Von ihm, wie von mehreren anderen seiner Zeitgenossen, insbesondere von Mulgrave und Sprat, kann man sagen, daß sein Ruhm durch die Thorheit der Verleger beeinträchtigt worden ist, welche bis auf unsre Zeit darin beharrt haben, seine Verse unter den Werken der britischen Dichter drucken zu lassen. Es vergeht kein Jahr, in welchem nicht Hunderte von Versen, die so gut sind als alle, die er je geschrieben, behufs der Bewerbung um den Newdigate-Preis zu Oxford oder um die Kanzler-Medaille zu Cambridge eingesandt würden. Sein Geist besaß allerdings große Schärfe und Kraft, aber nicht diejenige Schärfe und Kraft, welche große Dramen oder Oden producirt, und man thut ihm sehr Unrecht, wenn man seinen Man of Honour und seine Epistle on the Battle of the Boyne dem Comus und Alexander’s Feast zur Seite stellt. Andere ausgezeichnete Staatsmänner, wie Walpole, Pulteney, Chatham, Fox, schrieben Verse, die nicht besser waren als die seinigen. Aber zum Glück für sie wurden ihre metrischen Werke nie für würdig gehalten, in eine Sammlung unserer nationalen Klassiker aufgenommen zu werden.
Es ist seit langer Zeit gebräuchlich, die Phantasie in der Gestalt eines Flügels darzustellen und die gelungenen Aeußerungen der Phantasie Flüge zu nennen. Der eine Dichter ist ein Adler, der andre ein Schwan, der dritte vergleicht sich bescheidentlich mit der Biene. Aber keine dieser bildlichen Bezeichnungen würde auf Montague gepaßt haben. Man kann sein Genie mit dem Flügel vergleichen, der zwar zu schwach ist, den Strauß in die Lüfte zu erheben, ihn aber in den Stand setzt, während er auf der Erde bleibt, Hund, Pferd und Dromedar zu überholen. Wenn ein Mann, der diese Art Genie besitzt, den Himmel der Erfindung zu ersteigen versucht, so macht er sich durch seine mühsamen und erfolglosen Anstrengungen lächerlich. Wenn er sich aber damit begnügt, in der irdischen Thätigkeitssphäre zu bleiben, so wird er finden, daß die Fähigkeiten, die ihn nicht in den Stand setzen würden, sich in eine höhere Sphäre emporzuschwingen, es ihm möglich machen, in der niederen alle seine Rivalen hinter sich zu lassen. Als Dichter hätte Montague sich niemals über die Gewöhnlichkeit erheben können. Im Hause der Gemeinen aber, das jetzt rasch die höchste Behörde im Staate wurde und seine Gewalt über einen Zweig der ausübenden Verwaltung nach dem andren ausdehnte, erlangte der junge Glücksritter bald eine ganz andre Stellung, als die, welche er unter den Literaten einnimmt. In seinem dreißigsten Jahre würde er mit Freuden alle seine Lebensaussichten für ein anständiges Vikariat und ein Kaplansmäntelchen hingegeben haben. Mit siebenunddreißig Jahren war er erster Lord des Schatzes, Kanzler der Schatzkammer und Mitglied des Regentschaftsrathes des Königreichs, und diese hohe Stellung verdankte er keineswegs der Gunst, sondern lediglich der unbestreitbaren Ueberlegenheit seiner Talente für die Verwaltung und für die Debatte.
