[37.] Citters, 28. Oct. (7. Nov.) 1687.

Entlassung vieler Lordlieutenants. [Der] erste Eindruck, den diese Befehle machten, würde einen weniger verblendeten Fürsten als Jakob sofort zur Besinnung gebracht haben. Die Hälfte der Lordlieutenants von England verweigerten auf das Bestimmteste den gehässigen Dienst, den man von ihnen verlangte. Sie wurden auf der Stelle entlassen. Alle, welche diese ihnen zum Ruhme gereichende Ungnade traf, waren hochangesehene Peers, welche bisher als feste Stützen der Monarchie gegolten hatten. Einige Namen der Liste verdienen besondere Erwähnung.

Der Earl von Oxford. [Der] vornehmste Unterthan von England und, wie die Engländer gern sagten, von ganz Europa, war Aubray de Vere, der zwanzigste und letzte der alten Earls von Oxford. Sein Adelstitel schrieb sich durch eine ununterbrochene Reihenfolge männlicher Ahnen aus einer Zeit her, wo die Familien Howard und Seymour noch unbekannt waren, wo die Nevilles und die Percy erst eine provinzielle Berühmtheit hatten und wo selbst der große Name Plantagenet in England noch nicht gehört worden war. Ein Oberhaupt des Hauses de Vere hatte bei Hastings ein hohes Commando bekleidet, ein Andrer war mit Gottfried und Tancred über Haufen erschlagener Moslems nach dem Grabe Jesu Christi gezogen. Der erste Earl von Oxford war Minister Heinrich Beauclerc’s gewesen; der dritte hatte sich unter den Lords ausgezeichnet, welche von Johann die Magna Charta erpreßten; der siebente hatte bei Cressy und Poitiers tapfer gefochten; der dreizehnte war unter vielen Glückswechseln das Oberhaupt der Partei der Rothen Rose gewesen und hatte in der entscheidenden Schlacht von Bosworth die Vorhut angeführt; der siebzehnte hatte am Hofe der Königin Elisabeth geglänzt und sich einen ehrenvollen Platz unter den älteren Meistern der englischen Dichtkunst erworben; der neunzehnte war im Kampfe für den protestantischen Glauben und für die Freiheit Europa’s unter den Mauern von Mastricht gefallen. Sein Sohn Aubray, mit welchem der älteste und erlauchteste Adelsstamm, den England je gesehen, erlosch, ein Mann von lockeren Sitten, aber von harmlosem Charakter und artigen Manieren, war Lordlieutenant von Essex und Oberst der Blauen. Er war von Natur nicht widersetzlich und es lag in seinem Interesse, einen Bruch mit dem Hofe zu vermeiden, denn seine Güter waren mit Schulden belastet und sein Commando ein sehr einträgliches. Er wurde in das königliche Kabinet beschieden und eine bündige Erklärung über seine Gesinnungen von ihm verlangt. „Sire,“ antwortete Oxford, „ich werde bis zum letzten Blutstropfen gegen alle Feinde zu Eurer Majestät stehen; aber dies ist eine Gewissenssache, in der ich Ihnen nicht willfahren kann.“ Er wurde augenblicklich seiner Statthalterschaft und seines Commando’s entsetzt.[38]

[38.] Halstead’s Succinct Genealogy of the Family of Vere, 1685; Collins’s Historical Collections. Siehe auch in den Lords’ Journals und in Jones’s Reports den Prozeß wegen des Earlthums Oxford im März und April 1625/26. Die Einleitung der Rede des Lordoberrichters Crew gehört zu den glänzendsten Proben der altenglischen Beredtsamkeit. Citters, 7.(17.) Febr. 1688.

