Es war der 30. Juli. Die Sonne war eben untergegangen, die Abendpredigt in der Kathedrale war vorüber und die muthlose Versammlung war auseinandergegangen, als die Schildwachen auf dem Thurme die Segel der drei Schiffe den Foyle heraufkommen sahen. Das irische Lager gerieth bald in Alarm. Mehrere Meilen weit auf beiden Ufern des Flusses waren die Belagerer auf den Beinen. Die Schiffe waren in der größten Gefahr, denn der Wasserstand war niedrig und das einzige schiffbare Fahrwasser zog sich sehr nahe am linken Ufer hin, wo sich das Hauptquartier des Feindes befand und wo die Batterien am zahlreichsten waren. Leake erfüllte seine Pflicht mit einer Geschicklichkeit und einem Muthe, die seines edlen Berufes würdig waren, setzte seine Fregatte dem feindlichen Feuer aus, um die Kauffahrer zu decken und ließ seine Geschütze sehr wirksam spielen. Endlich erreichte das kleine Geschwader die gefährlichste Stelle. Hier segelte der Mountjoy voran und fuhr gerade auf den Sperrbaum los. Die mächtige Barrikade krachte und brach; aber der Stoß war so heftig gewesen, daß der Mountjoy zurückprallte und im Schlamme festsaß. Ein Triumphgeschrei erscholl auf beiden Ufern und die Irländer eilten zu ihren Böten, um das gestrandete Schiff zu entern; aber der Dartmouth schickte ihnen eine wohlgezielte Breitseite zu, die sie in Unordnung brachte. In diesem Augenblicke fuhr der Phönix gegen die Bresche an, welche der Mountjoy gemacht hatte, und war im Nu auf der andren Seite der Sperrung. Mittlerweile stieg die Fluth rasch, der Mountjoy wurde wieder flott und bald hatte auch er die zerbrochenen Balken und schwimmenden Sparren wohlbehalten passirt. Aber sein wackerer Kapitain war nicht mehr. Eine Kugel von einer der Batterien hatte ihn getroffen, und er starb den beneidenswerthesten Tod, angesichts der Stadt, die sein Geburts- und Wohnort war und die er so eben durch seinen Muth und seine Selbstverleugnung von der fürchterlichsten Art des Unterganges gerettet hatte. Die Dunkelheit war schon vor dem Beginn des Kampfes am Sperrbaum hereingebrochen; aber die abgemagerte, geisterbleiche Menge, welche die Wälle der Stadt bedeckte, sah den Blitz und hörte den Donner der Geschütze. Als der Mountjoy auf den Grund lief und das Triumphgeschrei der Irländer auf beiden Ufern ertönte, brach den armen Belagerten das Herz. Einer, der die namenlose Angst jenes Augenblicks ertragen hatte, erzählt uns, daß sie einander leichenblaß vor Entsetzen anstarrten. Und selbst nachdem die Barrikade passirt war, durchlebten sie noch eine fürchterliche halbe Stunde angstvoller Ungewißheit. Es war zehn Uhr, als die Schiffe am Quai anlangten. Die ganze Bevölkerung hatte sich hier versammelt, um sie zu bewillkommnen. Eine Verschanzung von mit Erde gefüllten Fässern wurde eiligst errichtet, um den Landungsplatz vor den Batterien des andren Flußufers zu schützen, und dann ging es an’s Ausladen. Zuerst wurden Fässer, welche sechstausend Bushels Mehl enthielten, an’s Ufer gerollt. Dann kamen große Käse, Tonnen voll Rindfleisch, Speckseiten, Kübel mit Butter, Säcke mit Erbsen, und Zwieback und Branntweingebinde. Einige Stunden vorher war jedem der Kämpfer ein halbes Pfund Talg und dreiviertel Pfund gesalzene Haut mit karger Genauigkeit zugewogen worden. Die Ration, welche nun Jeder erhielt, bestand aus drei Pfund Mehl, zwei Pfund Fleisch und einer Pinte Erbsen. Man kann leicht denken, mit welchen Thränen der Freude bei den Mahlzeiten dieses Abends das Tischgebet gesprochen wurde. Von Schlaf war auf beiden Seiten des Walles wenig die Rede. Die Freudenfeuer flackerten lustig den ganzen Wallgürtel entlang. Die irischen Geschütze brüllten die ganze Nacht durch, und die ganze Nacht hindurch antworteten die Glocken der geretteten Stadt den irischen Geschützen mit herausforderndem Geläute. Auch noch den ganzen 31. Juli spielten die feindlichen Batterien. Aber bald nach Sonnenuntergang sah man im Lager Flammen auflodern und als der Morgen des 1. Augusts zu grauen begann, bezeichnete nur noch eine Reihe rauchender Trümmer die Stätte, welche die Zelte der Belagerer kürzlich eingenommen, und die Bürger sahen in weiter Ferne die lange Colonne von Piken und Standarten, die sich das linke Ufer des Foyle entlang auf Strabane zurückzog.[142]