Die außerordentliche Geschicklichkeit, mit der er zu Anfang des Jahres 1692 die Conferenz über die Bill zur Regulirung des Prozeßverfahrens in Hochverrathsfällen leitete, stellte ihn mit einem Male in die erste Reihe der parlamentarischen Redner. Er stand bei dieser Gelegenheit einer Menge erfahrener, durch ihre Beredtsamkeit berühmter Senatoren, wie Halifax, Rochester, Nottingham und Mulgrave gegenüber, und er erwies sich als ihnen allen ebenbürtig. Nicht lange so erhielt er einen Sitz im Schatzamte, und hier gewahrte der scharfsinnige und erfahrene Godolphin bald, daß sein junger College sein Meister war. Als Somers das Haus der Gemeinen verlassen, hatte Montague keinen Nebenbuhler mehr darin. Sir Thomas Littleton, einst als der gewandteste Redner und Geschäftsmann unter den whiggistischen Mitgliedern ausgezeichnet, begnügte sich, unter seinem jüngeren Collegen zu dienen. Noch heute können wir in vielen Zweigen unsres Finanz- und Handelssystems Spuren von Montague’s scharfem Verstande und kühnem Geiste erkennen. Seine bittersten Feinde konnten nicht leugnen, daß einige von den Auskunftsmitteln, die er vorgeschlagen, sich als höchst wohlthätig für die Nation erwiesen hatten. Aber es wurde behauptet, diese Auskunftsmittel seien nicht in seinem eignen Kopfe entstanden. In hundert Pamphlets wurde er die Krähe mit geborgten Federn genannt. Er habe, versicherte man, die Idee zu jedem seiner großen Pläne aus den Schriften oder Reden eines genialen Theoretikers entlehnt. Dieser Vorwurf war eigentlich gar kein Vorwurf. Wir dürfen wohl kaum erwarten, in einem und demselben menschlichen Wesen die Talente, welche nöthig sind, um neue Erfindungen in der Staatswissenschaft zu machen, mit den Talenten gepaart zu finden, welche von zahlreichen und tumultuarischen Versammlungen die Zustimmung zu großen praktischen Reformen erlangen. Zu gleicher Zeit ein Adam Smith und ein Pitt zu sein, ist fast unmöglich. Es ist gewiß des Lobenswerthen genug bei einem thätigen Staatsmanne, wenn er die Theorien Anderer anzuwenden versteht, wenn er unter den Plänen zahlloser Projectenmacher gerade denjenigen herausfindet, der gebraucht wird und ausführbar ist, wenn er ihm eine solche Gestalt zu geben weiß, daß er dem Drange der Umstände und den Launen des Volks entspricht, wenn er ihn gerade in dem Augenblicke vorschlägt, wo er die meiste Aussicht hat, günstig aufgenommen zu werden, wenn er ihn siegreich gegen alle Widersacher vertheidigt, und wenn er ihn mit Umsicht und Energie ins Werk setzt, und auf dieses Lob hat kein englischer Staatsmann begründeteren Anspruch als Montague.
Es ist ein schlagender Beweis von seiner Selbstkenntniß, daß er von dem Augenblicke an, wo er sich im öffentlichen Leben auszuzeichnen begann, aufhörte ein Versemacher zu sein. Nachdem er Lord des Schatzes geworden war, scheint er kein einziges Couplet mehr geschrieben zu haben, mit Ausnahme einiger gut abgefaßter Zeilen als Inschriften auf eine Anzahl Trinkspruchgläser, welche den berühmtesten Whigschönheiten seiner Zeit verehrt wurden. Er beschloß wohlweislich, aus den Dichtungen Anderer einen Ruhm zu schöpfen, den er aus seinen eigenen nie geschöpft haben würde. Als Beschützer des Genies und der Gelehrsamkeit steht er auf gleicher Stufe mit seinen beiden berühmten Freunden, Dorset und Somers. Seine Freigebigkeit kam der ihrigen völlig gleich, und wenn er ihnen auch in der Feinheit des Geschmacks nachstand, so gelang es ihm doch, seinen Namen untrennbar mit einigen Namen zu verknüpfen, welche so lange dauern werden wie unsre Sprache.
Es muß jedoch auch zugegeben werden, daß Montague neben glänzenden Talenten und vielen Ansprüchen auf die Dankbarkeit seines Vaterlandes große Fehler besaß und leider Fehler nicht von der edelsten Art. Sein Kopf war nicht stark genug, um die hastige Eile seines Emporsteigens und die Höhe seiner Stellung ohne Schwindelanfälle zu ertragen. Er wurde widerlich anmaßend und eitel. Er war nur zu oft kalt gegen seine alten Freunde und prahlte nur zu gern mit seinen neuerworbenen Reichthümern. Vor Allem war er unersättlich nach Lob und es gefiel ihm um so besser, je plumper und übertriebener es war. Im Jahre 1693 waren jedoch diese Fehler noch nicht so schreiend, als sie es einige Jahre später wurden.
Wharton.
Mit Russell, Somers und Montague war ein Vierteljahrhundert lang ein vierter Whig eng verbunden, der im Character mit keinem von ihnen große Aehnlichkeit hatte. Dies war Thomas Wharton, der älteste Sohn Philipp’s, Lord Wharton. Thomas Wharton ist im Laufe dieser Erzählung schon häufig genannt worden; aber es ist jetzt Zeit ihn ausführlicher zu schildern. Er stand in seinem siebenundvierzigsten Jahre, war aber in Bezug auf Körperconstitution, Aussehen und Manieren noch ein junger Mann. Selbst Diejenigen, die ihn am gründlichsten haßten — und Niemand wurde gründlicher gehaßt — räumten ein, daß seine natürlichen Anlagen vortrefflich und daß er zum Reden wie zum Handeln in gleichem Grade befähigt sei. Sein Rang und seine Talente machten ihn zu einer so hervorragenden Persönlichkeit, daß wir an ihm den Ursprung und das Fortschreiten einer moralischen Verderbtheit, die unter seinen Zeitgenossen epidemisch war, deutlich zu erkennen vermögen.