Der Earl von Shrewsbury. [Dem] Hause de Vere, aber auch nur diesem, stand an Alter und Glanz das Haus Talbot nach. Seit der Regierung Eduard’s III. hatten die Talbot stets unter den Peers des Reichs gesessen. Das Earlthum Shrewsbury war im funfzehnten Jahrhundert Johann Talbot, dem Gegner der Jungfrau von Orleans, verliehen worden. Seine Landsleute hatten seiner noch lange in Liebe und Verehrung als eines der berühmtesten Krieger gedacht, welche auf dem europäischen Festlande ein großes englisches Reich zu gründen versuchten. Der unerschütterliche Muth, den er im Unglück gezeigt, hatten ihn zum Gegenstande einer größeren Theilnahme gemacht als glücklichere Feldherren sie erweckt haben, und sein Tod lieferte unsrer älteren Bühne den Stoff zu einer ungemein ergreifenden Scene. Seine Nachkommen waren zwei Jahrhunderte lang ein blühendes und ehrenvolles Geschlecht. Zur Zeit der Restauration war Franz, der elfte Earl, ein Katholik, das Oberhaupt der Familie. Sein Tod war von Umständen begleitet gewesen, die selbst in jenen zügellosen Zeiten, welche unmittelbar auf den Sturz der puritanischen Partei folgten, Abscheu und Mitleid erweckt hatten. Der Herzog von Buckingham war im Laufe seiner leichtfertigen Liebeshändel einen Augenblick von der Gräfin von Shrewsbury angezogen worden. Sie wurde leicht erobert. Ihr Gemahl forderte den Verführer zum Zweikampfe und fiel. Einige sagten, das pflichtvergessene Weib habe den Zweikampf in männlicher Verkleidung mit angesehen. Andere wollten sogar wissen, sie habe den siegreichen Geliebten ans Herz gedrückt, während sein Hemd noch vom Blute ihres Gatten geröthet war. Die Titel des Ermordeten gingen auf seinen unmündigen Sohn Karl über. Als der verwaiste Jüngling zum Manne heranwuchs, ward es allgemein anerkannt, daß kein andrer junger Adeliger Englands von der Natur so reich begabt sei. Er besaß ein einnehmendes Äußere, einen ungemein sanften Character und einen solchen Schatz von Talenten, daß er, selbst wenn er in einem niederen Stande geboren gewesen wäre, sich ohne Zweifel zu einer hohen Stellung im Staate emporgeschwungen haben würde. Alle diese natürlichen Vorzüge hatte er so gut angewendet, daß er schon vor seiner Volljährigkeit für einen der feinsten und kenntnißreichsten Gentlemen seiner Zeit galt. Für seine Gelehrsamkeit sprechen die noch vorhandenen eigenhändigen Anmerkungen von ihm zu Werken aus fast allen Zweigen der Literatur. Er sprach Französisch wie ein Kammerherr des Königs Ludwig und Italienisch wie ein Florentiner. Es war wohl natürlich, daß ein Jüngling von solchen Gaben nach den Gründen forschte, aus denen seine Familie sich der Staatsreligion nicht angeschlossen hatte. Er studirte sorgfältig die Streitpunkte, theilte seine Zweifel Priestern seines eignen Glaubens mit, legte deren Antworten Tillotson vor, erwog lange und aufmerksam die beiderseitigen Gründe und erklärte sich nach einer zweijährigen genauen Untersuchung zum Protestanten. Die anglikanische Kirche nahm den erlauchten Convertiten freudig in ihren Schooß auf. Er genoß einer großen Popularität, und diese nahm zu, als man erfuhr, daß der König umsonst Bitten und Versprechungen an ihn verschwendet hatte, um ihn zu dem Irrglauben zurückzuführen, den er abgeschworen. Der Character des jungen Mannes entwickelte sich jedoch nicht in einer Weise, welche Diejenigen, die an seiner Bekehrung den hauptsächlichsten Antheil hatten, vollkommen befriedigte. Seine Sittlichkeit entging der allgemeinen Ansteckung der modischen Ausschweifungen nicht. Der Stoß, der seine Jugendvorurtheile zerstört, hatte zu gleicher Zeit alle seine Überzeugungen erschüttert und ihn der schwankenden Leitung seiner Gefühle preisgegeben. Aber wenn auch seine Grundsätze ihren Halt verloren hatten, so waren doch die Triebfedern seines Handelns so edel, sein Gemüth so sanft, sein Benehmen so freundlich und gewinnend, daß es unmöglich war, ihn nicht zu lieben. Er wurde schon frühzeitig der König der Herzen genannt und verlor in seinem langen, ereignißvollen und bewegten Leben nie das Recht auf diese Bezeichnung.[39]

Shrewsbury war Lordlieutenant von Staffordshire und Oberst eines der Kavallerieregimenter, die in Folge des Aufstandes im Westen errichtet worden waren. Er weigerte sich jetzt, seine Thätigkeit durch die Regulatoren bestimmen zu lassen und wurde deshalb seiner beiden Stellen entsetzt.

[39.] Coxe’s Shrewsbury Correspondence; Mackay’s Memoirs; Life of Charles Duke of Shrewsbury, 1718; Burnet, I. 762; Birch’s Life of Tillotson. In letzterem Werke findet der Leser einen Brief von Tillotson an Shrewsbury, der meiner Ansicht nach ein Muster von ernstem, freundschaftlichem und rücksichtvollem Tadel ist.

