Die Franzosen waren Sieger, aber sie hatten ihren Sieg theuer erkauft. Mehr als zehntausend Mann der besten Truppen Ludwig’s waren gefallen. Neerwinden gewährte einen Anblick, der die ältesten Soldaten schaudern machte. In den Straßen lagen die Leichen brusthoch. Unter den Gefallenen befanden sich einige vornehme Edelleute und einige berühmte Krieger, als da waren Montchevreuil und der verstümmelte Körper des Herzogs von Uzes, der den höchsten Rang unter dem ganzen Adel Frankreich’s einnahm. Auch Sarsfield wurde von da hoffnungslos verwundet auf ein Krankenbett getragen, von dem er sich nie wieder erhob. Der Hof von Saint-Germains hatte ihm den hohlen Titel eines Earls von Lucan verliehen; aber die Geschichte kennt ihn unter dem Namen, der der unglücklichsten aller Nationen noch immer theuer ist. Die dortige Gegend, seit Jahrhunderten als das Schlachtfeld der kriegerischsten Nationen Europa’s berühmt, hat nur zwei schrecklichere Tage gesehen: den von Malplaquet und den von Waterloo. Viele Monate lang war der Boden mit Schädeln und Gebeinen von Menschen und Pferden und mit Stücken von Hüten und Schuhen, Sätteln und Halftern besäet. Im nächsten Sommer schossen aus dem durch zwanzigtausend Leichen gedüngten Boden Millionen Mohnpflanzen empor. Der Reisende, der auf dem Wege von Saint-Tron nach Tirlemont diese große Fläche blendenden Scharlachs erblickte, die sich von Landen bis Neerwinden erstreckte, konnte sich schwerlich des Gedankens erwehren, daß die bildliche Vorhersagung des hebräischen Propheten, die Erde würde ihr Blut von sich geben und sich weigern, die Erschlagenen zu bedecken, buchstäblich in Erfüllung gegangen sei.[29]

Es fand keine Verfolgung statt, obgleich die Sonne noch hoch stand, als Wilhelm über die Gette ging. Die Sieger waren vom Marschiren und Kämpfen so erschöpft, daß sie sich kaum bewegen konnten, und die Pferde waren in einem noch schlimmeren Zustande als die Menschen. Ihr General hielt es für nothwendig, ihnen einige Zeit zur Ruhe und Erholung zu gönnen. Die französischen Cavaliere entlasteten ihre Saumpferde, soupirten heiter und stießen inmitten der Haufen von Leichen mit Champagner an, und als es dunkel wurde, legten sich ganze Brigaden freudig auf die Erde nieder, um in Reih’ und Glied auf dem Schlachtfelde zu schlafen. Luxemburg’s Unthätigkeit entging dem Tadel nicht. Niemand konnte leugnen, daß er im Gefecht eine große Geschicklichkeit und Energie entfaltet hatte; Einige aber meinten, es fehle ihm an Geduld und Ausdauer. Andere raunten einander zu, er wünsche nicht, einen Krieg zu beendigen, der ihn einem Hofe nothwendig mache, an welchem er in Friedenszeiten niemals Gunst, ja nicht einmal Gerechtigkeit gefunden haben würde.[30] Ludwig, der diesmal vielleicht nicht ganz frei von einigen Regungen von Eifersucht war, wußte angeblich das Lob, das er seinem Befehlshaber spendete, mit einem Tadel zu verbinden, der zwar schonend ausgedrückt, aber doch vollkommen verständlich war. „In der Schlacht” sagte er, „benahm sich der Herzog von Luxemburg wie Condé, und nach der Schlacht benahm sich der Prinz von Oranien wie Turenne.”

