Während des Sommers 1689 kamen mehrere hohe kirchliche Aemter zur Erledigung und wurden Geistlichen verliehen, welche im Jerusalemzimmer saßen. Es ist bereits erwähnt worden, daß Thomas, Bischof von Worcester, gerade vor dem zur Eidesleistung bestimmten Tage starb. Lake, Bischof von Chichester, lebte eben noch lange genug, um sie zu verweigern, und er erklärte mit seinem letzten Athemzuge, daß er selbst auf dem Scheiterhaufen die Lehre von dem unveräußerlichen Erbrechte nicht verleugnen würde. Der Bischofsstuhl von Chichester wurde mit Patrick, der von Worcester mit Stillingfleet besetzt, und die Dechanei von St. Paul, welche Stillingfleet verließ, bekam Tillotson. Daß Tillotson nicht auf die bischöfliche Bank erhoben wurde, erregte einige Verwunderung. Aber gerade deshalb, weil die Regierung seine Dienste besonders hoch schätzte, ließ man ihn noch einige Zeit einfacher Pfarrgeistlicher bleiben. Das wichtigste Amt in der Convocation war das des Wortführers des Unterhauses. Den Wortführer hatten die Mitglieder zu wählen, und der einzige gemäßigte Mann, der Aussicht hatte gewählt zu werden, war Tillotson. Es war factisch bereits festgesetzt, daß er der nächste Erzbischof von Canterbury werden sollte. Als er für seine neue Dechanei zum Handkuß ging, dankte er dem Könige herzlich und sagte: „Eure Majestät hat mich für den Rest meiner Tage zur Ruhe gesetzt.“ — „Nicht doch, Herr Doctor, ich versichere es Ihnen,“ entgegnete Wilhelm, worauf er ihm sehr deutlich zu verstehen gab, daß, wenn Sancroft einmal aufhören werde, das höchste kirchliche Amt zu verwalten, Tillotson sein Nachfolger sein sollte. Tillotson war ganz bestürzt, denn sein Character war sanft und frei von Ehrgeiz, er begann die Schwächen des Greisenalters zu empfinden, fragte wenig nach Geld und Gut, und diejenigen weltlichen Vortheile, auf die er den meisten Werth legte, waren ein guter Ruf und die allgemeine Zuneigung seiner Nebenmenschen. Diese Vortheile besaß er schon, und er konnte sich nicht verhehlen, daß er als Primas den unversöhnlichen Haß einer mächtigen Partei auf sich ziehen und eine Zielscheibe für die Verleumdung werden würde, vor der sein mildes und gefühlvolles Naturell zurückschauderte, wie vor der Folter oder dem Rade. Wilhelm sprach ernst und entschieden. „Es ist nothwendig im Interesse meiner Pläne,“ sagte er, „und Sie würden es bei Ihrem Gewissen nicht verantworten können, wenn Sie mir Ihren Beistand verweigerten.“ Hiermit endigte die Unterredung. Es war auch in der That nicht nöthig, daß die Sache auf der Stelle entschieden wurde, denn es sollten noch mehrere Monate verstreichen, ehe das Erzbisthum zur Erledigung kam.

Tillotson klagte seine Noth mit ungeheuchelter Sorge und Betrübniß Lady Russell, der er unter allen menschlichen Wesen die höchste Achtung und das meiste Vertrauen schenkte.[123] Er scheue zwar keinen Dienst der Kirche, sagte er, aber er sei überzeugt, daß er in seiner gegenwärtigen Stellung am meisten nützen könne. Wenn er gezwungen werden sollte, einen so hohen und verhaßten Posten wie das Primat anzunehmen, würde er der für seine Kräfte so schweren Last der Pflichten und Sorgen bald erliegen. Es würde ihm an Muth dazu und mithin auch an der nöthigen Befähigung fehlen. Er beschwerte sich dann mild über Burnet, der ihn mit einer wahrhaft hochherzigen Innigkeit liebte und verehrte und der sich bemüht hatte, den König und die Königin zu überzeugen, daß es in ganz England nur einen einzigen Mann gebe, der sich für die höchste kirchliche Würde eigne. „Der Bischof von Salisbury,“ sagte Tillotson, „ist einer meiner besten und zugleich schlimmsten Freunde.“

Compton ist unzufrieden.

