Middleton’s Bericht über Versailles.
In der Woche, in der dieser berühmte Orden ins Leben trat, besuchte Middleton Versailles. Ein Brief, in welchem er seinen Freunden in England diesen Besuch schilderte, ist uns erhalten worden.[20] Er wurde Ludwig vorgestellt, sehr freundlich empfangen und war von Dankbarkeit und Bewunderung überwältigt. Von allen Wundern des Hofes — so schrieb Middleton — sei der Gebieter desselben das größte. Der Glanz der persönlichen Vorzüge des großen Königs verdunkle selbst den Glanz seines Glückes. Der Ton, in welchem Se. Allerchristlichste Majestät sich über die englische Politik ausspreche, sei im Ganzen höchst befriedigend. Nur über Einen Punkt seien dieser hochgebildete Fürst und seine geschickten und erfahrenen Minister sehr im Irrthum. Sie seien sämmtlich von der thörichten Idee erfüllt, daß der Prinz von Oranien ein großer Mann sei. Es sei keine Mühe gespart worden, um sie zu enttäuschen, aber ihre Verblendung sei unheilbar. Sie sähen durch ein Vergrößerungsglas von solcher Stärke, daß der Blutegel ihnen wie ein Leviathan erscheine. Middleton hätte wohl auf den Einfall kommen können, daß die Täuschung möglicherweise in seiner Anschauung liegen könne anstatt in der ihrigen. Ludwig und seine ihn umgebenden Rathgeber waren allerdings weit entfernt Wilhelm zu lieben; aber sie haßten ihn nicht mit der wahnsinnigen Heftigkeit, die in der Brust seiner englischen Feinde wüthete. Middleton war einer der einsichtsvollsten und gemäßigtsten Jakobiten; aber selbst sein Blick wurde durch die Böswilligkeit so verdunkelt, daß er über diesen Gegenstand Unsinn sprach, der seiner Talente unwürdig war. Er wie seine ganze Partei konnte an dem Usurpator nur Verabscheuungswerthes und Verächtliches sehen: das Herz eines Teufels, den Geist und die Manieren eines einfältigen, rohen holländischen Bauern, der in der Regel ein finstres Schweigen beobachtete, und wenn er sprechen mußte, kurze mürrische Antworten in schlechtem Englisch gab. Die französischen Staatsmänner dagegen beurtheilten Wilhelm’s Fähigkeiten nach einer genauen Kenntniß der Art und Weise, wie er seit zwanzig Jahren Staatsangelegenheiten von größter Wichtigkeit und Schwierigkeit geleitet hatte. Seit dem Jahre 1673 spielte er gegen sie eine Partie um einen ungeheuern Einsatz; sie waren mit Recht stolz auf ihre eigene Geschicklichkeit in diesem Spiele, aber sie wußten, daß sie in ihm einen Gegner gefunden hatten, der ihnen mehr als gewachsen war. Bei Beginn des langen Kampfes war jeder Vortheil auf ihrer Seite gewesen. Sie hatten alle Hülfsquellen des größten Königreichs von Europa zu ihrer unumschränkten Verfügung, während er nur der Diener einer Republik war, deren ganzes Gebiet der Normandie oder Guyenne an Umfang nachstand. Eine Reihe von ausgezeichneten Generälen und Diplomaten hatten ihm gegenüber gestanden. Eine mächtige Partei in seinem Geburtslande hatte allen seinen Plänen beharrlich entgegengearbeitet; er hatte im Felde wie im Senate Niederlagen erlitten; aber seine Weisheit und Energie hatte die Niederlagen in Siege verwandelt. Trotz Allem, was man gethan, um ihn niederzuhalten, hatten sein Einfluß und sein Ruhm sich fortwährend gehoben und ausgebreitet. Das wichtigste und schwierigste Unternehmen in der Geschichte des modernen Europa war von ihm allein begonnen und glücklich durchgeführt worden. Er hatte die umfassendste Coalition gebildet, die die Welt seit Jahrhunderten gesehen, und diese Coalition würde sich sofort aufgelöst haben, wenn seine Oberleitung ihr entzogen worden wäre. Er hatte zwei Königreiche durch Diplomatie, ein drittes durch Eroberung gewonnen, und trotz fremder und einheimischer Feinde behauptete er noch immer den Besitz derselben. Daß solche Dinge durch ein alltägliches Geschöpf, durch einen Mann von den gewöhnlichsten Geisteskräften bewirkt worden seien, war eine Behauptung, die wohl unter den in Som’s Kaffeehause zusammenkommenden eidverweigernden Pfarrern Glauben finden konnte, erfahrenen Staatsmännern von Versailles aber nothwendig ein Lächeln abzwingen mußte.