Der Earl von Dorset. [Kein] englischer Adeliger erfreute sich der Volksgunst in einem reicheren Maße als Karl Sackville, Earl von Dorset. Er war in der That ein merkwürdiger Mann. In seiner Jugend war er einer der bekanntesten Wüstlinge der zügellosen Zeit gewesen, welche auf die Restauration folgte. Er war der Schrecken der londoner Nachtwächter, hatte manche Nacht auf der Wache zubringen müssen und zum mindesten einmal eine Zelle in Newgate bewohnt. Seine Liebe zu Betty Morrice und zu Lorchen Gwynn, die ihn ihren Karl I. zu nennen pflegte, hatte der Stadt nicht wenig Stoff zur Unterhaltung und zum Ärgerniß gegeben.[40] Doch bei all’ seinen Thorheiten und Lastern hatte er sich durch hochherzigen Muth, durch scharfen Verstand und durch natürliche Herzensgüte ausgezeichnet. Die Leute meinten, die Ausschweifungen, denen er sich hingäbe, theile er mit dem ganzen Geschlechte der lebenslustigen jungen Kavaliere, aber sein Mitgefühl für die Leiden der Menschheit und die Großmuth, mit der er diejenigen, welche durch seine muthwilligen Streiche verletzt wurden, zu entschädigen suchte, sei nur ihm allein eigen. Seine Freunde wunderten sich darüber, daß das Publikum zwischen ihm und ihnen einen Unterschied machte. „Der kann thun was er will,“ sagte Wilmot; „ihm geschieht nie etwas.“ Das Urtheil der Welt über Dorset gestaltete sich noch günstiger, als er mit den Jahren und in der Ehe gesetzter wurde. Jedermann pries seine herablassenden Manieren, seine geistreiche Unterhaltung, sein weiches Gemüth und seine Freigebigkeit. Man sagte es vergehe kein Tag, ohne daß eine bedrängte Familie Ursache habe, seinen Namen zu segnen. Und doch war bei aller seiner Herzensgüte sein Witz so beißend, daß Spötter, deren Sarkasmus die ganze Stadt fürchtete, vor dem Sarkasmus Dorset’s zitterten. Alle politischen Parteien achteten und liebten ihn; ihm selbst aber behagte die Politik überhaupt nicht sonderlich. Hätte ihn die Nothwendigkeit zu Anstrengungen gespornt, so würde er wahrscheinlich zu den höchsten Posten im Staate gestiegen sein; aber er nahm schon durch seine Geburt einen so hohen Rang ein und war dabei so reich, daß ihm viele Beweggründe fehlten, welche die Menschen antreiben, sich mit den öffentlichen Angelegenheiten zu befassen. Er nahm gerade nur so viel Theil an parlamentarischen und diplomatischen Geschäften, als hinreichte, um zu beweisen, daß ihm nichts weiter fehlte als die Lust dazu, um mit Danby und Sunderland zu rivalisiren, und richtete seine Thätigkeit auf Bestrebungen, die ihm besser zusagten. Gleich vielen anderen Männern, welche mit großen natürlichen Fähigkeiten eine angeborne und gewohnheitsmäßige Indolenz verbinden, wurde er ein geistiger Genußmensch und ein Meister in allen unterhaltenden Zweigen des Wissens, die man sich ohne ernstes Studium aneignen kann. Er war anerkanntermaßen der beste Richter in der Malerei, der Sculptur, der Baukunst und der Schauspielerkunst, den der Hof aufzuweisen hatte. In Angelegenheiten der schönen Künste und Wissenschaften galt sein Urtheil in allen Kaffeehäusern für unwiderruflich maßgebend. Mehr als ein hübsches Theaterstück, das bei der ersten Aufführung durchfiel, wurde lediglich durch seine Autorität gegen das Geschrei des ganzen Parterres siegreich vertheidigt und bestand mit glücklichem Erfolge die zweite Probe. St. Evremond und Lafontaine rühmten die feine Eleganz seines französischen Styls. Noch nie hatte England einen solchen Gönner der Literatur gehabt. Er übte seine Freigebigkeit mit eben so richtiger Einsicht als liberaler Unparteilichkeit, keine Secte oder Faction wurde dabei von ihm bevorzugt. Geniale Männer, welche durch literarische Eifersucht oder durch Verschiedenheit ihrer politischen Meinung einander entfremdet waren, stimmten in der Anerkennung seiner unparteiischen Güte überein. Dryden gestand, daß Dorset’s fürstliche Freigebigkeit ihn vom Untergange gerettet habe. Und dennoch wurden Montague und Prior, welche Dryden durch beißende Satiren getadelt hatten, von Dorset ins öffentliche Leben eingeführt, und das beste Lustspiel von Dryden’s Todfeind, Shadwell, war auf Dorset’s Landsitze geschrieben. Hätte der freigebige Earl sonst gewollt, so hätte er sehr gut mit Denen rivalisiren können, deren Wohlthäter er zu sein sich begnügte, denn die Verse, die er gelegentlich dichtete, zeigen bei aller unkünstlerischen Form Spuren eines angebornen Genies, das bei sorgfältiger Pflege Großes hätte schaffen können. In dem kleinen Bande seiner Werke finden sich Lieder, welche die ungezwungene Lebendigkeit Suckling’s besitzen, und kleine Satiren, deren glänzender Humor dem eines Butler nicht nachsteht.[41]