Er war in den Tagen des Covenants geboren und war der Erbe eines dem Covenant angehörenden Hauses. Sein Vater war als ein Verbreiter calvinistischer Schriften und als ein Beschützer der calvinistischen Geistlichen bekannt. Seine ersten Knabenjahre brachte er unter Genfer Kragen, schlichten Haartouren, verdrehten Augen, näselndem Psalmengesange und dreistündigen Predigten zu. Schauspiele und Gedichte, Jagd und Tanz waren durch die strenge Hausordnung seiner frommen Familie verdammt. Die Früchte dieser Erziehung traten zu Tage, als der heißblütige und geistvolle junge Patrizier das düstere Haus seiner puritanischen Eltern mit dem heiteren und üppigen London der Restauration vertauschte. Die ausschweifendsten Cavaliere schauderten über die Ausschweifung des emancipirten Rigoristen. Er erwarb sich frühzeitig den Ruf, der größte Wüstling in England zu sein und behauptete diesen Ruf bis an sein Ende. Der Sklave des Weines wurde er zwar nie und er bediente sich desselben hauptsächlich nur zu dem Zwecke, um sich zum Beherrscher seiner Genossen zu machen. Aber bis an das Ende seines Lebens waren die Frauen und Töchter seiner nächsten Freunde nicht sicher vor seinen unzüchtigen Plänen. Die Unsittlichkeit seiner Unterhaltung erregte selbst zur damaligen Zeit Erstaunen. Der Religion seines Vaterlandes fügte er aus bloßem gottlosen Muthwillen Beleidigungen zu, die zu empörend sind, als daß man sie näher bezeichnen könnte. Seine Lügenhaftigkeit und seine Frechheit wurden sprichwörtlich. Von allen Lügnern seiner Zeit log er am gewandtesten, am erfinderischsten und am umständlichsten. Den Begriff Scham schien er gar nicht zu kennen. Kein Vorwurf, mochte auch der beißendste Witz ihn geschärft und gespitzt haben, schien einen Eindruck auf ihn zu machen. Große Satyriker, die von bitterem persönlichen Hasse gegen ihn beseelt waren, erschöpften ihre ganze Kraft in Angriffen auf ihn. Sie überhäuften ihn mit heftigen Schmähungen und mit noch heftigeren Verhöhnungen; aber sie überzeugten sich, daß weder Schmähungen noch Hohn ihm mehr als ein ungezwungenes Lächeln oder einen scherzhaften Fluch entlocken konnten, und sie warfen endlich die Peitschen fort und gaben zu, daß es unmöglich sei, ihm Gefühl beizubringen. Daß er bei solchen Fehlern eine große Rolle im Leben spielen, bei zahlreichen Wahlen durch seine persönliche Popularität über die furchtbarsten Gegner siegen, einen starken Anhang im Parlamente haben und sich zu den höchsten Staatsämtern emporschwingen konnte, scheint unbegreiflich. Aber er lebte zu einer Zeit, wo der Parteigeist fast an Wahnsinn grenzte und er besaß in seltenem Grade die Eigenschaften eines Parteiführers. Ein einziges Band gab es, das er achtete. In allen Beziehungen bis auf eine der falscheste Mensch von der Welt, war er der treueste aller Whigs. Den religiösen Ansichten seiner Familie hatte er schon frühzeitig mit Verachtung entsagt; den politischen Meinungen seiner Familie aber blieb er durch alle Versuchungen und Gefahren eines halben Jahrhunderts treu. In kleinen wie in großen Dingen zeigte sich beständig seine Hingebung für seine Partei. Er besaß das schönste Gestüt in England und es war sein größtes Vergnügen, Wetten gegen Tories zu gewinnen. Zuweilen, wenn man in einer entfernten Grafschaft zuversichtlich erwartete, daß das Pferd eines hochkirchlichen Squires das erste auf der Rennbahn sein werde, kam noch am Vorabend des Rennens Wharton’s Careleß, der in Newmarket nur aus Mangel an Mitbewerbern zu rennen aufgehört, oder Wharton’s Gelding an, für den Ludwig XIV. vergebens tausend Pistolen geboten hatte. Ein Mann, dessen bloßes Sportvergnügen von dieser Art war, gab wenig Hoffnung, auch in einem ernsten Kampfe leicht geschlagen zu werden. Einen solchen Meister in der ganzen Kunst der Wahlumtriebe hatte England noch nie gesehen. Buckinghamshire war seine specielle Provinz, und dort herrschte er ohne Nebenbuhler. Aber seine Fürsorge erstreckte sich auch auf die whiggistischen Interessen von Yorkshire, Cumberland, Westmoreland und Wiltshire. Zuweilen waren zwanzig, ja dreißig Parlamentsmitglieder von ihm ernannt. Als Stimmenwerber war er unwiderstehlich. Er vergaß nie ein Gesicht, das er einmal gesehen hatte. Ja in den Städten, in denen er seinen Einfluß zu befestigen wünschte, erinnerte er sich nicht allein der Wähler, sondern auch ihrer Familien. Seine Gegner erstaunten über die Stärke seines Gedächtnisses und über die Leutseligkeit seines Benehmens und gaben zu, daß es unmöglich sei gegen einen vornehmen Mann zu kämpfen, der den Schuhmacher bei seinem Taufnamen nannte, der gewiß war, daß des Fleischers Tochter zu einem schönen Mädchen herangewachsen sei und der sich angelegentlich danach erkundigte, ob des Hufschmieds jüngster Bube Hosen bekommen habe. Durch derartige Kunstgriffe machte er sich so beliebt, daß seine Reisen zu den Quartalsitzungen von Buckinghamshire königlichen Lustreisen glichen. In jedem Dorfe, durch das er kam, wurden die Glocken geläutet und ihm Blumen gestreut. Man glaubte allgemein, daß er im Laufe seines Lebens auf seine parlamentarischen Interessen nicht weniger als achtzigtausend Pfund verwendet habe, eine Summe, die nach Verhältniß des Werthes des Grundbesitzes dreimalhunderttausend Pfund in unsrer Zeit gleichkommend betrachtet werden muß.
