Dies war der Ursprung einer so innigen und reinen Freundschaft wie irgend eine, von der uns die alte oder neue Geschichte erzählt. Die Nachkommen Bentinck’s bewahren noch heute viele Briefe auf, die Wilhelm an ihren Ahnherrn geschrieben, und es ist nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, daß wer diese Briefe nicht gelesen hat, sich keinen richtigen Begriff von dem Character des Prinzen bilden kann. Der Mann, den selbst seine Verehrer in der Regel für den zurückhaltendsten und frostigsten Menschen hielten, vergißt hier jeden Rangunterschied und schüttet alle seine Gedanken mit der Offenherzigkeit eines Schulknaben aus. Ohne Rückhalt theilt er Geheimnisse von der höchsten Wichtigkeit mit und legt mit der größten Einfachheit umfassende Pläne vor, welche alle Regierungen Europa’s berührten. Mit seinen Mittheilungen über solche Dinge verbindet er Mittheilungen von ganz andrer, aber vielleicht nicht weniger interessanter Art. Alle seine Abenteuer, alle seine persönlichen Ansichten, seine langen Jagdritte nach gewaltigen Hirschen, seine Gelage am St. Hubertustage, das Gedeihen seiner Anpflanzungen, das Mißrathen seiner Melonen, der Zustand seines Gestüts, der Wunsch, einen frommen Zelter für seine Gemahlin zu erlangen, sein Verdruß, als er erfährt, daß einer seiner Kavaliere, nachdem er ein Mädchen aus guter Familie unglücklich gemacht, sich weigert, sie zu heirathen, seine Anfälle von Seekrankheit, sein Husten, seine Kopfschmerzen, seine andächtigen Stimmungen, seine Dankbarkeit für den göttlichen Schutz nach Errettung aus einer großen Gefahr, seine Anstrengungen, sich nach einem Unglücksfalle dem göttlichen Willen zu unterwerfen, dies Alles ist darin mit einer liebenswürdigen Redseligkeit geschildert, die man von dem verschwiegensten und ernstesten Staatsmanne jener Zeit kaum erwarten sollte. Noch auffallender sind die sorglosen Ergüsse seiner Zärtlichkeit und die brüderliche Theilnahme, die er an seines Freundes häuslichem Glücke nimmt. Als Bentinck ein Erbe geboren wurde, sagte Wilhelm: „Ich hoffe, er wird ein so braver Mann werden als Sie einer sind, und sollte ich einen Sohn bekommen, so werden unsere Kinder einander hoffentlich ebenso lieben, wie wir uns geliebt haben.“[4] Während seines ganzen Lebens blickte er mit väterlicher Liebe auf die kleinen Bentincks. Er ruft sie bei den zärtlichsten Diminutiven, er sorgt für sie in ihres Vaters Abwesenheit, und so schwer es ihm wird, ihnen ein Vergnügen zu versagen, so will er sie doch nicht an einer Jagdpartie teilnehmen lassen, wo ihnen die Gefahr droht, von einem Hirsche gestoßen zu werden, noch ihnen erlauben, bei einem Abendschmause bis spät in die Nacht hinein zu verweilen.[5] Als ihre Mutter während der Abwesenheit ihres Gatten krank wird, findet Wilhelm inmitten der wichtigsten und dringendsten Staatsgeschäfte noch soviel Zeit, um an einem Tage mehrere expresse Boten mit kurzen Briefen abzuschicken, in denen er von ihrem Zustande Nachricht giebt.[6] Einmal als sie nach einem heftigen Anfall außer Gefahr erklärt wird, ergießt sich der Prinz in die wärmsten Dankesbezeigungen gegen Gott. „Ich schreibe,“ sagt er, „mit Thränen der Freude in den Augen.“[7] Es liegt ein eigner Reiz in diesen Briefen von der Hand eines Mannes, dessen Alles überwältigende Energie und unbeugsame Festigkeit selbst seinen Feinden Achtung abnöthigte, dessen kaltes und unfreundliches Benehmen in den meisten seiner Anhänger keine innigere Zuneigung aufkommen ließ und dessen Geist beständig mit gigantischen Plänen beschäftigt war, welche die Gestalt der Welt veränderten.