Die Geschicklichkeit und Energie, womit Wilhelm seine furchtbare Niederlage wieder gut machte, mußte in der That Bewunderung erwecken. „In einer Beziehung,” sagte der Admiral Coligny, „darf ich mich über Alexander, über Scipio, über Cäsar stellen. Sie haben allerdings große Schlachten gewonnen. Ich aber habe vier große Schlachten verloren, und doch zeige ich dem Feinde eine furchtbarere Front als je.” Das Blut Coligny’s floß in Wilhelm’s Adern, und mit dem Blute hatte er den unbezwinglichen Muth geerbt, der aus dem Mißgeschick eben so großen Ruhm zu ziehen wußte, als glücklichere Befehlshaber dem Erfolg verdankten. Die Niederlage von Landen war zwar ein harter Schlag und der König hegte einige Tage lang quälende Besorgnisse. Wenn Luxemburg weiter vordrang, war Alles verloren. Löwen mußte fallen, und eben so auch Mecheln, Nieuport und Ostende. Die batavische Grenze wäre gefährdet worden und das Geschrei nach Frieden konnte in ganz Holland so laut werden, daß weder die Generalstaaten noch der Statthalter ihm länger zu widerstehen vermochten.[31] Aber Luxemburg zögerte, und ein kurzer Verzug genügte Wilhelm. Vom Schlachtfelde bahnte er sich einen Weg durch die Massen der Fliehenden in die Gegend von Löwen, und dort begann er seine zerstreuten Truppen wieder zu sammeln. Die ängstliche Besorgniß, die er in diesem Augenblicke, dem unglücklichsten seines ganzen Lebens, wegen der beiden Personen empfand, die ihm am theuersten waren, gereicht seinem Character nicht zur Unehre. Sobald er in Sicherheit war, schrieb er an seine Gemahlin, um sie über seine Lage zu beruhigen.[32] In der Verwirrung der Flucht hatte er Portland aus dem Gesicht verloren, dessen Gesundheit damals sehr geschwächt war und der daher mehr als die gewöhnlichen Gefahren des Kriegs zu bestehen hatte. Ein kurzes Billet, das der König wenige Stunden später seinem Freunde zukommen ließ, ist noch vorhanden.[33] „Obgleich ich Sie diesen Abend zu sehen hoffe, kann ich doch nicht umhin an Sie zu schreiben, um Ihnen zu sagen, wie sehr ich mich freue, daß Sie so gut davongekommen sind. Gott gebe, daß Ihre Gesundheit bald ganz wiederhergestellt werde. Es hat ihm gefallen, schwere Prüfungen in rascher Aufeinanderfolge über mich zu verhängen. Ich muß trachten, mich seinem Willen ohne Murren zu unterwerfen und seinen Zorn weniger zu verdienen.”

Seine Truppen sammelten sich rasch wieder. Starke Corps, die er vielleicht unklugerweise von seiner Armee detachirt hatte, als er glaubte, daß Lüttich das Ziel des Feindes sei, stießen in Eilmärschen zu ihm. Drei Wochen nach seiner Niederlage hielt er einige Meilen von Brüssel eine Heerschau ab. Die Anzahl der unter den Waffen stehenden Mannschaften war größer als am Morgen der blutigen Schlacht von Landen; ihr Aussehen war soldatenmäßig und ihr Muth schien ungebrochen. Wilhelm schrieb jetzt an Heinsius, daß das Schlimmste vorüber sei. „Die Krisis,” sagte er, „ist eine fürchterliche gewesen. Gott sei Dank, daß sie so geendet hat.” Er hielt es jedoch nicht für gerathen, in diesem Augenblicke das Glück einer neuen Feldschlacht zu versuchen. Er ließ daher die Franzosen Charleroy belagern und nehmen, und dies war der einzige Vortheil, den sie aus der blutigsten Schlacht zogen, welche im 17. Jahrhundert in Europa geschlagen wurde.

Vernichtung der Smyrna-Flotte.

Die Trauerbotschaft von der Niederlage von Landen fand England durch nicht minder traurige Nachrichten von einer andren Seite bewegt. Seit vielen Monaten war der Handel mit dem Mittelländischen Meere durch den Krieg fast gänzlich gehemmt. Kein Kauffahrteischiff von London oder Amsterdam hatte Aussicht, ohne bewaffneten Schutz die Herkulessäulen zu erreichen, ohne von einem französischen Kaper geentert zu werden, und der Schutz von Kriegsschiffen war nicht leicht zu erlangen. Während des Jahres 1692 hatten sich starke Flotten, mit Waarenladungen für die spanischen, italienischen und türkischen Märkte reich befrachtet, in der Themse und im Texel gesammelt. Im Februar 1693 waren nahe an vierhundert Schiffe zum Auslaufen bereit. Der Werth ihrer Ladungen wurde auf mehrere Millionen Pfund Sterling geschätzt. Noch nie hatten die Galeonen, welche seit langer Zeit die Bewunderung und den Neid der Welt erweckten, so kostbare Güter von Westindien nach Sevilla gebracht. Die englische Regierung übernahm es im Einverständniß mit der holländischen, die mit dieser großen Masse von Schätzen beladenen Fahrzeuge zu eskortiren. Die französische Regierung nahm sich vor, sie aufzufangen.

Der Plan der Alliirten war, daß siebzig Linienschiffe und ungefähr dreißig Fregatten und Brigantinen unter den Befehlen Killegrew’s und Delaval’s, der beiden neuen Lords der englischen Admiralität, sich im Kanale versammeln und die Smyrna-Flotte, wie sie im Munde des Volks hieß, bis über die Grenzen hinaus begleiten sollten, innerhalb welcher Gefahr von Seiten des Brester Geschwaders zu befürchten stand. Der größere Theil der Flotte sollte dann zur Bewachung des Kanals zurückkehren, während Rooke mit zwanzig Segeln die Kauffahrer begleiten und das vor Toulon liegende Geschwader beschützen sollte. Der Plan der französischen Regierung war, daß das Brester Geschwader unter Tourville und das Touloner Geschwader unter d’Estrées in der Nähe der Meerenge von Gibraltar zusammentreffen und dort der Beute auflauern sollten.

