Im Jahre 1689 jedoch war Leslie fast noch unbekannt in England. Unter den Geistlichen, welche am 1. August des genannten Jahres suspendirt wurden, stand Doctor Wilhelm Sherlock in der Achtung des Volks ohne Widerrede am höchsten. Kein einfacher Priester der englischen Kirche hat vielleicht je eine größere Autorität über seine Glaubensbrüder besessen als Sherlock sie zur Zeit der Revolution besaß. Er nahm als Gelehrter, als Prediger, als theologischer oder als politischer Schriftsteller zwar nicht den ersten Rang unter seinen Zeitgenossen ein, aber in allen diesen vier Eigenschaften hatte er sich ausgezeichnet. Die Klarheit und Lebendigkeit seines Styls sind von Prior und Addison gerühmt worden, und die Leichtigkeit mit der er schrieb, sowie sein Fleiß werden durch die Menge und durch die Jahrzahlen seiner Werke genugsam bewiesen. Es gab zwar unter dem Klerus Männer von glänzenderem Genie und von umfassenderer wissenschaftlicher Bildung, aber während einer langen Zeit gab es keinen, der den Priesterstand vollkommener repräsentirte, keinen, der ohne jeden Anflug von Latitudinarismus, Puritanismus oder Papismus die Ansicht der anglikanischen Priesterschaft über alle Gegenstände erschöpfender aussprach. In den Tagen der Ausschließungsbill, als die Macht der Dissenters im Parlament und im Lande sehr groß war, hatte er nachdrücklich gegen die Sünde des Nonconformirens geschrieben. Als das Ryehousecomplot entdeckt war, hatte er die Lehre vom Nichtwiderstande mit Wort und Schrift eifrig vertheidigt. Seine der Sache des Episkopats und der Monarchie geleisteten Dienste wurden so hoch geschätzt, daß er zum Vorsteher des Temple ernannt wurde. Auch wurde ihm von Karl eine Pension ausgesetzt, die ihm aber Jakob bald wieder entzog, denn obgleich Sherlock sich verpflichtet glaubte, der Civilgewalt passiven Gehorsam zu leisten, so glaubte er sich doch nicht minder verpflichtet religiöse Irrthümer zu bekämpfen und war der schärfste und rührigste unter dem Heere von Polemikern, welche am Tage der Gefahr den protestantischen Glauben mannhaft vertheidigten. In wenig mehr als zwei Jahren veröffentlichte er sechzehn Schriften gegen die hohen Prätensionen Roms, darunter einige umfangreiche Werke. Nicht zufrieden mit den Siegen, die er über so schwache Gegner, wie die Bewohner von Clerkenwell und des Savoy errang, hatte er den Muth, sich mit keinem geringeren Kämpen als Bossuet zu messen, aus welchem Kampfe er nicht mit Unehre hervorging. Trotzdem blieb Sherlock nach wie vor bei dem Satze stehen, daß keine Tyrannei Christen berechtigen könne, sich der königlichen Autorität zu widersetzen. Als die Convention im Begriff war zusammenzutreten, empfahl er in einer Schrift, welche als das Manifest eines großen Theils der Geistlichkeit betrachtet wurde, auf das Eindringlichste, daß Jakob eingeladen werden solle, unter Bedingungen, welche die Gesetze und die Religion der Nation sichern würden, zurückzukehren.[90] Der Beschluß, welcher Wilhelm und Marien auf den Thron setzte, erfüllte Sherlock mit Kummer und Unwillen. Er soll ausgerufen haben daß, wenn die Convention zu einer Revolution entschlossen sei, der Klerus vierzigtausend Freunde der Kirche finden würde, um eine Restauration herbeizuführen.[91] Gegen die neuen Eide sprach er offen und energisch seine Meinung aus. Er erklärte, er begreife nicht, wie ein rechtschaffener Mann daran zweifeln könne, daß der Apostel Paulus mit den bestehenden Obrigkeiten die rechtmäßigen Obrigkeiten gemeint habe und keine anderen. Kein Name wurde 1689 von den Jakobiten mit solchem Stolz und solcher Liebe genannt wie der Name Sherlock’s. Noch vor dem Schlusse des Jahres 1690 aber erweckte dieser Name ganz andere Empfindungen.

Hickes.

