Obgleich die französische Armee in den Niederlanden durch den Abgang der vom Dauphin und Boufflers commandirten Truppentheile geschwächt worden war, und obgleich das verbündete Heer täglich durch die Ankunft frischer Truppen verstärkt wurde, so hatte Luxemburg doch noch die Uebermacht, und er vergrößerte diese Uebermacht durch eine schlaue Kriegslist. Er marschirte gegen Lüttich und that, als ob er diese Stadt belagern wolle. Wilhelm war besorgt, um so besorgter, weil er wußte, daß es unter den Einwohnern eine französische Partei gab. Er verließ seine Position bei Löwen, marschirte auf Niederhespen und schlug dort, den Fluß Gette im Rücken, sein Lager auf. Auf seinem Marsche erfuhr er, daß Huy den Franzosen seine Thore geöffnet habe. Diese Nachricht vermehrte seine Besorgniß wegen Lüttich und bestimmte ihn, ein Armeecorps dahin zu schicken, das genügte, um die Mißvergnügten innerhalb der Stadt in Schach zu halten und jeden Angriff von Außen abzuwehren.[26] Dies war genau das, was Luxemburg erwartet und gewünscht hatte. Seine List hatte ihren Zweck erreicht. Er wendete der Festung, welche bisher das Ziel seiner Operationen gewesen zu sein schien, den Rücken und eilte an die Gette. Wilhelm, der mehr als zwanzigtausend Mann detachirt und nur funfzigtausend Mann in seinem Lager gelassen hatte, erfuhr am 18. Juli mit Schrecken durch seine Kundschafter, daß der französische General mit nahe an achtzigtausend Mann ganz in der Nähe sei.

Schlacht bei Landen.

Noch lag es in der Macht des Königs, durch einen eiligen Rückzug die schmalen, aber tiefen, durch kürzliche Regengüsse angeschwollenen Gewässer der Gette zwischen seine Armee und den Feind zu bringen. Aber die Stellung, welche er einnahm, war stark und sie konnte leicht noch stärker gemacht werden. Alle seine Truppen mußten ans Werk. Es wurden Gräben gezogen, Schanzen aufgeworfen und Pallisaden eingerammt. Binnen wenigen Stunden hatte das Terrain ein ganz andres Aussehen gewonnen und der König glaubte fest, daß er selbst den Angriff einer ihm weit überlegenen Truppenmacht werde abwehren können. Diese Ueberzeugung entbehrte auch nicht eines Anscheins von Begründung. Als der Morgen des 19. Juli anbrach, sahen die tapfersten Männer in Ludwig’s Armee ernst und besorgt die Festung, welche plötzlich aus der Erde gewachsen war, um ihre Fortschritte zu hemmen. Die Alliirten waren durch ein Brustwerk gedeckt. Hier und da waren längs der Verschanzungen kleine Redouten und Halbmonde angelegt. Hundert Geschütze waren über die Wälle vertheilt. Auf der linken Flanke lag das Dorf Romsdorf dicht an dem Flüßchen Landen, nach welchem die Engländer jene unglückliche Schlacht benannt haben. Zur Rechten lag das Dorf Neerwinden. Beide Dörfer waren nach niederländischer Sitte von Wassergräben und Hecken umgeben, und innerhalb dieser Umfriedigungen waren die von verschiedenen Familien bewohnten kleinen Bodenflächen durch fünf Fuß hohe und einen Fuß dicke Lehmmauern von einander getrennt. Alle diese Barrikaden hatte Wilhelm ausgebessert und verstärkt. Saint-Simon, der nach der Schlacht das Terrain besichtigte, sagt uns, er habe kaum begreifen können, wie so ausgedehnte und so furchtbare Befestigungen mit solcher Schnelligkeit hätten geschaffen werden können.

