Er war von Natur kein Mann von feinem Gefühl, und das Leben, welches er geführt, war nicht eben geeignet gewesen es zu verfeinern. Seit vielen Jahren war er eine Zielscheibe für theologischen und politischen Haß. Gelehrte Doktoren hatten Anathemas gegen ihn geschleudert; gemeine Poeten hatten ihn in Spottliedern verhöhnt; Fürsten und Minister hatten ihm nach dem Leben getrachtet; er war lange ein Umherirrender und Verbannter gewesen, in beständiger Gefahr aufgegriffen, in die spanischen Stiefeln gesteckt und gehängt und geviertheilt zu werden. Doch nichts von dem Allen scheint ihn irre gemacht zu haben. Sein Eigendünkel war gegen jeden Spott, sein unerschrockener Muth gegen jede Gefahr gewappnet. Bei dieser Gelegenheit aber scheint seine Standhaftigkeit ihn verlassen zu haben. Von dem volksthümlichen Zweige der Legislatur als ein Lehrer von Doctrinen, so servil, daß sie selbst Tories zuwider waren, gebrandmarkt zu werden, mit dem Herausgeber von Filmer in ein Verdammungsurtheil eingeschlossen zu sein, das war zu viel. Wie tief Burnet sich gekränkt fühlte, zeigte sich viele Jahre später, als nach seinem Tode seine History of his Life and Times der Oeffentlichkeit übergeben wurde. In diesem Werke ergeht er sich gewöhnlich mit geschwätziger Weitschweifigkeit über Alles, was seine Person berührt, und erzählt zuweilen mit ergötzlicher Offenheit seine eigenen Fehler und den Tadel, den diese Fehler ihm zuzogen. Das vom Hause der Gemeinen über seinen Hirtenbrief verhängte schimpfliche Urtheil übergeht er jedoch mit einem sehr bedeutsamen Stillschweigen.[115]

Das Complot, welches Bohun ins Verderben stürzte, gereichte zwar Denen, die es geschmiedet, nicht zur Ehre, hatte aber wichtige und heilsame Folgen. Bevor das Verfahren des unglücklichen Censors der Beurtheilung des Parlaments vorgelegt wurde, hatten die Gemeinen, ohne Abstimmung und so weit es ersichtlich ist, ohne Discussion, beschlossen, daß die Acte, welche die Literatur einer Censur unterwarf, in Kraft bleiben solle. Jetzt indeß hatte die Frage eine neue Gestalt angenommen, und das Fortbestehen der Acte wurde nicht mehr als etwas Selbstverständliches betrachtet. Es begann sich eine der Freiheit der Presse günstige Stimmung zu zeigen, eine Stimmung, die allerdings noch keine große Ausdehnung und keine bedenkliche Intensität hatte. Das bestehende System, sagte man, sei sowohl dem Handel als den Wissenschaften nachtheilig. Könne man wohl erwarten, daß ein Kapitalist die zu einem großen literarischen Unternehmen erforderlichen Gelder vorstrecken, oder daß ein Gelehrter jahrelange Mühen und Forschungen auf ein solches Unternehmen verwenden werde, so lange es möglich sei, daß im letzten Augenblicke die Laune, die Bosheit oder die Dummheit eines Einzelnen den ganzen Plan zerstören könne? Und sei es gewiß, daß das Gesetz, das die Freiheit des Handels und des Gedankens so drückend beschränke, wirklich die Sicherheit des Staates vermehrt habe? Hätten nicht ganz neue Erfahrungen bewiesen, daß der Censor selbst ein Freund Ihrer Majestäten, oder noch schlimmer, ein alberner und verkehrter Freund sein könne; daß er ein Buch unterdrücken könne, von dem es in ihrem Interesse liege, daß jedes Haus im ganzen Lande ein Exemplar besitze, und daß er bereitwillig seine Sanction einem Libell geben könne, das die Tendenz habe, sie ihrem Volke verhaßt zu machen, und das von der Hand Ketch’s zerrissen und verbrannt zu werden verdiene? Habe die Regierung durch Einführung einer literarischen Polizei, welche die Engländer verhindere, die Geschichte der blutigen Assisen zu besitzen, und ihnen dafür erlaube, Abhandlungen zu lesen, welche den König Wilhelm und die Königin Marie als Eroberer darstellten, etwa viel gewonnen?

Zur damaligen Zeit reichten Personen, die kein specielles Interesse an einer allgemeinen Bill hatten, nur sehr selten Petitionen gegen oder für dieselbe beim Parlamente ein. Die eingegangenen Petitionen, welche bei dieser Gelegenheit den beiden Häusern gegen die Censur vorgelegt wurden, gingen daher von Buchhändlern, Buchbindern und Buchdruckern aus.[116] Aber die Ansicht, welche diese Klassen aussprachen, beschränkte sich sicherlich nicht auf sie.