Was Burnet kein Geheimniß war, konnte Niemandem lange ein Geheimniß bleiben. Man begann sich sehr bald zuzuflüstern, daß der König Tillotson zum Nachfolger Sancroft’s bestimmt habe. Die Nachricht verdroß Compton heftig, denn er hatte nicht ohne Grund geglaubt, daß er in seinen Ansprüchen keinen Rivalen habe. Er hatte die Königin und ihre Schwester erzogen, und der Erziehung, die sie von ihm empfangen, dürfte sicherlich wenigstens zum Theil die Festigkeit zugeschrieben, werden, mit der sie trotz des Einflusses ihres Vaters der Landesreligion treu geblieben waren. Compton war außerdem der einzige Prälat, der unter der vorigen Regierung im Parlament seine Stimme gegen das Dispensationsrecht erhoben, der einzige Prälat, der von der Hohen Commission suspendirt worden war, der einzige Prälat, der die Einladung an den Prinzen von Oranien unterzeichnet, der einzige Prälat, der wirklich die Waffen gegen Papismus und Willkürgewalt ergriffen, der einzige Prälat, der mit noch einem andren gegen eine Regentschaft gestimmt hatte. Unter den Geistlichen der Provinz Canterbury, welche die Eide geleistet hatten, war er dem Range nach der Erste. Er hatte daher einige Monate lang als Stellvertreter des Primas fungirt; er hatte die neuen Souveraine gekrönt, er hatte die neuen Bischöfe geweiht, und er stand auf dem Punkte, der Convocation zu präsidiren. Dazu kam noch, daß er der Sohn eines Earls war und daß kein Mann von gleich vornehmer Geburt damals auf der Bank der Bischöfe saß, noch jemals seit der Reformation auf derselben gesessen hatte. Daß die Regierung einen Priester seiner eigenen Diöcese über ihn stellen wollte, der der Sohn eines Tuchmachers aus Yorkshire war und der sich durch nichts als durch Talente und Tugenden auszeichnete, war kränkend, und Compton, obgleich er durchaus kein schlechtes Herz hatte, fühlte sich tief gekränkt. Vielleicht wurde sein Verdruß durch den Gedanken noch vermehrt, daß er im Interesse Derer, die ihn so zurücksetzten, Manches gethan, was sein Gewissen gedrückt und seinen Ruf befleckt hatte, daß er einmal die Winkelzüge eines Diplomaten ausgeübt und ein andermal seinen Amtsbrüdern, durch Tragen des Büffelwamses und der Reiterstiefeln Aergerniß gegeben hatte. Maßlosen Ehrgeizes konnte er Tillotson nicht beschuldigen. Aber obgleich Tillotson selbst an dem Erzbisthum gar nichts gelegen war, bot er doch seinen Einfluß nicht zu Gunsten Compton’s auf, sondern empfahl dringend Stillingfleet als das geeignetste Oberhaupt der englischen Kirche. Die Folge davon war, daß am Vorabend des Zusammentritts der Convocation der Bischof, der an der Spitze des Oberhauses stehen sollte, der persönliche Feind des Pfarrgeistlichen wurde, den die Regierung an der Spitze des Unterhauses zu sehen wünschte. Dieser Streit häufte neue Schwierigkeiten auf Schwierigkeiten, welche keiner Vermehrung bedurften.[124]

Zusammentritt der Convocation.

Erst am 20. November versammelte sich die Convocation zur Erledigung von Geschäften. Das Versammlungslokal war gewöhnlich die Paulskirche gewesen. Aber diese Kathedrale erhob sich nur langsam aus ihren Trümmern, und wenn auch ihre Kuppel die hundert Kirchthürme der City bereits hoch überragte, so waren doch die inneren Räume dem Gottesdienste noch nicht geöffnet. Die Versammlung hielt daher ihre Zusammenkünfte in Westminster.[125] In die schöne Kapelle Heinrich’s VII. war ein Tisch gestellt und Compton nahm den Präsidentenstuhl ein. Zu seiner Rechten und Linken saßen in prunkenden Gewändern von Scharlach und Grauwerk diejenigen Suffragane von Canterbury, welche die Eide geleistet hatten, und am unteren Ende der Tafel war die Schaar der Pfarrgeistlichen versammelt. Beveridge hielt eine lateinische Rede, in der er das bestehende System zwar warm lobte, sich aber doch einer gemäßigten Reform zugethan erklärte. Die Kirchengesetze, sagte er, seien zweierlei Art. Einige Gesetze seien fundamental und ewig, ihre Autorität stamme von Gott, und keine religiöse Gemeinschaft könne sie umstoßen, ohne aufzuhören, einen Theil der Universalkirche zu bilden. Andere Gesetze seien örtlich und temporär. Diese seien von menschlicher Weisheit gemacht, und menschliche Weisheit könne sie daher abändern. Allerdings dürften sie nicht ohne triftige Gründe abgeändert werden, aber an solchen Gründen fehle es in diesem Augenblicke sicherlich nicht. Eine zerstreute Heerde in eine Hürde und unter einen Schäfer zu bringen, Steine des Anstoßes vom Pfade des Schwachen zu entfernen, lange entfremdete Herzen mit einander auszusöhnen, die geistliche Zucht in ihrer ursprünglichen Kraft wiederherzustellen, der besten und reinsten der christlichen Gesellschaften eine Basis zu geben, breit genug, um allen Angriffen der Erde und der Hölle zu widerstehen: dies seien Zwecke, die wohl einige Modifikationen, nicht der katholischen Institutionen, aber nationaler oder provincialer Gebräuche rechtfertigten.[126]