Luxemburg war jedoch entschlossen zu versuchen, ob selbst diese Stellung gegen die überlegene Anzahl und die ungestüme Tapferkeit seiner Soldaten sich würde behaupten lassen. Bald nach Sonnenaufgang begann der Donner der Geschütze gehört zu werden. Wilhelm’s Batterien thaten gute Wirkung, bevor die französische Artillerie so aufgestellt werden konnte, daß sie das Feuer zu erwiedern vermochte. Erst um acht Uhr kam es zum Handgemenge. Das Dorf Neerwinden wurde von beiden Feldherren als derjenige Punkt betrachtet, von dem Alles abhing. Hier machte der französische linke Flügel unter den Befehlen Montchevreuil’s, eines ergrauten Offiziers von hohem Rufe, und Berwick’s, der sich trotz seiner Jugend rasch zu einer angesehenen Stelle unter den Heerführern seiner Zeit emporgeschwungen, einen Angriff. Berwick leitete ihn und drang in das Dorf, wurde aber unter einem furchtbaren Blutbade bald wieder daraus vertrieben. Seine Leute flohen oder wurden niedergehauen, und er selbst wurde, während er sie wieder zu sammeln versuchte und sie verwünschte, weil sie ihre Pflicht nicht besser thaten, von Feinden umringt. Er verbarg seine weiße Cocarde und hoffte dadurch sich mit Hülfe seiner Muttersprache für einen Offizier der englischen Armee ausgeben zu können; aber sein Gesicht wurde von einem der Brüder seiner Mutter, Georg Churchill, erkannt, welcher an diesem Tage eine Brigade commandirte. Es fand eine eilige Umarmung zwischen den beiden Verwandten statt und der Oheim führte den Neffen zu Wilhelm, der, so lange Alles gut zu gehen schien, bei der Nachhut blieb. Das Zusammentreffen zwischen dem König und dem Gefangenen, welche durch so enge Verwandtschaftsbande mit einander verbunden und durch so unsühnbare Feindschaft von einander getrennt waren, gewährte einen sonderbaren Anblick. Beide benahmen sich wie es ihnen ziemte. Wilhelm entblößte sich und richtete einige Worte artiger Begrüßung an seinen Gefangenen. Berwick’s einzige Antwort war eine feierliche Verbeugung. Der König bedeckte sich wieder, der Herzog ebenfalls, und die beiden Vettern schieden für immer.

Mittlerweile waren die in völliger Verwirrung aus Neerwinden vertriebenen Franzosen durch eine Division unter dem Commando des Herzogs von Bourbon verstärkt worden und kehrten tapfer zum Angriff zurück. Wilhelm, der die Wichtigkeit dieses Postens sehr wohl erkannte, gab Befehl, daß von anderen Punkten seiner Schlachtlinie Truppen dahin aufbrechen sollten. Dieser zweite Kampf war lang und blutig. Die Angreifenden drangen abermals in das Dorf, sie wurden abermals unter fürchterlichem Blutvergießen daraus vertrieben und zeigten wenig Lust, den Angriff zu wiederholen.

Inzwischen hatte der Kampf längs der ganzen Verschanzungen der verbündeten Armee gewüthet. Wieder und immer wieder führte Luxemburg seine Truppen bis auf Pistolenschußweite an das Brustwerk heran, aber näher konnte er sie nicht bringen. Wieder und immer wieder wichen sie vor dem heftigen Feuer zurück, das gegen ihre Front und ihre Flanken gerichtet wurde. Es schien alles vorüber zu sein. Luxemburg zog sich zu einer außer Schußweite gelegenen Stelle zurück und berief einige seiner vornehmsten Offiziere zu einer Berathung zusammen. Sie besprachen sich eine Weile mit einander und ihre lebhaften Gesten wurden von Allen, die sie sehen konnten, mit hohem Interesse beobachtet.

Endlich kam Luxemburg zu einem Entschluß. Noch ein Versuch mußte gemacht werden, Neerwinden zu nehmen, und die unüberwindlichen Haustruppen, die Sieger von Steenkerke, mußten vorangehen.

Die Haustruppen kamen in einer ihres alten und furchtbaren Rufes würdigen Weise heran. Zum drittenmale wurde Neerwinden genommen, zum drittenmale versuchte Wilhelm es wieder zu nehmen. An der Spitze eines der englischen Regimenter griff er die Garden Ludwig’s mit einer solchen Wuth an, daß diese berühmte Schaar, zum erstenmale innerhalb der Erinnerung des ältesten Kriegers, zurückwich.[27] Nur durch die kräftigen Bemühungen Luxemburg’s, des Herzogs von Chartres und des Herzogs von Bourbon wurden die durchbrochenen Reihen wieder gesammelt. Inzwischen aber waren das Centrum und der linke Flügel der alliirten Armee zu dem Zwecke, den Kampf bei Neerwinden zu unterstützen, so sehr geschwächt worden, daß die Verschanzungen auf anderen Punkten nicht mehr vertheidigt werden konnten. Kurz nach vier Uhr Nachmittags wich die ganze Linie. Alles war Gemetzel und Verwirrung. Solms war tödtlich verwundet worden und fiel noch lebend in die Hände des Feindes. Die englischen Soldaten, denen sein Name verhaßt war, beschuldigten ihn, in seinen Leiden einen eines Soldaten unwürdigen Kleinmuth bewiesen zu haben. Der Herzog von Ormond wurde im Gewühl zu Boden geschlagen, und er würde im nächsten Augenblicke eine Leiche gewesen sein, wäre nicht ein kostbarer Diamant an seinem Finger einem von der französischen Garde in die Augen gefallen, der mit Recht dachte, daß der Besitzer eines solchen Juwels ein werthvoller Gefangener sein müsse. Der Herzog wurde gerettet und bald gegen Berwick ausgewechselt. Ruvigny, von dem echten Refugiéhasse gegen das Land beseelt, das ihn verstoßen, wurde kämpfend im dichtesten Schlachtgewühl zum Gefangenen gemacht. Diejenigen, denen er in die Hände gefallen war, kannten ihn wohl und wußten, daß er, wenn sie ihn in ihr Lager brachten, für den Verrath, zu dem die Verfolgung ihn getrieben, mit seinem Kopfe büßen würde. Mit bewunderungswürdiger Großmuth thaten sie als kennten sie ihn nicht und ließen ihn im Tumulte entkommen.