Das dem Erlöschen nahe Gesetz hatte acht Jahre bestanden. Es wurde nur auf zwei Jahre erneuert. Aus einer leider lückenhaften Notiz in den Protokollen der Gemeinen geht hervor, daß eine Abstimmung über ein Amendement stattfand, über dessen Natur wir völlig im Dunkeln gelassen sind. Die Stimmen waren neunundneunzig gegen achtzig. Bei den Lords wurde nach dem Rathe, den fünfzig Jahre früher Milton gab, und den Blount ihm gestohlen hatte, vorgeschlagen, jedes Buch, auf dessen Titel der Name eines Verfassers oder Verlegers angegeben sei, von der Autorität des Censors auszuschließen. Dieses Amendement wurde verworfen und die Bill angenommen, jedoch nicht ohne einen von elf Peers unterzeichneten Protest, in welchem sie erklärten, daß es ihrer Ansicht nach nicht im Interesse des Staats liegen könne, alle Wissenschaft und wahre Belehrung der Willkür und dem Belieben eines bezahlten und vielleicht unwissenden Censors zu unterwerfen. Unter den Protestirenden befanden sich Halifax, Shrewsbury und Mulgrave, drei Edelleute, welche verschiedenen politischen Parteien angehörten, sich aber sämmtlich durch wissenschaftliche Bildung auszeichneten. Es ist zu beklagen, daß die Unterschriften Tillotson’s und Burnet’s fehlen, welche beide an diesem Tage anwesend waren. Dorset war abwesend.[117]

Blount, durch dessen Bemühungen und Machinationen die Opposition gegen die Censur hervorgerufen worden war, lebte nicht so lange um diese Opposition mit Erfolg gekrönt zu sehen. Obgleich kein junger Mann mehr, war er von einer leidenschaftlichen Liebe zu der Schwester seiner verstorbenen Frau erfüllt. Nachdem er sich lange vergebens bemüht hatte, den Gegenstand seiner Liebe zu überzeugen, daß sie rechtmäßigerweise seine Gattin werden könne, brachte er sich endlich, ob aus Lebensüberdruß, oder in der Hoffnung, dadurch ihr Herz zu rühren, eine Wunde bei, an der er nach langem Siechthum starb. Er ist oft ein Gotteslästerer und Selbstmörder genannt worden, aber der wichtige Dienst, den er seinem Vaterlande, allerdings durch höchst unmoralische und entehrende Mittel leistete, ist fast unerwähnt geblieben.[118]

Zustand Irland’s.

Spät in dieser geschäftsreichen und ereignißvollen Session wurde die Aufmerksamkeit der Häuser auf den Zustand Irland’s gelenkt. Die Verwaltung dieses Reiches war während der sechs Monate, welche auf die Uebergabe von Limerick folgten, in einem ungeregelten Zustande gewesen. Erst als die irischen Truppen, welche zu Sarsfield hielten, nach Frankreich abgesegelt waren, und als die, die sich für das Zurückbleiben entschieden hatten, aufgelöst worden waren, erließ Wilhelm endlich eine Proklamation, in der er die Beendigung des Bürgerkrieges feierlich ankündigte. Von der Feindseligkeit der eingeborenen Bevölkerung war bei ihrem jetzigen Mangel an Anführern, Waffen und Organisation nichts weiter zu befürchten als gelegentliche Räubereien und Morde. Aber der Kriegsruf der Irländer war kaum verstummt, als sich auch schon das erste schwache Gemurmel der Engländer vernehmen ließ. Coningsby stand seit einigen Monaten an der Spitze der Verwaltung. Er machte sich der dominirenden Kaste bald im höchsten Grade verhaßt. Er war ein characterloser Mensch, von einer unersättlichen Gier nach Reichthümern beseelt und in einer Stellung, in der ein characterloser Mann leicht zu Reichthümern gelangen konnte. Ungeheure Summen Geldes, ungeheure Massen militärischer Vorräthe waren von England herübergeschickt worden, großartige Confiscationen fanden in Irland statt. Der habsüchtige Gouverneur hatte täglich Gelegenheit zu unterschlagen und zu erpressen, und er benutzte diese Gelegenheiten ohne Gewissensscrupel und ohne Scham. Dies war jedoch in den Augen der Colonisten noch nicht sein größtes Verbrechen. Seine Habgier würden sie ihm noch verziehen haben; aber die Milde, die er gegen ihre besiegten und geknechteten Feinde übte, konnten sie ihm nicht verzeihen. Seine Milde bestand allerdings nur darin, daß er das Geld mehr liebte als er die Papisten haßte, und daß er nicht abgeneigt war, Dem und Jenem von der unterdrückten Klasse ein wenig Gerechtigkeit für einen hohen Preis zu verkaufen. Leider betrachtete die herrschende Minderheit, noch blutend von den Wunden des letzten Kampfes und noch trunken von dem errungenen Siege, die unterjochte Mehrheit als eine Heerde Vieh, oder vielmehr als ein Rudel Wölfe. Der Mensch erkennt dem niedrigen Thiere keine Rechte zu, die sich mit seiner Bequemlichkeit nicht vertragen, und wie der Mensch die unter ihm stehenden Thiere behandelt, so glaubte der Cromwellianer die römischen Katholiken behandeln zu dürfen. Coningsby zog sich daher durch seine wenigen guten Thaten einen ärgeren Sturm von Vorwürfen zu, als durch seine vielen schlechten Thaten. Das Geschrei gegen ihn war so heftig, daß er abberufen werden mußte, und Sidney ging mit der ganzen Macht und dem ganzen Ansehen eines Vicekönigs hinüber, um in Dublin ein Parlament zu halten.[119]

