Aufregung in London.

Seit Menschengedenken hatte die City nie einen Tag von größerer Betrübniß und Aufregung erlebt als der war, an welchem die Nachricht von dem Gefecht in der Bai von Lagos ankam. Viele Kaufleute, sagte ein Augenzeuge, verließen die Börse so bleich, als wenn ihnen ihr Todesurtheil angekündigt worden wäre. Eine Deputation der Kaufleute, welche unter diesem schweren Unfalle litten, überreichte der Königin eine ihre Beschwerden enthaltende Adresse. Sie wurden in den Sitzungssaal des Staatsraths eingelassen, wo sie an der Spitze des Collegiums saß. Sie beauftragte Somers, in ihrem Namen zu antworten, und er hielt eine Ansprache an sie, welche gut berechnet war, ihre Gereiztheit zu beschwichtigen. Ihre Majestät, sagte er, nehme herzlichen Antheil an ihrem Unglücke und habe bereits einen Ausschuß des Geheimen Raths ernannt, um die Ursachen des kürzlichen Unfalls zu untersuchen und die besten Mittel zu erwägen, um ähnlichen Unfällen vorzubeugen.[36] Diese Antwort befriedigte die Betreffenden so vollständig, daß der Lordmayor bald darauf in den Palast kam, um der Königin für ihre Güte zu danken, ihr zu versichern, daß London ihr und ihrem Gemahl durch alle Wechselfälle treu bleiben werde, und ihr mitzutheilen, daß, so schwer auch der kürzliche Schlag von vielen großen Handelshäusern empfunden würde, der Gemeinderath dennoch einstimmig beschlossen habe, jede Summe vorzustrecken, welche die Regierung bedürfen möchte.[37]

Jakobitische Libelle; Wilhelm Anderton.

Die Mißstimmung, welche die öffentlichen Calamitäten naturgemäß erzeugten, wurde durch alle Parteikunstgriffe genährt. Nie waren die jakobitischen Pamphletisten so heftig und rücksichtslos gewesen als während dieses unglücklichen Sommers. Die Polizei spürte in Folge dessen thätiger als je den Höhlen nach, aus denen so viel Hochverrath hervorging. Mit großer Mühe und nach langem Suchen wurde endlich die wichtigste aller uncensirten Pressen entdeckt. Diese Presse gehörte einem Jakobiten, Namens Wilhelm Anderton, der wegen seiner Unerschrockenheit und seines Fanatismus zu Dienstleistungen tauglich war, vor denen vorsichtige und gewissenhafte Männer zurückschrecken. Seit zwei Jahren wurde er von den Agenten der Regierung beobachtet; aber wo er sein Gewerbe betrieb, war ein undurchdringliches Geheimniß. Endlich aber entdeckte man ihn in einem Hause unweit Saint James Street, wo er unter einem angenommenen Namen bekannt war und für einen Goldarbeiter gehalten wurde. Ein Beamter der Preßpolizei begab sich mit mehreren Dienern dahin und fand Anderton’s Frau und Mutter als Schildwachen an der Thür postirt. Die beiden Frauen kannten den Beamten, fielen über ihn her, packten ihn bei den Haaren und riefen „Diebe” und „Mörder”. Dadurch gaben sie Anderton das Alarmzeichen. Er verbarg seine Arbeitsutensilien, kam mit ganz unbefangener Miene heraus und bot dem Beamten, dem Censor, dem Staatssekretär und selbst der kleinen Habichtsnase[38] Trotz. Nach kurzer Gegenwehr wurde er festgenommen. Sein Zimmer wurde durchsucht und auf den ersten Blick zeigte sich kein Beweis für seine Schuld darin. Bald aber fand man hinter dem Bett eine Thür, die in ein dunkles Gemach führte. Dieses Gemach enthielt eine Buchdruckerpresse, Typen und Stöße frischgedruckter Schriften. Eine dieser Schriften, betitelt: „Remarks on the Present Confederacy and the Late Revolution,” ist vielleicht das heftigste aller jakobitischen Libelle. Der Prinz von Oranien wird darin allen Ernstes beschuldigt, daß er funfzig von seinen verwundeten englischen Soldaten habe lebendig verbrennen lassen. Das leitende Prinzip seiner ganzen Handlungsweise, heißt es unter Andrem, ist weder Eitelkeit noch Ehrgeiz, noch Habsucht, sondern ein tödtlicher Haß gegen die Engländer und der Drang, sie unglücklich zu machen. Die Nation wird mit Heftigkeit aufgefordert, sich bei Strafe des strengsten Gerichts zu erheben und sich von dieser Plage, diesem Fluche, diesem Tyrannen zu befreien, dessen Verderbtheit es fast unglaublich erscheinen lasse, daß er von einem Menschenpaar gezeugt sein könne. Außerdem wurden von einer andren, etwas minder heftigen, aber vielleicht noch gefährlicheren Schrift, betitelt: „A French Conquest neither desirable nor practicable,” eine Menge Exemplare vorgefunden. Auch in dieser Schrift wird das Volk aufgefordert, sich zu erheben. Es wird ihm versichert, daß ein großer Theil der Armee auf seiner Seite sei. Die Streitkräfte des Prinzen von Oranien würden zusammenschmelzen, heißt es; er werde froh sein, wenn er mit dem Leben davonkomme, und es wird höhnend die mildherzige Hoffnung ausgesprochen, daß es nicht nöthig sein werde, ihm ein schlimmeres Leid zuzufügen, als ihn nach Loo zurückzuschicken, wo er, von einem Luxus umgeben, den die Engländer theuer bezahlt hätten, fernerhin leben möchte.