Die Hochkirchlichen im Unterhause der Convocation überwiegend.

Nachdem das Unterhaus diese Rede angehört, schritt es zur Wahl eines Sprechers. Sharp, der wahrscheinlich von den einer Comprehension günstigen Mitgliedern als einer der Hochkirchlichsten unter ihnen vorgeschoben worden war, schlug Tillotson vor. Jane, der sich geweigert hatte, kraft der königlichen Vollmacht zu handeln, wurde von der andren Seite vorgeschlagen. Nach einer lebhaften Discussion ward Jane mit fünfundfünfzig gegen achtundzwanzig Stimmen gewählt.[127]

Der Wortführer wurde dem Bischof von London förmlich vorgestellt und hielt nach altem Brauch eine lateinische Rede. In dieser Rede wurde die anglikanische Kirche als die vollkommenste aller Institutionen gerühmt. Der Redner deutete sehr verständlich an, daß weder in ihrer Doctrin, noch in ihrer Disciplin, noch in ihrem Ritual eine Abänderung nöthig sei, und er schloß seinen Vortrag mit einem bedeutungsvollen Satze. Als Compton einige Monate früher die etwas ungeistliche Rolle eines Reiterobersten spielte, hatte er in die Fahnen seines Regiments die wohlbekannten Worte sticken lassen: „Nolumus leges Angliae mutari“, und mit diesen Worten schloß Jane seine Rede.[128]

Die Niederkirchlichen gaben indeß noch nicht alle Hoffnung auf. Sie beschlossen wohlweislich, mit dem Vorschlage zu beginnen, daß Kapitel aus den kanonischen Büchern an die Stelle der aus den Apokryphen entnommenen zum Vorlesen beim Gottesdienste bestimmt werden sollten. Man sollte meinen, daß dieser Vorschlag, selbst wenn es nicht einen einzigen Dissenter im Königreiche gegeben hätte, wohl günstig hätte aufgenommen werden müssen. Denn die Kirche hatte in ihrem sechsten Artikel erklärt, daß die kanonischen Bücher berechtigt seien, heilige Schriften genannt und als Richtschnur des Glaubens betrachtet zu werden, die apokryphischen Bücher aber nicht. Die Hochkirchlichen aber waren entschlossen, sich selbst dieser Reform zu widersetzen. Sie fragten in Flugschriften, welche die Ladentische von Paternoster Row und Little Britain bedeckten, warum die Landgemeinden des Genusses beraubt werden sollten, von der Pechkugel, mit welcher Daniel den Drachen erblickte, und von dem Fische zu hören, dessen Leber einen Geruch verbreitete, vor welchem der Teufel von Ekbatana bis nach Egypten floh. Und gebe es nicht Kapitel von der Weisheit des Sohnes Sirach’s, welche viel interessanter und erbaulicher seien als die Genealogien und Namensverzeichnisse, welche einen großen Theil der Chroniken der jüdischen Könige und der Erzählung Nehemia’s füllten? Kein ernster Geistlicher würde jedoch in der Kapelle Heinrich’s VII. zu behaupten gewagt haben, daß es unmöglich sei, in vielen hundert vom heiligen Geist eingegebenen Seiten funfzig oder sechzig Kapitel zu finden, welche erbaulicher wären als irgend etwas, was aus den Werken der angesehensten nicht inspirirten Moralisten oder Historiker extrahirt werden könnte. Die Häupter der Majorität beschlossen daher, einer Debatte auszuweichen, in der sie in eine unangenehme Alternative hätten versetzt werden müssen. Ihr Plan war, nicht die Vorschläge der Commissionsmitglieder zu verwerfen, sondern einer Discussion über dieselben vorzubeugen, und zu dem Ende wurde ein System der Taktik adoptirt, das sich als erfolgreich erwies.