Es war zwar nicht leicht Wilhelm zu beherrschen; aber Sunderland erlangte doch einen solchen Grad von Gunst und Einfluß, daß es großes Erstaunen und selbst einigen Unwillen erregte. Allerdings war kaum ein Geist stark genug, um dem Zauber seiner Rede und seines Benehmens zu widerstehen. Jedermann ist geneigt an die Dankbarkeit und Anhänglichkeit auch der werthlosesten Menschen zu glauben, denen er große Wohlthaten erzeigt hat. Es kann daher kaum auffallen, daß der geschickteste aller Schmeichler ein geneigtes Ohr fand, als er mit allen äußeren Zeichen tiefer Bewegtheit um die Erlaubniß bat, alle seine Geisteskräfte dem Dienste des hochherzigen Beschützers zu widmen, dem er Vermögen, Freiheit und Leben verdankte. Es ist jedoch deshalb nicht anzunehmen, daß der König sich täuschen ließ. Er wird mit gutem Grunde geglaubt haben, daß zwar auf Sunderland’s Betheuerungen nicht viel zu geben war, daß er aber um so mehr Vertrauen in seine Stellung setzen konnte, und Sunderland erwies sich im Ganzen wirklich als ein treuerer Diener wie ein minder verderbter Mann es hätte sein können. Er that zwar in aller Stille einige schüchterne Schritte zu einer Aussöhnung mit Jakob, allein man darf mit Gewißheit behaupten, daß, selbst wenn diese Schritte freundlich aufgenommen worden wären — und sie scheinen sehr unfreundlich aufgenommen worden zu sein — der zwiefache Renegat der jakobitischen Sache nie einen wirklichen Dienst geleistet haben würde. Er wußte recht gut, daß er etwas gethan hatte, was in Saint-Germains als unverzeihlich betrachtet werden mußte. Nicht daß er blos verrätherisch und undankbar gewesen wäre, Marlborough war eben so verrätherisch und undankbar gewesen, und Marlborough hatte Verzeihung erlangt. Aber Marlborough hatte sich nicht der gottlosen Heuchelei schuldig gemacht, die äußeren Zeichen einer Bekehrung zur Schau zu tragen. Marlborough hatte nicht vorgegeben, durch die Argumente der Jesuiten überzeugt, durch die göttliche Gnade berührt worden zu sein, sich nach der Aufnahme in den Schooß der allein wahren Kirche zu sehnen. Marlborough hatte nicht, als der Papismus überwiegend war, sich bekreuzigt, gebeichtet, Buße gethan, das heilige Abendmahl in Einer Gestalt genommen, war nicht, sobald ein Wechsel des Glückes eintrat, abermals abgefallen und hatte nicht der ganzen Welt erklärt, daß, als er im Beichtstuhl gekniet und die Hostie empfangen, er den König und die Priester nur ausgelacht habe. Sunderland’s Verbrechen war ein solches, das Jakob nie vergeben konnte, und ein Verbrechen, das Jakob nie vergeben konnte, war in gewissem Sinne eine Empfehlung bei Wilhelm. Der Hof, ja selbst der Staatsrath waren mit Männern angefüllt, welche hoffen konnten, ihr Glück zu machen, wenn der verbannte König wieder auf den Thron gesetzt wurde. Sunderland aber hatte sich keinen Rückzug gesichert, er hatte alle Brücken hinter sich abgebrochen. Er war gegen den Einen so falsch gewesen, daß er nothgedrungen dem Andren treu sein mußte. Daß er in der Hauptsache der Regierung, die ihn jetzt beschützte, treu war, steht kaum zu bezweifeln, und da er treu war, konnte er nur nützlich sein. Er war in einigen Beziehungen ganz vorzüglich geeignet, damals ein Rathgeber der Krone zu sein, denn er besaß gerade die Talente und Kenntnisse, an denen es Wilhelm fehlte. Die Beiden zusammen würden einen vollendeten Staatsmann ausgemacht haben. Der Gebieter war fähig, große Pläne zu entwerfen und auszuführen, aber er vernachlässigte die kleinen Kunstgriffe, in denen der Diener sich auszeichnete. Der Gebieter sah weiter als andere Menschen; aber das Nahe sah Niemand so deutlich als der Diener. Der Gebieter war zwar in der Politik der großen Völkergemeinschaft gründlich erfahren, lernte aber die Politik seines eigenen Landes niemals genau kennen. Der Diener war mit der Stimmung und der Organisation der englischen Parteien so wie mit den starken und schwachen Seiten des Characters jedes angesehenen Engländers wohl vertraut.
