Die große Mehrheit des Klerus leistet die Eide.
Es wurde bald klar, daß die Gründe für die Eidesleistung, unterstützt durch einige der stärksten Motive, welche auf den menschlichen Geist influiren können, überwogen hatten. Mehr als neunundzwanzig Dreißigstel des Standes fügten sich dem Gesetz. Die Mehrzahl der Geistlichen der Hauptstadt, welche damals eine besondere Klasse bildeten und die sich vor den Landgeistlichen ebensowohl durch freisinnige Ansichten wie durch Beredtsamkeit und Gelehrsamkeit auszeichneten, erklärten ihren Anschluß an die Regierung zuerst und mit allen Zeichen aufrichtiger Ergebenheit. Achtzig von ihnen begaben sich zusammen nach Westminster Hall und wurden daselbst vereidigt. Die Ceremonie nahm soviel Zeit weg, daß an diesem Tage beim Kanzleigericht und der Kings Bench wenig mehr vorgenommen wurde.[80] Im allgemeinen aber fügten sich die Geistlichen langsam und mit Unmuth. Allerdings opferten viele wissentlich ihre Grundsätze dem Eigennutze auf. Ihr Gewissen sagte ihnen, daß sie eine Sünde begingen. Aber sie besaßen nicht Characterstärke genug, um das Pfarrhaus, den Garten, das Landgütchen aufzugeben und in die Welt hinaus zu gehen, ohne zu wissen, wo sie eine Mahlzeit oder ein Obdach für sich und ihre Kleinen finden würden. Viele schwuren mit Zweifeln und bangen Vorahnungen.[81] Einige erklärten im Augenblicke der Eidabnahme, es sei nicht ihre Absicht zu versprechen, daß sie sich Jakob nicht unterwerfen würden, wenn er je in die Lage kommen sollte, den Unterthaneneid von ihnen zu verlangen.[82] Einige Geistliche im Norden waren am 1. August in Gesellschaft zur Eidesleistung aufgebrochen, als sie unterwegs die Nachricht von der Schlacht traf, welche vier Tage vorher in der Schlucht von Killiecrankie geschlagen worden war. Sie kehrten sofort um und verließen ihre Wohnungen zu dem nämlichen Zwecke nicht eher wieder als bis es klar war, daß Dundee’s Sieg keine Veränderung in dem Stande der öffentlichen Angelegenheiten herbeigeführt hatte.[83] Selbst von Denen, welche fest überzeugt waren, daß der bestehenden Regierung Gehorsam gebühre, küßten nur sehr Wenige das Evangelium mit der Innigkeit, mit der sie früher Karl und Jakob Treue gelobt hatten. Doch die Sache war geschehen. Zehntausend Geistliche hatten feierlich den Himmel zum Zeugen ihres Versprechens angerufen, daß sie treue Unterthanen Wilhelm’s sein wollten, und wenn auch dieses Versprechen ihn keineswegs zu der Erwartung berechtigte, daß sie ihn kräftig unterstützen würden, so hatte es ihnen doch einen großen Theil ihrer Macht, ihm zu schaden, entzogen. Wollten sie die öffentliche Achtung nicht verlieren, von der ihr Einfluß abhing, so durften sie den Thron Dessen, dem sie im Angesicht Gottes als ihrem Könige zu gehorchen gelobt hatten, nicht anders als indirect und mit ängstlicher Vorsicht angreifen. Einige von ihnen lasen allerdings die Gebete für das neue Herrscherpaar in einem eigenthümlichen Tone vor, der nicht mißverstanden werden konnte.[84] Andere ließen sich sogar noch ärgere Unanständigkeiten zu Schulden kommen. So leerte ein Elender unmittelbar nachdem er im feierlichsten Gottesdienste für Wilhelm und Marien gebetet, ein Glas auf ihr Verderben. Ein Andrer verzehrte an einem durch ihre Autorität angeordneten Fasttage nach dem Gottesdienste eine Taubenpastete und sprach beim Zerschneiden derselben den Wunsch aus, daß es das Herz des Usurpators sein möchte. Doch so freche Gottlosigkeit kam nur selten vor und schadete eher der Kirche als der Regierung.[85]
Die Eidverweigerer.
Die Anzahl der Geistlichen und Universitätsmitglieder, welche in die gesetzlichen Strafen verfielen, belief sich auf ungefähr vierhundert. In erster Reihe stand der Primas mit sechs seiner Suffragane: Turner von Ely, Lloyd von Norwich, Frampton von Gloucester, Lake von Chichester, White von Peterborough und Ken von Bath und Wells. Thomas von Worcester würde der siebente gewesen sein, aber er starb drei Wochen vor dem Tage der Suspension. Auf dem Sterbebette beschwor er seinen Klerus, der Sache des erblichen Rechts treu zu bleiben, und erklärte, daß diejenigen Geistlichen, welche zu beweisen versuchten, daß die Eide ohne Abweichung von den loyalen Doctrinen der englischen Kirche geleistet werden könnten, ihm jesuitischer zu raisonniren schienen als die Jesuiten selbst.[86]
Ken.