Aber der sanfte Character und die gewinnenden Manieren Sidney’s machten keineswegs einen versöhnenden Eindruck. Er selbst scheint zwar nicht nach unerlaubtem Gewinn gestrebt zu haben; aber er verstand es nicht, mit hinreichend fester Hand den Schwarm der Subalternbeamten zu zügeln, welche durch Coningsby’s Beispiel und Protection ermuthigt worden waren, das Volk auszuplündern und ihre Dienste Supplikanten zu verkaufen. Auch war der neue Vicekönig nicht geneigt, die schwachen Ueberreste der einheimischen Aristokratie hart zu behandeln. Daher wurde er denn sehr bald für die angelsächsischen Colonisten ein Gegenstand des Mißtrauens und des Widerwillens. Sein erster Act war, daß er eine allgemeine Wahl ausschrieb. Die Katholiken waren von jeder Municipalcorporation ausgeschlossen worden; aber kein Gesetz hatte ihnen noch das Grafschaftswahlrecht entzogen. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß kein einziger katholischer Freisasse sich den Wahlorten zu nähern wagte. Die gewählten Mitglieder waren mit wenigen Ausnahmen Männer, die vom Geiste von Enniskillen und Londonderry beseelt waren, einem in der Zeit der Bedrängniß und Gefahr ungemein heldenmüthigen, in der Zeit des Glücks und der Macht aber nur zu oft grausamen und herrschsüchtigen Geiste. Sie verabscheuten den Civiltractat von Limerick und waren entrüstet, als sie erfuhren, daß der Lordlieutenant mit Bestimmtheit die parlamentarische Ratification dieses verhaßten Tractats von ihnen erwartete, eines Tractats, der den Götzendienst der Messe sanctionirte und die guten Protestanten verhinderte, ihre papistischen Nachbarn durch Anstellung von Civilklagen wegen zur Zeit des Kriegs ihnen zugefügter Unbilden zu Grunde zu richten.[120]

Am 5. October 1692 trat das Parlament zu Dublin in Chichester House zusammen. Es war ganz anders zusammengesetzt als die Versammlung, welche im Jahre 1689 denselben Namen getragen hatte. Kaum ein Peer, und nicht ein Mitglied des Hauses der Gemeinen, die in King’s Inns gesessen, war hier zu sehen. Auf den Schwarm der O und Mac, der Nachkommen der ehemaligen Fürsten der Insel, waren Männer gefolgt, deren Namen einen sächsischen Ursprung verriethen. Ein einziger O, ein von dem Glauben seiner Väter Abgefallener, und drei Mac, offenbar Einwanderer aus Schottland und wahrscheinlich Presbyterianer, hatten Sitze in der Versammlung.

Das so zusammengesetzte Parlament besaß damals weniger Befugnisse als die gesetzgebenden Versammlungen von Jamaika oder von Virginien. Die in Dublin tagende Legislatur war nicht blos der absoluten Controle der in Westminster tagenden Legislatur unterworfen, sondern ein im 15. Jahrhundert während der Verwaltung des Lordstellvertreters Poynings erlassenes und nach ihm benanntes Gesetz hatte auch bestimmt, daß keine vom englischen Geheimen Rathe nicht erwogene und genehmigte Bill in einem der beiden irischen Häuser eingebracht und daß jede so berathene und genehmigte Bill entweder ohne Amendement angenommen oder verworfen werden müsse.[121]