Somers.
Aber der größte Mann unter den Mitgliedern der Junta, und in mancher Beziehung der größte Mann jener Zeit war der Lordsiegelbewahrer Somers. Er war gleich ausgezeichnet als Jurist und als Staatsmann, als Redner und als Schriftsteller. Seine Reden sind der Vergessenheit anheimgefallen, seine Staatsschriften aber existiren noch und sind Muster einer eleganten, klaren und würdevollen Beredtsamkeit. Er hatte einen großen Ruf im Hause der Gemeinen hinterlassen, in welchem er vier Jahre lang stets mit Vergnügen gehört worden war, und die whiggistischen Mitglieder betrachteten ihn noch immer als ihr Oberhaupt und hielten ihre Zusammenkünfte noch immer unter seinem Dache. Auf dem hohen Posten, zu dem er unlängst ernannt worden war, hatte er sich so benommen, daß nach wenigen Monaten selbst Parteigeist und Mißgunst aufhörten über seine Erhebung zu murren. Er vereinigte aber auch in der That alle Eigenschaften eines großen Richters in sich, einen regsamen Geist und scharfen Verstand, Fleiß, Rechtschaffenheit, Ausdauer und Milde. Im Rathe verschaffte ihm die gelassene Weisheit, die er in einem Maße besaß, wie man es bei Männern von so lebhaftem Geiste und von so entschiedenen Ansichten selten findet, die Autorität eines Orakels. Nicht minder deutlich zeigte sich die Ueberlegenheit seiner Talente in Privatzirkeln. Der Zauber seiner Unterhaltung wurde noch erhöht durch die Freimüthigkeit, mit der er seine Gedanken von sich gab.[59] Seine gute Laune und seine gute Erziehung verleugneten sich nie. In seinen Geberden, in seinen Mienen und in seiner Stimme sprach sich nur Wohlwollen aus. Seine Humanität war um so bemerkenswerther, als ihm die Natur einen Körper verliehen hatte, mit dem man in der Regel einen mürrischen und reizbaren Character verbunden findet. Sein Leben war eine lange Krankheit; seine Nerven waren schwach, seine Gesichtsfarbe bleich, seine Wangen von frühzeitigen Furchen durchzogen. Gleichwohl konnten seine Feinde nicht behaupten, daß er während seines langen und ruhelosen öffentlichen Lebens nur ein einzigesmal, selbst nicht durch plötzliche Herausforderung zu einer mit der milden Würde seines Characters unvereinbaren Heftigkeit gereizt worden wäre. Sie konnten nur behaupten, daß sein Wesen bei weitem nicht so sanft sei als die Welt glaube, daß er in Wirklichkeit zu heftigen Leidenschaften geneigt sei und daß zuweilen, während seine Stimme sanft und seine Worte freundlich und artig seien, seine schwächliche Gestalt vor unterdrückter Aufregung in ein fast convulsivisches Zittern gerathe. Man wird vielleicht der Ansicht sein, daß dieser Vorwurf gerade der höchste Lobspruch war.
Die gebildetsten Männer jener Zeit haben uns gesagt, daß es kaum etwas gab, worüber Somers nicht belehrend und unterhaltend hätte sprechen können. Er war nie gereist, und ein Engländer, der nicht gereist war, galt damals in der Regel nicht für befähigt, über Werke der Kunst ein Urtheil abzugeben. Aber gründliche Kenner der Meisterwerke des Vatikans und der florentinischen Galerie gestanden zu, daß Somers’ Geschmack in der Malerei und Sculptur ganz vorzüglich war. Die Philologie war eines seiner Lieblingsstudien. Er hatte das ganze große Gebiet der alten und neuen Belletristik durchwandert. Er war zu gleicher Zeit ein freigebiger und ein streng unterscheidender Beschützer des Genies und des Wissens. Locke verdankte Somers Wohlstand. Durch Somers wurde Addison aus der Zelle eines Collegiums ans Licht gezogen. In fernen Ländern nannten große Gelehrte und Dichter, die sein Antlitz nie gesehen, den Namen Somers mit Achtung und Dankbarkeit. Er war der Wohlthäter Leclerc’s und der Freund Filicaja’s. Weder politische noch religiöse Meinungsverschiedenheiten hielten ihn ab, dem Talent seinen mächtigen Schutz angedeihen zu lassen. Hikes, der heftigste und intoleranteste aller Eidverweigerer, erhielt durch Somers’ Verwendung die Erlaubniß, die teutonischen Alterthümer in gemächlicher Freiheit zu studiren. Vertue, ein strenger Katholik, wurde durch Somers scharfblickende und freigebige Gönnerschaft aus Armuth und Dunkelheit zum ersten Range unter den Kupferstechern seiner Zeit erhoben.
