Burnet genoß schon seit mehreren Jahren eines europäischen Rufes. Seine Geschichte der Reformation war von allen Protestanten mit lautem Beifall aufgenommen und von den römischen Katholiken als ein gewaltiger Schlag gefühlt worden. Der größte Gelehrte, den die römische Kirche seit dem Schisma des sechzehnten Jahrhunderts hervorgebracht, Bossuet, Bischof von Meaux, war mit der Bearbeitung einer ausführlichen Erwiederung beschäftigt. Burnet war von einem der glaubenseifrigen Parlamente, welche während der durch das papistische Complot verursachten Aufregung tagten, mit einem Dankvotum beehrt und im Namen der Gemeinen von England ersucht worden, seine geschichtlichen Forschungen fortzusetzen. Er war von Karl sowohl als von Jakob in deren engere Unterhaltungszirkel gezogen worden, hatte mit mehreren ausgezeichneten Staatsmännern, besonders mit Halifax auf sehr vertrautem Fuße gestanden und war der Gewissensrath einiger sehr hochstehenden Personen gewesen. Er hatte ferner einen der glänzendsten Wüstlinge jener Zeit, Johann Wilmot, Earl von Rochester, von Atheismus und Ausschweifung zurückgebracht. Lord Stafford, das Opfer des Oates, war, obgleich Katholik, in seinen letzten Stunden durch Burnet’s geistlichen Zuspruch über diejenigen Punkte, in denen alle Christen übereinstimmen, erbaut worden. Wenige Jahre später begleitete Burnet einen noch erlauchteren Dulder, Lord Russell, vom Tower auf das Schaffot in Lincoln’s Inn Fields. Der Hof hatte nichts unversucht gelassen, um einen so thätigen und tüchtigen Theologen zu gewinnen. Weder königliche Schmeicheleien, noch die Verheißung einträglicher Stellen waren gespart worden. Aber Burnet war, obwohl in früher Jugend von den servilen Lehren angesteckt, denen der damalige Klerus durchgehends anhing, aus Überzeugung Whig geworden und er blieb seinen Grundsätzen durch alle Wechselfälle des Lebens treu. Er hatte jedoch keinen Antheil an der Verschwörung genommen, welche soviel Schmach und Unheil über die Whigpartei brachte und verabscheuete nicht nur die Mordpläne Goodenough’s und Ferguson’s, sondern war auch der Meinung, daß selbst sein geliebter und verehrter Freund Russell gegen die Regierung weiter gegangen sei, als es sich rechtfertigen ließ. Endlich kam eine Zeit, wo die Unschuld kein hinreichender Schutz war. Burnet wurde, obgleich er sich keiner Übertretung des Gesetzes schuldig gemacht, von der Rache des Hofes verfolgt. Er begab sich auf den Continent und nachdem er etwa ein Jahr auf jene Wanderungen durch die Schweiz, durch Italien und Deutschland verwendet, von denen er uns eine anziehende Beschreibung hinterlassen hat, ging er im Sommer 1686 nach dem Haag, wo er mit Freundlichkeit und Achtung aufgenommen wurde. Er unterhielt sich sehr freisinnig mit der Prinzessin über Politik und Religion und wurde bald ihr geistlicher Beistand und vertrauter Rathgeber. Wilhelm erwies sich als ein viel freundlicherer Wirth, als es zu erwarten gewesen wäre. Denn von allen Fehlern waren ihm Zudringlichkeit und Indiscretion am meisten verhaßt und Burnet war, wie selbst seine Freunde und Verehrer zugestanden, der zudringlichste und indiscreteste Mensch, den es geben konnte. Aber der scharfsichtige Prinz bemerkte sehr wohl, daß dieser vorlaute und schwatzhafte Theolog, der beständig Geheimnisse ausplauderte, naseweise Fragen stellte und unerbetenen Rath aufdrängte, bei alledem ein freimüthiger, furchtloser und kluger Mann war, der die Gesinnungen und Absichten der britischen Secten und Factionen genau kannte. Auch war der Ruf von Burnet’s Beredsamkeit und Gelehrsamkeit weit verbreitet. Wilhelm selbst war kein Freund vom Lesen, aber er stand jetzt seit vielen Jahren an der Spitze der holländischen Regierung zu einer Zeit, wo die holländische Presse eines der gewaltigsten Werkzeuge war, durch welche die öffentliche Meinung in Europa bearbeitet wurde, und obgleich er an literarischen Genüssen kein Vergnügen fand, war er doch viel zu klug und scharfsichtig, als daß er den Werth des literarischen Beistandes nicht hätte erkennen sollen. Er wußte sehr wohl, daß eine populäre Flugschrift zuweilen ebenso gute Dienste leistet als ein Sieg auf dem Schlachtfelde. Auch sah er ein, wie wichtig es sei, daß er immer einen Mann um sich hatte, der mit der bürgerlichen und kirchlichen Verfassung unsrer Insel vertraut war, und Burnet eignete sich vortrefflich dazu, als lebende Encyclopädie über britische Angelegenheiten benutzt zu werden, denn seine Kenntnisse waren, wenn auch nicht immer ganz zuverlässig, doch von erstaunlicher Vielseitigkeit und es gab in England wie in Schottland wenige ausgezeichnete Männer irgend einer politischen oder religiösen Partei, mit denen er nicht verkehrt hätte. Es wurde ihm daher die nämliche Gunst und das nämliche Vertrauen gewährt wie nur irgend Einem außer denen, welche den kleinen intimsten Kreis von Privatfreunden des Prinzen bildeten. Nahm sich der Doctor Freiheiten heraus, was nicht selten der Fall war, so wurde sein Gönner noch kälter und mürrischer als gewöhnlich gegen ihn und äußerte zuweilen eine kurze, beißende Bemerkung, die einem Menschen von gewöhnlicher Dreistigkeit für immer den Mund geschlossen haben würde. Trotz solcher Vorfälle aber dauerte die Freundschaft dieses sonderbaren Paares mit wenigen kurzen Unterbrechungen so lange, bis sie durch den Tod aufgelöst wurde. Es war in der That nicht leicht, Burnet zu kränken. Seine Selbstgefälligkeit, seine heitere Sorglosigkeit und seine Taktlosigkeit waren so groß, daß er wohl oft Anstoß gab, aber nie Anstoß nahm.