[141.] Die Depesche, welche Kirke den bestimmten Befehl brachte, den Sperrbaum anzugreifen, war von Schomberg unterzeichnet, der bereits zum Oberbefehlshaber sämmtlicher englischen Streitkräfte in Irland ernannt war. Eine Abschrift davon befindet sich unter den Nairne’schen Manuscripten in der Bodlejanischen Bibliothek. Wodrow schreibt auf keine andre Autorität hin als das Gerede einer Landgemeinde in Dumbartonshire, den Entsatz Londonderry’s den Ermahnungen eines heldenmüthigen schottischen Predigers, Namens Gordon zu. Ich möchte glauben, daß ein peremtorischer Befehl von Schomberg weit mehr Einfluß auf Kirke hatte, als die vereinte Beredtsamkeit einer ganzen Synode von presbyterianischen Geistlichen.

[142.] Walker; Mackenzie; Histoire de la Revolution d’Irlande, Amsterdam 1691; London Gazette, Aug. 5.(15.) 1689; Brief von Buchan unter den Nairne’schen Manuscripten; Life of Sir John Leake; The Londeriad; Observations on Mr. Walker’s Account of the Siege of Londonderry, licensed Oct. 4. 1689.

Die Belagerung von Londonderry aufgehoben. [So] endete diese große Belagerung, die denkwürdigste in den Annalen der britischen Inseln. Sie hatte hundertfünf Tage gedauert und die Garnison war von einem Effectivbestande von ungefähr siebentausend Mann auf etwa dreitausend reducirt worden. Der Verlust der Belagerer kann nicht genau angegeben werden. Walker schätzte ihn auf achttausend Mann. Aus den Depeschen Avaux’ geht mit Gewißheit hervor, daß die Regimenter, welche von der Blokade zurückkehrten, dergestalt zusammengeschmolzen waren, daß viele von ihnen nicht mehr als zweihundert Mann zählten. Von sechsunddreißig französischen Artilleristen, welche die Kanonade geleitet hatten, waren einunddreißig getödtet oder dienstunfähig gemacht.[143] Die Angriffs- wie die Vertheidigungsmittel waren unzweifelhaft von der Art, daß sie die großen Heerführer des Continents zum Lachen gereizt haben würden; aber eben dieser Umstand verleiht der Geschichte des ganzen Kampfes ein so eigenthümliches Interesse. Es war ein Kampf nicht zwischen Ingenieuren, sondern zwischen zwei Nationen, und der Sieg blieb der Nation, welche zwar an Zahl der andren nachstand, ihr aber in Civilisation, in Fähigkeit zur Selbstherrschaft und in Beharrlichkeit überlegen war.[144]