Die Großmuth, mit welcher Somers seine Gegner behandelte, gereichte ihm zu um so größerer Ehre, weil er in seinen politischen Ansichten nicht hin und her schwankte. Vom Anfang bis zum Ende seines öffentlichen Lebens war er ein standhafter Whig. Er erhob zwar stets, wenn seine Partei im Staate die Oberhand hatte, seine Stimme gegen gewaltthätige und rachsüchtige Maßregeln, aber er verließ seine Freunde nie. Selbst als ihre thörichte Nichtachtung seines Rathes sie an den Rand des Verderbens gebracht hatte.
Seine natürlichen Geistesgaben und seine erworbenen Kenntnisse wurden selbst von seinen Verleumdern nicht geleugnet. Die hämischsten Tories mußten mit einem unwilligen Murren, das den Werth ihres Lobes noch erhöhte, zugeben, daß er alle geistigen Eigenschaften eines großen Mannes besaß und daß von allen seinen Zeitgenossen in ihm allein glänzende Beredtsamkeit und Witz mit der ruhigen und stetigen Besonnenheit vereinigt gefunden wurden, welche den Erfolg im Leben sichern. Es ist ein bemerkenswerther Umstand, daß er in dem schamlosesten der vielen Libelle, welche gegen ihn erschienen, unter dem Namen Cicero geschmäht wird. Da seine Talente nicht in Zweifel gestellt werden konnten, so beschuldigte man ihn der Irreligiosität und Unmoralität. Daß er heterodox sei, glaubten alle Landvikare und fuchsjagenden Squires fest; aber bezüglich der Natur und Ausdehnung seiner Heterodoxie waren die Meinungen sehr verschieden. Er scheint ein Niederkirchlicher von der Schule Tillotson’s gewesen zu sein, den er stets liebte und verehrte, und er wurde wie dieser von den Bigotten ein Presbyterianer, ein Arianer, ein Socinianer, ein Deist und ein Atheist genannt.
Das Privatleben dieses großen Staatsmannes und Richters wurde boshaft untersucht und Geschichten über seinen ausschweifenden Wandel erzählt, die sich fort und fort vergrößerten, bis sie selbst für die Leichtgläubigkeit des Parteigeistes zu abgeschmackt wurden. Endlich, nachdem er schon längst zu Flanell und Hühnerbrühe verurtheilt war, ließ eine schamlose Courtisane, die ihn wahrscheinlich nie anderwärts als in der Prosceniumsloge im Theater gesehen hatte, wenn sie unten maskirt ihrem Gewerbe nachging, ein Libell erscheinen, in welchem sie ihn als den Gebieter eines kostspieligeren Harems schilderte, als ihn der Großsultan besitze. Man hat indeß Grund zu glauben, daß ein kleiner Wahrheitskern vorhanden war, an den sich diese große Masse von Erdichtungen ansetzte, und daß die Weisheit und Selbstbeherrschung, woran es Somers im Senate, auf dem Richterstuhle, in der Rathsversammlung oder in der Gesellschaft von Schöngeistern, Gelehrten und Philosophen nie fehlte, ihn für weibliche Reize nicht ganz unempfänglich machten.[60]
Montague.
