Benehmen der Dissenters. [Die] Dissenters schwankten und man darf ihnen keinen Vorwurf daraus machen. Sie litten und der König hatte ihnen Linderung verschafft. Einige ausgezeichnete Geistliche waren ihrer Haft entlassen worden, andere hatten es gewagt, aus dem Exil zurückzukehren. Gemeinden, die ihre Zusammenkünfte bisher nur heimlich und im Dunklen hatten abhalten können, versammelten sich jetzt am hellen Tage und sangen laut ihre Psalmen vor den Augen von Magistratsbeamten, Kirchenvorstehern und Constablern. Bescheidene Gotteshäuser von puritanischer Bauart begannen sich in allen Gegenden Englands zu erheben. Der aufmerksame Reisende kann noch jetzt an einigen der ältesten Bethäuser die Jahrzahl 1687 erkennen. Dessen ungeachtet waren die Anerbietungen der Kirche für einen klugen Dissenter viel lockender als die des Königs. Die Indulgenzerklärung war in den Augen des Gesetzes null und nichtig. Sie suspendirte die Strafgesetze gegen Nonconformität nur auf so lange, als die Grundprinzipien der Verfassung und die rechtmäßige Autorität des gesetzgebenden Körpers aufgehoben blieben. Welchen Werth hatten Privilegien, die auf einen so schmachvollen und zugleich so unsicheren Besitztitel beruhten? Es konnte bald eine Thronerledigung eintreten, ein der Landeskirche anhängender Souverain konnte auf den Thron kommen und ein aus Mitgliedern der Landeskirche bestehendes Parlament gebildet werden. Wie beklagenswerth mußte dann die Lage der Dissenters werden, die sich mit Jesuiten gegen die Verfassung verbündet hatten! Die Kirche bot eine Indulgenz ganz andrer Art als die von Jakob gewährte dar, eine Indulgenz, die eben so rechtsgültig und heilig war als die Magna Charta. Beide streitende Parteien versprachen dem Separatisten Glaubensfreiheit; aber die eine Partei verlangte von ihm, daß er sie durch Aufopferung der bürgerlichen Freiheit erkaufen sollte, während die andre ihn zum Genuß der bürgerlichen und religiösen zugleich einlud.
Aus diesen Gründen konnte ein Dissenter sich wohl entschließen, sein Loos mit dem der Staatskirche zu verknüpfen, selbst wenn er hätte glauben können, daß der Hof es aufrichtig meinte. Aber wer garantirte ihm für die Aufrichtigkeit des Hofes? Jedermann kannte das bisherige Benehmen Jakob’s. Es war zwar nicht gerade unmöglich, daß ein Verfolger durch Vernunftgründe und Erfahrungen von den Vortheilen der Religionsduldung überzeugt werden konnte. Aber Jakob behauptete, nicht erst neuerdings überzeugt worden zu sein; im Gegentheil, er versäumte keine Gelegenheit, um zu versichern, daß er schon seit vielen Jahren aus Grundsatz aller Unduldsamkeit feind gewesen sei. Dennoch hatte er noch vor wenigen Monaten Männer, Frauen und junge Mädchen um ihrer Religion willen bis zum Tode verfolgt. Hatte er damals gegen die bessere Überzeugung seines Gewissens gehandelt? oder sagte er jetzt eine wissentliche Unwahrheit? Aus diesem Dilemma gab es keinen Ausweg und jede der beiden Annahmen war für den Ruf der Rechtschaffenheit des Königs gleich verderblich. Außerdem war auch allbekannt, daß ihn die Jesuiten ganz in ihrer Gewalt hatten. Erst wenige Tage vor der Bekanntmachung der Indulgenz war dieser Orden dem wohlbekannten Willen des heiligen Stuhles zum Trotz mit einem neuen Beweise seines Vertrauens und seines Beifalls beehrt worden. Sein Beichtvater, Pater Mansuetus, ein Franziskaner, dessen menschenfreundlicher Character und tadelloser Lebenswandel die größte Achtung verdienten, den aber Tyrconnel und Petre schon längst haßten, war entlassen worden. Den dadurch erledigten Posten erhielt ein Engländer, Namens Warner, der von dem Glauben seines Vaterlandes abgefallen und Jesuit geworden war. Den gemäßigten Katholiken und dem Nuntius war dieser Wechsel nichts weniger als angenehm, und jeder Protestant erblickte darin einen Beweis, daß die Jesuiten eine unumschränkte Herrschaft über das Gemüth des Königs ausübten.[40] So großes Lob auch diese Väter mit Recht beanspruchen konnten, besondere Liberalität und Wahrheitsliebe konnte selbst die Schmeichelei ihnen nicht beimessen. Daß sie, wenn es das Interesse ihres Glaubens oder ihres Ordens galt, niemals Bedenken trugen, den Beistand des weltlichen Schwerts anzurufen, oder die Gesetze der Wahrheit und Treue zu verletzen, dies war der Welt nicht nur durch protestantische Ankläger, sondern auch durch Männer verkündet worden, deren Tugendhaftigkeit und Genie der Stolz der römischen Kirche war. Es war unglaublich, daß ein ergebener Schüler der Jesuiten der Gewissensfreiheit aus Grundsatz zugethan sein sollte; dagegen aber war es weder unglaublich noch unwahrscheinlich, daß er es für gerechtfertigt hielt, seine wahren Gesinnungen zu verbergen, um seiner Religion einen Dienst zu erzeigen. Es war gewiß, daß dem Könige im Herzen die Anglikaner lieber waren als die Puritaner; es war gewiß, daß, so lange er noch Hoffnung hatte, die Anhänger der Staatskirche zu gewinnen, er den Puritanern nie die geringste Freundlichkeit erwiesen hatte. Konnte es also wohl einem Zweifel unterliegen, daß er selbst jetzt noch die Puritaner willig aufopfern würde, wenn die Anglikaner sich seinen Wünschen fügten? Sein wiederholt gegebenes Versprechen hatte ihn nicht abgehalten, die gesetzlichen Rechte der Geistlichkeit anzutasten, welche so viele sprechende Beweise von treuer Anhänglichkeit an sein Haus gegeben hatte. Welche Sicherheit konnte sonach sein Wort Secten gewähren, welche durch die Erinnerung an tausend geschlagene und empfangene, nicht wieder gut zu machende Wunden von ihm geschieden waren?