Seine Güte ward keinem Unwürdigen zu Theil. Temple hatte frühzeitig Bentinck für den besten und treuesten Diener erklärt, den je ein Fürst zu besitzen das Glück hatte, und er verdiente diesen ehrenvollen Titel sein ganzes Leben hindurch. Die beiden Freunde waren in der That wie für einander geschaffen. Wilhelm bedurfte weder eines Führers noch eines Schmeichlers. Da er ein festes und wohlbegründetes Vertrauen in sein eignes Urtheil setzte, so war er kein Freund von Rathgebern, die ihn mit Vorschlägen und Einwendungen überhäuften. Zu gleicher Zeit besaß er eine zu scharfe Unterscheidungsgabe und einen zu edlen Sinn, als daß er an Schmeicheleien hätte Vergnügen finden können. Der Vertraute eines solchen Fürsten mußte ein Mann sein nicht von erfinderischem Genie oder von gebieterischem Character, aber bieder und treu, im Stande, jeden Befehl pünktlich zu vollziehen, Geheimnisse unverbrüchlich zu bewahren, Ereignisse umsichtig zu beobachten und treulich zu berichten. Und ein solcher Mann war Bentinck.

[4.] 3. März 1679.

[5.] „Voilà en peu de mot le détail de nostre St. Hubert. Et j’ay en soin que M. Woodstoc (Bentinck’s ältester Sohn) n’a point esté à la chasse, bien moin au soupé, quoyqu’il fut icy. Vous pouvez pourtant croire que de n’avoir pas chassé l’a un peu mortifié, mais je ne l’ay pas ausé prendre sur moy, puisque vous m’aviez dit que vous ne le souhaitiez pas.“ — Von Loo, 4. Nov. 1697.

[6.] Am 15. Juni 1688.

[7.] 6. Sept. 1679.