Ein andrer Führer der Whigpartei war Karl Montague. Er wurde oft, nachdem er sich zu Macht, Ehren und Reichthümern erhoben hatte, von denen, die seinen Erfolg beneideten, ein Emporkömmling genannt. Daß sie ihn so nannten, darf uns mit Recht Wunder nehmen, denn nur wenige von den Staatsmännern seiner Zeit konnten einen Stammbaum aufweisen wie der seinige. Er stammte aus einer Familie, die so alt war wie die Eroberung; er hatte Anwartschaft auf den Earlstitel und war väterlicherseits der Vetter dreier Earls. Aber er war der jüngere Sohn eines jüngeren Bruders, und diese Phrase war von jeher seit der Zeit Shakespeare’s und Raleigh’s, und vielleicht schon vor ihrer Zeit sprichwörtlich, um einen Mann zu bezeichnen, der so arm war, daß er zu der niedrigsten Dienstbarkeit verurtheilt oder zu dem verzweifeltsten Abenteuer bereit war.
Karl Montague wurde frühzeitig für den geistlichen Beruf bestimmt, in die Schule zu Westminster aufgenommen und nachdem er sich hier durch seine Geschicklichkeit im lateinischen Versbau ausgezeichnet, nach Cambridge in das Trinity College geschickt. In Cambridge war die Philosophie Des Cartes’ noch immer in den Schulen vorherrschend. Aber einige wenige hervorragende Geister hatten sich von dem großen Haufen getrennt und bildeten ein geziemendes Auditorium um einen weit größeren Lehrer.[61] Unter den vielversprechenden Jünglingen, welche stolz darauf waren, zu den Füßen Newton’s zu sitzen, zeichnete sich der geistreiche und vielseitige Montague aus. Unter einer solchen Leitung machte der junge Student bedeutende Fortschritte in den ernsten Wissenschaften; aber die Poesie war sein Lieblingsstudium, und wenn die Universität ihre Söhne aufforderte, königliche Vermählungen und Leichenbegängnisse zu besingen, wurde es allgemein anerkannt, daß er seine Mitbewerber übertroffen habe. Sein Ruf drang bis nach London, er galt unter den Schöngeistern, welche bei Will ihre Zusammenkünfte hielten, für einen geistreichen jungen Mann, und die reizende Parodie, die er in Gemeinschaft mit seinem Freunde und Studiengenossen Prior auf Dryden’s Hind and Panther schrieb, wurde mit großem Beifall aufgenommen.
Zu dieser Zeit waren alle Wünsche Montague’s auf die Kirche gerichtet. Späterhin, als er ein Peer mit zwölftausend Pfund jährlicher Einkünfte war, als seine Villa an der Themse für den prächtigsten aller Wohnsitze galt, als man von ihm sagte, daß er in Tokaier aus den kaiserlichen Kellern und in Suppen schwelge, die aus ostindischen Vogelnestern bereitet seien, von denen das Stück drei Guineen koste, machte es seinen Feinden Vergnügen, ihn daran zu erinnern, daß es eine Zeit gegeben, wo er sein Einkommen durch literarische Arbeiten auf nicht mehr als fünfzig Pfund gebracht, wo er sich glücklich geschätzt habe, wenn er ein Stück Hammelfleisch und eine Flasche Ale aus den Kellern des Collegiums gehabt, und wo ein Zehntenferkel der größte Luxus gewesen sei, auf den er zu hoffen gewagt habe. Die Revolution kam und gab seinem ganzen Lebensplan eine andre Gestalt. Durch den Einfluß Dorset’s, der ein besonderes Vergnügen daran fand, sich vielversprechender junger Leute anzunehmen, erlangte er einen Sitz im Hause der Gemeinen. Der unbemittelte Gelehrte schwankte jedoch noch immer einige Monate lang zwischen der Politik und der Theologie. Allein es zeigte sich bald deutlich, daß unter der neuen Ordnung der Dinge parlamentarische Geschicklichkeit einen höheren Lohn erzielen müsse als jede andre Geschicklichkeit, und er fühlte, daß ihm in der parlamentarischen Geschicklichkeit Keiner überlegen sei. Er befand sich in der Stellung, zu der ihn die Natur ganz vorzüglich befähigt hatte, und einige Jahre hindurch war sein Leben eine Reihe von Triumphen.