Einige andere Eidverweigerer müssen noch besonders erwähnt werden. Einer der Bedeutendsten unter ihnen war Georg Hickes, Dechant von Worcester. Von allen Engländern seiner Zeit war er in den alten teutonischen Sprachen am gründlichsten bewandert, und seine Kenntniß der ersten christlichen Literatur war eine umfassende. Hinsichtlich seiner Befähigung zur politischen Discussion genüge es zu sagen, daß sein Lieblingsargument zu Gunsten des passiven Gehorsams der Geschichte der Thebanischen Legion entlehnt war. Er war der jüngere Bruder des unglücklichen Johann Hickes, der im Speicher der Alice Lisle verborgen gefunden worden war. Jakob hatte, trotz aller Fürsprache, sowohl Johann Hickes als Alice Lisle hinrichten lassen. Leute, welche die Stärke der Grundsätze des Dechanten nicht kannten, dachten er könne deshalb möglicherweise einigen Groll hegen, denn er war eben nicht von sanftem und vergebendem Character, und konnte sich einer unbedeutenden Kränkung viele Jahre lang mit bitteren Gefühlen erinnern. Aber er war fest in seinem religiösen und politischen Glauben, er bedachte, daß die Dulder Dissenters waren, und er unterwarf sich dem Willen des Gesalbten des Herrn nicht nur mit Geduld, sondern mit Freudigkeit. Er wurde sogar von dem Augenblicke an wo sein Bruder aufgehängt und die Wohlthäterin seines Bruders enthauptet worden war, ein treuerer Unterthan als je. Während fast alle anderen Geistlichen, durch die Indulgenzerklärung und durch die Proceduren der Hohen Commission erschreckt, zu glauben begannen, daß sie die Lehre vom Nichtwiderstande ein wenig zu weit getrieben hätten, schrieb er eine Vertheidigung seines Lieblingsprinzips und bemühte sich die bei Hounslow lagernden Truppen zu überzeugen, daß, wenn es Jakob gefallen sollte, sie alle zu massakriren, wie Maximian die Thebanische Legion massakrirt hatte, weil sie sich geweigert, Abgötterei zu treiben, es ihre Pflicht sein würde, die Waffen auf einen Haufen zu werfen und geduldig die Märtyrerkrone zu empfangen. Um Hickes Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß man sagen, daß sein ganzes Verhalten nach der Revolution bewies, daß seine Servilität weder aus Furcht, noch aus Habsucht, sondern lediglich aus Bigotterie entsprang.[92]

Collier.

Jeremias Collier, der seiner Stelle als Prediger des Archivs entsetzt worden, stand auf einer viel höheren Stufe. Er hat ein wohlbegründetes Recht auf dankbare und achtungsvolle Erwähnung, denn seiner Beredtsamkeit und seinem Muthe ist die Reinigung unsrer leichteren Literatur von der unsauberen Färbung, die sie während der antipuritanischen Reaction angenommen hatte, hauptsächlich zuzuschreiben. Er war im vollen Umfange des Worts ein guter Mensch. Aber er war auch ein Mann von eminenten Talenten, ein großer Meister des Sarkasmus und ein ausgezeichneter Rhetoriker.[93] Desgleichen war seine Belesenheit, wenn auch unverarbeitet, von großem Umfange. Sein Geist aber war beschränkt; seine Logik, selbst wenn er so glücklich war, eine gute Sache zu vertheidigen, höchst nichtssagend und unbündig und sein Verstand war nicht durch persönlichen, aber durch Berufsstolz fast verwirrt. In seinen Augen war ein Priester das höchste menschliche Wesen nächst einem Bischofe. Der beste und vornehmste Laie war dem geringsten Geistlichen Ehrerbietung und Unterwürfigkeit schuldig. Mochte ein Mitglied des geheiligten Standes sich noch so lächerlich machen, so war es gottlos über ihn zu lachen. Collier war in diesem Punkte so ungemein empfindlich, daß er es für eine Profanation hielt, selbst über die Diener einer falschen Religion sich aufzuhalten. Er stellte es als Regel hin, daß auch Muftis und Auguren stets mit Achtung genannt werden müßten. Er tadelte Dryden, weil er über die Hierophanten des Apis gespöttelt. Er lobte Racine, weil er dem Character eines Priesters des Baal Würde verliehen. Er lobte Corneille, weil er den gelehrten und ehrwürdigen Gottesgelehrten Tiresias in seinem Oedipus nicht auf die Bühne gebracht. Er gab zwar zu, daß die Weglassung den dramatischen Effect des Stückes beeinträchtigte, aber das heilige Amt war viel zu feierlich, als daß man eitles Spiel damit treiben durfte. Ja, er hielt es sogar, so unglaublich dies scheinen mag, für unpassend, wenn ein Laie über presbyterianische Prediger spöttelte. Allerdings war sein Jakobitismus nicht viel mehr als eine von den Formen, in denen sich sein Eifer für die Würde seines Standes äußerte. Er verabscheute die Revolution weniger als einen Aufstand von Unterthanen gegen ihren König, denn als einen Aufstand der Laienschaft gegen den Priesterstand. Die seit dreißig Jahren von der Kanzel gepredigten Doctrinen, waren von der Convention mit Verachtung behandelt worden. Eine neue Regierung war im Widerspruch mit den Wünschen der geistlichen Peers im Hause der Lords und der Priesterschaft des ganzen Landes eingesetzt worden. Eine weltliche Versammlung hatte sich angemaßt, ein Gesetz zu erlassen, das Erzbischöfen und Bischöfen, Rectoren und Vikaren bei Strafe der Amtsentsetzung vorschrieb das abzuschwören, was sie Zeit ihres ganzen Lebens gelehrt hatten. Was auch kleinmüthigere Geister thun mochten, Collier war entschlossen, sich von den siegreichen Feinden seines Standes nicht im Triumphe fortführen zu lassen. Bis zum letzten Augenblicke wollte er mit der gebieterischen Haltung eines vom Himmel Gesandten den Fürsten und Mächtigen der Erde Trotz bieten.