[10.] Sprecher Onslow’s Note zu Burnet I. 596; Johnson’s Life of Sprat.

[11.] Niemand hat Burnet häufiger und bitterer widersprochen als Dartmouth. Und doch schrieb auch Dartmouth: „Ich glaube nicht, daß er jemals vorsätzlich etwas veröffentlichte, was er für falsch hielt.“ Zu einer späteren Zeit nahm er, durch einige Bemerkungen über sich im zweiten Bande der Geschichte des Bischofs gereizt, dieses Lob zurück; aber auf einen solchen Widerruf darf man kein großes Gewicht legen. Selbst Swift war so gerecht zu sagen: „Im Ganzen war er ein hochherziger und braver Mann.“ Short Remarks on Bishop Burnet’s History.

Burnet wird gewöhnlich als ein auffallend ungenauer Geschichtsschreiber getadelt; aber ich halte diesen Vorwurf für ungerecht. Er scheint nur deshalb ungenau zu sein, weil seine Darstellung einer besonders strengen und unfreundlichen Kritik unterzogen worden ist. Wenn ein Whig sich die Mühe nehmen wollte Reresby’s Memoirs, North’s Examen, Mulgrave’s Account of the Revolution oder Clarke’s Life of James the Second einer ähnlichen Prüfung zu unterwerfen, so würde es sich bald zeigen, daß Burnet keineswegs der ungenaueste Geschichtsschreiber seiner Zeit war.

Er vermittelt eine innigere Annäherung zwischen dem Prinzen und der Prinzessin. [Alle] Eigenthümlichkeiten seines Characters machten ihn ganz dazu geeignet, der Friedensstifter zwischen Wilhelm und Marien zu werden. Wenn Personen, die einander achten und lieben sollten, durch eine Ursache von einander fern gehalten werden, welche drei freimüthig gesprochene Worte beseitigen könnten, so ist es ein Glück für sie, wenn sie einen indiscreten Freund haben, der mit der ganzen Wahrheit herausplatzt. Burnet sagte der Prinzessin ganz offen, welches Gefühl an dem Herzen ihres Gemahls nagte. Sie erfuhr jetzt zum ersten Male mit nicht geringem Erstaunen, daß, wenn sie Königin von England würde, Wilhelm ihren Thron nicht theilen sollte. Sie erklärte mit den innigsten Worten, daß es keinen Beweis von ehelicher Unterwerfung und Liebe gebe, zu dem sie nicht jeden Augenblick bereit wäre. Unter vielen Entschuldigungen und feierlichen Versicherungen, daß kein andrer Mensch ihm ein Wort in den Mund gelegt habe, sagte ihr Burnet nun, daß das Heilmittel in ihrer Hand liege. Wenn die Krone ihr zugefallen sei, könne sie leicht ihr Parlament dazu bewegen, daß es ihrem Gatten nicht nur den Königstitel gewährte, sondern ihm sogar durch ein Gesetz die Zügel der Regierung in die Hand gab. „Aber,“ setzte er hinzu, „Ihre königliche Hoheit müssen wohl überlegen, ehe Sie einen solchen Entschluß aussprechen, denn es ist ein Entschluß, dessen Zurücknahme weder rathsam noch leicht sein würde, wenn er einmal angekündigt wäre.“ — „Ich bedarf keiner Zeit zur Überlegung,“ antwortete Marie. „Es ist genug, daß ich eine Gelegenheit habe, um dem Prinzen meine Achtung zu beweisen. Theilen Sie ihm mit was ich gesagt habe, und bringen Sie ihn zu mir, damit er es aus meinem eigenen Munde höre.“ Burnet wollte den Prinzen sogleich herbeiholen, aber er war viele Meilen weit entfernt auf einer Hirschjagd. Erst am folgenden Tage konnte die entscheidende Unterredung stattfinden. „Ich habe erst gestern erfahren,“ sagte Marie, „daß zwischen den Gesetzen Englands und den Gesetzen Gottes ein solcher Unterschied obwaltet. Aber ich verspreche Ihnen, daß Sie jederzeit der Gebieter sein sollen, und ich verlange keinen andren Lohn dafür, als daß Sie das Gebot, welches den Gatten vorschreibt, ihre Frauen zu lieben, ebenso befolgen, wie ich das Gebot halte, welches den Frauen vorschreibt, ihren Gatten zu gehorchen.“ Dieser Beweis von edelmüthiger Zuneigung gewann ihr Wilhelm’s Herz vollständig. Von diesem Augenblicke an bis zu dem traurigen Tage, an welchem er ohnmächtig von ihrem Sterbebett hinweggetragen wurde, herrschte vollkommene Freundschaft und unbegrenztes Vertrauen zwischen ihnen. Viele von ihren Briefen an ihn sind noch vorhanden und sie enthalten zahlreiche Beweise, daß es diesem Manne, der in den Augen der Menge für so unliebenswürdig galt, gelungen war, einer schönen und tugendhaften Frau, welche in Hinsicht der Geburt über ihm stand, eine bis zur abgöttischen Verehrung gehende Liebe einzuflößen.