Erst bei solchen Gelegenheiten trat die ganze Größe von Wilhelm’s Character zu Tage. Inmitten der Flucht und des Getümmels, während Waffen und Fahnen weggeworfen wurden, während Massen von Fliehenden die Brücken und Furthen der Gette verstopften oder in ihren Fluthen umkamen, stellte sich der König, nachdem er Talmash beordert, den Rückzug zu beaufsichtigen, an die Spitze einiger tapferer Regimenter und hielt durch verzweifelte Anstrengungen den Feind auf. Er lief dabei größere Gefahr als Andere, denn er konnte nicht dahin gebracht werden, seinen schwächlichen Körper mit einem Brustharnisch zu beschweren, oder die Insignien des Hosenbandordens zu verbergen. Er betrachtete seinen Stern als einen guten Sammelpunkt für seine eigenen Truppen, und lächelte blos, wenn man ihm sagte, daß derselbe eine treffliche Zielscheibe für den Feind sei. Viele Tapfere fielen zu seiner Rechten und zu seiner Linken. Zwei Saumpferde, die im Felde stets in seiner Nähe waren, wurden durch Kanonenschüsse getödtet. Eine Flintenkugel ging durch die Locken seiner Perrücke, eine zweite durch seinen Rock, eine dritte streifte ihn an der Seite und zerriß sein blaues Ordensband. Noch viele Jahre später pflegten alte, ergraute Invaliden, die in den Gängen und Alleen des Chelsea Hospitals umherschlichen, sich zu erzählen, wie er an der Spitze von Galway’s Reitern angriff, wie er viermal abstieg, um die Infanterie anzufeuern, wie er ein Corps, das weichen zu wollen schien, durch die Worte zurückrief: „So kämpft man nicht, Gentlemen! Hart auf den Leib müßt Ihr ihnen rücken. So, Gentlemen, so!” — „Ihr hättet ihn sehen sollen,” schrieb ein Augenzeuge nur vier Tage nach der Schlacht, „wie er sich mit dem Degen in der Hand auf den Feind stürzte. Es ist ausgemacht, daß er und Andere einmal an der Spitze zweier englischer Regimenter gesehen wurde, und daß er mit diesen beiden Regimentern, Angesichts der ganzen Armee gegen sieben kämpfte und sie eine Viertelstunde lang vor sich her trieb. Dank sei dem Himmel, der ihn erhalten hat.” Der Feind setzte ihm so hart zu, daß er nur mit großer Mühe den Uebergang über die Gette bewerkstelligte. Eine kleine Schaar tapferer Männer, die seine Gefahr bis zum letzten Augenblicke theilte, vermochte kaum die Verfolger von ihm abzuhalten, als er die Brücke passirte.[28]

Vielleicht nie zeigte sich die Veränderung, welche die Fortschritte der Civilisation in der Kriegskunst herbeigeführt haben, auffallender als an diesem Tage. Ajax, der den trojanischen Heerführer mit einem Felsstücke zu Boden schlägt, das zwei gewöhnliche Männer kaum aufheben konnten, Horatius, der die Brücke gegen eine Armee vertheidigt, Richard Löwenherz, der längs der ganzen Schlachtlinie der Sarazenen hinsprengt, ohne einen Feind zu finden, der seine Herausforderung annimmt, Robert Bruce, der mit einem Schlage den Helm und Schädel Sir Henry Bohun’s Angesichts der ganzen Armee England’s und Schottland’s spaltet: das sind die Helden der grauen Vorzeit. In einem solchen Zeitalter ist Körperkraft die unerläßlichste Eigenschaft eines Kriegers. Bei Landen waren zwei kränkliche Menschen, die in einem rohen Zustande der Gesellschaft für zu schwach gehalten worden wären, um an einem Kampfe nur Antheil zu nehmen, die Seelen zweier großen Heere. In einigen heidnischen Ländern würden sie als Säuglinge ausgesetzt, in der Christenheit würden sie sechshundert Jahre früher in ein stilles Kloster geschickt worden sein. Aber ihr Loos war ihnen zu einer Zeit gefallen, wo die Menschen dahinter gekommen waren, daß die Stärke der Muskeln der Stärke des Geistes bei weitem nachsteht. Es ist wahrscheinlich, daß von den hundertzwanzigtausend Soldaten, welche unter allen Fahnen des westlichen Europa bei Neerwinden versammelt waren, der verwachsene Zwerg, der den ungestümen Angriff Frankreich’s leitete, und das asthmatische Skelett, das den langsamen Rückzug England’s deckte, die beiden schwächlichsten Gestalten waren.