzung war so erschöpft, daß sie sich kaum noch auf den Füßen halten konnte. Einige fielen im Gefecht gegen den Feind aus bloßer Schwäche zu Boden. Es war nur noch ein ganz kleines Quantum Getreide vorhanden, das mundvollweise vertheilt wurde. Dagegen hatte man einen beträchtlichen Vorrath gesalzener Häute, und durch Nagen an denselben beschwichtigte die Garnison die Qualen des Hungers. Hunde, mit dem Blute der Gefallenen gemästet, welche unbeerdigt rings um die Stadt lagen, waren ein Luxus, den nur Wenige bezahlen konnten. Der Preis einer einzigen Pfote war fünf Schilling sechs Pence. Neun Pferde waren noch am Leben, aber eben nur noch am Leben. Sie waren so abgemagert, daß man nur wenig Fleisch von ihnen zu erhalten hoffen durfte. Man beschloß jedoch sie zu schlachten, um sie zu verzehren. Die Leute starben so massenhaft, daß es den Überlebenden unmöglich war, sie ordentlich zu begraben. Es gab kaum einen Keller, in dem nicht ein Leichnam verweste. Die Noth war so gräßlich, daß man auf die Ratten, welche in diese grauenvollen Höhlen kamen, um zu schmausen, eifrig Jagd machte und sie gierig verschlang. Ein im Flusse gefangener kleiner Fisch war nicht mit Geld zu erkaufen; der einzige Preis, für den ein solcher Schatz zu erlangen war, waren einige Händevoll Hafermehl. Der Aussatz, wie er durch ungewohnte und ungesunde Kost erzeugt wird, machte das Leben zu einer fortwährenden Qual. Die ganze Stadt wurde durch den Gestank verpestet, den die Körper der Todten und Halbtodten verbreiteten. Daß unter Leuten, welche solches Elend erduldeten, Beispiele von Unzufriedenheit und Insubordination vorkamen, war unvermeidlich. Einmal hatte man Walker in dem Verdachte, daß er irgendwo Lebensmittel versteckt halte und im Geheimen schwelge, während er Andere ermahnte, für die gute Sache muthig zu leiden. Eine genaue Durchsuchung seines Hauses erwies seine vollkommene Unschuld; er erlangte seine Popularität wieder, und die Garnison, mit dem Tode vor Augen, drängte sich nach der Kathedrale, um ihn predigen zu hören, sog mit Wonne seine eindringlichen Worte ein und verließ das Gotteshaus mit leichenhaften Gesichtern und schwankenden Schritten, aber mit noch ungebrochenem Muthe. Es wurden allerdings einige geheime Complotte geschmiedet; einige obscure Verräther setzten sich mit dem Feinde in Verbindung. Aber solches Treiben mußte sorgfältig verborgen gehalten werden, und Niemand wagte öffentlich andere Worte als Worte des Trotzes und der hartnäckigen Entschlossenheit auszusprechen. Selbst in dieser entsetzlichen Noth war der allgemeine Ruf: „Keine Übergabe!“ Und es fehlte nicht an Stimmen, welche leise hinzusetzten: „Zuerst die Pferde und die Häute, dann die Gefangenen, dann Einer den Andren!“ Es wurde später halb scherzweise, aber nicht ohne eine fürchterliche Beimischung von Ernst erzählt, daß ein wohlbeleibter Bürger, dessen Körperumfang mit den ihn umgebenden Skeletten seltsam contrastirte, es für rathsam hielt, sich vor den zahlreichen Augen zu verbergen, die ihn mit cannibalischen Blicken verfolgten, sobald er sich auf der Straße zeigte.[139]

Die Leiden der Garnison wurden nicht wenig dadurch vermehrt, daß die englischen Schiffe während dieser ganzen Zeit weit draußen im Foylesee zu sehen waren. Jede Communication zwischen der Flotte und der Stadt war fast unmöglich. Ein Taucher, der den Sperrbaum zu passiren versucht hatte, war ertrunken. Ein Andrer wurde ergriffen und aufgehängt. Die Signalsprache war kaum verständlich. Am 13. Juli jedoch kam ein in einen Rockknopf genähtes Stück Papier in Walker’s Hände. Es war ein Brief von Kirke und enthielt die Zusicherung baldiger Erlösung. Aber mehr als vierzehn Tage des größten Elends waren seitdem verstrichen, und die Herzen auch der Sanguinischsten begannen zu verzweifeln. Keine Kunst vermochte es einzurichten, daß die Lebensmittel noch zwei Tage ausreichten.[140]

[139.] Walker’s Account. „Der fette Mann in Londonderry“ wurde eine sprüchwörtliche Bezeichnung für eine Person, deren Wohlstand den Neid und die Habgier seiner minder glücklichen Nebenmenschen erweckte.

[140.] So lautete, nach Narcissus Luttrell, der Bericht des Kapitains Withers, eines Offiziers, der sich später sehr auszeichnete und auf den Pope eine Grabschrift machte.

Angriff auf den Sperrbaum. [Gerade] in diesem Augenblicke erhielt Kirke eine Depesche aus England mit dem bestimmten Befehl, Londonderry zu entsetzen. In Folge dessen entschloß er sich endlich einen Versuch zu machen, den er, soweit es sich beurtheilen läßt, schon sechs Wochen früher mit mindestens gleicher Aussicht auf Erfolg hätte unternehmen können.[141]

Unter den Kauffahrteischiffen, welche unter seinem Geleite in den Foylesee gekommen waren, befand sich eines, welches der Mountjoy hieß. Der Patron desselben, Micajah Browning, gebürtig aus Londonderry, hatte eine bedeutende Ladung Lebensmittel aus England mitgebracht. Er hatte sich zu wiederholten Malen sehr nachdrücklich über die Unthätigkeit des Geschwaders ausgesprochen; endlich erbot er sich, den gefährlichen Versuch, seinen Mitbürgern Unterstützung zu bringen, zuerst zu unternehmen, und sein Anerbieten wurde angenommen. Andreas Douglas, Kapitain des Phönix, der eine große Quantität Mehl aus Schottland an Bord hatte, erklärte sich bereit, die Gefahr und die Ehre zu theilen. Die Fregatte Dartmouth von sechsunddreißig Kanonen, unter den Befehlen des Kapitains Johann Leake, der später ein berühmter Admiral wurde, sollte die beiden Kauffahrer begleiten.