Dodwell.

In Bezug auf geistige Begabung war Collier der Hervorragendste unter den Eidverweigerern. Hinsichtlich der Gelehrsamkeit muß die erste Stelle Heinrich Dodwell zuerkannt werden, der wegen des unverzeihlichen Verbrechens, in Mayo ein kleines Gut zu besitzen, von dem papistischen Parlament zu Dublin verurtheilt worden war. Er war Camdenianischer Professor der alten Geschichte an der Universität Oxford und hatte durch chronologische und geographische Forschungen schon eine bedeutende Celebrität erlangt; obgleich er aber nie dazu bewogen werden konnte, sich ordiniren zu lassen, war doch die Theologie sein Lieblingsstudium. Er war unbestreitbar ein frommer und redlicher Mann. Er hatte zahllose Werke in verschiedenen Sprachen gelesen und dadurch einen größeren Schatz von Gelehrsamkeit gesammelt, als seine schwachen Geisteskräfte festzuhalten vermochten. Der schwache geistige Funke, den er besaß, wurde durch das Material, das ihn nähren sollte, erstickt. Einige seiner Werke scheinen in einem Irrenhause geschrieben zu sein und ziehen ihn, obgleich von Beweisen seiner ungeheuren Belesenheit strotzend, auf das Niveau eines Jakob Naylor und Ludwig Muggleton herab. Er begann eine Dissertation, welche beweisen sollte, daß das Völkerrecht eine göttliche Offenbarung sei, welche der in der Arche geretteten Familie gemacht wurde. Er veröffentlichte eine Abhandlung, in der er behauptete, daß eine Ehe zwischen einem Mitgliede der englischen Kirche und einem Dissenter ungültig und daß das Ehepaar in den Augen des Himmels des Ehebruchs schuldig sei. Er vertheidigte den Gebrauch der Instrumentalmusik beim öffentlichen Gottesdienste aus dem Grunde, weil die Töne der Orgel die Macht hätten, den Einfluß der Teufel auf das Rückenmark der Menschen zu paralysiren. In seiner Abhandlung über diesen Gegenstand bemerkte er, man habe gewichtige Autoritäten für die Ansicht, daß das Rückenmark, wenn es zersetzt würde, eine Schlange werde. Ob diese Ansicht richtig war oder nicht, hielt er für unnöthig zu entscheiden. Vielleicht, sagte er, hätten die ausgezeichneten Männer, in deren Werken sie sich finde, nur die große Wahrheit figürlich aussprechen wollen, daß die alte Schlange hauptsächlich durch das Rückenmark auf uns einwirke.[94] Dodwell’s Betrachtungen über den Zustand der Menschen nach dem Tode sind womöglich noch wunderlicher. Er sagt uns, daß unsere Seelen von Natur sterblich sind. Vernichtung ist das Loos des größeren Theiles der Menschen, der Heiden, der Muhamedaner, der ungetauften Kinder. Die Gabe der Unsterblichkeit wird in dem Sakrament der Taufe mitgetheilt; zur Wirksamkeit des Sakraments aber ist es durchaus nöthig, daß ein durch einen Bischof ordinirter Priester die Taufhandlung verrichtet und die Einsetzungsworte spricht. Im natürlichen Laufe der Dinge würden demnach alle Presbyterianer, Independenten, Baptisten und Quäker aufhören zu existiren, wie die niederen Thiere. Dodwell war jedoch ein viel zu guter Hochkirchlicher, als daß er die Dissenters so leichten Kaufs hätte davonkommen lassen sollen. Er sagt ihnen, daß Gott, da sie Gelegenheit gehabt haben, das Evangelium predigen zu hören, und die bischöfliche Taufe hätten empfangen können, wenn sie nicht so verderbt wären, ihnen durch einen außerordentlichen Machtspruch die Unsterblichkeit verleihen wird, damit sie bis in alle Ewigkeit gequält werden können.[95]