Ken, der in intellectueller wie in moralischer Hinsicht unter den nichtschwörenden Prälaten am höchsten stand, war lange unschlüssig. Es gab wenige Geistliche, die sich der neuen Regierung unbedenklicher hätten unterwerfen können als er. Denn zu den Zeiten, als Nichtwiderstand und passiver Gehorsam die Lieblingsthemata seiner Amtsbrüder waren, hatte er auf der Kanzel fast niemals auf die Politik angespielt. Er gab zu, daß die Argumente zu Gunsten des Schwörens sehr gewichtig seien, ja er ging sogar so weit, daß er sagte, seine Bedenken würden vollständig schwinden, wenn er überzeugt werden könne, daß Jakob sich zur Abtretung Irland’s an den König von Frankreich verbindlich gemacht habe. Es ist daher augenscheinlich, daß der Unterschied zwischen Ken und den Whigs kein prinzipieller war. Er war, wie sie, der Ansicht, daß schlechte Verwaltung, wenn sie bis zu einem gewissen Punkte getrieben würde, eine Uebertragung der Lehnspflichtigkeit rechtfertige, und zweifelte nur, ob Jakob’s schlechte Regierung diesen Punkt erreicht habe. Der gute Bischof begann sogar wirklich einen Hirtenbrief vorzubereiten, in welchem er seine Gründe für die Eidesleistung entwickelte. Noch ehe er aber damit zu Ende war, erhielt er eine Mittheilung, die ihn überzeugte, daß Irland nicht an Frankreich verkauft sei; eine Menge Zweifel stiegen nun wieder in ihm auf, er warf den unvollendeten Brief ins Feuer und bat seine minder skrupulösen Freunde, daß sie nicht weiter in ihn dringen möchten. Er sei gewiß, sagte er, daß sie aus aufrichtiger Ueberzeugung gehandelt hätten, es freue ihn, daß sie mit reinem Gewissen einen Schritt thun könnten, vor dem er zurückbebe, er fühle das ganze Gewicht ihrer Gründe, er sei fast überzeugt und er wolle nichts weiter hören, um nicht noch völlig überzeugt zu werden, denn wenn er sich fügte und seine Besorgnisse kehrten dann zurück, so würde er der unglücklichste Mensch von der Welt sein. Nicht für Schätze, nicht für einen Palast, nicht für einen Peerstitel möchte er sich der geringsten Gefahr aussetzen, jemals die Qualen der Reue zu empfinden. Es ist ein interessantes Factum, daß der einzige von den sieben Prälaten, dessen Name einen gewichtigen Klang hat, nahe daran war zu schwören und nach seinem eignen Eingeständniß nicht durch die Kraft von Vernunftgründen, sondern durch eine krankhafte Skrupulosität davon abgehalten wurde, die er Anderen nicht nachzuahmen rieth.[87]
Unter den Priestern, welche die Eide verweigerten, befanden sich einige, die sich in der gelehrten Welt als Philologen, Chronologen, Canonisten und Alterthumsforscher, sowie eine sehr kleine Anzahl, die sich durch Geist und Beredtsamkeit auszeichneten; aber es kann kaum Einer angeführt werden, der im Stande gewesen wäre, eine wichtige Frage der Moral oder Politik zu erörtern, kaum Einer, dessen Schriften nicht entweder eine große Schwäche oder eine große Flüchtigkeit des Geistes verriethen. Diejenigen, welche auf das Urtheil eines Whig über diesen Punkt nichts geben, werden der Ansicht, welche viele Jahre nach der Revolution ein Philosoph aussprach, auf den die Tories mit Recht stolz sind, hoffentlich einiges Gewicht zugestehen. Johnson erklärte, nachdem er die berühmten Geistlichen, die es für eine Sünde gehalten, Wilhelm III. und Georg I. Treue zu schwören, der Reihe nach aufgezählt, daß unter diesen ganzen Eidverweigerern nur ein einziger gewesen sei, der ein logisches Raisonnement habe anstellen können.[88]
Leslie.
Der Eidverweigerer, zu dessen Gunsten Johnson diese Ausnahme machte, war Karl Leslie. Leslie war vor der Revolution Kanzler der Diöcese Connor in Irland gewesen. Er war in der Opposition gegen Tyrannei vorangegangen, hatte sich als Friedensrichter für Monoghan geweigert, einen Papisten als Sheriff dieser Grafschaft anzuerkennen, und hatte den Muth gehabt, einige Offiziere der irischen Armee wegen Maraudirens einsperren zu lassen, das Prinzip des Nichtwiderstandes aber, wie es die anglikanischen Theologen in den Tagen des Ryehousecomplots gelehrt, stand unerschütterlich fest in seinem Geiste. Als der Zustand von Ulster sich so gestaltete, daß ein Protestant, welcher dort blieb, es kaum vermeiden konnte, entweder ein Rebell oder ein Märtyrer zu werden, flüchtete Leslie nach London. Seine Talente und seine Connectionen waren von der Art, daß er leicht eine hohe Anstellung in der englischen Kirche hätte erlangen können. Aber er nahm seinen Platz in der vordersten Reihe der jakobitischen Partei und behauptete denselben durch alle Gefahren und Wechselfälle von dreiunddreißig unruhigen Jahren. Obgleich beständig mit Deisten, Juden, Socinianern, Presbyterianern, Papisten und Quäkern in theologische Streitigkeiten verwickelt, fand er doch noch Zeit und Muße, einer der productivsten politischen Schriftsteller seines Jahrhunderts zu werden. Von allen nichtschwörenden Geistlichen war er am besten befähigt, Verfassungsfragen zu besprechen, denn er hatte vor seiner Ordination lange im Temple gewohnt und die englische Geschichte und Rechtswissenschaft studirt, während die meisten anderen Häupter des Schismas über den Acten von Chalcedon gebrütet, oder in dem Targum des Onkelos nach Weisheit gesucht hatten.[89]