Sobald es bekannt wurde, daß die irische Armee abgezogen war, eilte eine Deputation aus der Stadt in den Foylesee und lud Kirke ein, das Commando zu übernehmen. Er kam in Begleitung eines zahlreichen Gefolges von Offizieren und wurde mit militärischem Gepränge von den beiden Gouverneurs empfangen, welche ihm die Autorität abtraten, die sie im Drange der Nothwendigkeit auf sich genommen hatten. Er verweilte nur wenige Tage, zeigte aber in dieser kurzen Zeit genug von den unverbesserlichen Fehlern seines Characters, um sich die Achtung einer durch strenge Moralität und glühenden Gemeinsinn ausgezeichneten Bevölkerung zu verscherzen. Es erfolgte jedoch kein offener Ausbruch, denn die Stadt war in der heitersten Stimmung. Von der Flotte waren solche Massen Lebensmittel gelandet worden, daß in allen Häusern ein nie gekannter Überschuß herrschte. Wenige Tage vorher wäre man froh gewesen, wenn man für zwanzig Pence einen Bissen halbverfaultes, von den Knochen eines verhungerten Pferdes losgekratztes Fleisch bekommen hätte. Jetzt wurde ein Pfund Rindfleisch für anderthalb Pence verkauft. Unterdessen waren alle Hände damit beschäftigt, die nur leicht mit Erde bedeckten Leichname zu entfernen, die Löcher auszufüllen, welche die Bomben in den Erdboden gerissen hatten, und die zerschossenen Dächer der Häuser auszubessern. Die Erinnerung an die überstandenen Gefahren und Entbehrungen und das Bewußtsein, sich um die englische Nation und um alle protestantischen Kirchen verdient gemacht zu haben, erfüllte die Herzen der Bewohner mit einem ehrenwerthen Stolze. Dieser Stolz ward noch erhöht, als sie von Wilhelm ein Schreiben erhielten, welches in den wohlwollendsten Ausdrücken die Verpflichtung anerkannte, die er den wackeren und getreuen Bürgern seiner guten Stadt schulde. Die ganze Einwohnerschaft strömte nach dem Diamantplatze, um die königliche Zuschrift verlesen zu hören. Am Schlusse gaben sämmtliche Kanonen auf den Wällen eine Freudensalve, welche von allen auf dem Flusse liegenden Schiffen erwiedert wurde, dann wurden Alefässer aufgeschlagen und unter lautem Jubel und Gewehrsalven auf die Gesundheit Ihrer Majestäten getrunken.