Wilhelm’s Rüstungen für den Feldzug.
Während Middleton die Franzosen vergebens zu überzeugen versuchte, daß Wilhelm’s Talente bedeutend überschätzt würden, erfuhr Dieser, der Middleton’s Werth volle Gerechtigkeit widerfahren ließ, mit großer Besorgniß, daß der Hof von St. Germains den Beistand eines so ausgezeichneten Rathgebers herangezogen habe.[21] Doch war dies nur eine von den tausend Ursachen zu Besorgniß, welche während dieses Frühjahrs den Geist des Königs umlagerten. Er bereitete sich für den Beginn des Feldzugs vor, beschwor seine Verbündeten zeitig im Felde zu sein, feuerte die Trägen an, handelte mit den Habsüchtigen, schlichtete Streitigkeiten und legte Vorrangsfragen bei. Er hatte das Wiener Cabinet zu bewegen, in Zeiten Succurs nach Piemont zu schicken. Er hatte ein wachsames Auge auf die nordischen Potentaten zu richten, welche eine dritte Partei in Europa zu bilden versuchten. Er hatte in den Niederlanden den Kurfürsten von Bayern zu bevormunden. Er hatte für die Vertheidigung von Lüttich zu sorgen, eine Angelegenheit, welche die Behörden von Lüttich kaltblütig nicht für ihre Sache, sondern für die Sache England’s und Holland’s erklärten. Er hatte das Haus Braunschweig-Wolfenbüttel abzuhalten, mit dem Hause Braunschweig-Lüneburg handgemein zu werden; er hatte einen Streit zwischen dem Prinzen von Baden und dem Kurfürsten von Sachsen zu schlichten, von denen Jeder eine Armee am Rhein commandiren wollte, und er hatte den Landgrafen von Hessen zu bearbeiten, der sein eignes Contingent nicht stellte, und doch ein Contingent anderer Fürsten befehligen wollte.[22]
Ludwig rückt ins Feld.
Die Zeit zum Handeln war jetzt gekommen. Am 18. Mai verließ Ludwig Versailles, und Anfangs Juni war er unter den Mauern von Namur. Die Prinzessinnen, die ihn begleiteten, residirten in der Festung. Er übernahm das unmittelbare Commando der Armee Boufflers’, welche bei Gembloux lagerte. Nicht viel über eine Meile davon stand die Armee Luxemburg’s. Die in dieser Gegend unter den französischen Lilien versammelte Streitmacht belief sich auf nicht weniger als hundertzwanzigtausend Mann. Ludwig hatte gehofft, daß er im Stande sein werde, im Jahre 1693 die Kriegslist zu wiederholen, durch welche 1691 Mons und 1692 Namur genommen worden war, und er hatte beschlossen, daß entweder Lüttich oder Brüssel ihm zur Beute werden müsse. Aber Wilhelm hatte dieses Jahr bei guter Zeit ein Heer zusammenbringen können, das zwar dem gegnerischen nachstand, aber doch immer achtunggebietend war. Mit diesem Heere nahm er seine Stellung bei Löwen auf der Straße zwischen den beiden bedrohten Städten und beobachtete jede Bewegung des Feindes.
Ludwig kehrt nach Versailles zurück.
Ludwig war in seiner Hoffnung getäuscht. Er sah, daß es ihm nicht möglich sein würde, seine Eitelkeit so gefahrlos und so leicht wie in den beiden vorhergehenden Jahren zu befriedigen, sich ruhig vor eine große Stadt zu lagern, als Sieger in dieselbe einzuziehen und die Schlüssel in Empfang zu nehmen, ohne sich einer größern Gefahr auszusetzen als auf einer Hirschjagd in Fontainebleau. Bevor er Lüttich oder Brüssel belagern konnte, mußte er eine Schlacht liefern und gewinnen. Die Chancen waren allerdings günstig für ihn, denn seine Armee war zahlreicher, mit bessern Offizieren versehen und besser disciplinirt als die der Verbündeten. Luxemburg rieth ihm nachdrücklich gegen Wilhelm vorzurücken. Die französische Aristokratie wünschte mit unerschrockener Heiterkeit einen blutigen aber ruhmvollen Tag herbei, auf den eine Vertheilung zahlreicher Kreuze des neuen Ordens folgen würde. Wilhelm selbst war sich seiner Gefahr vollkommen bewußt und darauf vorbereitet, ihr mit kaltem aber schmerzlichem Muthe zu begegnen.[23] Gerade in diesem Augenblicke kündigte Ludwig seine Absicht an, auf der Stelle nach Versailles zurückzukehren und den Dauphin und Boufflers mit einem Theile der bei Namur versammelten Armee in die Pfalz zu schicken, um sich mit dem daselbst commandirenden Marschall Lorges zu vereinigen. Luxemburg war wie vom Donner gerührt und er machte kühne und dringende Gegenvorstellungen. Nie, sagte er, sei eine solche Gelegenheit versäumt worden. Wenn Se. Majestät gegen den Prinzen von Oranien marschire, sei der Sieg fast gewiß. Könne irgend ein Vortheil, der möglicherweise am Rhein zu erlangen sei, den Vortheil eines im Herzen von Brabant über die erste Armee und über den ersten Feldherrn der Coalition errungenen Sieges aufwiegen? Der Marschall demonstrirte, er bat, er fiel auf die Knie, aber vergebens, und er verließ den König in tiefster Betrübniß. Ludwig reiste eine Woche nach seiner Ankunft wieder aus dem Lager ab und führte nachher nie wieder Krieg in eigner Person.