Welcher Plan der klüger ersonnene war, ist zweifelhaft. Welcher von beiden aber am besten ausgeführt wurde, ist eine Frage, die keinen Zweifel zuläßt. Die ganze französische Flotte wurde von Einem Willen geleitet, mochte sie sich im Atlantischen oder im Mittelländischen Meere befinden. Die Flotte England’s und die Flotte der Vereinigten Provinzen standen unter verschiedenen Autoritäten, und in England sowohl wie in den Vereinigten Provinzen zerfiel die Gewalt in so zahlreiche Abtheilungen und Unterabtheilungen, daß auf keinem Einzelnen eine schwere Verantwortlichkeit lastete. Das Frühjahr kam heran. Die Kaufleute beklagten sich laut, daß sie durch die Verzögerung schon mehr verloren hätten als sie durch die glücklichste Reise noch zu gewinnen hoffen dürften, und noch immer waren die Kriegsschiffe nicht halb bemannt und verproviantirt. Das Geschwader von Amsterdam traf erst spät im April an unsrer Küste ein, das Geschwader von Seeland erst Mitte Mai.[34] Es war Juni, als endlich die ungeheure Flotte, nahe an fünfhundert Segel stark, die Klippen England’s aus dem Gesicht verlor.

Tourville war bereits in See gegangen und steuerte südwärts. Killegrew und Deleval aber waren so nachlässig oder so unglücklich, daß sie von seinen Bewegungen keine Kenntniß hatten. Sie waren anfangs überzeugt, daß er noch im Hafen von Brest liege. Dann kam ihnen das Gerücht zu Ohren, daß in nördlicher Richtung segelnde Schiff gesehen worden seien, und sie vermutheten, daß er ihre Abwesenheit benutzte, um die Küste von Devonshire zu bedrohen. Sie scheinen es nicht für möglich gehalten zu haben, daß er sich mit dem Touloner Geschwader vereinigt haben und in der Nähe von Gibraltar ungeduldig seine Beute erwarten könne. Nachdem sie daher die Smyrna-Flotte ungefähr zweihundert Meilen über Ushant hinaus begleitet hatten, erklärten sie am 6. Juni ihre Absicht, sich von Rooke zu trennen. Rooke machte Einwendungen, aber vergebens. Er mußte sich fügen und mit seinen zwanzig Kriegsschiffen dem Mittelländischen Meere zusteuern, während seine beiden Vorgesetzten mit dem Reste der Kriegsflotte in den Kanal zurückkehrten.

Inzwischen war es in England bekannt geworden, daß Tourville in aller Stille Brest verlassen hatte und nach Süden eilte, um sich mit Estrées zu verbinden. Die Zurückkunft Killegrew’s und Delavals erweckte daher große Besorgniß. Es wurde sofort ein schnellsegelndes Fahrzeug abgesandt, um Rooke vor der ihm drohenden Gefahr zu warnen; diese Warnung aber kam ihm nicht zu. Er steuerte mit gutem Winde dem Kap Saint Vincent zu, und hier erfuhr er, daß in der nahen Bai von Lagos einige französische Schiffe lägen. Die erste Mittheilung, die er darüber erhielt, bewog ihn zu dem Glauben, daß ihre Anzahl nicht bedeutend sei, und sie wußten ihre Stärke so geschickt zu verbergen, daß er nicht eher eine Ahnung davon bekam, daß er der ganzen Kriegsflotte eines großen Königreichs gegenüberstehe, als bis sie nur noch eine halbe Stunde Seewegs von ihm entfernt waren. Gegen eine vierfache Uebermacht zu kämpfen, würde Wahnsinn gewesen sein. Es war schon viel, wenn es ihm gelang, sein Geschwader vor völliger Vernichtung zu bewahren. Er bot seine ganze Geschicklichkeit auf. Einige in der Nachhut segelnde holländische Kriegsschiffe opferten sich muthig auf, um die Flotte zu retten. Mit dem Reste des Geschwaders und etwa sechzig Handelsschiffen gelangte Rooke glücklich nach Madeira und von da nach Cork. Aber mehr als dreihundert von den Fahrzeugen, die er begleitet hatte, waren über den Ocean zerstreut. Einige entkamen nach Irland, andere nach Corunna, andere nach Lissabon, andere nach Cadix, einige wurden genommen und mehr noch vernichtet. Ein paar, die unter den Felsen von Gibraltar Schutz gesucht hatten und die der Feind bis dahin verfolgte, wurden versenkt, als man sah, daß sie nicht zu retten waren. Andere gingen in gleicher Weise unter den Batterien von Malaga zu Grunde. Der Gewinn für Frankreich scheint nicht groß gewesen zu sein; aber der Verlust für England und Holland war enorm.[35]