Zu Anfang des Jahres 1693 ging das Gerücht, daß Sunderland über alle die innere Verwaltung des Reichs betreffende wichtige Fragen zu Rathe gezogen werde, und dieses Gerücht bekam noch mehr Halt, als man erfuhr, daß er im Herbste vor dem Zusammentritt des Parlaments nach London gekommen war und ein großes Haus in der Nähe von Whitehall bezogen hatte. Die Kaffeehaus-Politiker waren überzeugt, daß er auf dem Punkte stand, ein hohes Amt zu erhalten. Vor der Hand war er jedoch so klug, sich mit der wirklichen Macht zu begnügen und den Schein derselben Anderen zu überlassen[57].
Sunderland räth dem Könige den Whigs den Vorzug zu geben.
Er war der Meinung daß, so lange der König versuchte die beiden großen Parteien einander die Wage halten zu lassen und seine Gunst beiden in gleichem Grade zu gewähren, beide sich zurückgesetzt glauben und keine der Regierung die aufrichtige und beharrliche Unterstützung angedeihen lassen würde, der man jetzt so dringend bedurfte. Se. Majestät müsse sich entschließen, der einen oder der andren den entschiedenen Vorzug zu geben, und es sprächen drei gewichtige Gründe dafür, diesen Vorzug den Whigs zu geben.
Gründe für die Bevorzugung der Whigs.
Erstens waren die Whigs grundsätzlich der herrschenden Dynastie zugethan. In ihren Augen war die Revolution nicht allein nothwendig, nicht allein gerechtfertigt, sondern sogar ein glückliches und ruhmvolles Ereigniß gewesen. Sie war der Triumph ihrer politischen Theorie gewesen. Als sie Wilhelm Treue schwuren, schwuren sie ohne Skrupel und Hintergedanken; sie waren so weit entfernt davon, seinen Rechtstitel in Frage zu stellen, daß sie ihn für den besten aller Rechtstitel hielten. Die Tories dagegen mißbilligten fast allgemein den Beschluß der Convention, die ihn auf den Thron gesetzt hatte. Einige von ihnen waren im Herzen Jakobiten und hatten ihm den Unterthaneneid blos deshalb geleistet, um ihm besser schaden zu können. Andere glaubten sich zwar verpflichtet, ihm als factischen König zu gehorchen, leugneten aber, daß er rechtmäßiger König sei, und wenn sie auch loyal gegen ihn waren, so waren sie es doch ohne Begeisterung. Es konnte demnach kaum einem Zweifel unterliegen, auf welche von den beiden Parteien er sicherer bauen könne.
Zweitens waren die Whigs bezüglich der speciellen Angelegenheit, an der sein Herz gegenwärtig hing, im Allgemeinen geneigt, ihn kräftig zu unterstützen, die Tories hingegen ihm darin hinderlich zu sein. Die Gemüther beschäftigten sich damals lebhaft mit der Frage, in welcher Weise der Krieg geführt werden müsse. Diese Frage beantworteten die beiden Parteien sehr verschieden. Unter den Tories war seit einigen Monaten die Ansicht zur Geltung gekommen, daß die Politik England’s streng insularisch sein, daß es die Vertheidigung Flanderns und des Rheins den Generalstaaten, dem Hause Oesterreich und den Fürsten des Reichs überlassen, und daß es die Feindseligkeiten zur See energisch fortsetzen, aber nur ein solches Landheer unterhalten müsse, das mit Hülfe der Miliz genügte, um einen Einfall abzuwehren. Es war klar, daß wenn dieses System angenommen wurde, eine sofortige Ermäßigung der so schwer auf der Nation lastenden Steuern eintreten konnte. Aber die Whigs behaupteten, diese Erleichterung werde theuer erkauft werden. Viele tausend tapfere englische Soldaten seien jetzt in Flandern, gleichwohl hätten die Alliirten die Franzosen nicht verhindern können, im Jahre 1691 Mons, 1692 Namur, 1693 Charleroy zu nehmen. Wenn die englischen Truppen zurückgerufen würden, so sei es gewiß, daß Ostende, Gent und Lüttich fallen müßten. Die deutschen Fürsten würden eilen, Jeder für sich Frieden zu schließen. Die spanischen Niederlande würden wahrscheinlich der französischen Monarchie einverleibt