Das Erstaunen in seiner ganzen Armee war groß. Alle Ehrfurcht, die er einflößte, konnte seine alten Generäle nicht abhalten zu murren und finster dreinzuschauen, seine jungen Edelleute, ihrem Unmuthe bald in Verwünschungen, bald in Sarkasmen Luft zu machen, und selbst seine gemeinen Soldaten, an ihren Wachtfeuern eine unehrerbietige Sprache zu führen. Seine Feinde frohlockten mit rachsüchtiger und beleidigender Freude. Sei es nicht sonderbar, fragten sie, daß dieser große Fürst mit allem Gepränge zum Kriegsschauplatze abgegangen und acht Tage später ihn mit demselben Gepränge wieder verlassen habe? Sei es nöthig gewesen, daß das ganze große Gefolge von Prinzessinnen, Ehrendamen und Kammerfrauen, Stallmeistern und Kammerherren, Köchen, Zuckerbäckern und Musikern, Wagenzügen, Saumpferden und Maulthieren, Silbergeschirr und Teppichen, vierhundert Meilen weit reiste, nur damit der Allerchristlichste König einen Blick auf seine Soldaten werfe und dann wieder umkehre? Die schmachvolle Wahrheit sei zu augenfällig, um bemäntelt werden zu können; er sei in die Niederlande gekommen in der Hoffnung, daß es ihm wieder gelingen werde, ohne die mindeste persönliche Gefahr etwas militärischen Ruhm zu erhaschen, und er sei lieber zurückgeeilt, als daß er sich den Zufällen einer offenen Schlacht ausgesetzt hätte.[24] Dies sei nicht das erste Mal, daß Se. Allerchristlichste Majestät die nämliche Art Vorsicht gezeigt habe. Siebzehn Jahre vorher habe er unter den Mauern von Bouchain demselben Gegner gegenüber gestanden. Wilhelm habe mit dem Feuer eines jugendlichen Commandeurs höchst unbesonnenerweise ihm eine Schlacht angeboten. Die geschicktesten Generäle seien der Meinung gewesen, daß, wenn Ludwig die Gelegenheit ergriffen hätte, der Krieg in einem Tage hätte beendigt sein können. Die französische Armee habe dringend danach verlangt, zum Angriff geführt zu werden. Der König habe seine Unterbefehlshaber zu sich berufen und sie um ihre Meinung befragt. Einige höfische Offiziere, denen seine Wünsche geschickt angedeutet worden seien, hätten vor Scham erröthend und stammelnd gegen eine Schlacht gestimmt. Umsonst hätten muthige und rechtschaffene Männer, die seine Ehre höher gehalten als ihr Leben, ihm bewiesen, daß er nach allen Grundsätzen der Kriegskunst die übereilte Herausforderung des Feindes annehmen müsse. Se. Majestät habe die ernste Besorgniß ausgesprochen, daß er es mit seinen Staatspflichten nicht vereinbaren könne, den ungestümen Regungen seines Blutes zu gehorchen, habe Kehrt gemacht und sei in sein Hauptquartier zurückgesprengt.[25] Sei es nicht entsetzlich, wenn man bedenke, was für Ströme des Blutes von Frankreich, Spanien, Deutschland und England geflossen seien und noch fließen sollten einem Manne zu Gefallen, dem es an dem ganz gewöhnlichen Muthe fehle, den man bei dem Geringsten der Hunderttausende finde, welche er seinem prahlerischen Ehrgeize aufgeopfert habe?