Marie, Prinzessin von Oranien. [Wilhelm] war in der Ehe nicht weniger glücklich als in der Freundschaft. Anfangs hatte jedoch seine Ehe kein besonderes häusliches Glück versprochen. Seine Wahl war hauptsächlich durch politische Rücksichten bestimmt worden, und es sah nicht wahrscheinlich aus, daß zwischen einem hübschen sechzehnjährigen Mädchen, die zwar ein sanftes Gemüth und natürlichen Verstand besaß, im übrigen aber unwissend und einfach war, und einem Bräutigam, der, obwohl noch nicht ganz achtundzwanzig Jahr alt, doch seinem körperlichen Zustande nach älter war als ihr Vater, der ein kaltes, abstoßendes Benehmen hatte und dessen Kopf beständig mit Staatsgeschäften und Sportvergnügungen angefüllt war, eine innige Zuneigung würde entstehen können. Eine Zeit lang vernachlässigte Wilhelm seine Gemahlin, indem er durch andere Frauen von ihr abgezogen wurde, besonders durch eine ihrer Hofdamen, Namens Elisabeth Villiers, welche Talente besaß, die sie wohl geeignet machten, seine Sorgen zu theilen, obgleich sie aller persönlichen Reize entbehrte und sogar durch ein häßliches Schielen entstellt war.[8] Er schämte sich zwar seiner Fehler und bemühte sich nach Kräften, sie zu verbergen, aber trotz aller Vorsicht wußte Marie wohl, daß er ihr nicht ganz treu war. Spione und Ohrenbläser thaten auf Anregen ihres Vaters ihr Möglichstes, um ihren Zorn zu entflammen. Ein Mann von ganz andrem Character, der vortreffliche Ken, der mehrere Monate lang im Haag ihr Kaplan war, wurde so aufgebracht durch die ihr widerfahrenden Kränkungen, daß er mit mehr Eifer als Besonnenheit drohte, ihren Gemahl ernstlich zur Rede zu setzen.[9] Sie selbst ertrug jedoch alles Unrecht mit einer Sanftmuth und Geduld, welche ihr nach und nach Wilhelm’s Achtung und Dankbarkeit erwarben. Indessen war auch noch eine andre Ursache der Entfremdung vorhanden. Es kam ohne Zweifel eine Zeit, wo die Prinzessin, welche nur zu Stickereiarbeiten, zum Spinetspiel und zum Lesen der Bibel und der „Pflichten des Menschen“ erzogen war, das Oberhaupt einer großen Monarchie wurde und das Gleichgewicht Europa’s in ihrer Hand ruhte, während ihr ehrgeiziger, geschäftskundiger und beständig auf große Unternehmungen sinnender Gemahl bei der britischen Regierung keine vorausbestimmte Stelle für sich fand und nur durch ihre Güte und so lange es ihr gefiel Macht ausüben konnte. Es kann nicht befremden, daß ein Mann, der die Gewalt so liebte wie Wilhelm, und der sich seines Herrschergenies so bewußt war, in hohem Maße die Eifersucht empfand, die während eines Königthums von wenigen Stunden zwischen Guildford Dudley und Lady Johanna Zwietracht hervorrief und einen noch viel tragischeren Bruch zwischen Darnley und der Königin von Schottland herbeiführte. Die Prinzessin von Oranien hatte nicht die leiseste Ahnung von den Gefühlen ihres Gemahls. Ihr Lehrer, der Bischof Compton, hatte sie in der Religion sorgfältig unterrichtet und ihr Gemüth namentlich gegen die Künste der römisch-katholischen Theologen gestählt, sie aber in völliger Unkenntniß der englischen Verfassung und ihrer eignen Stellung gelassen. Sie wußte, daß ihr eheliches Gelübde sie zum Gehorsam gegen ihren Gemahl verpflichtete und es war ihr nie in den Sinn gekommen, daß dieses gegenseitige Verhältniß einmal umgekehrt werden könnte. Sie war bereits neun Jahre vermählt, ehe sie die Ursache von Wilhelm’s Verstimmung entdeckte, und von ihm selbst würde sie dieselbe auch nie erfahren haben. In Folge seiner ganzen Gemüthsart brütete er eher über die ihn niederdrückenden Sorgen, als daß er denselben einen Ausdruck gab, und in diesem speciellen Falle wurde sein Mund durch ein ganz natürliches Zartgefühl versiegelt. Endlich aber kam durch die Vermittelung Gilbert Burnet’s eine vollkommene Verständigung und Aussöhnung zu Stande.

[8.] Siehe Swift’s Bericht über sie im Journal to Stella.

[9.] Heinrich Sidney’s Tagebuch vom 31. März 1680 in Mr. Blencowe’s interessanter Sammlung.