Fünf Generationen sind seitdem vorübergegangen und noch immer ist den Protestanten von Ulster der Wall von Londonderry das was die Trophäe von Marathon den Athenern war. Auf weite Entfernung den Foyle hinauf und hinunter sieht man eine hohe Säule auf einer Bastion, welche viele Wochen lang das heftigste Feuer des Feindes auszuhalten hatte. Auf der Spitze dieser Säule steht die Statue Walker’s, wie er zur Zeit der letzten und furchtbarsten Noth durch seine Beredtsamkeit den sinkenden Muth seiner Brüder wieder belebte. In der einen Hand hält er eine Bibel, die andre zeigt hinaus auf den Fluß und scheint die Blicke seiner ausgehungerten Zuhörer auf die englischen Mastspitzen in der fernen Bucht hinlenken zu wollen. Ein solches Denkmal war wohlverdient, doch kaum nöthig, denn die ganze Stadt ist bis auf diesen Tag ein Denkmal der großen Befreiung. Der Wall ist sorgfältig erhalten und keine Rücksicht der Gesundheit oder Zweckmäßigkeit würde von den Einwohnern für ausreichend gehalten werden, um die Zerstörung dieser geheiligten Mauern zu rechtfertigen, die in schlimmer Zeit ihrem Stamme und ihrer Religion Schutz gewährten.[145] Der Kamm der Festungswerke bildet einen angenehmen Spaziergang. Die Bastionen sind in kleine Gärten verwandelt, und hier und da blicken unter den Blumen und Sträuchern die alten Feldschlangen hervor, welche mit Blei überzogene Backsteinkugeln in die irischen Reihen sendeten. Ein alterthümliches Geschütz, ein Geschenk der londoner Fischhändlergilde, zeichnete sich während der hundertfünf denkwürdigen Tage durch seinen lauten Knall aus und führt noch jetzt den Namen Roaring Meg (brüllende Margarethe). Die Kathedrale ist mit Reliquien und Trophäen angefüllt. In der Vorhalle befindet sich eine riesige Bombe, eine von den vielen hunderten, welche in die Stadt geworfen wurden. Über dem Altare sieht man noch die französischen Fahnenstöcke, welche bei einem verzweifelten Ausfalle von der Garnison erobert wurden. Die weißen Feldzeichen des Hauses Bourbon sind längst in Staub zerfallen; aber sie sind durch neue Banner, das Werk der schönsten Hände von Ulster, ersetzt. Der Tag, an welchem die Thore geschlossen und der Tag, an welchem die Belagerung aufgehoben wurde, sind bis auf unsre Zeit alljährlich durch Geschützsalven, Umzüge, Festmahle und Predigten gefeiert worden. Lundy ist in effigie hingerichtet und das Schwert, das der Sage nach das Schwert Maumont’s sein soll, bei feierlichen Gelegenheiten im Triumphe umhergetragen worden. Noch heute giebt es einen Walkerclub und einen Murrayclub. Die einfachen Gräber der protestantischen Anführer sind sorgfältig ausgesucht, wiederhergestellt und verschönert worden. Es ist unmöglich, die Gesinnung nicht zu achten, welche aus diesen Zeichen von Pietät spricht. Es ist eine Gesinnung, welche dem edleren und reineren Theile der menschlichen Natur angehört und welche die Stärke der Staaten nicht wenig vermehrt. Ein Volk, das nicht stolz ist auf die großen Thaten ferner Vorfahren, wird nie etwas vollbringen, was würdig wäre, von fernen Nachkommen mit Stolz in Andenken gehalten zu werden. Doch kann der Moralist oder der Staatsmann unmöglich mit ungetrübtem Wohlgefallen die Festlichkeiten, durch welche Londonderry das Gedächtniß seiner Befreiung feiert, sowie die Ehren betrachten, die es seinen Befreiern erzeigt. Leider haben sich zugleich mit dem Ruhme seiner tapferen Kämpfer auch deren Animositäten fortgeerbt. Die Fehler, welche man gewöhnlich bei herrschenden Kasten und Secten findet, haben sich bei seinen Festlichkeiten nicht selten unverhohlen gezeigt, und selbst in die Ausdrücke frommer Dankbarkeit, welche von seinen Kanzeln herab erschollen, haben sich nur zu oft Worte des Zornes und des herausfordernden Trotzes gemischt.

Die irische Armee, die sich nach Strabane zurückgezogen hatte, blieb dort nur sehr kurze Zeit. Der Muth der Truppen war durch den ungünstigen Ausgang der Belagerung von Londonderry schon niedergedrückt und wurde bald völlig gebrochen durch die Nachricht von einem anderweitigen harten Schlage.

[143.] Avaux an Seignelay, 18.(28.) Juli; an Ludwig, 9.(19.) August.

[144.] „Man sieht hieraus, wie man es die ganze Zeit her hat sehen können, daß die Kaufleute von Londonderry zu ihrer Vertheidigung mehr Geschick hatten, als die berühmten Offiziere der irischen Armee zu ihren Angriffen.“ Light to the Blind. Der Verfasser dieses Werkes ist wüthend auf die irischen Kanoniere. Er ist der Meinung, daß der Sperrbaum nie durchbrochen worden wäre, wenn sie ihre Pflicht gethan hätten. Waren sie betrunken? oder waren sie Verräther? Er kommt zu keiner Entscheidung über seinen Punkt. „Herr,“ ruft er aus, „der Du in den Herzen der Menschen liesest, wir überlassen es Deiner Barmherzigkeit, in dieser Angelegenheit zu richten.“ Inzwischen stürzten jene Kanoniere Irland ins Verderben.

[145.] In einer vor mehr als sechzig Jahren unter dem Titel „Derriana“ erschienenen Sammlung findet sich ein interessanter Brief über diesen Gegenstand.