[40.] Ellis’ Correspondenz, 15. März u. 27. Juli 1686; Barillon, 28. Febr. (10. März), 3.(13.) März, 6.(16.) März 1687; Ronquillo, 9.(19.) März 1687 in der Mackintosh-Sammlung.
Einige von ihnen halten es mit dem Hofe. Care, Alsop, Rosewell. [Als] die durch Bekanntmachung der Indulgenz verursachte Aufregung sich ein wenig gelegt hatte, zeigte es sich, daß in der puritanischen Partei eine Spaltung eingetreten war. Die Minorität, mit einigen wenigen thätigen Männern an der Spitze, deren Urtheil mangelhaft oder durch das Interesse geleitet war, unterstützte den König. Heinrich Care, welcher lange Zeit der heftigste und thätigste Pamphletist unter den Nonconformisten gewesen war und der in den Tagen des papistischen Complots Jakob in einer Schrift unter dem Titel Packet of Advice from Rome (Nachrichtenpacket von Rom) mit schrankenloser Wuth angegriffen hatte, schmeichelte ihm jetzt eben so laut, als er ihn früher geschmäht und verleumdet hatte.[41] Der Hauptagent, dessen sich die Regierung zur Bearbeitung der Presbyterianer bedient hatte, war Vincenz Alsop, ein Geistlicher, der als Prediger wie auch als Schriftsteller nicht unbekannt war. Sein Sohn, der wegen Hochverraths bestraft worden war, wurde begnadigt, und daher widmete der Vater seinen ganzen Einfluß dem Hofe.[42] Mit Alsop verbunden war Thomas Rosewell. Rosewell war während der durch die Entdeckung des Ryehousecomplots herbeigeführten Verfolgung der Dissenters fälschlich angeklagt worden, daß er gegen die Regierung gepredigt habe. Jeffreys hatte auf seine Verurtheilung zum Tode angetragen und eine bestochene Jury hatte ihn den klarsten Beweisen von seiner Unschuld zum Trotz für schuldig erklärt. Die Ungerechtigkeit des Urtheils war so himmelschreiend, daß selbst die Höflinge sich darüber empört zeigten. Ein angesehener Tory, der den Verhandlungen des Prozesses beigewohnt hatte, ging augenblicklich zu Karl und erklärte, daß der Hals des loyalsten Unterthanen in England nicht mehr sicher sein würde, wenn man Rosewell hinrichtete. Die Geschwornen selbst wurden von Reue ergriffen, als sie überlegten, was sie gethan hatten, und boten Alles auf, um dem Gefangenen das Leben zu retten. Endlich wurde seine Begnadigung bewilligt, aber Rosewell mußte drückende Bürgschaft für sein ferneres Wohlverhalten stellen und zu bestimmten Zeiten persönlich vor dem Gerichtshofe der Kings Bench erscheinen. Seine Bürgschaften wurden jetzt auf königlichen Befehl erlassen und dadurch seine Dienste gewonnen.[43]
[41.] Wood’s Athenae Oxonienses; Observator; Heraclitus Ridens an mehreren Stellen. Doch Care’s eigene Schriften sind das beste Material zur Würdigung seines Characters.
[42.] Calamy’s Account of the Ministers ejected or silenced after the Restoration, Northamptonshire; Wood’s Athenae Oxonienses; Biographia Britannica.
[43.] Collection of State Trials; Samuel Rosewell’s Life of Thomas Rosewell, 1718; Calamy’s Account.
Lobb. [Das] Geschäft, die Independenten zu gewinnen, war vornehmlich einem ihrer Geistlichen, Namens Stephan Lobb, übertragen. Lobb war ein schwacher, heftiger und ehrgeiziger Mann. Er hatte die Opposition gegen die Regierung so weit getrieben, daß sein Name in mehreren Proklamationen geächtet worden war, söhnte sich aber jetzt mit dem Hofe aus und ging in der Servilität eben so weit als er je in der Opposition gegangen war. Er schloß sich der jesuitischen Cabale an und rieth eifrig zu Maßregeln, vor denen die verständigsten und ehrenwerthesten Katholiken zurückschauderten. Man bemerkte, daß er fortwährend im Palaste und häufig im Privatkabinet des Königs war, daß er in einem Glanze lebte, an den die puritanischen Geistlichen nicht gewöhnt waren, und daß er beständig von Bittstellern belagert war, denen er durch seinen Einfluß Stellen und Begnadigungen verschaffen sollte.[44]
[44.] London Gazette, March 15. 1685/6; Nichols’s Defence of the Church of England; Pierce’s Vindication of the Dissenters.
Penn. [Mit] Lobb eng befreundet war Wilhelm Penn. Penn war nie ein characterfester Mann gewesen, das Leben, das er seit zwei Jahren führte, hatte sein sittliches Zartgefühl nicht wenig verhärtet, und wenn sein Gewissen ihm einmal Vorwürfe machte, so tröstete er sich immer wieder mit dem Gedanken, daß er einen guten und edlen Zweck verfolge und daß ihm seine Dienste nicht mit Geld bezahlt würden.