Dorset war Lordlieutenant von Sussex und auf Sussex blickten die Regulatoren mit besonders ängstlicher Spannung, denn in keiner andren Grafschaft, Cornwall und Wiltshire ausgenommen, befanden sich so viele kleine Wahlorte. Er erhielt Befehl, sich auf seinen Posten zu begeben. Keiner von Denen, die ihn kannten, erwartete, daß er gehorchen werde. Er gab eine Antwort, wie sie sich für ihn ziemte, und wurde bedeutet, daß man seiner Dienste nicht mehr bedürfe. Das allgemeine Interesse, das er seinen vielen edlen und liebenswürdigen Eigenschaften verdankte, wurde nicht wenig erhöht, als man erfuhr, daß er durch die Post einen anonymen Brief erhalten hatte, worin ihm angekündigt wurde, daß, wenn er sich nicht sofort den Wünschen des Königs füge, ihn all’ sein Geist und seine Popularität nicht vor der Ermordung schützen werde. Eine ähnliche Warnung erhielt auch Shrewsbury. Drohbriefe waren damals viel seltener als sie es späterhin geworden sind, und man kann sich daher nicht darüber wundern, daß das ohnehin schon aufgeregte Volk zu dem Glauben geneigt war, die besten und edelsten Engländer seien wirklich für papistische Dolche ausersehen.[42] Gerade zu der Zeit, als diese Briefe in ganz London das Tagesgespräch bildeten, wurde der verstümmelte Leichnam eines angesehenen Puritaners auf der Straße gefunden. Es zeigte sich indessen bald, daß der Mörder die That nicht aus religiösen oder politischen Beweggründen verübt hatte. Aber der erste Verdacht des gemeinen Volkes fiel auf die Papisten. Die verstümmelten Überreste des Ermordeten wurden in feierlicher Prozession nach dem Jesuitencollegium im Savoy getragen und einige Stunden lang war die Furcht und Wuth der Menge kaum weniger heftig als an dem Tage, wo Godfrey zu Grabe getragen ward.[43]

Mit den übrigen Entlassungen muß ich mich kürzer fassen. Der Herzog von Somerset, dem vor einigen Monaten schon sein Regiment wieder abgenommen worden war, wurde nun auch seiner Stelle als Lordlieutenant des Ostbezirks[44] von Yorkshire enthoben. Die Statthalterschaft des Nordbezirks verlor der Viscount Fauconberg, die von Shropshire der Viscount Newark und die von Lancashire der Earl von Derby, der Enkel des tapferen Kavaliers, der auf dem Schlachtfelde sowohl als auf dem Schaffot für das Haus Stuart dem Tode so muthig ins Auge geblickt hatte. Der Earl von Pembroke, der unlängst der Krone gegen Monmouth treu und tapfer gedient hatte, wurde in Wiltshire, der Earl von Rutland in Leicestershire, der Earl von Bridgewater in Buckinghamshire, der Earl von Thanet in Cumberland, der Earl von Northampton in Warwickshire, der Earl von Abingdon in Oxfordshire, der Earl von Scarsdale in Derbyshire abgesetzt. Scarsdale verlor außerdem auch sein Reiterregiment und seine Stelle im Hofstaate der Prinzessin von Dänemark. Diese weigerte sich, ihn aus ihren Diensten zu entlassen und gab nur einem peremptorischen Befehle ihres Vaters nach. Der Earl von Gainsborough wurde nicht nur der Statthalterschaft von Hampshire, sondern auch des Gouverneurpostens von Portsmouth und des Wildmeisteramts im Neuen Forste entsetzt, zwei Stellen, die er erst vor wenigen Monaten für fünftausend Pfund gekauft hatte.[45]