Der Dienst, den Burnet seinem Vaterlande erzeigt, war von hoher Bedeutung. Es war eine Zeit gekommen, wo es für das Wohl des Staates sehr wichtig war, daß zwischen dem Prinzen und der Prinzessin vollkommene Eintracht herrschte.

Beziehungen Wilhelm’s zu den englischen Parteien. [Bis] nach der Unterdrückung des Aufstandes im Westen hatten ernste Ursachen des Zwiespaltes Wilhelm sowohl von den Tories als von den Whigs getrennt. Er hatte mit großem Mißfallen die Versuche der Whigs beobachtet, der ausübenden Gewalt einige Befugnisse zu entziehen, die er zur Aufrechthaltung ihrer Wirksamkeit und ihrer Würde für nöthig hielt. Mit noch größerem Mißfallen hatte er die Unterstützung gesehen, welche ein großer Theil dieser Partei den Anmaßungen Monmouth’s angedeihen ließ. Es schien als ob die Opposition zuerst die Krone Englands des Tragens nicht mehr werth machen und sie dann einem Bastard und Betrüger aufs Haupt setzen wollte. Zu gleicher Zeit war das religiöse System des Prinzen weit verschieden von dem, welchem die Torypartei huldigte. Sie waren Arminianer und Prälatisten. Sie sahen mit Verachtung auf die protestantischen Kirchen des Continents herab und hielten jede Zeile ihrer eignen Liturgie und Rubrica für kaum weniger geheiligt als die Evangelien. Seine Ansichten über die metaphysischen Seiten der Theologie waren calvinistisch. Seine Ansichten bezüglich der Kirchenverfassungen und der gottesdienstlichen Formen waren latitudinarisch. Er gab zu, daß das Episcopat eine gesetzliche und zweckmäßige Form des Kirchenregiments sei; aber er sprach mit Bitterkeit und Hohn von der Bigotterie Derer, welche die bischöfliche Ordination für ein wesentliches Erforderniß einer christlichen Gesellschaft hielten. Gegen die durch die Liturgie vorgeschriebenen Gewänder und Gesten hatte er keine Bedenken, aber er gestand, daß ihm die Gebräuche der anglikanischen Kirche lieber sein würden, wenn sie ihn weniger an die Gebräuche der römischen Kirche erinnerten. Man hatte ihn ein ominöses Gemurmel von sich geben hören, als er in der Privatkapelle seiner Gemahlin zum ersten Male einen Altar nach anglikanischer Weise geschmückt sah, und es schien ihm nicht sonderlich zu gefallen, als er Hooker’s Ecclesiastical Policy in ihrer Hand sah.[12]

[12.] Dr. Hooper’s handschriftliche Erzählung im Anhange zu Lord Dungannon’s Life of William.

Seine Gesinnungen gegen England. [Er] verfolgte daher lange den Streit zwischen den englischen Parteien mit Aufmerksamkeit, aber ohne eine starke Vorliebe für die eine oder die andre Partei zu hegen. Er wurde auch bis ans Ende seines Lebens in der That niemals weder ein Whig, noch ein Tory. Es fehlte ihm das was die gemeinsame Grundlage beider Charactere ist, denn er wurde nie ein Engländer. Er rettete zwar England, liebte es aber nie und erlangte ebensowenig die Liebe der Engländer. Für ihn war es nur ein Verbannungsort, den er mit Widerwillen besuchte und mit Freuden verließ. Selbst als er dem Lande die Dienste leistete, deren günstige Wirkungen wir bis auf den heutigen Tag fühlen, war sein Hauptzweck nicht die Wohlfahrt desselben.