Gilbert Burnet. [Burnet]’s Ruf ist mit auffallender Böswilligkeit und Hartnäckigkeit angegriffen worden. Der Angriff begann schon frühzeitig in seinem Leben und wird noch jetzt mit unverminderter Heftigkeit fortgesetzt, obgleich er bereits über ein und ein Viertel Jahrhundert im Grabe liegt. Allerdings ist er auch für den Parteihaß und den muthwilligen Spott eine Zielscheibe, wie sie sich keine bessere wünschen können, denn die Mängel seines Verstandes und seines Characters liegen klar am Tage und können Niemandem entgehen. Es waren jedoch nicht die Fehler, welche man als seinen Landsleuten eigen zu betrachten pflegt. Er allein unter den vielen Schotten, die sich in England zu Auszeichnung und Wohlstand emporgeschwungen haben, hatte den Charakter, welchen Satiriker, Romanschreiber und Schauspieldichter allgemein den irischen Abenteurern zuschreiben. Seine physische Lebendigkeit, seine Ruhmredigkeit, seine unverhohlene Eitelkeit, seine Faseleien, seine herausfordernde Indiscretion und seine kecke Dreistigkeit boten den Tories unerschöpflichen Stoff zu Spötteleien. Auch unterließen seine Feinde nicht, ihm nebenbei über seine breiten Schultern, seine dicken Waden und sein Glück in Heirathsspekulationen auf verliebte reiche Wittwen mehr witzige als artige Complimente zu machen. Obwohl jedoch Burnet in vieler Beziehung dem Spott und selbst dem Tadel Blößen darbot, so verdiente er doch keineswegs eine solche Geringschätzung. Er besaß einen regen Geist, einen unermüdlichen Fleiß und eine vielseitige, ausgedehnte Belesenheit. Er war zu gleicher Zeit Geschichtsschreiber, Alterthumsforscher, Theolog, Prediger, Tagesschriftsteller, Polemiker und thätiger politischer Parteiführer, und in allen diesen Eigenschaften zeichnete er sich unter vielen geschickten Mitbewerbern vortheilhaft aus. Die vielen geistreichen Abhandlungen, die er über Tagesbegebenheiten schrieb, sind jetzt nur noch Forschern bekannt; aber seine History of his own Times, seine History of the Reformation, seine Exposition of the Articles, sein Discourse of Pastoral Care, sein Life of Hale und sein Life of Wilmot werden noch immer neu aufgelegt und fehlen in keiner guten Privatbibliothek. Gegen eine solche Thatsache vermögen alle Anstrengungen der Verleumder nichts. Ein Schriftsteller, dessen umfangreiche Werke in verschiedenen Zweigen der Literatur noch hundertdreißig Jahre nach seinem Tode zahlreiche Leser finden, kann große Fehler gehabt haben, muß aber auch große Vorzüge gehabt haben, und diese hatte Burnet: einen fruchtbaren und regen Geist und einen Styl, der allerdings von tadelloser Reinheit weit entfernt, doch stets klar, oft lebendig ist und sich zuweilen selbst zu feierlicher und glühender Beredtsamkeit erhebt. Auf der Kanzel wurde die Wirkung seiner ohne irgend welche schriftliche Notizen gehaltenen Predigten noch erhöht durch eine edle Gestalt und einen imponirenden Vortrag. Er wurde oft durch das Beifallsgemurmel seiner Zuhörer unterbrochen, und wenn die Sanduhr, die sich damals auf jeder Kanzel befand, abgelaufen war und er dieselbe emporhielt, forderte ihn die Gemeinde durch lauten Zuruf auf fortzufahren, bis der Sand noch einmal abgelaufen wäre.[10] Die großen Mängel seines sittlichen Characters und seines Geistes wurden durch große Vorzüge mehr als ausgeglichen. Obgleich durch Vorurtheil und Leidenschaft oft auf Irrwege geführt, war er doch im strengsten Sinne des Worts ein Ehrenmann. Konnte er auch den Versuchungen der Eitelkeit nicht immer widerstehen, so stand sein Character doch hoch über den Einflüssen der Habsucht und der Furcht. Er war von Gemüth leutselig, hochherzig, dankbar und nachsichtig.[11] Sein Glaubenseifer, obwohl stetig und glühend, wurde im Allgemeinen durch Humanität und durch Achtung der Gewissensfreiheit in Schranken gehalten. Trotz seiner unerschütterlichen Anhänglichkeit an das was er als den Geist des Christenthums betrachtete, war er doch gleichgültig gegen Gebräuche, Namen und Formen der kirchlichen Verfassung und war selbst gegen Ungläubige und Ketzer, deren Lebenswandel tadellos war und deren Irrthümer mehr die Wirkung falscher Begriffe als eines verderbten Characters zu sein schienen, durchaus nicht zur Strenge geneigt. Aber gleich vielen anderen braven Männern jener Zeit betrachtete er die Sache der römischen Kirche als eine Ausnahme von allen gewöhnlichen Regeln.