Der wichtigste Dienst, den Wharton der Whigpartei leistete, bestand jedoch im Anwerben von Rekruten aus der jungen Aristokratie. Er war ein eben so geschickter Stimmenwerber unter den gestickten Röcken im Saint James-Kaffeehause, wie unter den Schurzfellen zu Wycombe und Aylesbury. Er warf sein Auge auf jeden jungen Mann von Stande, der majorenn wurde, und es war für einen solchen jungen Mann nicht leicht, den Kunstgriffen eines vornehmen, beredtsamen und reichen Schmeichlers zu widerstehen, der jugendliche Lebhaftigkeit mit großer Verschlagenheit und langjähriger Erfahrung in den eleganten Gesellschaftskreisen verband. Es war gleichgültig, was der Novize vorzog, ob die Galanterie oder die Sportvergnügungen, den Würfelbecher oder die Flasche; Wharton entdeckte sehr bald die vorherrschende Leidenschaft, bot Theilnahme, Rath und Beistand an, und während er nur der Diener der Vergnügungen seines Schülers zu sein schien, sicherte er sich die Stimme desselben.
Die Partei, deren Interessen Wharton mit so viel Muth und Beständigkeit seine Zeit, sein Vermögen, seine Talente und selbst seine Laster widmete, beurtheilte ihn, was auch sehr natürlich war, viel zu nachsichtig. Er war weit und breit unter dem ganz unverdienten Namen des ehrlichen Tom bekannt. Einige fromme Männer, zum Beispiel Burnet und Addison, drückten ein Auge zu über das Aergerniß, das er gab, und sprachen wenn auch nicht mit Achtung, so doch mit Wohlwollen von ihm. Ein höchst geistreicher und gebildeter Whig, der dritte Earl von Shaftesbury, Verfasser der „Characteristiken”, nannte Wharton den räthselhaftesten aller Menschen, ein seltsames Gemisch des Besten und Schlimmsten, privater Sittenlosigkeit und öffentlicher Tugend, und gestand offen, daß er nicht begreifen könne, wie ein in jeder Beziehung, außer in der Politik, völlig grundsatzloser Mensch in der Politik treu wie Stahl sein konnte. Doch gerade das was in den Augen der einen Partei Wharton’s Fehler mehr als zur Hälfte ausglich, schien sie in den Augen der andren Partei sämmtlich zu erschweren. Die Meinung, welche die Tories von ihm hatten, ist in einer einzigen Zeile ausgedrückt, die der talentvollste Mann dieser Partei nach seinem Tode schrieb: „Er war der universellste Schurke, den ich je kennen gelernt habe.”[62] Wharton’s politische Gegner lechzten nach seinem Blute und machten wiederholte Versuche es zu vergießen. Wäre er nicht ein Mann von unerschütterlicher Kaltblütigkeit, von unerschrockenem Bluthe und von vollendeter Fertigkeit in Führung der Waffen gewesen, so würde er kein hohes Alter erreicht haben. Aber weder Zorn noch Gefahr beraubten ihn jemals seiner Geistesgegenwart; er war ein unvergleichlicher Fechter, und er besaß eine besondere Geschicklichkeit darin, Gegner zu entwaffnen, die alle Duellanten seiner Zeit beneideten. Seine Freunde sagten, er habe nie Jemanden zum Zweikampfe herausgefordert, habe nie eine Herausforderung zurückgewiesen, habe nie einen Gegner getödtet und habe sich doch nie geschlagen, ohne das Leben seines Gegners in seinen Händen zu haben.[63]