Durch die Giftigkeit der jakobitischen Pamphletisten gereizt und beunruhigt, beschloß die Regierung, an Anderton ein Exempel zu statuiren. Er wurde des Hochverraths angeklagt und vor die Schranken der Old Bailey gestellt. Treby, der jetzt Oberrichter der Common Pleas war, und Powell, der sich am Tage des Prozesses der Bischöfe ehrenvoll ausgezeichnet hatte, saßen auf der Richterbank. Es ist Schade, daß kein detaillirter Bericht über die Untersuchung auf uns gekommen ist und daß wir uns mit den fragmentarischen Aufschlüssen begnügen müssen, die wir aus den einander widersprechenden Darstellungen offenbar parteiischer, maßloser und unredlicher Schriftsteller sammeln können. Die Anklageschrift ist jedoch noch vorhanden und die notorischen Handlungen, die sie dem Angeklagten zur Last legt, erreichen unbestreitbar die Stufe des Hochverraths.[39] Die Unterthanen des Reichs aufzufordern, sich zu erheben und den König gewaltsam zu entthronen, und dieser Aufforderung den offenbar ironischen Ausdruck der Hoffnung beizufügen, daß es nicht nöthig sein werde, eine härtere Strafe als die Verbannung über ihn zu verhängen, ist gewiß ein Vergehen, das auch der mindest höfische Jurist als im Bereiche des Statuts Eduard’s III. liegend anerkennen wird. Ueber diesen Punkt scheint man sich auch in der That weder bei dem Prozesse noch nachher gestritten zu haben.

Der Gefangene leugnete die Libelle gedruckt zu haben. Da die Zeugenbeweise nicht auf uns gekommen sind, so dürfen wir über diesen Punkt billigerweise den Richtern und Geschwornen Glauben schenken, welche die Aussagen der Zeugen anhörten.

Ein Argument, das Anderton’s Rechtsbeistände ihm eingegeben hatten und das in den damaligen jakobitischen Pasquillen als unwiderlegbar dargestellt wird, war, daß, weil die Buchdruckerkunst unter der Regierung Eduard’s III. noch unbekannt war, das Drucken selbst nach keinem Gesetz jener Regierung als ein notorischer Act des Hochverraths angesehen werden könne. Die Richter nahmen dieses Argument sehr leicht, und sie waren gewiß dazu berechtigt es so zu nehmen. Denn es ist ein Argument, das zu der Schlußfolgerung führen würde, daß es kein notorischer Act des Hochverraths sei, einen König vermittelst einer Guillotine zu enthaupten oder mit einer Miniébüchse zu erschießen.

Ferner wurde zu Anderton’s Gunsten geltend gemacht — und dies war allerdings ein Argument, das gegründeten Anspruch auf Berücksichtigung hatte — daß zwischen dem Verfasser einer hochverrätherischen Schrift und dem bloßen Drucker derselben ein Unterschied gemacht werden müsse. Ersterer könne nicht behaupten, daß er den Sinn der Worte, die er selbst gewählt, nicht verstanden habe. Für Letzteren aber könnten die Worte möglicherweise gar keinen Sinn haben. Die Metaphern, die Anspielungen, die Sarkasmen könnten weit über der Sphäre seines Begriffsvermögens liegen, und während seine Hände sich mit den Typen beschäftigten, könnten seine Gedanken auf Dinge gerichtet sein, die mit dem ihm vorliegenden Manuscripte gar nichts zu thun hätten. Es ist unzweifelhaft wahr, daß es kein Verbrechen zu sein braucht, etwas zu drucken, was zu schreiben ein großes Verbrechen sein würde. Doch ist dies offenbar ein Gegenstand, bezüglich dessen sich keine allgemeine Regel aufstellen läßt. Ob Anderton als bloßes mechanisches Werkzeug zur Verbreitung einer Schrift beigetragen habe, deren Tendenz er nicht ahnete, oder ob er wissentlich seinen Beistand zur Anstiftung eines Aufruhrs geliehen, war eine Frage für die Jury, und die Jury durfte aus dem Annehmen eines falschen Namens, aus der Heimlichkeit, mit der er arbeitete, aus der scharfen Wacht, die seine Frau und seine Mutter hielten und aus der wüthenden Heftigkeit, mit der er, selbst als er sich bereits in der Gewalt der Polizeiagenten befand, noch die Regierung schmähte, mit gutem Grunde schließen, daß er nicht das unbewußte Werkzeug, sondern der intelligente und eifrige Complice von Hochverräthern war. Nachdem die zwölf Geschwornen eine beträchtliche Zeit mit einander deliberirt hatten, benachrichtigten sie den Gerichtshof, daß einer von ihnen Zweifel hege. Diese Zweifel wurden durch Treby’s und Powell’s Argumente gehoben, und das Verdict lautete auf schuldig.

Das Schicksal des Gefangenen war einige Zeit zweifelhaft. Die Minister hofften, er werde dahin zu bringen sein, seinen eignen Kopf auf Unkosten der Köpfe der Pamphletisten zu retten, in deren Diensten er gearbeitet. Aber seine natürliche Standhaftigkeit wurde durch geistliche Stimulationsmittel aufrechterhalten, welche die eidverweigernden Priester vortrefflich anzuwenden verstanden. Er erlitt standhaft den Tod und schmähte die Regierung bis zum letzten Augenblicke. Die Jakobiten beschwerten sich laut über die Gefühllosigkeit der Richter, die ihn verurtheilt, und der Königin, die seine Hinrichtung zugegeben hatte, und stellten ihn mit eben nicht besonderer Consequenz als einen armen unwissenden Handwerker, der die Natur und Tendenz der Handlung, wegen der er den Tod erlitten, nicht gekannt, und als einen Märtyrer dar, der für den verbannten König und die verfolgte Kirche heldenmüthig sein Leben gelassen habe.[40]

Schriften und Kunstgriffe der Jakobiten.