Niemand verabscheute den zunehmenden Latitudinarismus mehr als Dodwell. Gleichwohl hatte Niemand mehr Ursache, sich darüber zu freuen, denn in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts würde ein Denker, der zu behaupten gewagt hätte, die menschliche Seele sei von Natur sterblich und höre in den meisten Fällen zugleich mit dem Körper auf zu existiren, in Smithfield lebendig verbrannt worden sein. Noch zu einer Zeit, der sich Dodwell wohl erinnern konnte, würden Ketzer wie er sich glücklich geschätzt haben, wenn sie, mit zerfleischtem Rücken, abgeschnittenen Ohren und aufgeschlitzter Nase, die Zunge mit einem glühenden Eisen durchbohrt und die Augen mit Steinen ausgeschlagen, mit dem Leben davon gekommen wären. In den Augen der Eidverweigerer aber war der Urheber dieser Theorie noch immer der große Mr. Dodwell, und Einige, die es für strafbare Nachsicht hielten, eine presbyterianische Versammlung zu dulden, hielten es zu gleicher Zeit für eine grobe Illiberalität, einen gelehrten und frommen Jakobiten zu tadeln, weil er eine vom religiösen Gesichtspunkte so höchst unwichtige Lehre wie die von der Unsterblichkeit der Seele, in Abrede stelle.[96]

Kettlewell. Fitzwilliam.

Zwei andere Eidverweigerer verdienen weniger ihrer Talente und ihrer Gelehrsamkeit, als ihrer seltenen Rechtschaffenheit und ihrer nicht minder seltenen Aufrichtigkeit wegen specielle Erwähnung. Dies sind Johann Kettlewell, Rector von Coleshill, und Johann Fitzwilliam, Canonicus von Windsor. Es ist bemerkenswerth, daß diese Männer beide viel mit Lord Russell verkehrt und daß beide, obgleich sie in politischen Ansichten von ihm abwichen und den Antheil, den er an dem whiggistischen Complot genommen, entschieden mißbilligten, eine hohe Meinung von seinem Character gehabt und seinen Tod aufrichtig betrauert hatten. Er hatte Kettlewell noch eine freundliche Botschaft vom Schaffot in Lincoln’s Inn Fields gesandt. Lady Russell liebte, vertraute und verehrte Fitzwilliam, der in ihrer Jugend der Freund ihres Vaters, des tugendhaften Southampton gewesen war, bis an ihr Ende. Die beiden Geistlichen stimmten in der Verweigerung der Eide überein, schlugen aber von diesem Augenblicke an verschiedene Richtungen ein. Kettlewell war eines der thätigsten Mitglieder seiner Partei; er scheute sich keiner Anstrengung zum Besten der gemeinschaftlichen Sache, vorausgesetzt daß es keine solche war, die einem rechtschaffenen Mann Unehre machte, und er vertheidigte seine Ansichten in mehreren Schriften, welche allerdings eine viel höhere Meinung von seiner Aufrichtigkeit als von seiner Urtheilsfähigkeit und seinem Scharfsinn begründen.[97] Fitzwilliam glaubte genug gethan zu haben, indem er sein anmuthiges Wohnhaus mit Garten im Schatten der St. Georgs-Kapelle verließ und mit seinen Büchern eine kleine Entresolwohnung bezog. Er konnte Wilhelm und Marien mit ruhigem Gewissen nicht anerkennen, aber er hielt sich auch nicht für verpflichtet, beständig zur Widersetzlichkeit gegen sie aufzustacheln, und er verbrachte die letzten Jahre seines Lebens unter dem mächtigen Schutze des Hauses Bedford in harmloser, den Studien gewidmeter Ruhe.[98]