werden. Die Vereinigten Provinzen würden wieder eben so gefährdet sein, wie 1672, und würden jede Bedingung annehmen, die es Ludwig gefiele ihnen zu dictiren. Nach wenigen Monaten würde er im Stande sein, seine ganze Kraft gegen unsre Insel aufzubieten und dann würde es einen Kampf auf Leben und Tod geben. Allerdings könne man wohl hoffen, daß wir im Stande sein würden, unsern heimathlichen Boden selbst gegen einen solchen General und eine solche Armee, wie sie die Schlacht bei Landen gewonnen hatten, zu vertheidigen. Aber der Kampf müsse ein langer und schwerer werden. Wie viele fruchtbare Grafschaften würden in Wüsten verwandelt, wie viele blühende Städte in Asche gelegt werden, bevor man die Eingedrungenen vernichten oder heraustreiben könne! Ein einziger siegreicher Feldzug in Kent oder Middlesex würde mehr zur Verarmung der Nation beitragen, als zehn unglückliche Feldzüge in Brabant. Es ist bemerkenswerth, daß dieser Streit zwischen den beiden großen Parteien siebzig Jahre lang regelmäßig wieder erwachte, so oft unser Land mit Frankreich im Kriege lag. Daß England niemals große militärische Operationen auf dem Festlande unternehmen dürfe, blieb ein Fundamentalartikel des politischen Glaubens der Tories, bis die französische Revolution in ihren Ansichten eine vollständige Aenderung hervorbrachte.[58] Da es Wilhelm’s Hauptzweck war, den Feldzug von 1694 in Flandern mit einem ungeheuern Kraftaufwande zu eröffnen, so war es hinlänglich klar, an wen er sich um Beistand wenden mußte.
Drittens waren die Whigs die stärkere Partei im Parlamente. Die allgemeine Wahl von 1690 war zwar nicht günstig für sie ausgefallen, sie waren einige Zeit die Minorität gewesen; aber seitdem hatten sie fortwährend mehr Boden gewonnen, bildeten jetzt der Zahl nach die volle Hälfte des Unterhauses, und ihre effective Stärke war ihrer Zahl mehr als entsprechend, denn in Energie, Rührigkeit und Disciplin waren sie ihren Gegnern entschieden überlegen. Ihre Organisation war zwar noch nicht so vollkommen, als sie es später wurde, aber sie hatten schon begonnen, eine kleine Schaar ausgezeichnete Männer, welche noch lange nachher unter dem Namen der Junta weit und breit bekannt war, zu Führern anzunehmen. Es giebt vielleicht in der alten wie in der neuen Geschichte kein zweites Beispiel einer solchen Autorität, wie sie dieses Concilium während zwanzig unruhiger Jahre über die Whigpartei ausübte. Die Männer, welche diese Autorität zu den Zeiten Wilhelm’s und Mariens erlangten, behielten sie ohne Unterbrechung in und außer dem Amte bis Georg IV. den Thron bestieg.
Häupter der Whigpartei; Russell.
Einer dieser Männer war Russell. Von seinem schmachvollen Verkehr mit dem Hofe von Saint-Germains haben wir Beweise, die keinen Zweifel zulassen. Aber diese Beweise kamen erst viele Jahre nach seinem Tode vor die Augen der Welt. Wenn Gerüchte von seiner Schuld circulirten, so waren sie doch nur vag und unwahrscheinlich, sie stützten sich auf keinen Beweis, hatten keinen glaubwürdigen Urheber zum Gewährsmann und durften von seinen Zeitgenossen mit gutem Grunde als jakobitische Verleumdungen betrachtet werden. Ganz gewiß war es hingegen, daß er aus einem erlauchten Hause stammte, das für die Freiheit und die protestantische Religion Großes gethan und viel gelitten hatte, daß er die Einladung vom 30. Juni unterzeichnet, daß er mit dem Befreier bei Torbay gelandet war, daß er im Parlamente bei jeder Gelegenheit als eifriger Whig gesprochen und gestimmt, daß er einen großen Sieg erfochten, daß er sein Vaterland vor einer Invasion bewahrt hatte, und daß, seitdem er die Admiralität verlassen, Alles schlecht gegangen war. Wir dürfen uns daher nicht wundern, daß er unter seiner Partei einen bedeutenden Einfluß hatte.